Microsoft Flight - Test

Wie sieht die Welt aus, nachdem alles Leben sie verlassen hat? Nicht so spannend...

Lasst mich, um klarzumachen, was für eine Enttäuschung Microsoft Flight bei näherer Betrachtung ist, ein wenig in der Zeit zurückgehen und beschreiben, was irgendwann einmal meine Faszination mit der wahrscheinlich ältesten aktiven Simulationsserie begründete. MS Flight Simulator 3 war eines der ersten "Spiele", die ich auf meinem nagelneuen 9,4 Megahertz Power XT 8088 hatte. Und eines der Schönsten, weil es a) Grafik hatte und b) sie in 3D war. Selbst a) war damals nicht selbstverständlich, aber das nur am Rande.

Geschätzt 50 bis 60 belegte Tasten, vor einem die Startbahn von Chicago, sonst erst mal nichts. Bis ich es das erste Mal schaffte abzuheben, eine Runde durch die Stadt zu drehen und kontrolliert auf der Landebahn wieder anzukommen, ohne die kleine Cessna in Trümmern zu hinterlassen, vergingen Tage. Immer und immer wieder den richtigen Anflugwinkel finden, die Landegeschwindigkeit austarieren, lernen, was Flaps überhaupt sind und wie man sie benutzt, bis endlich das Quietschen der Reifen aus dem internen Lautsprecher des PC eines der schönsten Geräusche überhaupt war. Fliegen ist schwierig und MS Flight drehte sich früher einmal darum, dass das so ist.

Wenig später folgte MS Flight Simulator 4 - keine Sorge, ich gehe nicht die ganze Serie durch - und dessen große Neuerung war neben etwas hübscherer Grafik und ein paar mehr Häusern, dass andere Flugzeuge unterwegs waren. Natürlich nicht online, so etwas war damals, wenn überhaupt, Anwendersoftware vorbehalten, aber der Computer schickte ein paar Dummys in die Luft und alles war gleich viel besser, lebendiger, echter.

Schnellvorlauf: 2012, Microsoft Flight. Nach der Installation startete, flog und landete ein Freund, der nie einen Simulator in seinem Leben gespielt hatte, das kleine Flugzeug und traf genau die richtige Feststellung: "Ist ja nicht viel los hier."

Absolut. Auf Hawaii - der einen, einzelnen Insel des Startpacks - gibt es nichts zu sehen außer Hawaii. Das ist auch sehr hübsch und akkurat, nur da es hier keine anderen Flugzeuge auf dem Trip zu sehen gab, keine Tiere, Menschen, Autos, Züge oder sonst etwas von Schauwert jenseits der Google-Earth-Schönheit der Szenerie zu bewundern, war das schon ganz schön öde. Hauptsächlich aus dem Grund, dass das Flugzeug selbst keinerlei Ablenkung bot. Ehrlich gesagt, der Vergleich mit Google Earth passt auch hier. In beiden ist es nicht sonderlich schwierig, Hawaii abzufliegen. Nur hier dauert es länger und man kommt aus Hawaii nicht raus.

Selbst wenn ihr auf alle Hilfen verzichtet, ist der weit über 20 Jahre ältere Flight Simulator 3 dieser Schaubude hier um Länge überlegen. Aerodynamik scheint am Rande eine Rolle zu spielen, die ganzen kleinen Schalterchen des durchaus sehr realistisch abgebildeten Cockpits haben keine nennenswerten Auswirkungen und wenn ihr nicht gerade versucht, aktiv in eine nicht zu stabilisierende Todesrolle zu gehen - selbst das ist nicht ganz einfach, so gutmütig ist das Spiel -, werdet ihr nicht abstürzen. Tut ihr es doch, merkt ihr, dass das Flugzeug einfach vom Boden wegbounced. Joysticks werden übrigens unterstützt, aber deshalb wird es nicht realistischer. Das hier ist kein Simulator. Es sieht nur aus wie einer.

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Und was nützt das so realistisch abgebildete Funkgerät, wenn ich niemanden anfunken kann. Im Online-Spiel gab es in X-Meilen Entfernung einen traurigen anderen Piloten. Aber keine Möglichkeit, Hallo zu sagen, während man sich umkreist. In älteren MS Flugsimulatoren gab es Freaks, die praktisch reale Flugrouten auf täglicher Basis in Echtzeit nachspielten, sich in der Luft anfunkten, wenn sich ihre Wege kreuzten und dadurch eine kleine eingeschworene Sippe bildeten. Es gibt keine Gefahr, dass Microsoft Flight so eine Beliebtheit erreicht. Bei irgendjemandem.

Denn nach ein paar Stunden stellt sich mir immer mehr die Frage, für wen das hier überhaupt gedacht ist? Nicht für den Simulations-Fan. Ein wenig Wolken und Schauwetter - der Regen hat keine Auswirkung auf den Zweisitzer... - bringen den nicht aus der Ruhe. Nicht, wenn sich das Flugzeug so dermaßen simpel, am besten noch mit der ultragutmütigen Maussteuerung, in der Luft halten lässt. Die Casual-Fans drehen in der toten Landschaft ein paar Runden, beginnen sich zu langweilen und winken ab, bevor sie die Aufgaben gefunden habe.

Überhaupt, die Aufgaben. Seit wann braucht ein echter ziviler Flugsimulator Aufgaben? Das Ding in der Luft zu halten, sollte Aufgabe genug sein, nicht irgendwelche blöden Geocache-Symbole einzusammeln, um ein paar Punkte zu bekommen. Oder unsichtbare Passagiere von Langoliers-Land nach Abandonia, Hawaii zu bringen. Wenn das Fliegen realistisch wäre, warum nicht? So jedoch beschäftigt weder das eine noch das andere das Gehirn und es beginnt wieder auf die Frage hin, was es hier eigentlich tut, abzuschweifen. Nun, vielleicht mal in den Shop gucken, was sich da so finden lässt.

Statt einen neuen Simulator in der Box zu verkaufen, entschloss man sich, das Ganze als free-to-play zu gestalten. Daran gibt es erst mal nicht viel auszusetzen. Antesten für lau, eine Insel von Hawaii und zwei Flugzeuge - Stearman Doppeldecker und Icon A5 - bekommt ihr so, der Rest muss gekauft werden. Ok, kein Thema. Dachte ich. Bis ich die Preise sah. Und mich zum ersten Mal seit den Golfplätzen für Tiger Woods hinsetzen musste.

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Microsoft Flight - Trailer

8 Euro für ein Flugzeug. Die P51 Mustang. So "billig" ist die aber nur, weil sie kein echtes Cockpit hat. Wollt ihr solche Details, dann sind es bitte 15 Euro. Dafür gibt es die Maule M-7-260C. Wollt ihr den Flugradius erweitern, wird es etwas billiger. 20 Euro sind doch im Vergleich fast nichts, bekommt ihr dafür doch alle anderen hawaiianischen Inseln nachgereicht und die Van RV-6A als Bonus noch dazu. Schnäppchen.

Ja, Flight Simulator 4 hatte auch nur ein Gebiet, in dem etwas zu sehen war, vier Flugzeuge und es kostete meine Eltern 200 Mark. Aber: DAS WAR 1989! Wir leben im Jahr 2012! Flight Simulator X plus ein gewaltiges Paket an Arealen und Fliegern bekomme ich für wenig Geld und es sieht ehrlich gesagt gar nicht mal viel schlechter aus. Plus den Bonus, dass es ein Flugsimulator ist und keine Anlehnung daran.

Ich weiß nicht, was ich mit Microsoft Flight anfangen soll. Das Ding ist weder ein Simulator noch bietet es irgendeine Art von Action, mit der man sonst hausieren geht, wenn das Erste knapp ausfällt. Ihr duselt durch eine Simulation, wie es auf der Erde aussieht, wenn alles Leben sie verlassen hat, und denkt euch, dass das überraschend langweilig sein würde. Kein Flugverkehr, mit dem man interagieren, reden, vielleicht spontane Rennen veranstalten oder irgendwas tun könnte. Kein Auto auf oder um den Flughafen, das den viel zu einfachen Anflug aufhübscht. Es sieht alles ganz nett aus, wenn man die Insel vielleicht kennt und sagen kann, "Guck mal, da ist mein Haus!", dann macht das was her. Aber dem macht die Einschränkung auf Hawaii, selbst wenn man das ganze überteuerte Paket kauft, einen Strich durch die Rechnung und auch das kommende Alaska-Pack - ebenfalls frei von Leben - wird den Anteil der potentiellen Spieler/Hausbesitzer nicht nennenswert erhöhen.

Ehrlich, das ist alles nicht wirklich schlecht, aber es wirkt wie das Grundgerüst für etwas, das es eines Tages etwas sein könnte. Was genau, kann ich noch nicht erkennen, aber ich hoffe, dass Microsoft einen Plan hat. Es wäre schade, wenn gerade diese wirklich altehrwürdige Serie einfach so dermaßen belanglos hinfort driften sollte.

5 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Microsoft Flight - Test Martin Woger Wie sieht die Welt aus, nachdem alles Leben sie verlassen hat? Nicht so spannend... 2012-03-27T12:00:00+02:00 5 10

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