Dyad - Test

Auch ein Spiel, das seine Einzelteile kopiert, kann in seiner Summe vollkommen frisch und aufregend sein.

Generell schaue ich mir von jedem Spiel zumindest Bilder oder ein kurzes Video an, um den groben Inhalt zu begreifen. Nach einem Trailer zu Dyad jedoch konnte ich keinen wirklichen Zusammenhang zwischen den ausgeführten Aktionen erkennen. Mein Hirn versuchte irgendwie einen Sinn aus dem visuellen Overkill zu ziehen. Die Oberfläche wirkt wie eine Mischung aus Tempest und Frequency, eure undefinierbare Spielfigur ähnelt Kreaturen aus Child of Eden und überall leuchten verschiedene Punkte, deren Zweck sich mir entzieht.

Nein, kein Mensch versteht die Zusammenhänge, solange er nicht selbst das Pad in die Hand nahm oder sich eine längere Erklärung anhörte. Die oben aufgelisteten Titel erleichtern das Verständnis. Aber trotz der deutlich erkennbaren Einflüsse bleibt Dyad ein vollkommenen anderes Spiel, das in kein Genre gesteckt werden will. Besonders da es sich vom Ersten bis zum Letzten der 27 Level ständig verändert und selbst neu definiert. Stellt man Anfang und Ende des Titels nebeneinander, verbindet sie nur noch das grundlegende Gerüst.

Startet ihr den ersten Abschnitt, gelangt ihr in die unendliche Röhre, auf der ihr euren Charakter bewegt. Zunächst einmal könnt ihr euch nur an farblichen Punkten orientieren, die ihr per Tastendruck greift. Von dieser simplen Mechanik aus baut Dyad in den kommenden 26 Tunneln das restliche System auf, um langsam an Komplexität zu gewinnen. Die einzelnen Elemente erscheinen genau in richtigen Abständen und bieten perfekte Abwechslung.

Lediglich die Art und Weise der kleinen Tutorials gestaltet sich recht holprig. Ein Block voller Text muss gelesen und verinnerlicht werden, bevor es losgeht. Macht ihr etwas falsch, müsst ihr selbst auf den Fehler kommen. Es wäre wesentlich angenehmer gewesen, wenn man die Techniken einzeln beim Spielen erlernen würde, anstatt sich alles auf einmal zu merken.

Habt ihr die Grundlagen aber verinnerlicht, beginnt das eigentliche Spiel. Greift nach Gegnern, damit ein Kreis um sie herum erscheint. Streift ihr diesen beim Vorbeifliegen, füllt sich euer Boost, mit dem ihr für kurze Zeit alle Feinde vor euch zerstört. Gewisse Felder verlängern die Dauer der Aktion.

Während immer neue Elemente eingeführt werden, die euch beispielsweise zwei Gegner zu einem Geschwindigkeitsfeld verbinden lassen, verändern sich dabei auch ständig die Missionsziele. Greift eine gewisse Anzahl an Feinden, erreicht so schnell wie möglich die Höchstgeschwindigkeit oder setzt euren Boost häufig ein. Ihr geratet bei einem ersten Durchgang, der zwischen drei und vier Stunden dauert, nie in einen monotonen Ablauf. Jede neue Röhre verlangt Umdenken.

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Selten war eine Epilepsie-Warnung so berechtigt.

Die recht kurze Spielzeit mag viele bei einem Preis von umgerechnet 12 Euro (Dyad ist momentan nur auf dem amerikanischen PSN-Store erhältlich) vielleicht abschrecken. Jedoch habt ihr danach bloß die ersten Kratzer in die dicke Eisschicht geschlagen. Die volle Erfahrung erhaltet ihr nur, wenn ihr euch mit Ehrgeiz vor die Konsole setzt.

Jede Aufgabe kann mit bis zu drei Sternen absolviert werden und schaltet neben einer Remix-Version, in der ihr ungebremst nach Lust und Laune spielen dürft, eine Trophäen-Aufgabe frei. Bei diesen handelt es sich um komplett neue Areale, die nicht nur euren Sehnerv auf eine Probe stellen, sondern auch euer gesamtes Talent abfragen. Diese Missionen resultieren meist in milden Wutausbrüchen oder einer zerschlagenen Zimmereinrichtung.

Doch irgendwann machen sich die Mühen bezahlt und man erlangt einen Zen-ähnlichen Status, in dem sich die Punkte auf dem Bildschirm vor euren Augen zu einer sichtbaren Linie verbinden und ihr quasi den Code der Matrix zu lesen lernt. Das Hirn schaltet ab, der Blick fokussiert sich und die Finger bewegen sich fast von alleine. In diesem Moment fühlt sich Dyad wie das beste Spiel der Welt an, sobald sich die psychedelische Optik zusammen mit der Musik und euren Bewegungen vereint.

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So leer seht ihr den Bildschirm meist nicht.

Nach einem solchen Erlebnis tritt euch Dyad wieder aus dem Paradies und damit dem Flow. Eure Augen kommen nicht mehr mit, die leuchtenden Punkte ergeben keinen Sinn mehr und alles fühlt sich bloß noch erdrückend an. Genau dann werdet ihr Dyad hassen, nur um eine Stunde später immer noch vor dem gleichen Abschnitt zu hocken, weil ihr nicht aufhören könnt und euch der perfekte Flow wie eine Droge anzieht.

Leider kann ich bei keinem Spieler diese Einstellung garantieren, da nicht jeder den steinigen Weg antreten möchte oder sich vielleicht überhaupt nicht mit dem Gameplay anfreundet. Bei einem einmaligen Erlebnis fallen verschiedene Dinge schwerer ins Gewicht. Obwohl man ständig in ein opiumhaftes Kaleidoskop starrt, bleiben von Child of Eden massierte Augen bis vielleicht in den finalen Acid-Trips unbeeindruckt. Ebenso fühlte ich außerhalb meiner Zen-Momente nie wirklich das Zusammenspiel mit der Musik.

Trotzdem und egal wie ihr nun zu Dyad steht, seid ihr euch bei Interesse in jedem Fall einen genaueren Blick schuldig. Weckt die Erwähnung von Frequency, Rez oder Child of Eden sonnige Erinnerungen in euch, solltet ihr schleunigst euer Konto aufladen. Dyad bietet nicht die epischen Welten von Tetsuya Mizuguchi, bleibt allerdings nicht weit dahinter zurück und erschafft ein neues Spielgefühl, das für Highscore-Jäger den Himmel auf Erden repräsentiert. Ich kann niemandem garantieren, dass er Dyad in sein Herz schließt, doch die verbrachte Zeit bleibt euch auf ewig im Gedächtnis.

Dyad ist aktuell nur auf dem amerikanischen PlayStation Store für knapp 15 Dollar (ca. 12 Euro) erhältlich. Einen Termin für Europa gibt es momentan nicht.

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Dyad - Test Björn Balg Auch ein Spiel, das seine Einzelteile kopiert, kann in seiner Summe vollkommen frisch und aufregend sein. 2012-07-31T12:00:00+02:00 8 10

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