The Swapper - Test

Nicht ganz auf dem Niveau eines Braid, aber schon knapp darunter ist außergewöhnlich.

Es ist schon häufig vorgekommen, dass ein Szenario oder bestimmte Ideen eines Spiels mein Interesse weckten und mich so dazu brachten, im Internet weitere Informationen zu finden. Meist endet die Wissenssuche wie im Fall von Assassin's Creed in kurzen Wikipedia-Einträgen zu bekannten Persönlichkeiten, die im Spiel auftauchen. Nach dem Abspann von The Swapper versank ich aber nicht bloß für ein paar Minuten. Ich stolperte von einem Artikel zum nächsten, die sich alle mit verschiedenen philosophischen Ansätzen zum ontologischen Dualismus auseinandersetzten oder einige interessante Theorien zu menschlichen Klonen hervorbrachten.

Harter Tobak

Keine Panik! Ihr braucht von The Swapper nicht erwarten, dass euch der Titel während der Spielzeit mit diesen Themen ständig erschlägt und sämtliche Thesen in langwierigen Dialogen durchkaut. Denn alle Ansätze wurden so clever vom Gameplay und der Handlung verpackt, dass es euch gar nicht auffällt, wie ihr beim Spielen darüber nachdenkt.

Lasst es mich anhand des Moments erklären, in dem ihr den namensgebenden Swapper aufsammelt und das erste Mal ausprobiert. Bis zu vier identische Klone könnt ihr auf einmal mit dem Gerät erstellen, die den Bewegungen eures Charakters automatisch folgen. Alle sehen gleich aus und da eure Figur niemals spricht, erkennt ihr keinen Unterschied. Wollt ihr eine Person direkt steuern, schickt ihr euren Geist mittels des Swappers in den nächsten Körper. Wer ist nun die ursprüngliche Figur? Sind alle Klone nur gedankenlose Fleischhüllen, zwischen denen ihr euren Geist wandern lasst?

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Eine rote Silhouette zeigt euch stets an, ob ihr an der Position einen Klon erschaffen könnt.

Da ihr euren originalen Körper recht bald verlasst und sogar sterben lassen müsst, um die zahlreichen Rätsel zu lösen oder die tödlichen Hindernisse zu bewältigen, seid ihr irgendwann nur noch eine mehrfach geklonte Person. Hunderte Doppelgänger opfert ihr, nur um das nächste Ziel zu erreichen. Jeder tödliche Sturz wird durch den dumpfen Klang beim Aufprall, das Zischen des Sauerstoffs, der aus dem Astronauenhelm entweicht, und dem gemeinen Ragdoll-Effekt wirkungsvoll inszeniert. Der erste Tod eines Klons ist ein makabres, wehmütiges Erlebnis makaber, bei dem man sogar ein wenig Mitleid verspürt. Immerhin kann ich mir nicht sicher sein, ob ich wirklich meinen Geist transportiert habe oder gerade gestorben bin. Erinnerungen an Christopher Nolans brillanten Magierstreifen The Prestige werden wach.

Aber ihr müsst nun einmal die Klone opfern. Ansonsten schafft ihr es nicht durch die Höhlen des verlassenen Planeten, auf dem euer Raumfahrer zu Beginn des Spiels strandet und dort die Spielmechaniken durch leichte Rätsel lernt. Später gelangt ihr zurück auf die verlassene Raumstation Theseus, in der ihr seltsame Steine, Watcher genannt, vorfindet. Sie senden euch gespenstische, telepathische Nachrichten, sobald ihr an ihnen vorbei lauft.

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Durch Teleporter könnt ihr leicht zu früheren Arealen zurückkehren.

Obwohl der Aufbau der Karte sofort an Super Metroid erinnert und alle Räume durch ähnlich runde Türen verbunden sind, haben die beiden Spiele wenig gemeinsam. Zum einen reist ihr auf einem sehr linearen Pfad ohne Backtracking durch die Raumstation und zum anderen findet ihr kein einziges Upgrade für euren Swapper. Eure einzigen Fähigkeiten bestehen aus den vier Klonen und der Möglichkeit zwischen diesen zu wechseln, solange kein Hindernis im Weg steht. Später führt der Titel unterschiedliche Lichter ein, die eure Fertigkeiten unterbinden. Während ihr im blauen Licht keine Klone erstellen könnt, lässt sich im roten der Geist nicht übertragen.

Textbefreites Lernen

Der Aufbau der Karte erinnert an Super Metroid, alle Räume sind durch ähnlich runde Türen verbunden. Und doch haben die beiden Spiele wenig gemeinsam.

Faszinierend dabei ist, wie euch das Spiel anhand von einfachen Rätseln Techniken beibringt, mit denen ihr immer komplexere Aufgaben löst, ohne dass der Swapper dabei stärker würde. Um neue Areale freizuschalten, müsst ihr Orbs finden, die sich hinter Rätseln in den einzelnen Räumen der Station verstecken. Ein Orb liegt beispielsweise in einem tiefen Abgrund versteckt. Hinunterspringen könnt ihr wegen des tödlichen Aufpralls nicht und das Loch ist zu tief, um einen Klon komplett nach unten zu schicken. Trotzdem es muss irgendwie zu schaffen sein. Also springt ihr mehrmals mit eurer Figur hinunter und probiert die einzige Aktion aus, die ihr ausführen könnt. Klonen. Dabei bemerkt ihr, dass die Zeit sich stark verlangsamt, sobald ihr nach einer Position für den Doppelgänger sucht. Somit wisst ihr nun, dass ihr kurz vor dem Aufprall schnell einen Klon an den Boden stellen könnt, um direkt zu ihm zu wechseln. Mit der gleichen Taktik, nur andersherum, erklimmt ihr zudem steile Abhänge. The Swapper ist das perfekte Beispiel für intelligentes Spieldesign, das euch alle Mechaniken anhand des Spielens erklärt, ohne mit langen Textboxen zu nerven.

Aber all der Aufwand wäre ziemlich für die Katz, wenn die Rätsel selber nicht mithalten könnten. Zum Glück befinden sie sich auf einem ähnlich hohen Niveau und verdrehen euch gegen Ende sehr häufig den Kopf. Ich schätze mich selbst als guten Knobler ein und steckte dennoch an ein paar Stellen ziemlich lange fest, bis ich letztendlich auf die im Nachhinein offensichtlichen Lösungen kam. Ein internes Hilfesystem existiert nicht, um die Atmosphäre nicht zu brechen. Zwar dürft ihr ein paar Aufgaben zunächst liegen lassen, für den Abspann benötigt ihr trotzdem alle Orbs, die es zu finden gibt.

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Ich wünschte, es gäbe mehr Spiele mit solch einem Design.

Als einziges Problem bei den Rätseln sehe ich das teils nervige manuelle Zurücksetzen, nachdem ihr einen Fehler gemacht habt. Da es ansonsten fast jede Aufgabe im Spiel torpedieren würde, dürft ihr eure Klone nicht auf Tastendruck einsammeln und müsst immer mühselig zum Start eines Raums laufen, falls ihr euch verzettelt. Vor allem bei komplexeren Konstruktionen, die eine exakte Vorgehensweise erfordern, führt es während eurer Experimentierphase zu häufigen Seufzern, wenn ihr schon wieder alles auf Anfang setzen müsst. Außerdem fühlt es sich zum Ende etwas seltsam an, dass man neben den farbigen Lichtern sowie späteren Gravitationspolen keine weiteren Mechaniken einführt. Denn mit dem Swapper ließen sich sicherlich noch weitere Dinge kombinieren. Immerhin kein schlechtes Zeichen für ein Spiel, wenn man vom eigentlichen Prinzip nicht genug bekommen kann. Im Vergleich mit Braid zieht der Titel jedoch den Kürzeren, was die Rätselvielfalt betrifft.

Da es ansonsten fast jede Aufgabe im Spiel torpedieren würde, dürft ihr eure Klone nicht auf Tastendruck einsammeln.

Damit hätte ich für mich auch schon sämtliche Fehler aufgelistet. Denn ansonsten ist The Swapper ein rundum perfektes Paket, das euch zwischen drei und fünf Stunden vor den Bildschirm fesselt. Neben den Rätseln und der besprochenen Thematik sorgt dafür ganz allein das Design, das in Verbindung mit dem leicht beklemmenden Soundtrack für die isolierende Atmosphäre sorgt. Jeder Gegenstand im Spiel besteht aus selbst gebastelten Teilen, die Raumsonde des Astronauten ist etwa aus einer Konservendose gemacht. Über mehrere Bildschirmebenen verschmelzen alle Einzelkomponenten zu einer außerordentlich gelungenen Komposition. Durch grafische Filter wirkt die Umwelt plastisch und beinahe real. Denkt etwa an The Neverhood zurück, bei dem man nie so recht sagen konnte, ob es in gebauten Sets spielt oder auf fotografierten Hintergründen.

Mehr brauche ich zu The Swapper auch nicht sagen. Es brilliert in nahezu allen Disziplinen und weist nur ganz selten kleinere Schwächen auf, die im Gesamtwerk kaum auffallen. Zudem muss es ein Spiel erst einmal schaffen, mich so stark zum Nachdenken zu bringen. Sogar jetzt diskutiere ich mit mir selbst - hoffentlich bald auch mit Freunden - über verschiedene Implikationen, die ein solches Gerät mit sich bringen würde. Es verstecken sich noch weitere Ansätze in der Handlung und das Spiel stellt sich nie auf eine Seite, sondern bietet die besten Argumente aller Parteien. Allein für diese Tatsache will ich The Swapper zelebrieren und jedem unter die Nase halten, was ich momentan auch tue. Also, worauf wartet ihr noch? Sofern ihr bei Spielen wie Braid, Limbo oder Thomas Was Alone tödlichen Ausschlag an euren Gliedmaßen bekommt, gibt es keinen Grund, nicht sofort euer Geld unter den Bildschirm zu halten.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie The Swapper - Test Björn Balg Nicht ganz auf dem Niveau eines Braid, aber schon knapp darunter ist außergewöhnlich. 2013-06-04T12:00:00+02:00 9 10

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