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Transistor - Test

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht...

Der erste Eindruck trügt, so viel sollte man wohl vorweg schicken, wenn man über Transistor, das neue Spiel der Bastion-Macher, spricht. Was beim wie auch immer gearteten Erstkontakt als verträumter Indie-Darling mit langen Wimpern klimpernd vor allem Entdecker und Freunde interaktiver Geschichten becirct, ist eigentlich für passionierte Taktiker gemacht.

Diese Unterscheidung ist es definitiv wert, gemacht zu werden, denn wer mit der falschen Erwartungshaltung an Transistor herangeht, wird überrascht sein, dass ihn das Erlebnis emotional ein bisschen fröstelnd zurücklässt. Mich hat das zumindest irritiert, denn die handgezeichnete Zukunftsstadt Cloudbank verzaubert vom Fleck weg mit schummriger Kaleidoskopausleuchtung und einem eigenwilligen Mix fiktiver und realer Stilepochen, als wäre hier Art-Deco mit Cyberpunk kollidiert, M.C.-Escher-Treppen heruntergeprasselt und hätte dabei kistenweise Neonröhren zerdeppert. Wenn irgendwann mal Amerikaner für Atlus ein Shin Megami Tensei machen dürfen, dann wird es - wenn es Glück hat - in etwa so aussehen.

Und dann ist da die Eröffnung, ein Cold Open ohne viele Worte, das auch in Zeiten immer aufwendiger erzählter Dramen zum Mitspielen noch genügend die Augenbrauen in die Höhe schnellen lässt. Eine beinahe reglose Großaufnahme sagt mehr als tausend Worte. Ein entrückter und trauriger Blick auf das Zusammenbrechen einer Welt, als die rothaarige Heldin tief erschüttert den Transistor - ein sprechendes Schwert - aus einem Männerkörper zieht. Die fremde Welt, das attraktive, unkonventionelle Design, das Versprechen eines mörderischen Rätsels? Transistor braucht nur wenige Augenblicke, um den Spieler in seinen Bann zu schlagen, und wagt es nicht, ihn durch aufdringliche Tutorials zu unterbrechen. Man fühlt sich unmittelbar für voll genommen, darf einfach machen und seine eigenen Lehren ziehen. Es dauert keine fünf Minuten, bis man Red hoffnungslos verfallen ist und mit ihr jeden Stein in Cloudbank umdrehen will.

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Visuell ist Transistor unvergleichlich. Selten wurden 3D-Elemente und Beleuchtungseffekte so nahtlos in eine handgemalte Umgebungen integriert.

Doch bald merkt man, dass Transistor diese Art von Liebe nicht erwidern kann. Es ist einfach nicht diese Sorte Spiel. Die Welt und ihr unnachahmlicher Startschuss sind zwar eine einzige Einladung, hinter jede der rechtwinkligen Ecken des im isometrischen Blickwinkel inszenierten Cyber-Utopias zu blicken und all ihre Bewohner kennenzulernen. Aber in Wirklichkeit gibt es hier außer Terminals, an denen man Nachrichten liest und beantwortet, nichts von Wert oder Gehalt zu finden und die Straßen wirken wie ausgestorben. Die leergefegten Gassen sind zwar durch die Geschichte ausreichend begründet, aber das ist auch das Einzige. Der Rest der Handlung bleibt vage, auch wenn die vertraute Stimme aus dem empfindungsfähigen Schwert heraus das Geschehen in einem einseitigen Dialog kommentiert. In vielen Kernfragen seid ihr zu Beginn eures unweigerlichen zweiten Durchlaufs genau so schlau wie in dem Moment, in dem ihr den Transistor das erste Mal aus dem noch warmen Leib des niemals wirklich vorgestellten jungen Mannes hievtet. Egal, wie begierig ihr jeden Infofetzen aufsaugt.

Viele werden das prätentiös finden, mehr Klarheit über die grundsätzliche Natur dieser Welt verlangen, die niemals kommt. Und auch ich zermartere mir über viele Dinge weit in meinen zweiten Durchlauf hinein immer noch den Kopf. Dass Transistor den Spieler hier in der Bringschuld sieht, kann und will ich ihm in einer Zeit, in der sogar Action-Rennspiele sich ewig bitten lassen, bevor man für fahrtüchtig erklärt wird, nicht übelnehmen. Es kommt selten vor, dass sich ein Spiel das traut. Seid euch nur bewusst, dass das hier ein Erlebnis ist, dessen Handlung ihr euch auf Basis von Theorien aus Diskussionsforen zusammenpuzzelt - und dann immer noch das Gefühl habt, nicht ganz auf der richtigen Spur zu sein.

"Transistor ermutigt auf dem Rücken eines einfachen Einfalls zu einer Schlachtfeldkreativität, die man selten sah."

Jetzt, da ihr wisst, was Transistor nicht ist, ist es an der Zeit, zu erklären, was ihr euch hier trotzdem unbedingt ins Haus holen solltet: eine überaus frische Chimäre aus temporeicher Taktik- und systemverliebtem Rollenspiel. Es ist eine aufs Wesentliche - auf nichts als seinen Kampf - reduzierte Einbahnstraße, die auf dem Rücken eines einfachen Einfalls zu einer Schlachtfeldkreativität ermächtigt, die man selten sah. Alle paar Meter sieht sich Red aufs Neue von ihren digitalisierten Feinden, in Masse nur "der Prozess" genannt, eingekreist. Der aktuelle Bereich verwandelt sich in eine abgesteckte Arena, in der vereinzelt Deckung aus dem Boden sprießt. Prinzipiell verläuft das Kampfgeschehen in Echtzeit, jede der vier Aktionen und Attacken, die auf den vier vorderen Tasten liegen, kann auch einfach so abgespult werden. Allerdings ist das nicht gerade der Schlüssel zum Überleben, denn jede Sekunde, die ihr einfach so über das Schlachtfeld flaniert, zieht die Übermacht die Schlinge um euren Hals zu.

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Unterkühlte Techno-Taktik im Gewand einer Indie-Diva.

Zum Glück beherrscht Red den "Turn", mit dem sie die Zeit anhält. Farben und Details schwinden aus der Welt und eine schwarze Strategieansicht legt sich in einer fantastischen, stufenlosen Animation über das Spielfeld, so ausgereift und einfach schick, man mag kaum glauben, dass das Team gerade einmal ein Dutzend Leute beschäftigt. Analog dazu legt sich über den angejazzten Trip-Hop-Soundtrack eine dicke, warme Bettdecke, während die weibliche Gesangsstimme mit einer betörenden Klarheit in den Vordergrund gemischt wird. Red ist eine berühmte Sängerin, oder war es, bis der Prozess ihre Stimme raubte. Der Wechsel im Mix der Musik signalisiert: Ihr seid jetzt in in Reds Kopf, die minutiös ihre Rache plant.

Also ans Eingemachte: Am oberen Bildrand bemisst eine Zeitleiste, wie lange ihr euch noch bewegen könnt, jede Attacke oder sonstige Aktion reduziert sie gleich um ein gutes Stück. Mit jeder Runde beginnt ein minutiöses Austarieren der Möglichkeiten. Vielfach gibt man einen kompletten mehrstufigen Zug ein, nur um ihn dann wieder stückweise zu löschen und etwas anderes zu probieren. Schafft ihr es vielleicht, den einen oder anderen Gegner von hinten (Bonus!) zu erwischen? Trefft ihr aus einem veränderten Winkel vielleicht mehr Feinde auf einmal? Erst, wenn ihr zufrieden seid, drückt ihr die Ausführen-Taste und seht, wie die stumme Schöne in übermenschlicher Geschwindigkeit ihren Plan in die Tat umsetzt. Die möglichen Aktionen sind zu Anfang noch begrenzt. Ein lähmender Nahkampfangriff; einer, der auf vielen Metern Länge mehrere Widersacher in Reihe trifft; einer, der wie eine elektrische Entladung von einem Ziel zum nächsten springt. Dazu Unsichtbarkeit und ein Überzeuger, der Feinde für ein paar Augenblicke auf eure Seite zieht. Überschaubar und eingängig bestimmt nur eine Handvoll der sogenannten "Funktionen" euer Spiel in der ersten Stunde - ohne dass ihr es merkt, ist Supergiant Games so ein besserer Lehrer, als es zehn Tutorials jemals sein könnten.

"Oft genug entdeckte ich notgedrungen Vorzüge an bislang vernachlässigten Skills und passte mein Layout entsprechend an."

Es ist gewissermaßen ein Spiel im Spiel, die Feinheiten zu entschlüsseln. Transistor lässt euch nämlich jede einzelne Funktion mit jeder anderen kombinieren und sogar in passiven Slots anbringen. Etwa so, als würde man in einem Rollenspiel eine Waffe mit einem kristallenen, runenhaften oder sonstwie gearteten Modifikator ausstatten oder ein Rüstungsteil anlegen. Was, wenn ihr die Unsichtbarkeit an eine Attacke knüpft? Oder den Überzeuger? Wie wäre es, wenn euer kurz geratener Standardangriff dank neuer elektrischer Merkmale mehr als nur einen Feind treffen könnte? Ihr probiert von selbst fast jede mögliche Kombination aus und spielt ewig neugierig im Menü herum, stets auf der Suche nach der Zusammenstellung, die eurer Spielweise am besten dient. Dieser Zyklus kommt niemals zum Stillstand, denn sobald der Prozess in einem Kampf mal eure Lebensleiste leert, knallt eure stärkste Funktion durch wie eine Sicherung bei einem Blitzschlag. Erst zwei Checkpunkte später könnt ihr wieder auf sie zurückgreifen und seht euch gezwungen, ihren angestammten Platz mit etwas anderem zu besetzen. Oft genug entdeckte ich notgedrungen Vorzüge an bislang vernachlässigten Skills und passte mein Layout entsprechend an.

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In einem genialen Schachzug spielt ihr sogenannte 'Begrenzer' frei, mit denen ihr für zusätzliche Erfahrungspunkte den Schwierigkeitsgrad fast stufenlos selbst skaliert.

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Wie hier mit jeder neuen Stufe eure Möglichkeiten gleichzeitig zu- und abnehmen, ist ohnegleichen. Zwar verdient ihr euch neue Funktionen und zusätzliche Kombinationsslots, die dazu führen, dass ihr euer Arsenal regelmäßig beflissen auf Möglichkeiten abklopft, die euch bisher durch die Lappen gingen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Viel von dem Reiz dieses Systems besteht darin, dass ihr euer stetig wachsendes Repertoire erst mit eurem überschaubaren Energiekonto vereinbaren müsst, was Anflügen von Größenwahn durchaus stabile Grenzen aufzeigt. Die lassen sich bei bestimmten Levelaufstiegen sehr wohl in Viererschritten aufweichen. Das grundsätzliche Dilemma der Vereinbarkeit zieht sich jedoch durch jede Faser des täuschend schlanken Systems. Es verleiht ihm eine besondere Anmut und die Gewissheit, dass keiner der verhältnismäßig kurzen Durchläufe - mehr als sieben Stunden werden wohl nicht nötig sein - dem letzten gleicht. Niemals geht alles und so bedeutet jede kombinierte Funktion nicht nur einen Nutzengewinn, sondern ebenso eine Einschränkung.

Es ist ein delikater Spagat, den Supergiant Games in diesem tief schürfenden, aber nicht erdrückend schweren Taktiker schlägt. Jeder neue Kampf, jede Gegnerkombination, jedes unter Feindbeschuss bröckelnde Deckungsmassiv ist ein Puzzle für sich, für das es ungezählte valide Lösungen und noch viel mehr potenzielle Irrwege gibt. Wenn man dann den Weg des geringsten Widerstandes gefunden hat, fühlt sich das wie eine echte Errungenschaft an.

Das Resultat ist ein Spiel, das in seiner Eleganz in diesem Jahr seinesgleichen suchen dürfte. Wer willens ist, seinen Entdeckerdrang auf ein betörend schönes und geistig stimulierendes Kampfsystem zu verlagern, wird wohlwollend über den dünnbeinigen fiktionalen Unterbau von Cloudbank hinweglächeln. Und dann passiert's: Am anderen Ende steht Red und lächelt zurück. Es könnte doch noch Liebe werden.

8 / 10

Transistor - Test Alexander Bohn-Elias Sie liebt mich, sie liebt mich nicht... 2014-05-21T09:00:00+02:00 8 10
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