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The Witness - Test

Sieben Jahre, die sich gelohnt haben.

The Witness manifestiert Jonathan Blow als einen der bedeutendsten Spieledesigner unserer Zeit.

Ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht. Ursprünglich 2009 angekündigt, dauerte die komplette Entwicklungszeit von The Witness sieben lange Jahre. Sieben Jahre, in denen eine komplette Konsolengeneration an uns vorbeizog. Sieben Jahre, in denen die Erwartungshaltung der Spieler um einiges anstieg. Sieben Jahre, in denen so manch einer bestimmt vergaß, wer Jonathan Blow überhaupt ist und warum Braid damals so bedeutsam für die Anerkennung von Indie-Spielen war.

Viele über einen derart langen Zeitraum entstandene Projekte zeugen häufig nicht von hoher Qualität, sondern sind meist ein Beweisstück für große Probleme während der Entwicklung. Nicht so bei The Witness. Hier sorgten allein Blows Perfektionismus und seine Festhaltung einer starken Vision für die Wartezeit von sieben Jahren.

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Wer möchte hier nicht seine Freizeit verbringen?

Wer das Endprodukt mit Bildern oder Videos früherer Versionen vergleicht, erkennt sofort, wie daraus einmal das fertige Spiel entstehen würde, obwohl einige Bereiche sogar vollkommen unterschiedlich aussehen. Blow steckte das gesamte mit Braid erwirtschaftete Geld plus zuzügliche Investitionen in The Witness, da er keine Kompromisse bei der Umsetzung seiner Vision eingehen wollte.

Dieser Aufwand sollte bereits auf den ersten Bildern sichtbar sein. The Witness gehört ohne Zweifel zu den schönsten Spielen der aktuellen Generation und braucht sich nicht vor der Optik eines Triple-A-Spiels zu verstecken. So häufig wie hier habe ich noch nie die Screenshot-Funktion der PS4 eingesetzt. Jeder Bereich der mysteriösen Insel unterscheidet sich farblich stark von den restlichen Gebieten, ohne einen negativ auffallenden Kontrast zu erzeugen. Farben zwischen einzelnen Arealen verlaufen so organisch, dass selbst ein knalliges Pink neben einer gelben Wüste nicht deplatziert wirkt. Auch der logische Aufbau stimmt, obwohl man bei der Durchreise fast alle 50 Meter einen thematisch anderen Bereich betritt. Sehr viel Sorgfalt floss in die Inselstruktur, um sämtliche Bestandteile trotz ihrer offensichtlichen Künstlichkeit natürlich erscheinen zu lassen.

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Ja, eine Sprinttaste existiert.

Noch erstaunlicher ist allerdings die Freiheit beim Erkunden. Nachdem ihr die ersten Rätsel gelöst habt und dem Anfangsgebiet entkommen seid, könnt ihr sofort zu allen Ecken der Insel reisen. Wer sich also direkt zum Start lieber an die komplexeren Aufgaben wagen möchte, den halten keine unnötigen Blockaden auf. Stattdessen nutzt The Witness die Regeln seiner Rätsel, um spätere Bereiche zu verschließen. Theoretisch könnt ihr die harten Aufgaben sofort lösen, solange ihr die Logik dahinter versteht. Ich habe tatsächlich mehrere Stunden damit verbracht, eines der letzten Rätsel zu lösen, als ich noch nicht genau verstand, wie die einzelnen Elemente funktionierten. Zeitverschwendung? Vielleicht. Aber gerade dieser Respekt vor dem Spieler macht The Witness in meinen Augen so besonders. Es nimmt euch nicht an der Hand und spricht keine Warnung aus, sollte ein Rätsel zu schwer sein. Den einzigen Eingriff erlebt ihr innerhalb der ersten zehn Sekunden. Nachdem einmal die X-Taste zur Erläuterung der zentralen Spielmechanik auftaucht, erhaltet ihr nie wieder einen Hinweis.

Alles wird ohne nervige Tutorials mit den Rätseln selbst erklärt. Obwohl der Titel Dutzende Regeln einführt und diese im späteren Verlauf zu komplexen Logikmonstern verbindet, bringt ihr euch die Grundlagen selbst bei. Jeder Bereich startet immer mit der simpelsten Form eines Puzzles, sodass ihr es fast automatisch lösen werdet. Danach erhöht sich Schritt für Schritt die Komplexität, weshalb ihr spätestens bei der dritten oder vierten Aufgabe die neue Regel verstanden haben müsst. Schritt für Schritt steigert sich der Schwierigkeitsgrad und versetzt euch in verschiedenste Situationen, die das Rätsel teilweise wortwörtlich auf den Kopf stellen.

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Tut euch den Gefallen und nutzt keine Lösung.

Ich kann gar nicht alle Momente aufzählen, in denen ich erstaunt auf den Bildschirm schaute und mir dachte: „Verdammt, ist das clever!" Mehrfach saß ich verdutzt vor einer Aufgabe und wollte die Hoffnung schon aufgeben, bis der rettende Einfall kam und mich die plötzliche Realisierung in einen euphorischen Zustand versetzte. Genau deswegen rate ich jedem, auch in der größten Verzweiflung keine Lösung aufzusuchen. Ich bin wirklich froh darüber, dass ich dieser Versuchung während meines Durchgangs nicht nachgehen konnte. Wahrscheinlich hätte ich ein paar Mal voreilig zum Internet gegriffen und mir so einige der schönsten Momente versaut.

Falls ihr wirklich an einer Stelle nicht weiterkommt, lasst ihr die Aufgabe am besten ruhen. Wandert stattdessen zu einem anderen Gebiet und versucht dort euer Glück. Zu manchen Rätseln musste ich ein paar Mal zurückkehren, bevor ich endlich auf die Lösung kam. Einige habe ich sogar mit meinem Handy abfotografiert, um unterwegs darüber nachdenken zu können. In einem Fall schrie ich verzweifelt nach Zettel und Stift, als mich plötzlich ein Geistesblitz traf und ich ihn nicht vergessen wollte. Falls ihr also nachts aus dem Bett hüpft und in freudiger Erwartung die Konsole anschmeißt, weil ihr im Halbschaf endlich eines der Rätsel gelöst habt, seid ihr nicht der Erste.

Doch in The Witness steckt noch so viel mehr, was ich auf keinen Fall hier verraten möchte. Selbst ein simpler Hinweis darauf könnte jemandem die Überraschung versauen. Es gab mehr als nur eine Stelle, an der ich die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Das Gewahrwerden veränderte beispielsweise komplett meine Betrachtung der Insel und gehört zu den schönsten Momenten, die ich jemals in einem Spiel erlebt habe.

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Seit Fez habe ich nicht mehr so viele Notizen und Zeichnungen für ein Spiel gemacht.

Zudem existiert eine zusätzliche Ebene, auf der Blow verschiedene philosophische Konzepte mit den Mechaniken verdeutlicht und Dinge anspricht, die einen schnell überfordern können, wenn man zu sehr darüber nachdenkt. Mag für einige sicherlich prätentiös oder selbstgefällig klingen, allerdings muss man aktiv nach diesen Aspekten suchen. Ihr braucht euch damit also nicht auseinanderzusetzen und könnt das Spiel allein auf seiner mechanischen Ebene genießen. Für mich gehört es jedenfalls zu den Gründen, warum The Witness nicht nur ein verdammt gutes Puzzlespiel ist, sondern darüber hinaus zu den erstaunlichsten Werken unseres Mediums gehört.

Mehr als 40 Stunden habe ich über die vergangenen Tage auf der wunderschönen Insel verbracht. Und obwohl ich alle Gebiete in dieser Zeit abschließen konnte, existieren noch immer zahlreiche versteckte Rätsel, an denen ich mir garantiert weitere Dutzende Stunden die Zähne ausbeißen werde. Trotz langer Spielzeit bin ich weit davon entfernt, die wahre Komplexität dieses Werkes zu verstehen, und ich freue mich jetzt schon auf die unterschiedlichen Interpretationen anderer Leute, nachdem sie meine unglaubliche Erfahrung teilen konnten.

Ich habe es nach Braid und der langen Entwicklungszeit eigentlich nicht für möglich gehalten, doch mit The Witness hat es Blow tatsächlich geschafft, seinen selbst gesetzten Maßstab zu durchbrechen. Ein Musterbeispiel für exzellentes Spieldesign.

The Witness - Test Björn Balg Sieben Jahre, die sich gelohnt haben. 2016-01-25T16:00:00+01:00 5 5
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