Shaun White Skateboarding

Rebellen auf Brettern! Mit Marlon Brando. Nicht.

Die Skateboarder haben Tony Hawk als anbetungswürdiges Vorbild, Snowboarder einen struppigen Rotschopf namens Shaun White. In ihrer Sportart tun beide Dinge, die eigentlich physikalisch unmöglich sein sollten und beide lassen sich den Abdruck ihres Namens auf einem Cover gut vergolden. Dumm für Ubisoft, die Shaun unter Vertrag haben, dass Skateboards auf Konsolen immer noch populärer als Snowboards sind. Na und, dachte man sich, die fliegende Tomate, wie White gelegentlich liebevoll genannt wird, hat bestimmt schon mal ein Board unter den Füßen gehabt. Hat er auch, sogar mit vorzeigbaren Erfolgen, aber seine eigentliche Domäne ist das trotzdem nicht.

Und so taucht er konsequenterweise nur sehr gelegentlich in einem Story-Modus auf, der so eigenwillig und verrückt erscheint, dass ich ihn sofort ins Herz schloss. Wir befinden uns im Jahr 20XX und DAS MINISTERIUM hat die Macht an sich gerissen. Die ganze Welt ist komplett konformistisch grau gepinselt, jeder trägt den gleichen Anzug und geht so emotionslos wie möglich seiner geordneten Arbeit nach. Wer mal Equilibrium gesehen hat, weiß ungefähr, wie das hier aussieht.

Die Staatsfeinde Nummer 1 sind Skateboarder, weil sie die Welt durch ihre Tricks aus der Lethargie reißen und bunt färben. Sprichwörtlich. Landet einen Trick und eine Art Schockwelle färbt die Welt in der näheren Umgebung in freundliche Farben, lässt Bäume blühen und sogar der graue Himmel wird wieder blau. Ein ausgesprochen netter Effekt, der mit der Zeit zwar ein wenig seines Staunfaktors verliert, aber besonders in den ersten Stunden motiviert, einfach das zu machen, was Briten als „paint the town" bezeichnen. Auch wenn sie das sicher weniger wörtlich meinten.

Ihr führt also einen Skateboard-Befreiungskrieg gegen ein böses Imperium mithilfe einiger Skateboard-Karikaturen ohne Namens-Power und Shaun White als den besten Skater, der je lebte und von allen angebetet wird. Was wurde eigentlich aus dem Birdman? Wiederum: Egal. Um nicht zu böse zu klingen, bemühe ich noch einmal die Briten: Die Geschichte ist „just a little bit rubbish" und ein reines Vehikel für den hübschen Umfärbe-Effekt. Und so komplett schräg und unsinnig, dass ich sie liebe. Eine Art demente Extremsport-Interpretation von Metropolis. Großartig.

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Die blauen Figuren konnten noch nicht vom Skater-Weg überzeugt werden.

Leider macht das Spiel in den Story-Missionen, durch die ihr neue Areale freischaltet, relativ wenig daraus. Für jeden Auftrag, der euch per Skateboard in das Ministerium einbrechen lässt und auf eine wilde Flucht aus diesem, verfolgt von einem Kampfhubschrauber, durch die ganze Stadt schickt, gibt es ein Dutzend belanglosester Sammel-Bürden der drögeren Art. Missionen, in denen ihr nur durch ganz bestimmte komplexe Tricks weiterkommt, sind so selten, dass man meinen könnte, die Programmierer fanden ein anderes Feature viel spannender.

Taten sie auch. Offenbar kam man zu dem Schluss, dass der Anwärter für die sinnfreieste Distopie seit The Robot Monster (Mystery Science Season 1, wer mutig ist) nicht genug für einen potentiellen Skate-Konkurrenten sein kann. Also erfand man das Formen. Ihr findet überall in der Stadt grünlich-glasartige Rails, Verts und sogar ganze Straßen. Sobald ihr diese benutzt, beginnt zuerst die Rail zu wachsen und euch an einen bestimmten Ort zu führen, später dürft ihr ihre Bewegung sogar lenken und so neue Wege schaffen. Mit Straßen funktioniert das ähnlich. Verts dagegen werden einfach nur befahr-, aber nicht formbar. Es ist ein weniger dynamisches Feature als man jetzt meinen sollte, da die Missionen ziemlich linear verlaufen und in der Regel nur Bonus-Items und weniger wirklich alternative Weg zu finden sind. Trotzdem, ein guter und auch schick umgesetzter Gedanke, der bis zum Ende des Spiels zwar offenbart, dass er mehr Potential hat als hier genutzt wurde, aber nichtsdestotrotz das Spiel bereichert.

Die Missionen laufen in der Regel darauf hinaus, dass ihr Flow braucht. Flow sammelt ihr durch Tricks, Punkte zählen nach oben und in drei Stufen könnt ihr bestimmte Teile der Landschaft dann verändern, wenn ihr genug Flow habt. Nennt es einfach Punkte und gut ist. Was leider fehlt, ist ein übergreifender Punktezähler, der absurde Zahlen zur persönlichen Bestätigung anhäuft, oder ein Prozentzähler, welcher euch mitteilt, wie verändert die Stadt schon ist. Schade, beides hätte einen kleinen Bonus-Motivationsschub bedeutet.

Was das Skateboarding selbst angeht, wird es schwierig. Bis hierhin ist es ein netter Ableger mit witziger Story und netten Feature-Ideen. Die schöne Grafik lädt zum Spielen ein, selbst wenn Skate noch deutlich hochwertiger ist, und der Soundtrack bietet ein respektables Programm an lockerem Skatepunk der softeren Sorte. Nicht jedermanns Geschmack, aber sehr chillig und entspannt. Und das passt auch sehr gut dazu, wie hier geskatet wird.

Eine so vergebende Physik habe ich noch nie in einem Skate-Spiel gesehen. Die ersten Stunden dachte ich gar, man könnte gar nicht scheitern oder wenigstens umfallen, solange man sich nicht mit Schmackes ins Hafenbecken stürzt. Später belehrten mich hohe Sprünge und Looping-Grabs eines besseren, aber ihr müsst wirklich schon aus großer Höhe auf dem Kopf landen, um einen Respawn zu erzeugen. Ansonsten bleibt man auf den Beinen. Immer. Irgendwo dagegen zu fahren macht gar nichts. Alle Bewohner weichen stets aus. Es gibt keine fahrenden Autos, die euch niederstrecken. In einer Stadt, die totalitär unterdrückt wird und Skater hasst, gibt es keine Hindernisse und erst zum Schluss hin finden sich ein paar Elemente, die euch ausbremsen. Aber auch nur das.

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