Eurogamer.de

WWE ´12 - Test

Besser als TV

Wrestling sollte einfach kein Familiensport sein. In Vorbereitung für den Test von WWE ´12 schaute ich mir mal wieder ein paar aktuelle Matches an und muss einfach zu dem Schluss kommen, dass die USA irgendwo ihre Wrestling-Eier verloren haben. Das da ist nicht mehr der groteske Scheiß der 80er und frühen 90er, das hier ist Kinderzirkus, wo man seine Kleinen abgibt, einkaufen geht und dann später wieder emotional unberührt einsammelt. RAW my ass!

Der ist das Einzige, was hier raw ist, nachdem ich mir diese Schnarchveranstaltung anguckte. Wo ist das Blut? Wo sind die Irren, die man offensichtlich aus dem Dschungel holte? Ist das jetzt ein extremer Fall von temporaler Realitätsverklärung - sprich "früher war alles besser und ich deutlich leichter zu beeindrucken" - oder doch dem Wunsch der Veranstalter geschuldet, nicht nur Tickets an gewaltgeile Irre - also alle Jungs in meiner Klasse damals - zu verkaufen? Schwer zu sagen, aber was auf dem TV-Schirm zumindest für mich dröger wurde, hat dieses Jahr auf der Konsole deutlich zugelegt.

RAW vs. Smackdown wurde zu den Akten gelegt, ab jetzt heißt es einfach nur noch WWE plus Jahreszahl. Um die Namensänderung zu feiern, warf man all die Altlasten der alten Engine über Bord und starten mit der "Predator" getauften Engine endlich wirklich in die Next-Gen, während diese eigentlich schon längst zu Current-Gen mutierte. Sei es, wie dem ist, Predator soll für deutlich flüssigere Abläufe sorgen, das abgehakte Springen der Figuren bei Moves, die Überbeanspruchung des rechten Sticks und viele andere der lange verschleppten Makel beseitigen. Und das schafft sie auch. Mit durchaus veritablen Erfolg.

WWE '12 - Brock-Lesnar-Trailer

Die Moves, seien es nun die Standards oder die Signatures, setzen alle nahtlos an und die Dynamik der deutlich zügigeren Abläufe ist gleich eine ganz andere. Schien es in den Jahren zuvor immer noch ein wenig so, als würden zwei schlechte Schauspieler eine Choreographie einstudieren, sieht es nun so aus, als würden zwei recht talentierte Schauspieler eine gut einstudierte Choreographie ausführen. Mit anderen Worten, WWE ´12 sieht aus wie echtes Wrestling. Nun, zumindest fast. Die Gesichter der Fighter-Riege - die gesamte aktuelle Freakshow plus Klassiker wie Undertaker, Animal oder Smash - sehen den Originalen nun nicht unbedingt zum Verwechseln ähnlich, sind aber doch schon nah dran. Die Haut-Texturen des restlichen Körpers jedoch strafen den Versuch der Illusion lügen und konnten den Plastik-Charme noch nicht loswerden. Die Umgebung schwankt irgendwo zwischen authentisch bis ein wenig hässlich. Besser als SvR ist es aber allemal.

Bei der Ausführung der Moves und Bewegungen jedoch, da hat sich einiges getan. Weg vom rechten Analog-Stick, hin zu den vier Buttons. Einer für Grapple, einer für Irish Whipping und Treten, Schlagen und der Letzte für die Signature Moves. Klingt sehr banal, erfordert aber natürlich wieder einmal ein Verständnis für Timing, wann man was ansetzen muss und wann der Zeitpunkt für Signatures gekommen ist. Button-Mashing ist weniger gefragt, eine Menge Spieltiefe ist nach wie vor gegeben - vielleicht sogar mehr als zuvor -, selbst wenn es sich deutlich einsteigerfreundlicher als Smackdown spielt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass viele, denen die Steuerung der bisherigen Wrestling-Games, insbesondere SvR, nicht so lag, hier schneller mit warm werden könnten.

"In manchen Matches kämpft ihr hart und fair, nur damit die Geschichte dann sagt, dass ihr dieses Match doch noch verlieren müsst."

Was die Modi angeht, liegt neben viel Licht auch ein tiefer Schatten. Der Road to WrestleMania Modus, der eigentliche Single-Player, wenn ihr so wollt, nervt. Der Gedanke dahinter ist nicht einmal weit von der Realität weg, aber in einem Spiel in gefühlt jedem zweiten Match eure Fertigkeiten zugunsten des "Dramas" wegzufegen und euch siegen oder verlieren zu lassen, so wie es das Script möchte, hat nichts mit einem Sportspiel zu tun. Nicht mal mit einem imaginären Sport wie Wrestling, wo man das theoretisch unter Realismus, praktisch aber unter Spieler-Beschiss verbuchen kann. Man kennt das aus Final Fantasy. Der große Drache macht die Party platt, dann wird sie doch noch gerettet und lebt, um das Biest an einem anderen Tag zu bekämpfen. In RPGs ok, passiert dies jedoch im Wrestling-Ring, fragt man sich schon, warum man das spielt. Da kann man auch gleich eine WrestleMania-DVD einwerfen. Zumal die Story hier nun wirklich nicht so toll ist. In manchen Matches kämpft ihr hart und fair, nur damit die Geschichte dann sagt, dass ihr dieses Match doch noch verlieren müsst. Dann bin ich halt Pulp-"Butch"-Fiction und hau den Typen platt, auch wenn die Wette mit der Mafia was anderes sagte. Wenn mich WWE ´12 denn lassen würde.

Diesen Modus gehakt wird es deutlich besser. Insbesondere im Tag-Team zusammen vor dem Screen oder Online macht die neue Engine mit ihrer Steuerung und der Möglichkeit, einzelne Körperteile gezielt zu bearbeiten - die perfekte Submission will vorbereitet sein -, richtig Laune. Man kommt schnell ins Spiel, das Drama entwickelt sich von allein und braucht kein Scripting. Zugegeben, das galt schon auf dem Super Nintendo vor 15 oder mehr Jahren, aber es ist ehrlich gesagt auch genau dieser Spaß, der hier in WWE ´12 das erste Mal seit langen in einem solchen Spiel für mich aufkam. Hier wird es schnell persönlich und mit mehreren im Raum kommt genau die richtige Stimmung auf. Ein paar Dosen Bier dazu und es wird ein perfekter Wrestling-Abend.

"Bier und die richtige Gesellschaft bedeuten ein paar wundervolle, barbarisch degenerierte Wrestling-Abende mit WWE ´12 als wäre es 1991."

WWE '12 - Teaser-Trailer

Gerade in den Multiplayer-Modi zahlt sich auch der Editor für den eigenen Wrestler und sogar seinen eigenen Ring aus. Der Ultimate Warrior mag nicht dabei sein, aber mit ein wenig Arbeit, hatte ich den "Uber Ultimate Super Warrior" fertig und er war noch gestörter als das Original. Zumindest, wenn ich die Taunts dazu posaunte. Ihr könnt hier Stunden verbringen und von Nachbauten bis hin zu selbst für Wrestling-Verhältnisse Freakshow alles basteln, wonach euch der Sinn steht.

Hier liegt auch das sehr offensichtliche Geheimnis, wie man WWE ´12 spielen muss. Vergesst einfach den schrottigen Road to WrestleMania Modus zusammen mit der Idee das Ding allein spielen zu wollen. Holt euch Freunde ins Haus und zockt einfach, baut den perfekten Wrestler und Ring und geht online oder ladet euch Tonnen an von Spieler erstellten Content runter und habt damit Spaß. Das, plus die endlich wieder mal vernünftige Steuerung und die verbesserte Optik ergeben das derzeit definitive Wrestling-Spiel. Verbesserungspotenzial ist vorhanden, die Optik könnte insgesamt noch mal aufgehübscht werden und ein Single-Player-Modus, der Spaß statt Dauerfrust bedeutet, wäre auch nicht zu verachten. Sind diese Dinge euch absolut wichtig, dann müsst ihr da unten Punkte abziehen. Bier und die richtige Gesellschaft jedoch bedeuten ein paar wundervolle, barbarisch degenerierte Wrestling-Abende mit WWE ´12 als wäre es 1991 und der Hulkster hätte nie im Fernsehen geheult. Viel mehr brauche ich für ein Wrestling-Game jedenfalls nicht.

8 / 10

WWE ´12 ist ab sofort für Xbox 360, Wii und PS3 erhältlich, Special Editions gibt es auch.

WWE ´12 - Test Martin Woger Besser als TV 2011-12-01T12:00:00+01:00 8 10
Anzeige

Kommentare (12)

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!

  • Loading...