SSX - Test

Ein bisschen düsterer, ein bisschen tödlicher, aber so schnell lässt sich alte Liebe nicht einschneien

Warum muss heutzutage eigentlich alles "dark" und "düster" und so weiter sein? Reicht es nicht, mit 130 Sachen einen Berg runterzurauschen, muss es auch noch bei Nacht sein? Für SSX scheinbar schon. Der Einstieg auf einem schön breiten Abhang mit Sonnenschein wirkt freundlich genug, aber gleich danach findet ihr euch an anderer Stelle in den Rockies wieder. Bei Nacht. Im Wald. Und natürlich ist SSX das einzige Spiel, das keinen Helligkeitsregler eingebaut hat. Zugegeben, einen dunklen Hang voller Bäume und Höhlen runterzuschlittern, permanent zu hoffen, nicht schon wieder irgendwo gegenzudonnern, das ist "extreme". So wie eine Menge Dinge aus Jackass auch. Und ungefähr ähnlich schlau.

Aber den Berg runterzurauschen und Tricks zu reißen, genügt eh nicht mehr. Das große Ding, die echte Neuigkeit ist der Survive-It-Modus. Und er ist großartig. Man kann Panzerung verschiedener Stärke kaufen, um Kollisionen zu überstehen, hat Lebensenergie, auf der Piste ist das fast wie ein Rollenspielkampf. Es fügt einen echten Reiz hinzu, indem es Stürze wirklich bestraft und die schlichte Abfahrt zu einem Abenteuer werden lässt. Ab einer gewissen Höhe braucht ihr sogar Sauerstoffgeräte, um zu überleben. Messner mag den Everest ohne bestiegen haben, aber er fuhr auch nicht auf einem Skateboard ohne Rollen runter. Bei Nacht.

Ok, das stimmt nicht ganz, gerade der Everest ist ausnahmsweise mal eine der seltenen Tag-Strecken und es ist ein wenig schade, dass hier so vieles in der Dunkelheit stattfindet. Alte russische Atomanlagen in Sibirien, Dutzende abgestürzter Flugzeuge in Patagonien, Klöster im Himalaya oder Safari am Kilimandscharo. SSX geizt nicht mit Reizen, auch wenn es sicher nicht auf die realistische Wiedergabe der Lokalitäten pocht. Egal, die neun Gebirge mit jeweils drei bis vier Bergen und mehreren Pisten an jedem von ihnen rocken einfach. Diese kreativen Freiheiten unterstreichen perfekt den Abschied von der Schwerkraft.

SSX - Gameplay-Video

SSX drehte sich schon immer um endlose Stuntketten mit mehr Luft unter dem Brett als die meisten Flugzeuge unter den Flügeln haben. Der fünfte Teil enttäuscht da in keiner Weise. Tüftler können Tage damit verbringen, immer neue Moves und Kombos zu finden, um diesen Zähler in den Millionenbereich explodieren zu lassen. Und seid ihr erst mal im aufgeladenen Tricky-Modus, holt ihr noch die zahlreichen Signature-Moves hervor, von denen jeder der Boarder seine ganz eigenen mitbringt. Abwechslung am Berg ist geboten.

Wie ihr spielt, das hängt immer von der Art des Events ab. In Rennen sucht ihr auf den sich extrem vielseitig verzweigenden Pisten nach der schnellsten Route. Besonders Online-Rennen sind zum Lernen perfekt geeignet, kann man sich doch hier ein wenig was abschauen und staunen, welche Wege es noch so gibt, die bisher von euch verschont blieben. Das gilt auch für die Trickabfahrten, in denen der Punktezähler das einzige Maß der Dinge darstellt. Wiederum, es gibt endlos viele Wege, an jede der Pisten heranzugehen, einer davon könnte durchaus der perfekte sein. Ihn zu finden, ist eine Aufgabe, die erstaunlich viel Spaß macht.

Im Survival-Modus müsst ihr nur unten ankommen. Bevorzugt lebend. Achtet auf die Panzerung, Lebensenergie, den Sauerstoff und versucht, nicht jeden Baum zu küssen. Das klingt simpel. Wir sehen uns am Everest und reden dann noch mal darüber. Das Einzige, was ich mir halt bei den Strecken gewünscht hätte, wären ein paar mehr Fun-Strecken. Fast alle sind ein Labyrinth auf komplexen Fahrrinnen und Grind-Möglichkeiten. Technisch ist das alles sehr anspruchsvoll, aber ein wenig chillen muss doch auch mal erlaubt sein. Einfach zehn Minuten eine Buckelpiste runter und Tricks ausprobieren, ohne in Abgründe oder Lava zu stürzen. Aber das ist Nörgeln auf hohem Niveau, denn die Qualität der Strecken an sich ist hier wirklich hervorragend.

Um die genießen zu können, muss die Steuerung natürlich passen und das Feeling für Brett und Schnee stimmen. Fans der alten Spiele können die Klassik-Steuerung auswählen, ich bevorzuge allerdings die Zwei-Stick-Variante, die sich vage an Skate anlehnt. Wer möchte, kann statt des rechten Sticks auch die Knöpfe nutzen, ihr müsst halt gucken, was euch mehr liegt. Beides verrichtet tadellos seinen Dienst.

Was das Schneefeeling angeht, bin ich nicht ganz so glücklich. Verschiedene Untergründe scheint es nicht großartig zu geben, oder falls doch, dann fühlen sie sich sehr ähnlich an. Ob Eis oder Pulver, ihr rauscht gleichbleibend darüber hinweg. Echtes Einsinken scheint auch kaum möglich, das hier ist Arcade. Für das, was SSX tun möchte, ist das auch letztlich die richtige Entscheidung, aber trotzdem hätte ich hier nach der langen Serienpause eigentlich erwartet, dass sich auch in diesem Bereich wenigstens irgendwas getan haben sollte. Trotzdem, als Action-Extreme-Abschuss-Boarder gewinnt dieser Aspekt wohl durch Schlichtheit.

So ein Spiel kann natürlich nicht ohne einen Multiplayer-Modus existieren, aber einen Modus in dem Sinne, wie man es bisher kannte, gibt es nicht. Stattdessen loggt ihr euch im RiderNet ein und ab sofort seht ihr, was Freunde in SSX leisten, so wie sie ihre Bestmarken und Heldentaten verfolgen können. Wie auch alles andere, zum Beispiel diese beschämenden Zeiten am Kilimandscharo.

SSX - Trailer

Zusammen mit RiderNet und den Global Events - eine jetzt schon 150 Herausforderungen umfassende Sammlung von Events, die konstant erweitert werden soll - habt ihr viel zu tun. Simultanabfahrten mit Spielern, Bestzeiten-Herausforderungen, noch härtere Survivals, es gibt immer etwas zu erledigen oder zu schaffen. Vor allem die Geo Tags, die ihr zeitlich begrenzt an möglichst schwer zu erreichenden Punkten ablegt und dann Punkte kassiert, so lange sie keiner erreicht, sind eine tolle Idee. Nur die klassische Abfahrt mit ein paar Freunden gezielt hinzubekommen, ist lediglich über Eventeinladungen zumindest in einem gewissen Rahmen, aber eigentlich nicht so richtig möglich. Trotzdem, der Weg, den SSX beim Multiplayer geht, ist wahrscheinlich der richtige. Eine große Bandbreite kombiniert mit allen Freiheiten, wann ihr was tun wollt, immer im Einklang mit den eigenen Fertigkeiten.

SSX ist keine Überraschung. Oder, in gewisser Weise vielleicht doch, und zwar insoweit, dass es beweist, dass das klassische Extremsport-Spiel gar nicht so tot ist, wie es gerne erklärt wird. Sicher, der Survival-Modus ist frisch und der Multiplayer wurde mit RiderNet ein wenig neu gemixt, aber in seinem Herzen ist das hier alles SSX, wie man es kennt und ehrlich gesagt auch liebt. Diese Liebe hatte ich schon wieder ganz vergessen. Selbst wenn ich mir ein paar mehr "freundliche" Abfahrten und generell etwas mehr Tageslicht gewünscht hätte, ist das hier eine absolut gelungene Rückkehr zu veraltet geglaubten Tugenden, die sich als nach wie vor sehr unterhaltsam herausstellen. Mit SSX kehrt das Snowboard mit Stil zurück. Keine seltsamen Gimmicks, ein paar gute neue Ideen und vor allem perfekte Extrem-Action-Fahrkunst. Ein idealer Saisonabschluss, bevor der Frühling jetzt wirklich kommt.

8 / 10

SSX ist für PlayStation 3 und Xbox 360 erhältlich.

Unsere Wertungsphilosophie SSX - Test Martin Woger Ein bisschen düsterer, ein bisschen tödlicher, aber so schnell lässt sich alte Liebe nicht einschneien 2012-03-01T09:00:00+01:00 8 10

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