R.A.W.: Realms of Ancient War - Test

Halb aus dem Nichts und bitte ganz wieder zurück dahin: Hacken und Slayen, als wäre es 2002.

Was zur Hölle ist das? Haben wir 2002? Buchstäblich das war mein Gedanke über die ersten Stunden von R.A.W. - Realms of Ancient War und eigentlich auch bis zum schmerzhaften Ende. Dieses Spiel kann nicht hier und jetzt entstanden sein, alles in ihm wurde schon vor 10 und mehr Jahren abgehandelt, meist besser. Warum sollte man so ein Action-RPG direkt zwischen Diablo 3 und Torchlight 2 veröffentlichen? Ahhh ... das ist die Antwort: Den Moment mitnehmen, auf der Popularität der anderen beiden die Kuh sicher in den Stall bringen, die Schäfchen ins Trockene. Sorry, andere Erklärungen finden sich nur schwer.

Technisch ist es insoweit alles ok, als dass es nicht ruckelt und aussieht, als hätte jemand ein 10 Jahre altes PC-Spiel sehr sauber auf die Konsole portiert. Kleine, aber scharfe Schrift, viele kleine Details in einer zu weit rausgezoomten Umgebung, rein visuell ganz nett werden euch die üblichen Standard-Umgebungen präsentiert. Von unspezifischen Fantasy-Tälern über beliebige Dörfer und Lager bis hoch zum obligatorischen mystischen Gebirge kommt hier nichts, was ihr nicht schon mal von Monstern befreit hättet, aber zumindest hübsch ist es. Für ein Fast-schon-Retro-Game. Die Vertrautheit kann auch nicht schaden, da RAW sich nicht damit aufhält, euch etwas über die Spielwelt zu erzählen. Der Geister-König beauftragt weiß Gott warum einen unerfahrenen generischen Krieger, Magier oder eine Elfen-Bogenschützin - Wow! Ich darf Krieger, Magier oder Elf sein? Cool, das ... war ich bisher ja nur jedem verdammten Spiel seit der Steinzeit! -, was Böses zu besiegen.

So oder so, mit vorgefertigter Figur Eins, Zwei oder Drei zieht ihr los und es spielt sich ok. Fürs Erste. Warum die Pfeile der Elfe nicht auf dem zweiten Stick liegen oder die Fernkampfattacken generell, ist fraglich und auch schade, aber dann werden halt Buttons gemasht. Erste Wölfe sterben schnell, kleine Spinnen, ein paar Räuber und im Anschluss jedes andere Klischee-Viech auch, aber nur die, die in wirklich jedem Spiel bisher vorkamen. Eigene Kreationen? Wozu denn? Trolle, Skelette und Ghoule sind doch toll. Spaß macht es eh nicht, gegen sie zu kämpfen, dafür müsste wenigstens irgendeine Art von Trefferfeedback da sein. Dieses gibt es nicht im Schlag- oder Trefferfeeling, nicht im Soundfeedback, nur in den Zahlen, die von Freund und Feind aufsteigen und eigentlich der einzige Hinweis sind, dass ihr etwas getroffen oder verfehlt habt. Nicht einmal wenn ihr mit dem Geisterkönig riesige Golems für ein paar Sekunden übernehmt, merkt ihr einen der Schläge, die eigentlich die Welt erschüttern sollten. Schlicht unbefriedigend.

Dies merkt ihr schnell, dann zeigen sich nach und nach die weiteren Designentscheidungen, die RAW zu einem echten Verlierer machen. Die Kamera lässt sich nicht bewegen. Gar nicht. Zip, Nada, Zero, keinen Millimeter. Wozu auch, selbst Dungeon Siege 1 war weniger linear. Ja, es ist ein Hack´n´Slay, es muss keine offene Welt haben. Aber ein ganz klein wenig nach links und rechts möchte ich dann schon. Zumindest ist es dann nur konsequent, dass es keine Karte gibt, weder Mini, Medium oder Welt. Ist nicht so, dass ihr euch hier groß verlaufen könntet.

Während ihr euch brav durch enge Korridore schnetzelt, fallen euch gelegentlich dröge Quests in den Schoß - gehe dorthin und töte dies, gehe dahin und bring' das -, die so willkürlich eingefügt sind, dass sie sich nicht mal auch nur eine Sekunde mit vorgetäuschter Plausibilität aufhalten. Es kommen hundert Diebe, Räuber, Wache, sonstiger Typus von Gegner, durch die ihr durchmarodiert und dann steht da einer aus dieser Gruppe, der euch eine Quest gibt. Und die hat keinen Sinn oder Zusammenhang mit irgendetwas. Geht dahin, holt mir das, weil ich gebe euch dann was. "Aber ich habe doch alle Deine Leute umgebracht." Keine Antwort. "Stört Dich das nicht?" Keine Antwort. "Kämpfe, Du Sau!" Nö, ist nicht. Quest machen, langweilen, gut ist. Und Spinnen. Immer wieder Spinnen. Ich bin langsam an dem Punkt, wo ich ein RPG kaufen würde, nur weil keine Spinnen drin sind. Der Rest wäre mir egal, es kann so schlecht sein, wie es will, Hauptsache keine Spinnen. In RAW gibt es viele Spinnen.

Man muss aber auch sagen, dass ein paar Sachen geboten werden, die man nicht überall bekommt. Einer der besten Orte dafür ist der Außenbereich des Zwergenbergwerkes. Zum einen wäre da als beliebte Attraktion die Wanderung der Millionen Skorpione. Ich dachte erst, dass Wolken ihre Schatten werfen, aber nein, es waren Horden von kleinen Skorpionen, die von unsichtbarer Macht gerufen zielstrebig von der Bergwand zum Abgrund wanderten und verschwanden. Wissenschaftler rätseln seit Jahrzehnten, woher sie kommen, wohin sie gehen und was das alles soll. Was ihr hier aber auch unbedingt sehen müsst, ist die Verwunschene Lore, die wie von Geisterhand gezogen auf sandigen Schienen entlangrollt, wendet und wieder zurückfährt. Halbdurchsichtig und gänzlich fremdgesteuert. Kommt und seht die Wunder des Zwergenberges! Ich kann zumindest nicht sagen, dass ich nicht am Ende doch ein paar gute Lacher aus RAW mitgenommen hätte.

Aber Martin, werden jetzt einige sagen, das ist doch ein Hack´n´Slay, da geht es doch um ganz andere Sachen als Story und Spielwelt. Okay, lasst uns diese dunkle Gasse in RAW entlanggehen. Dass es nur drei Startcharaktere gibt, alt wie die Zeit selbst, ohne jede Möglichkeit zur Individualisierung vor dem Start, kann ich durchgehen lassen. Die von den Fertigkeiten her lahmen Bäume auch. Nicht dass es echte Bäume wären, mehr Linien, auf denen ihr eine belanglose Zauber-/Waffen-Eigenschaft nach der anderen abhakt. Aber in diesem extrem zahlenbasierten Genre brauche ich klare Informationen im Vorfeld. Ich will nicht wissen, dass der Zauber bei der Steigerung "besser" wird. Das habe ich mir gedacht. Wie viel er besser wird, kann ich nur raten. Es steht nicht da. Auch danach nicht. Habe ich grad einen Punkt vergeudet? Lohnte sich das? Nur das nächste Monster kann es zeigen und den Punkt bekomme ich nicht zurück, wenn es nicht gefällt. Vom Umtausch ausgeschlossen.

Bei den Waffen und Items sieht es besser aus, aber auch erst, nachdem ich sie eingesammelt habe. Das Einsammeln per Pad ist eh so vage, dass die farbliche Codierung auf dem Dungeonboden mich nicht weiterbringt. Aber wegwerfen kann man ja immer und vorher zeigen zumindest rot und grün in Zahlenform gut erkennbar an, ob etwas besser oder schlechter ist. Wenigstens das. Die Gegenstände entsprechen vom Grad der Attraktivität her zwar durch die Bank dem Bodensatz aller anderen Hack´n´Slays kombiniert, aber zumindest wisst ihr, was mehr Schaden macht. Viel mehr Optionen und Charakter/Kampf-Individualisierungen gibt es eh nicht. Für ein Hack´n´Slay hab ich mir sagen lassen, dass das keine Qualität ist. Aber zumindest selten. Man muss immer das Positive sehen.

Nicht, dass es wirklich wichtig wäre. RAW ist allein selbst auf dem hohen Schwierigkeitsgrad für auch nur minimal im Genre versierte Spieler ein Spaziergang. Lebensenergie regeneriert sich nach Kämpfen schnell, Wegrennen ist eine Option, um das zu nutzen. Heiltränke sind eh reichhaltig und die Moster, selbst die Bosse, strunzblöd. Die Rücksetzpunkte sind fast schon zu fair und doch, siehe da, auch in diesem Punkt schafft es RAW noch, sowohl im Koop- als auch im Solo-Modus zu versagen.

Vor allem im Koop. Die nicht zoomende Kamera sorgt erst mal häufig genug dafür, dass einer oder sogar beide an irgendwelchen Rändern herumkrebsen, aber damit kann man leben. Damit, dass der Schwierigkeitsgrad sich "nicht sonderlich hoch" auf "Vorkindergartenniveau" absenkt, nicht. Sterbt ihr im Einzelspieler, braucht ihr einen Seelenstein - von denen ihr in der Regel reichlich habt -, um an nahen Punkten weitermachen zu können. Im Koop jedoch muss der überlebende Spieler nur für 5 Sekunden länger dabei bleiben, dann wird der andere wieder zurückgeholt. Keine Strafen, keine Begrenzungen, keine Abzüge. Was zur Hölle? Herausforderung ist nicht optional, das hier ist kein Social-Media-Game, das ist ein fucking Hack´n´Slay, Tod und Niederlage müssen auch zu zweit real möglich sein! Unglaublich. Damit ist dann auch alles, was sonst diese Games reizvoll machen kann - die Taktiken, die Zahlen-Maximierung, alle Feinheiten - hinfällig. Bleibt 5 Sekunden am Leben, ihr könnt gar nicht mehr verlieren.

Die seltsamsten, dämlichsten und schlechtesten (und meist alles auf einmal) Simulatoren Ufo, U-Bahn, Sex, Chirurgie und sogar Simulatoren. Die seltsamsten, dämlichsten und schlechtesten (und meist alles auf einmal) Simulatoren

Realms of Ancient War - Trailer

Außer ihr seid Solo unterwegs und die Seelensteine sind doch mal alle und ihr sterbt. Das kommt vor. Eher selten in den Leveln selbst, aber doch ganz gerne mal bei den Anführern der Gegner-Mobs. Dann versucht RAW das, was im Koop zu einfach ist, wieder rauszuholen und straft euch weit über Gebühr ab. Ihr werdet zurück an den Anfang des Levels gesetzt. Alles, was ihr zuvor in diesem Stage getan habt, zählt nicht. Die Erfahrungspunkte, das Loot, alles weg. Für ein Spiel ohne manuelles Save-Feature ist das schon ganz schön heftig. Man könnte es jetzt "old-school" nennen, aber ich denke, dass "sinnlos zeitraubend" es besser trifft. Selbst Dark Souls ist weniger harsch, wenn man stirbt. Das hier ist schlicht nicht durchdacht.

Hätte ich bei Media Markt R.A.W - Realms of Ancient War auf dem Grabbeltisch für 3 Euro mitgenommen und damit ein armes und armseliges Wochenende bestritten, gäbe es zwei rettende Argumente: 3 Euro und wahrscheinlich 10 Jahre altes Spiel. Hier und jetzt, 15 Euro, 2012 ... niemals. Generisch anschaubar, prinzipiell spielbar, ohne sich die Finger zu brechen, sorry, das reicht in einem so hochkarätig besetzten Genre nun beim besten Willen nicht mehr. Selbst auf der Xbox gibt es andere Sachen. Sacred 2 ist besser und das kostet inzwischen auch nicht mehr, Torchlight ist unendlich besser und ist kaum teurer. Schlecht erzählte und erzählende Spielwelt,Kämpfe ohne Dynamik, Eleganz oder Trefferfeedback, in der Anzeige mangelhafte und inhaltlich dröge Fertigkeitenbäume, ein Koop, der als einer der größeren Witze in die Geschichte spielerischer Herausforderungen eingehen dürfte, ich könnte noch weitermachen. Aber wozu?

Man könnte argumentierten, dass das doch alles nicht so schlimm ist, dass man das doch spielen kann. Ja, ich kann auch Farmville spielen. Geht prinzipiell, Zeit wird verbrannt. Macht es das jetzt besser? So leid es mir tut, insbesondere für ein neues Fantasy-RPG-Franchise, die gibt es weiß Gott selten genug: Wenn wir von R.A.W - Realms of Ancient War nie wieder was hören, werde ich darüber keine Träne vergießen.

Dieser Test gilt für die 360- und PS3-Versionen, die PC-Version von R.A.W. erscheint später.

3 / 10

Unsere Wertungsphilosophie R.A.W.: Realms of Ancient War - Test Martin Woger Halb aus dem Nichts und bitte ganz wieder zurück dahin: Hacken und Slayen, als wäre es 2002. 2012-09-20T13:02:00+02:00 3 10

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