Crimson Dragon - Test

Die Ahnen sind nicht erfreut.

So seltsam es sein mag, dieser kleine Download-Titel (ca. 15 Euro) ist für mich das am schwersten zu bewertende Spiel des gesamten Launch-Line-ups der Xbox One. Das liegt daran, dass ich SEGAs Panzer-Dragoon-Serie viel zu hoch auf ein gewaltiges Podest stelle. Das wiederum ist der Tatsache geschuldet, dass es eines der ersten Spiele war, die ich von einer anderen Next-Gen sah, dem Saturn in den 90ern. Und es war alles, was man sich von einem guten Next-Gen-Launch-Titel erhoffte. Technik, die zuvor schlicht nicht möglich war. Ein mutiges Art-Design. Ein bis heute phänomenal guter Soundtrack und sogar ein gutes Spiel insgesamt. Ein ewiges 'WOW!' in der eigenen Erinnerung. Das wurde zwar nicht noch einmal wiederholt, als Panzer Dragoon Orta für die erste Xbox erschien, aber der Rest funktionierte auch dort nach wie vor.

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Nicht mal ein Boss.

Was genau dabei funktioniert, ist, dass es zwar ein Rail-Shooter ist und immer war, dem Spieler aber genug Kontrolle gab. Ihr konntet den Drachen, auf dem ihr durch mystische Fantasy-Lande rittet, zwar nur sehr begrenzt steuern und sein eigentlicher Weg war fest definiert. Aber ihr konntet das Sichtfeld in 90-Grad-Schritten drehen und alles dort unter Feuer nehmen, was euch seinerseits beballerte. So waren beeindruckende Rundflüge um gewaltige Feinde oder verwinkelte Architektur möglich, ohne zu sehr bei dem Sichtfeld und damit der Flugroute eingeschränkt zu sein. Diese Spiele funktionierten perfekt als Arcade-Titel, weil sowohl Route als auch Feinde genau auf eure Möglichkeiten und Bewaffnung abgestimmt waren. Genauso, wie es in der Bevor-Zeit üblich war, bevor nämlich alles in diesem Genre mit In-Game-Stores und Level-ups verwässert wurde.

Wo ist der Mut zum Design und zur Drehung

So sehr ich das Aufleveln in fast jedem Spiel liebe, so gering meine Abneigung gegen einen fairen In-Game-Shop sonst sein mag, beides hat in dem Genre des klassischen Arcade-Shooters einfach nichts verloren. Diese Spiele leben davon, dass sich jemand, wie auch bei einem Puzzle-Spiel, einen bestimmten, nicht leicht zu meisternden, aber eben genau definierten Weg durch das Spiel ausdachte. Ihr müsst besser werden, um es bis zum Ende durchzustehen. Extrawaffen sind ein Teil dessen und ihr strategischer Einsatz ein wichtiges Spielelement, aber ihre genau austarierte Vergabe ist die Aufgabe des Spieldesigners. Dies sind die Grundregeln des Shoot 'em up - nichts anders ist ein guter Rail-Shooter -, die Crimson Dragon bricht.

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Weder die Unreal-Engine noch die eigentlich Planung in Richtung 360 lassen sich leugnen.

Erst einmal ist mir absolut klar, dass es kein Panzer Dragoon ist, sondern ein eigenes Spiel. Eines, das zufällig den gleichen Director, dazu die Komponistin von damals, Drachenreiter als Charaktere und einen fast identischen Spielablauf sein eigen nennt. Also ja, es ist kein Panzer Dragoon, aber eigentlich fehlt nur der Name. Wo es sich jedoch unterscheidet, wird schon nach fünf Minuten klar, sobald ihr der schrecklichen Handlung folgt. Die dreht sich um einen Planeten, den die Menschen bevölkern wollten. Leider sind hier nicht nur coole, geflügelte Reittiere beheimatet, es bricht auch eine Seuche aus, die einen Großteil der Siedler ausrottet und die heimische Fauna in gefräßige Monster verwandelt. Ich kann nicht behaupten, dass der Tausch der vor Mythen nur so triefenden, fremdartigen und fantastischen Welten aus Dragoon gegen einen Stapel lahmer, bereits zu oft genutzter Scifi-Klischees in Dragon ein guter war.

Zumindest sehen viele der Welten, sprich die Level selbst, größtenteils noch sehr anständig und eben so geheimnisvoll aus, wie es zuvor der Fall war. Nur, dass sie technisch in keiner Weise beeindrucken. Das Spiel muss es sich gefallen lassen, als veraltet bezeichnet zu werden, denn das hier ist eine neue Hardware. Was hier gezeigt wird, könnte dagegen aber auch problemlos auf der Konsole stattfinden, für die es eigentlich geplant war - der Xbox 360. Killer Instinct hat seine Partikel-Wut und seine Details, Zoo Tycoon bietet seine Tiere, Crimson Dragon hat nichts. Das Art-Design verblasst gegen das brillante, fantasievolle Orta, selbst wenn es immer noch interessant genug aussieht, die Details sind dürftig, es beeindruckt einfach nicht. Sicher, es sind nur etwa 15 Euro, aber trotzdem.

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Es gibt immer wieder Momente in denen alte Klasse durchblitzt.

Das an sich ist aber kein so großes Manko, viel schwerer wiegt, dass die Steuerung von Crimson Dragon ein Rückschritt ist. Die zuvor essenziellen 90-Grad-Drehungen des Sichtfeldes gibt es nicht mehr. Vorbeirauschende Feinde könnt ihr also nicht durch Drehung nachverfolgen, sie sind einfach weg. Stattdessen liegt auf den Bumper-Buttons nun eine Rolle, um Schüssen auszuweichen. Um Feinde um euch herum besser im Griff zu haben, gibt es nun den Online-Koop, in dem ihr zu zweit leicht versetzt fliegt oder, sollte kein Freund bereitstehen, diese Rolle von einem KI-Wingman übernommen wird. Letzteren könnt ihr dann vor oder hinter euch postieren, um jeweils dort Feinde unter Feuer zu nehmen.

Shops sind gut. Hier? Nicht so sehr.

Ehrlich gesagt, es ist ein schwacher Trost und ironischerweise steuerten sich die Vorgänger im Geiste sogar besser. Den Drachen mit dem linken Stick über den Screen zu lenken, mit dem Fadenkreuz und dem rechten Stick zu zielen, dabei mit der Rolle den Schüssen auszuweichen und mit dem Trigger auch noch zu feuern, braucht eine lange Eingewöhnungszeit und so richtig warm wurde ich damit bis jetzt nicht. Man gewöhnt sich irgendwann an alles, aber das hier ist schon eine Herausforderung.

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Das ist ein Boss.

Einmal zumindest relativ gemeistert, fällt der Schwierigkeitsgrad zunächst sehr positiv auf. Casual ist nur in den ersten Stages zu einfach und bietet im Anschluss immer noch eine solide Herausforderung. Der normale Härtegrad setzt schon voraus, dass ihr einen Level mehr als einmal gesehen habt, bevor ihr ihn erfolgreich beendet, geschweige denn, das begehrte S-Ranking in Empfang nehmen dürft. Crimson Dragon funktioniert als hartes, aber zumindest weitestgehend faires Ballergame. Manche der Gegnerattacken kommen ein wenig zu schnell, aber auch das lässt sich lernen und das Leben ist schließlich nicht immer fair. Was uns zum In-Game-Shop und das Hochleveln bringt.

Wie gesagt, die grundsätzliche Balance halte ich für relativ gut gelungen. Diese übersteht es auch, dass ihr eurem Drachen für eine Runde einen kleinen Boost verpassen dürft, oder es eine Auswahl an Drachen gibt, die sich in Beweglichkeit, Schussarten und Feuerkraft unterscheiden. Das ist eine nette Abwechslung. Weniger nett ist es, dass man sich nicht mit diesen Dingen über einen Shop mit Echtgeld nach Gusto eindecken kann, sondern, dass man hier auch Kristalle kaufen kann. Mittels eines Kristalls könnt ihr, solltet ihr sterben, sofort in dem Stage weitermachen. Selbst mitten im Bosskampf werdet ihr sofort genau an die Stelle zurückgesetzt, als wäre nie etwas gewesen. Das ist echtes Pay-to-win, denn mit genug Kristallen kann jeder jeden Stage beenden.

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Ohne einen Shop und ohne Aufleveln... ja, es wäre ein besseres Spiel.

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In den ersten zwei Dritteln des Spiels ist das kein so großes Thema, außer man gibt sich keinerlei Mühe, Crimson Dragon zu beherrschen. Dann jedoch beginnt der eh schon nicht so niedrige Schwierigkeitsgrad, hochzufahren und die Versuchung dürfte bei so manchem steigen. Ich bin hier an der Grenze, zu sagen, dass das Spiel, das ihr bereits zum XBLA-Vollpreis gekauft habt, zu bewusst darauf abzielt, noch ein paar Euro extra zu ergattern. Ich hätte weit lieber ein Spiel gesehen, das genau auf die nach dem initialen Kauf gegebenen Möglichkeiten abgestimmt ist und auch seine letzten Stages hart, aber fair ins Rennen bringt. Stattdessen setzt man auf das Hochleveln der Waffen und Drachen und unterbreitet euch regelmäßig das vergiftete Angebot des schnellen und sichern Erfolges. Es ist kein Konzept, das ich häufiger in einem Spiel dieser Art sehen möchte. Eigentlich nie wieder.

Alles in allem ist Crimson Dragon für mich ein bitteres Wiedersehen. So sehr ich mich freute und es in vielen der Level auch immer noch tue, dass ich nun, nach so vielen Jahren, endlich wieder Panzer Dragoon spielen kann - selbst wenn es nur ein Nachfolger im Geiste ist: Es ist nicht, was ich mir erhoffte. Das allein wäre nicht mal so schlimm. Aber die handfesten, belegbaren Mängel - wie die Rückschritte bei der Steuerung, die magere Technik oder die durch das Aufleveln und den In-Game-Shop leicht aus den Fugen geratene Balance der Fairness - trüben das Spielvergnügen weit mehr, als meine vielleicht eher persönliche Enttäuschung über eine uninspirierte Scifi-Geschichte oder das nicht annähernd so gewagte Art-Design. Crimson Dragon ist als Action-Shooter kein Totalausfall, im Gegenteil. Da drin steckt immer noch ein solides Spiel, aber es stolpert immer wieder über sich selbst und irgendwo auch über den großen Namen, den es nun einmal vertritt.

5 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Crimson Dragon - Test Martin Woger Die Ahnen sind nicht erfreut. 2013-11-18T15:00:00+01:00 5 10

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