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Beyerdynamic MMX 300 (2. Generation) - Test

Immer noch Klassenbester!

Die 2. Generation ist immer noch unverwüstlich, immer noch klanglich wundervoll, aber hübscher und eine Idee besser ausgestattet.

Zehn Jahre lang produzierte Beyerdynamic sein Luftfahrt-inspiriertes Gaming-Headset MMX 300 in unveränderter Form. Nicht ohne Grund, galt das robuste und klanglich wahnsinnig souveräne Gerät doch nicht nur uns als Referenz unter den verspielten Schallwandlern (wie ihr auch in unserem ursprünglichen Test des alten MMX 300 nachlesen könnt). Es war ein Kopfhörer ohne größere Eitelkeiten: Überwiegend funktional im Look, aufs Wesentliche reduziert in der Ausstattung und vergleichsweise ehrlich und nüchtern im Klang.

Im Grunde behält Beyerdynamic für das Redesign diese Philosophie bei, alles was ich seinerzeit am Vorläufer schätzte, stimmt auch heute noch. Allerdings ziehen die Heilbronner die zweite Generation in Ausstattung und Verarbeitung noch eine Ecke zeitgemäßer auf. Tatsächlich hat sich sogar beim Klang etwas getan, mit dem Resultat, dass das in dieser Sparte überzeugendste Headset nun auch für die kommenden zehn Jahre gerüstet scheint.

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Wie im Hubschrauber. Und da kommt das Design gewissermaßen auch her.

Der Ersteindruck ist jedenfalls ausgezeichnet, fällt einem beim Öffnen doch ein sehr formschönes Case entgegen, mit dem man den MMX 300 passgenau, edel und sicher durch die Weltgeschichte trägt. Schon der erste kam mit einer Tasche, so nett das war, schien die gestalterisch aber sichtlich aus dem letzten Jahrzehnt. Die neue zeigt schon vom Weiten, dass ihr Träger ernst macht, wenn es um audiophile PC-Hardware geht. Ich bin sehr angetan. Noch mehr allerdings überraschte mich die zweite Dreingabe: ein kürzeres, eingliedriges 3,5 mm Klinkenkabel. Richtig, das Audiokabel, standardmäßig gesplittet in Kopfhörer- und Mikrofonader, ist diesmal abnehmbar, was jedermann freuen wird, der schon mal einen Kabelbruch hatte. Gleichzeitig gewährt das höchste Flexibilität, wenn ihr das MMX 300 an einem Gerät mit nur einer Kombibuchse wie etwa eine PS4 oder Xbox One oder auch mal mobil einsetzen wollt. Dass auch ein vergoldeter Stecker von 6,35 mm auf 3,5 mm mitgeliefert wird, ist bei Beyerdynamic ohnehin Ehrensache.

Die Kabel sind es auch, was als nächstes ins Auge sticht: Nicht ganz drei Hand breit unter der linken Ohrmuschel gibt nun eine Kabelfernbedienung den Türsteher zum Gehörgang, mit analogem Lautstärkerad, Stummschalter fürs Mikro zum Umlegen und einen Hust-Knopf an der Seite, der das Mikrofon für die Dauer des Tastendrucks abstellt oder im Smartphone-Einsatz als Start-Stopp-Taste dient. Das ist nett und zeitgemäß, auch wenn sich Besitzer des Vorgängers mit Anpassungen an ihrem Setup diesbezüglich schon anders geholfen haben dürften. Nicht zu 100 Prozent überzeugend fand ich die Verarbeitung des Kippschalters, das Mikro lässt sich gefühlt einfacher muten als wieder aktivieren. Aber das ist ein Detail, das in der Praxis keinen Unterschied machen dürfte. Es war nur überraschend, weil man hier ansonsten verarbeitungstechnisch für gewöhnlich rein gar nichts auszusetzen hat.

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'Einmal drehen bitte. Danke!'

Und genauso ist es auch für den Rest dieser angenehm nüchtern gestalteten Kannen. Auch wenn es im Grunde das gleiche funktionale Design ist wie zuvor, sagt mir der neue mattschwarze Anstrich deutlich mehr zu als das Carbonfasern imitierende grauschwarze Karomuster des Vorgängers. Die Ohrpolster sind nun standardmäßig nicht mehr aus Kunstleder, sondern aus weichem Mikrofaser und kommen den nachkaufbaren oder von anderen Beyerdynamic Kopfhörern bekannten Velourpolstern recht nahe. Neu ist, dass die Polsterung des Kopfbands nun nicht mehr mit Druckknöpfen am Metallbügel befestigt ist, sondern mit einem feinzahnigen Klettverschluss. Weiterhin seltsam ist, dass die Größenverstellung immer noch nicht wirklich befriedigend stufenweise "einrastet", sondern beim stufenlosen Verstellen Pi-mal-Daumen eher ein bisschen scheuert. Das ginge eleganter, die Funktion beeinträchtigt das in keiner Weise, weil man es nur bemerkt, wenn man daran rumfummelt, was man selten muss, sobald es einmal sitzt.

So gut wie alles hier ist weiterhin abnehmbar und tauschbar, sollte doch mal etwas baufällig sein. Mir ist das bisher nicht passiert. Es hat wie immer ein bisschen etwas von einem Werkzeug, einem Profigerät, das über all die anderen Plastikbomber die Nase rümpft und von 7.1- und Soundeffekt-Kapriolen nichts wissen will, dafür mit Zuverlässigkeit und langem Leben punktet. Die geradezu konservative Auslegung von "Made in Germany". Dazu gehört auch, dass das MMX 300 auch in der zweiten Auflage ein recht schweres Headset ist. Zwar sparte man beim Redesign ein paar Gramm - es blieben 332 Gramm übrig -, aber dieses vorwiegend metallene Arbeitstier packt euren Kopf doch schon recht kräftig und will auch gar nicht, dass ihr es vergesst, wenn ihr es tragt. Es wird jedoch nie zur Belastung, die Passform war zumindest für meine Schädel-Ohrenkombination auch nach Stunden noch absolut angenehm.

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Nahezu alles ist tauschbar. War es damals schon, dass jetzt auch das Kabel ohne Weiteres gewechselt werden kann, ist großartig.

Neben der einmal mehr exzellenten Dämpfung von Umgebungsgeräuschen (der Hersteller spricht 18 Dezibel) ergab unsere Testphase ein unverändert fabelhaftes Klangbild. Die Unterschiede zum Vorgänger halten sich in Grenzen, wenngleich ich das Gefühl habe, dass der Neue eine Idee trockener klingt. Daran, dass der Frequenzbereich am oberen Ende auf 35.000 Hz erhöht wurde, wird's nicht liegen - sowas hört kein Mensch -, aber es sind jetzt auch nicht Welten und schon gar nicht Unterschiede in der Qualität, die hier zu hören sind. Vielleicht sind auch schlicht andere gewählte Materialien schon die Antwort. Die bekannte "Badewanne", bei der die Mitten etwas unter den Höhen und Bässen wegtauchen, ist auch hier auszumachen, allerdings neigt der Beyerdynamic nicht zur Übertreibung, sodass gerade Musikwiedergabe immer noch sehr klar und ausgewogen daherkommt. Wenn er will, lassen einem seine Bässe die Knie schlottern, aber das MMX 300 nimmt dafür nie die Brechstange zur Hand, es ist gezielte, stete Kraft, und nicht etwa Angeberei, die hier den Druck mitbrächte.

Im Praxistest überzeugt er dann auch gleich mit präziser Ortung vereinzelter Soundeffekte, trotz geschlossener Bauform und damit nicht allzu breit aufgestellter Soundstage durchaus raumumfangender Wiedergabe allgemeiner Umgebungsklangteppiche und - wenn er muss - mit markerschütternden Explosionen in Titanfall 2 und Rainbow Six Siege. Und wer einmal mit dem MMX 300 auf dem Schädel durch PUBG's rote Zone gerannt ist, der hat schon die Hölle unter sich aufgehen hören. Gleichermaßen kommen beispielsweise in Hellblade auch verhaltene oder geflüsterte Stimmen scharf umrissen zur Geltung. Am beeindruckendsten ist, wie unkompliziert, unverfälscht und ehrlich er mal wieder klingt. Im Segment der Gaming-Headsets ist das auch in gesalzenen Preisregionen wirklich nicht selbstverständlich.

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Nicht mein Schreibtisch übrigens.

Dass er sich selbst abgesehen von seinem üblichen Badewannen-Bias ordentlich zurücknimmt, sorgt auch dafür, dass ich mit ihm im Grunde auch jeder Art von Musik sehr gerne lausche. LCD Soundsystems wummernde Wuchtbrumme "How do you Sleep?" lamentiert finster pulsierend gut fünf Minuten vor sich hin, bevor sie beginnt, sämtliche Hintern zu treten, die man ihr hinzuhalten wagt. Feine Hi-Hats im Streitgespräch mit zielstrebigen oberen Bässen, die auf dem Weg nach vorn jegliche Luft aus den Muscheln zu drücken scheinen. Selbst als der Song das Tempo anzieht, und Keys, imitierte Streicher und Sphärenklänge unter das treibende Zeremoniell legt, geht nicht eine Nuance unter. Grizzly Bears bauchpinselnde Gitarren und Papa-Bär Basslinie in "Yet Again" legen dem mehrstimmigen Gesang einen warmen Teppich hin, vor dem sich selbst Paul McCartney noch gründlich die Schuhe abtreten würde. Hier auch in den krachigen späteren Phasen absolut transparent reproduziert, sodass auch vereinzelte, langgezogene Gitarrenrückkopplungen problemlos auszumachen sind.

Alvvays' "Dreams Tonite" lädt dann mit seicht leiernden Traumgitarren zum sehnsüchtigen mitdösen ein, beachtlich wie weit der Bass runtergehen darf, ohne Molly Rankins süß-nasales säuseln zu begraben. Und wer's härter mag, bringt die MMX 300 auch mit Deafheavens "Brought to the Water" kaum in Bedrängnis. Wie gesagt: Unverfälscht und ehrlich, aber doch wechselweise kraftvoll und eisig klirrend, wenn es darauf ankommt. Ich würde ihn nicht "analytisch" nennen, aber man merkt schon, dass er im Studiobereich großgeworden ist.

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Über das wunderbar bequem positionierbare Mikro mit seinem bemerkenswert dimensionierten Popschutz habe ich im letzten Test schon viel Lob gelassen, und auch das ist auch hier wieder fällig: Zumindest von den Headsets, die ich bisher ausprobieren durfte, ist es das, das meine bemitleidenswerte Teenager-Stimme am naturgetreusten und klarsten wiedergibt, ohne ein "Grundrauschen" mit aufzuzeichnen oder allzu viele Umgebungsgeräusche an meine Chat-Partner weiterzureichen. Hiermit singt niemand eine Arie ein, aber wenn man sich vor Augen (oder besser "Ohren") hält, welche Telefonmikros anderen Geräten auch in Preisklassen nicht allzu tief unter dieser noch als brauchbare Lösung durchgeht, wundert man sich fast, wenn man mal eins nutzt, das tatsächlich einfängt, wie man klingt. Der einzige Makel hängt mit der Hust-Taste an der Kabelfernbedienung zusammen. Wann immer ich sie betätigte oder losließ, gab es bei meinen Gesprächspartnern ein deutlich hörbares Knacken, das etwas lauter ist, als es sein müsste. Ich hätte es fast nicht bemerkt, weil ich den Knopf nicht benutze und habe es beim Schreiben dieses Artikels schon wieder vergessen. Vernachlässigbarer Schönheitsfehler, der vielleicht mit der nächsten Charge Kabel schon behoben ist.

Nach zehn Jahren am Markt war es wohl so langsam an der Zeit, dem MMX 300 ein neues Gesicht und ein paar zeitgemäße Features zu verpassen. Die Frischzellenkur ist den Ingenieuren absolut gelungen. Die Kabelfernbedienung ist zwar alles andere als perfekt, unterm Strich aber ebenso sinnig wie nützlich. Und die tauschbaren Strippen sind in der Kategorie der Kopfhörer, die auch sonst nicht aussehen, als könnte jeder Sofaunfall der letzte sein, das endgültige Versprechen, dass man hier einen Bund für die Ewigkeit eingeht - wenn man denn möchte. Von zeitgeistigen oder übertrieben Gamer-haften Features sah Beyerdynamic lobenswerter Weise ab. Die Heilbronner wissen, wer sich das hier ins Haus holt, schert sich um Augen- beziehungsweise Ohrenwischerei einen feuchten Kehricht.

Also ja, auch in der zweiten Iteration verteidigt das MMX 300 seinen Titel als Referenz im Bereich der Spiele-Headsets. Robust verarbeitet, klanglich resolut, dynamisch, ohne Allüren, aber kräftig und mit einiger Brillanz gesegnet, ist der Headset-Oberbegriff hier zur Abwechslung mal kein Signalwort für Audiophile, hier doch dringlichst wegzubleiben. Schön.

Hersteller: Beyerdynamic - Kompatibel mit: Allem, was eine Klinkenbuchse hat - Preis: 299 Euro - Erscheint am: erhältlich

Beyerdynamic MMX 300 (2. Generation) - Test Alexander Bohn-Elias Immer noch Klassenbester! 2017-09-15T09:00:00+02:00 5 5
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