MotorStorm

I wanna leave you far behind...

„Noch mehr Fahrzeuge. Noch mehr Strecken." So sagt es das Lehrbuch für Rennspiele, wie es in den letzten Jahren geschrieben wurde. „Die Verbesserung der Physik, Grafik und des Sounds führt zu Pluspunkten in der B-Note." Alles richtig. Und bislang auch erfolgreich. Aber es ist auch ein Rennen, das in eine Sackgasse führt. Nicht zwangsläufig, aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit. Die schöne neue Next-Gen-Welt muss mehr bieten als abgedroschene Zahlen-Prahlerei.

Natürlich ist der Sprung aus dem Hamster-Rad gewagt, aber Evolution Studios macht ihn trotzdem. Das erfordert Mut und Selbstbewusstsein. Und davon scheinen die erfahrenen Engländer jede Menge zu besitzen, denn MotorStorm ist das geworden, was ihm die Wenigsten im Vorfeld zugetraut hätten: Ein Rennspiel, das seinesgleichen sucht. Ebenso reduziert wie intensiv. Racing pur.

Damit ist eigentlich schon alles ausgesprochen. Fehlen nur noch die Details.

MotorStorm verzichtet, wie bei so vielem, auf einen Storymodus. Richtig, es gilt den MotorStorm-Event zu gewinnen, aber das taugt allenfalls als Setting, nicht aber als Geschichte. Für neue Strecken muss man sich qualifizieren oder es müssen Punkte erzielt werden, um sich ein „Ticket" für den nächsten Wettbewerb kaufen zu können. Und mal ehrlich, reicht das nicht auch?

Es zählt das Wesentliche

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Mit den großen Trucks läßt sich alles niederwalzen.

Und der Minimalismus setzt sich zunächst fort. Acht Strecken bietet MotorStorm. Das klingt vergleichsweise lächerlich. Aber nur solange, bis man sie selbst gespielt und erlebt hat. Kaum ein Kurs bringt für eine Runde mehr als zwei Minuten auf die Uhr. Aber alle wurden förmlich mit der Nagelfeile aus dem Sandstein geschnitzt. Es ist der Feinschliff und die Komplexität, die immer wieder neu begeistern. Die Strecken verlaufen zum Teil auf mehreren Ebenen, bieten Abkürzungen und Eigenheiten, die auf spezielle Fahrzeugtypen zugeschnitten sind. So hat es mir tierisch Freude bereitet, mit einem Truck durch einen Stapel Autowracks zu heizen und dabei grinsend zu beobachten, wie verirrte Biker an dem ausgebrannten Schrott kleben bleiben oder spektakulär über eine der Motorhauben abfliegen. Sie hätten besser den höher gelegenen Pfad entlang der Bergkette nehmen sollen.

All das herauszufinden, dauert seine Zeit. Und ob man will oder nicht, man wird es herausfinden. Dafür sorgen spätestens die Gegner, die allesamt mit Bleifuß auf die Welt gekommen sind – und unnachgiebig den Zweikampf suchen, wenn er sich anbietet. Ein ums andere Mal wird man vor einen Felsen geklatscht oder aus der Spur geworfen. Doch hier macht sich ein Gefühl von Freiheit breit, wie ich es noch nicht oft bei Rennspielen bemerken konnte. Von einem Abhang gerutscht oder gedrängt worden, fliegt man kurz durch die Luft – nur um dann auf einem tiefer gelegenen Teilstück zu landen. Mund zu. Drauf auf's Gas. Weiter geht's.

Es zahlt sich natürlich aus, Strecken auswendig zu lernen. Wer aber diese Art von Hausaufgaben schon zu seiner Schulzeit mit Strebertum verbunden hat, wird sich freuen zu hören, dass es auch anders geht: mit Skills!

Angenehme Lernkurve

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Fahrzeuge zerspringen tatsächlich in ihre Einzelteile.

Die Eigenschaften der Fahrzeuge sind so unterschiedlich, dass man gerade zu Beginn – wenn alle Klassen durchexerziert werden – echte Probleme hat, ein Gefühl für das Spiel zu entwickeln. Bei mir hat es sich bewährt, schwerere Vehikel um scharfe Kurven zu wuchten, indem ich mit Vollgas draufhalte, dann eine Vollbremsung hinlege, einlenke und den Booster reinknalle. Funktioniert prima. Bis es auf's Motorrad geht, auf dem wiederum völlig andere Gesetze herrschen. Gleiche Kurve, gleiche Technik. Resultat: Ich steh mit meinem Motorrad plötzlich im Gegenverkehr. Zu stark eingelenkt und den Gewichtsunterschied und damit den Bremsweg unterschätzt.

Aber die Lernkurve ist zum Glück angenehm. Generell braucht man vielleicht jeweils drei bis vier Rennen, um die einzelnen Fahrzeuge gut zu beherrschen. Und nach ein paar Stunden ist auch nur noch die erste Runde holprig, wenn man von einem zum anderen Rennen von einem tonnenschweren Truck auf ein Motorrad umsteigen muss.

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Massenkarambolagen gehören einfach dazu.

Die Strecken sind ausgeklügelt, die Fahrmodelle herausfordernd und die Grafik – zu der wir später noch kommen – sensationell. Das wahrhaft Beste an MotoStorm sind aber die Adrenalin-Kicks. Im Vorfeld wurde oft geschrieben, MotorStorm wäre zu langsam. Schon bei der ersten Runde schwirrten mir diese Aussagen und Zitate durch den Kopf und ich musste lachen. Langsam? Wenn MotorStorm eines nicht ist, dann das. Im Gegenteil: Wäre es auch nur einen Funken schneller, wüsste ich nicht, wie sich die Fahrzeuge überhaupt noch steuern ließen.

Die Hauptrolle spielt auf diesem High-Speed-Trip natürlich der Booster-Button, den man fast durchgängig als zweites Gaspedal benutzt. Fast, weil sich der Motor damit überdrehen lässt. Und das endet in einer sehenswerten, aber dennoch nachteiligen Explosion. Es gibt Passagen, die erzeugen ein Gefühl, wie man es von Autobahnfahrten jenseits der 250km/h-Marke kennt – dieses Ziehen im Bauch. Auf einer der Strecken gibt es eine langgezogene Rechtskurve, die erst leicht bergab und dann wieder bergauf geht. Bei eingesetztem Booster scheint sich der PS-Protz förmlich an der staubigen Fahrbahn festzusaugen, die Umgebung rast vorbei und dennoch muss man mit Fingerspitzengefühl den beweglichen Hindernissen (aka Gegner) ausweichen. Wahnsinn auf Rädern.

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