Titan Quest

Da rappelt's in der Kiste

"Du Jeff, ich hab da mal eine Idee für ein Action-Rollenspiel." "Schieß los, Brian." "Also, wir nehmen ein paar Dämonen..." "Ne, Brian, das Thema hat Hellgate: London schon." "Dann halt Orks und Elfen." "Witzig, Brian." "Wie wäre es mit Minotauren und so? "Mit was bitte, Brian?" "Na, so Viechern aus der griechischen Mythologie." "Ah ja, klingt gut. Okay, nehmen wir." Das ist natürlich kein echter Mitschnitt. Aber so in etwa könnte ich mir das erste Gespräch zu Titan Quest zwischen Lead-Designer und Iron Lore-Chef Brian Sullivan (Age of Empires) und Producer Jeff Goodsill vorstellen. Das würde auch erklären, wieso die Story um den Kampf zwischen Titanen und Göttern so schlecht inszeniert rüberkommt. Jungs, wo bleibt Eure Leidenschaft? Wenn Ihr schon den Hollywood-Autoren Randall Wallace (Pearl Harbor & Braveheart) verpflichtet, dann doch bitte nicht für schnödes NPC-Gebrabbel. Von den fitzelig kleinen Text-Fenstern, die bereits nach ca. sieben Minuten Kopfschmerzen erzeugen, wollen wir gar nicht erst reden. Ich gebe Euch für das nächste Mal einen kleinen Tipp: Z-w-i-s-c-h-e-n-s-e-q-u-e-n-z-e-n!

Individualis-muss!

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Nach 37 (!) Minuten Kampf ist es klar: Das ist keine Hydra, sondern eine Wart-ra!

Welcher Helden-Körper soll es denn sein? Eine sexy Blondine, eine feurige Rothaarige oder doch lieber der muskelbepackte, langhaarige Adonis? Wie wäre es denn mit nichts davon? Kannst Du haben. Vorgefertigte, brünette Pärchen sollen ja auch ganz nett sein. Ein solch vernachlässigter Individualismus ist bei der fulminanten Grafik-Engine allerdings schwer nachvollziehbar. Was Iron Lore hier verpasst, bügeln die Jungs und Mädels jedoch mit einer umfangreichen Charakterentwicklung wieder aus. Ab Stufe zwei darfst Du Dich in einer von acht Meisterschaften austoben. Mit Stufe acht gibt's gleich die zweite oben drauf. Insgesamt 28 Kombinationen sind möglich. In "Natur" verbreitest Du die Seuche, befehligst Wölfe und verwendest Heilsprüche. Mit "Geist" rufst Du einen Leichenkönig an Deine Seite, feuerst Dreifachsalven ab und lutscht die Lebensenergie Deiner Opfer aus. Blitze und Eissplitter jagst Du in "Sturm" in die Meute. Bei "Erde" schießen Vulkane und ein bulliger Kernbewohner aus dem Boden und Flammenwogen durch die Luft. Ist Nahkampf eher Dein Ding, bietet sich "Kriegsführung" mit zwei Waffen und fetziger Wirbelattacke an. (Diablo 2 lässt grüßen). Oder aber "Verteidigung". Hier teilst Du zwar mit Schild und Schwert nicht ganz so viel aus, steckst dafür aber auch deutlich weniger an. Den typischen Dieb mit einer gehörigen Portion Gift am Stecken, mimst Du durch "Gaunerei". Den Schluss bildet "Jagd" mit Fangnetzen, Bogen- und Speerattacken.

Pro Stufe winken drei Fähigkeits- und zwei Attributspunkte. Die Verteilung auf Gesundheit, Energie, Stärke, Geschicklichkeit und Intelligenz erklärt sich von selbst. Bei den Spezialisierungen ist es etwas kniffliger. Jede Meisterschaft umfasst zwanzig ausbaufähige Fertigkeiten. Aktive verleihen Dir Angriffe, passive wirken unterstützend. Beispielsweise mit zusätzlichem Feuerschaden. Die Fertigkeiten bilden eine Baumform (Diablo 2 grüßt erneut) und schalten sich durch einen Spezialisierungsbalken frei. Ein Punkt in den Balken verbessert klassenspezifisch die Werte und gibt Zugriff auf die ersten Kampftechniken. Die kosten wiederum Punkte. Und schon stellt sich die Frage: Lieber auf die nächsten Fähigkeiten hinarbeiten oder bereits vorhandene verstärken? Ein Problem á la "total verskillt, Charakter ab in die Tonne" (Diablo 2? Genau.) existiert in Titan Quest nicht. Jeder Angriff ist einzigartig und besitzt oft eine oder mehrere Erweiterungen. Beispielsweise flitzen die Eissplitter des Sturmrufers mit "Tempo" deutlich schneller. Kommt "Eishagel" hinzu, ist Massenschlachten angesagt. Falls trotzdem mal eine Fertigkeit nicht so prall ist, lungern in einigen Städten Mystiker. Die setzen gegen Bares einzelne Punkte zurück. An der Meisterschaft und dem Balken ist allerdings nicht mehr zu rütteln.

Gruß an die Zensur

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Mit solchen Effekten (und Zaubern) macht es natürlich doppelt so viel Spaß.

Manifestiert sich die schmucke 3D-Spielwiese auf dem Bildschirm, wedelt auch gleich ein NPC am Straßenrand mit einem Auftrag. Sein Gaul wird von wilden Bestien bedroht. Also kurz das Messer gezückt und rein ins Getümmel. Die Viecher sind hinüber, der Bauer glücklich. Und so zieht es sich dann weiter durch das Abenteuer, wenn auch mit schwierigeren Kämpfen. Töte Fiesewicht X, rette Freund Y, besorge Gegenstand Z. Arbeitgeber für Haupt- und Nebenquests stehen in jeder Stadt. Manchmal sogar mitten in der Pampa, wo kein Schwein sie vermutet. Ist ein Job getan, regnet es Erfahrungspunkte. Zusätzlich springen ab und an Ausrüstung, Gold sowie Fähigkeits- und Attributspunkte raus. Im Grunde alles die selbe Leier, wie in Diablo 2, Dungeon Siege und Sacred? Nicht ganz. Zwar laufen die Rangeleien in der zoombaren Isometrie-Ansicht gewohnt klassisch ab - auf das Monster klicken, Spezialangriffe wählen, wenn nötig Heiltrank schlucken. Beißt Du ins Gras, startest Du bei dem zuletzt aktivierten Lebensbrunnen - , aber selten hat Monsterklatschen so viel Spaß gemacht. Durch Einsatz der Physik-Engine fliegen hier gemeuchelte Echsenmenschen durch die Luft, dort die Gebeine eines Skelettes. Da freut man sich gleich auf die nächste Meute. Falls an dieser Stelle einer, der so um unser Wohl bedachten Jugendschützer aufhorcht: Vergessen Sie es. Die deutsche Version ist so steril, wie Ihre Auffassung unseres zukünftigen Landes. Schönen Dank auch.

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