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WET

Verliebt in Rubi

Nicht jeder Titel wird vor dem Release in die Vorschau-Mühle geworfen und anschließend komplett durchgekaut wieder ausgeworfen. Gerade zweimal durfte ich auf den Third-Person-Shooter WET vorab einen Blick werfen. Beide Male die gleichen vier Level mit chinesischen Klongegnern, Steuerungsproblemen und der unfertigen Grafik. Kein Wunder, dass WET trotz seiner netten Ideen einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Einerseits begeisterte die toughe Hauptdarstellerin Rubi durch ihre Kaltschnäuzigkeit, ihr Bewegungsrepertoire und ihren schnoddrigen Humor, andererseits fehlte eindeutig der letzte Schliff, um aus dem Titel einen Hit zu machen.

Es blieben viele Fragen offen: Liefert das Action-orientierte Gameplay genug Abwechslung, um acht bis zehn Stunden zu unterhalten? Wird die Story dem abgedrehten Szenario gerecht? Wie steuern sich die komplexen Bewegungsabläufe und nerven die Quick-Time-Events, die sich durch das gesamte Spiel ziehen? Erst die Vollversion konnte die passenden Antworten, einige negative und positive Überraschungen liefern.

Gleich vorweg ein dickes Lob an Artificial Mind & Movement: WET auf Grind House zu trimmen, war eine erstklassige Idee. Insbesondere die etwas in die Jahre gekommene Technik profitiert von den Grissel-Filtern, Filmriss-Effekten und überdrehten Werbevideos. Die Polygon-Armut einiger Akteure und Objekte fällt so kaum ins Gewicht und sorgt von der ersten Minute an für jede Menge Trash-Atmosphäre. Ein Quantensprung gegenüber der ersten Präsentation.

Anfangs sah alles nach optischem Totalausfall aus, doch dank moderner Effekte, Havok-Physikengine und einem glaubwürdigen Beleuchtungssystem haben die Entwickler das Ruder herum gerissen. Dazu noch ein gelungenes Art Design, schicke Level, skurrile Gestalten, treibende Musik und die richtige Portion Humor, fertig ist ein unkompliziertes Action-Spektakel, das abseits der Optik aber noch immer mit ein paar Problemen zu kämpfen hat.

WET – Trailer

Der wichtigste Kritikpunkt zuerst: Ganze Level basieren auf dem guten, alten Trial & Error-Prinzip. Während Hauptdarstellerin Rubi durch die zum Teil hervorragend designten Level springt, schwingt und gleitet, bedeutet ein Absturz fast immer den sofortigen Tod samt überlanger Nachladesequenz. Den Fensterrahmen verpasst - Nachladen. Zu kurz gesprungen - Nachladen. An der falschen Stelle den Knierutscher eingesetzt - Nachladen. Allein in den Wasser-Leveln wird man von der ca. 14 Sekunden langen Auszeit verschont. Nur hier schwimmt Rubi brav zum Eingang zurück und ihr könnt die komplexen Bewegungsabläufe von neuem beginnen.

Deutlich stimmiger präsentiert sich die Story um die Cleanerin Rubi, die im Auftrag von zwielichtigen Gesellen dreckige Aufträge übernimmt. Sie stiehlt, beschützt und manipuliert. Schlägt dort zu, wo sich sonst keiner hintraut. Kein Wunder also, dass sich die Leder-gekleidete Schönheit mit ihrem Samurai-Schwert und ihren beiden durchschlagkräftigen 45ern bei ihrem oft blutigen Handwerk jede Menge Feinde macht, die ihr im Laufe der Geschichte an den Kragen wollen.

In ihrer Welt wird gelogen, betrogen und hintergangen. Freunde werden zu Feinden und die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Erfrischend anders ist dabei vor allem die Hauptdarstellerin selbst. Sie flucht, mordet und säuft mit einer Selbstverständlichkeit, die sich gewaschen hat. Angetrieben von Gier, Rache und blanker Wut, ist sie der perfekte Gegenentwurf zur aalglatten Lara Croft. Zum Verlieben.

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