F1 2010

Authentisch!

Wenn der Brite Adrian Newey einen neuen Wagen an seinem Zeichenbrett konzipiert, dann ist dieser Bolide meist ein Garant für Siege sowie Meisterschaftstitel. Das hat der Mann mit der modischen Kurzhaarfrisur nicht nur unter anderem bei McLaren Mercedes bewiesen, sondern ist seit 2006 auch maßgeblich für den Erfolg bei Red Bull Racing verantwortlich. Wenn es dann mal doch nicht so rund läuft, wird ihm meistens seine filigrane Handwerksarbeit vorgeworfen. Zwar sind seine Wagen pfeilschnell, lösen sich aber gerne mal von selbst auf. Sebastian Vettel bekam das letzte wie auch diese Saison bereits ein paar Mal zu spüren. Rein symbolisch betrachtet könnte Codemasters' F1 2010 also von Adrian Newey stammen. Ein tolles Rennspiel, aber mit kleinen Schönheitsfehlern.

Zugegeben, ich hatte viele Bedenken gegenüber F1 2010. Nicht unbedingt wegen F1 2009 für Wii und PSP, das von Sumo Digital entwickelt wurde und einfach mal die letztjährige Saison verfremdete, sodass man sich ernsthaft fragen durfte, ob die Entwickler überhaupt Ahnung von der Formel 1 haben. Nein, es waren eher Codemasters' Vorhaben mit der „großen" Version für PS3, Xbox 360 und PC. Spannung, Action, viele Überholmanöver und eine ausgeklügelte Fahrphysik, die sowohl Arcade- wie auch Sim-Racer glücklich machen soll. Ein gewaltiges Vorhaben für ein Team, das zwar den Motorsport liebt, sich aber seit vielen Jahren eher vom Realismus distanziert hat. Und ein weiteres DiRT 2 im F1-Gewand wollte schließlich niemand sehen. Alles Skepsis von gestern! Bereits in den ersten Sekunden wird eines klar: F1 2010 bedeutet, die Formel 1 virtuell zu erleben. Es ist beileibe keine reinrassige Simulation und trotzdem das bisher realistischste Rennspiel von Codemasters.

Das komplette Spiel ist um eure Karriere herum aufgebaut. Zu Beginn werdet ihr von Blitzlichtgewitter und nervigen Reportern bei der traditionellen, internationalen Pressekonferenz begrüßt, beantwortet artig die Multiple-Choice-Fragen und erstellt dabei euer persönliches Profil. Währenddessen verkündet ihr außerdem, für welches Team ihr in der kommenden Saison ins Cockpit steigen werdet. Je nach Länge der eigenen Karriere – drei, fünf oder sieben Jahre – startet ihr in leistungsschwächeren Autos.

Wird etwa die siebenjährige Karriere ausgewählt, müsst ihr euch in einem HRT, Virgin oder Lotus hocharbeiten. Anders als etwa bei den letzten Sony-Ablegern startet ihr dabei nicht als Test-, sondern direkt als Einsatzfahrer. Pro Rennen und Saison gibt es zu erfüllende Ziele, dazu zählt natürlich auch, den eigenen Teamkollegen zu schlagen.

F1 2010 - Nachtrennen

Das Vorhaben, den Fahrer, also euch, in den Fokus zu setzen, funktioniert hervorragend. In F1 2010 fühlt man sich nicht als Name hinter einer Ergebnisliste, sondern als Teil eines ganzen, wenn auch virtuellen Rennteams. Ähnlich wie in DiRT 2 wurde beispielsweise das Hauptmenü direkt ins Fahrerlager gelegt. Es huschen Ingenieure vorbei, euer Teamkollege unterhält sich mit der Presse oder seinen Mechanikern, selbst der Hintergrund wechselt je nach Grand Prix in der Karriere. Passend zum Saisonbeginn in der Wüste von Bahrain stehen die verschleierten Grid Girls neben den künstlichen Palmen der Rennanlage, während man in Monaco das Hochhaus-Panorama genießt.

Das alles ist selbstredend nur atmosphärischer Schnickschnack, wenn denn nicht das Fahrverhalten auf der Strecke stimmt. Und das tut es. Tut euch selbst aber einen gefallen und wählt zumindest die vorletzte Schwierigkeitsstufe (hart), da die beiden anderen Einstellungen den Wagen fast im Autopilot um die 19 Kurse scheuchen. Hart heißt in diesem Falle wirklich hart, da tatsächlich keine der unterstützenden Fahrhilfen aktiv sind, und ihr euren Boliden sicher beherrschen müsst. Wer trotzdem eine leicht aktive Traktionskontrolle oder simples ABS als Unterstützung haben möchte, stellt sich seinen persönlichen Schwierigkeitsgrad einfach selbst ein. Die Gegner-KI dabei auf professionell zu belassen, ist allerdings fast schon ein Muss, da tatsächlich nur so einigermaßen realistische Rennergebnisse möglich sind.

Geht ihr eine Stufe tiefer, fahrt ihr selbst mit dem Lotus um den Rennsieg mit. Der höchste der vier Schwierigkeitsgrade – Experte mit der Gegner-KI auf legendär – ist hingegen für die Lenkrad-Fraktion gedacht. Wer hier erfolgreich sein will, muss nicht nur wissen, was er wie und wo am Setup des Boliden verändern muss, sondern auch die Kurse perfekt beherrschen und gezielt die Kurvenscheitelpunkte erwischen. F1 2010 mutiert dann zwar noch immer nicht zu einem Spiel „für die Krassen", so wie der Kollege Woger gerne die GTR- oder Race-Driver-Raser tituliert, aber dennoch zu einer schweißtreibenden Simulationserfahrung.

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