Dungeon Siege 3

Ein eigenwilliger Mischling

Mein Gott, das Leben ist voller Überraschungen. Zwei Dinge hätte man sicher nicht erwartet, nämlich dass einen die Story in einem Dungeon-Siege-Titel plötzlich zu interessieren beginnt und dass Obsidian ein beinahe bugfreies Spiel abliefert. Aber ja, Wunder, oh Wunder, beide Dinge sind mit Dungeon Siege 3 eingetreten.

Was die Story angeht, muss man immer noch ein wenig im Rahmen der Vorgaben einer Serie bleiben, die kaum für erzählerische Talente berühmt wurde. Es verwunderte schon, dass Obsidian sich dieses Projekts überhaupt annahm, bedenkt man doch, dass genau hier ihre Stärke liegt. Aber doch, spätestens nach dem ersten großen Areal beginnt man sich immer mehr für die Figuren und ihren weiteren Werdegang zu interessieren, freut sich über die durchaus interessanten Entscheidungen, die man von Zeit zu Zeit treffen darf und investiert sich sogar emotional ein wenig. Nicht schlecht für einen Looter, angesiedelt in Generik-Fantasy. Schreiben kann Obsidian, und dass sie das sogar hier unter Beweis stellen, lässt einen ja beinahe hoffen, dass ihnen Dragon Age 3 als Auftragsarbeit zugeschustert wird.

Wobei, insgesamt orientiert man sich schon ein wenig an Dragon Age – und damit an jedem anderen groß angelegten Fantasy-Setting, das es je gab. Oder auch an Star Wars, denn in der aus dem ersten Dungeon Siege nicht unbekannten Welt Ebh geriet alles in Unordnung.

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Die Jedi-Ritter, Verzeihung, Grauen Wächter, 'tschuldigung, die 10. Legion war früher der Beschützer der Unschuldigen und wurde nun vom Imperium, ich meine natürlich dem intriganten Baron, Mist!, ich meine natürlich dem religiösen Eiferer Kassynder zerschlagen, damit er selber herrschen kann. Standardmaterial, aber die Autoren geben den Figuren dieser Geschichte – und zwar in einem gewissen Maße sogar jedem der vier möglichen spielbaren Charaktere – und allen Randepisoden entlang des Weges genug Persönlichkeit und Futter, um das Interesse bis zum gelungenen Ende wachzuhalten.

Das könnte für alle, die ein Diablo erwarten, durchaus ein Problem sein. Es wird viel geredet, an einigen Stellen fast mehr, als gekämpft wird. Wer einfach in den Flow aus Mashing und Looting kommen will, könnte genervt sein, dass schon wieder irgendwas Weltbewegendes passiert. Die reine Spielzeit liegt dagegen wieder für beide Genres im unteren Bereich. Etwa 15 Stunden, nur wenige mehr, wenn man wirklich alle Nebenquests mitnimmt, das ist nicht so wahnsinnig viel. Der Wiederspielwert durch vier verschiedene Figuren ist da, selbst wenn ihre Geschichten sich eher in Details als im großen Ablauf ändern. Trotzdem, ein wenig mehr hätte es sein dürfen.

Im Gegenzug hat man bei den Arealen nie den Eindruck, dass hier irgendeine Art von Copy-Paste-Job zelebriert wurde und man einfach die Dungeons recycelt, bis es nicht mehr ging. Ernsthaft Obsidian, sucht doch mal die Adresse eines Publishers namens Electronic Arts, die haben da so ein Franchise, vielleicht lässt sich da was machen... Ganz ohne Backtracking geht es aber wohl nicht und so legt ihr manchen Weg in beide Richtungen zurück. Wiederum könnte das ein Problem der Herangehensweise und der Einordnung des Genres werden. Wer wissen will, wie die Geschichte weitergeht, wird erwartungsvoller zurücksprinten, der reine Slash-Looter ärgert sich über die für ihn viel zu wenigen Alibi-Monster-Encounters auf dem Rückweg. Eine Frage der Perspektive, wie so oft.

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