Birds of Steel - Test

Ein Flugsimulator. Aus Russland. Auf Konsolen. Trotzdem. Gebt ihm eine Chance

Hiermit erkläre ich Gaijin Entertainment zum seltsamsten russischen Studio überhaupt. Aus einem Land, in dem gefühlte 102 Prozent aller Produktionen für den PC erscheinen, bringen sie einen Flugsimulator ausschließlich für Konsolen heraus. Das ist in sich selbst schon ein doppeltes Kuriosum. Aber lasst uns noch einen draufsetzen: Das Ding ist gut. Richtig gut. Sogar noch ein wenig besser, als es vor einiger Zeit ihr Vorgänger IL-2 Sturmovik: Birds of Prey war, bisher die wenig beachtete Referenz in Sachen Flugsimulation auf Konsolen. Weil das so selten und seltsam ist, wie es sich beim Tippen anfühlt, gehörte das schon eher in die Kategorie Geheimtipp und daran wird sich mit Birds of Steel nichts ändern.

Für diese Runde sind es nicht mehr die Klippen von Dover, sondern die Pazifikinseln, um die die US- und die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg kämpften. Dahinter hat sich vieles aus Birds of Prey erhalten. Nutzt ihr das einfachste der drei Flugmodelle, spielt es sich sogar praktisch gleich. Alles andere als realistisch, aber sehr arcadig-unterhaltsam. Nicht zu simpel, kein Ballerspiel, aber etwas, an das sich jeder Pad-Spieler schnell gewöhnt. Abstürze sind selten, die gegnerische KI gibt euch eine gesunde Herausforderung und die Missionen sind auch nicht ohne. Schon gleich zum Start in das Geschützfeuer von Pearl Harbor abzutauchen, verdeutlicht, dass zwar die meisten, aber nicht alle japanischen Piloten den Rückweg antraten. Aber nicht so schlimm. Werdet ihr abgeschossen, springt ihr automatisch in ein anderes Flugzeug eurer Vierer-Schwadron. Sofern die denn nicht schon zuvor euer Schicksal teilten. Eine "Piloten"-Karriere gibt es nicht, ihr sammelt jedoch Punkte, um neue Flugzeugtypen freizuschalten.

Zwei Kampagnen sind es auf beiden Seiten des Konflikts mit deren je zehn Missionen ihr jeweils etwa vier bis fünf Stunden zubringen werdet. Die wichtigen Schlachten - Wake Island, Midway - werden besucht, die Inseln sehen für mich als Nicht-Militärhistoriker zwar alle etwas ähnlich aus, aber sie werden schon realistisch genug sein. Zu viel optische Schönheit am Boden dürft ihr jedoch nicht erwarten. Seit Birds of Prey scheint sich dieser Teil der Engine nicht weiterentwickelt zu haben und es müssen Blockhäuschen und simple Schiffsmodelle als Bodenziele ausreichen. In den Flugzeugmodellen zeigt sich weit mehr Liebe, vor allem insoweit, als dass es keine fabrikneuen Mühlen sind, sondern welche, die schon glaubwürdige Ecken, Kanten und Dellen haben. Dreck ist an dieser Stelle ein Zeichen von Qualität und hier wird nachgeholt, was am Boden versäumt wurde.

Während ihr mit dem einfachsten Steuerungsmodell die Tutorials weitestgehend sausen lassen könnt, solltet ihr schon mit dem zweiten der drei Modelle ein paar Trainingsrunden einlegen. Die Maschine reagiert zickiger, gerät leichter mal außer Kontrolle und der Nachbrenner lässt das Öl im Motor schnell kochen, was den Gewinn des kurzen Überdrehens im Nu zunichte macht. Könner und Ambitionierte schalten auf "realistisch" und werfen das Pad in die Ecke. Hier ist es mit Gas, Bremse und Ballern nicht mehr getan. Ihr braucht Gefühl für das Flugzeug, das euch nur ein echter Analog-Stick geben kann. Die Empfehlung des Hauses und der einzige Stick, den ich auf die Schnelle organisieren konnte: Der Saitek Cyborg F.L.Y.9. funktioniert wunderbar und erleichtert die Handhabung ungemein, denn plötzlich sind Doppelbelegungen auf Padtasten und ähnliche Hindernisse verschwunden. Wenn ihr hier ambitioniert seid, braucht ihr einen Flight-Stick. Bleibt ihr auf der Action- oder Halb-Realismus-Seite, funktioniert das Pad wunderbar. Es ist durchaus eine echte Leistung des Spiels, dass beide Seiten und sogar ein Mittelweg so kompetent bedient werden.

Der Fan von Realismus wird mit Red- und Blackouts belohnt, dreht er die Kurven zu eng. Unachtsame Manöver werden praktisch sofort mit einer Stall-Todesspirale gen Boden quittiert, Munition und Benzin sind begrenzt und wer die extrem anspruchsvollen Landungen zum Nachfüllen während einer Mission verhindern will, muss haushalten können. Und selbst ein gelungener Start ist danach nichts, was einem geschenkt wird. Ich habe selbst nie so ein Flugzeug gesteuert, aber - auch im Vergleich zu ähnlichen Simulationen - fühlt sich das alles genau so an, wie es muss. Nur weil es auf der Konsole läuft, heißt das nicht, dass hier große Kompromisse eingegangen wurden.

Die KI der Gegner legt auf den realistischen Steuerungsgraden nur marginal zu und leistete sich nur wenige Aussetzer, wenn es darum geht, euch in Bedrängnis zu halten. Wenn man das doch auch nur über die eigenen Mitflieger sagen könnte... Kaum eine Mission, wo sich nicht mal einer mit einem Stall aus dem Gefecht kurz verabschiedete oder - fand dieses zu nah am Boden statt - sich in den Acker drehte. Einer von vier kracht auch schon mal gerne zu grob auf die Landebahn oder - besonders beliebt - mit Schwung in das Heck des Flugzeugträgers. Spielt lieber online, wenn ihr Freunde braucht, auf die man sich halbwegs verlassen kann. Genug Optionen für Online-Piloten sind vorhanden. Jede Mission der Kampagnen lässt sich zu viert bestreiten, einzelne Großgefechte werden mit bis zu 16 Spielern ausgetragen. Lags waren nicht nennenswert zu verzeichnen, Verbindungsprobleme ebenfalls Fehlanzeige, dies ist ein Spiel, das sich ohne Reue online genießen lässt.

Birds of Steel - Trailer

Jenseits der Kampagne und im übergreifenden Feld von Solo- und Multi-Modus findet sich weiterer Umfang, der schlicht erstaunt. Fast 100 Flugzeuge, alle so hübsch modelliert und mit den richtigen Cockpits ausgestattet, finden sich für die Einzel-Missionen, die auch Schlachten jenseits des Pazifik bieten. Mit deutschen Jet-Experimenten oder englischen Doppeldeckern könnt ihr Malta, das Ruhrgebiert oder den nördlichen Kaukasus unsicher machen. Es ist eine wahre Schatztruhe, die sich hier besonders für endlose Multiplayer-Runden öffnet.

Was dieses Spiel genau soll, weiß ich allerdings nicht, so großartig es letztlich ist. Warum gibt es hier keine PC-Version? Die Zielgruppe dürfte größer sein, die Hardware nicht nur reichhaltiger, sondern auch verfügbarer und die nicht sonderlich hübschen Bodenflächen hätte man da vielleicht auch noch mal anders gestalten können. So ist es eine Frage, ob ihr einen Joystick für die Konsole habt. Wenn ja, dann welch Freude. Eine echte Simulation - X-Planes-Fans rümpfen immer noch die Nase, aber das hier ist trotzdem schon sehr ordentlich - mit einem gewaltigen Ressort an Maschinen und Szenarios, dazu Koop-Kampagne und viel Multiplayer-Freude. Seid ihr nur mit einem Pad unterwegs, kann man hier aber auch viel herausholen. An der guten Pseudo-Sim-Baller-Action, die Birds of Steel bieten kann, gibt es nicht viel auszusetzen, man darf halt nur nicht erwarten, die Sim-Modi richtig auskosten zu können. Dazu kommt noch ein sehr moderater Preis um 25 Euro, da kann man schon mal derartigen Verzicht mit einplanen. Ein bisschen hässlich zuweilen, ein bisschen dämlich die KI-Kompagnons und selbst wenn ich seine Bestimmung nicht so ganz ausmachen kann: Gebt diesem eher unwahrscheinlichem Simulator eine Chance.

8 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Birds of Steel - Test Martin Woger Ein Flugsimulator. Aus Russland. Auf Konsolen. Trotzdem. Gebt ihm eine Chance 2012-03-28T12:00:00+02:00 8 10

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