SimCity - Test

Murks passiert, wenn Bürger täglich umziehen müssen und sieben Bonsais einen Mammutbaum ersetzen.

Ihr baut bereits Städte? Dann schaut doch in unsere Sim City Tipps.

Was muss das für ein entsetzliches Leben sein, das die Beckmanns in ihrem kleinen roten Wohnwagen am östlichen Stadtrand fristen? Oh, natürlich - sie haben Solarzellen auf dem Dach, die Schulbushaltestelle liegt direkt vor der Tür und in die Innenstadt ist es nicht weit. Die Mieten sind niedrig, der Müll wird pünktlich abgeholt und frisches Wasser fließt Tag und Nacht aus der Leitung. Trotzdem kann es der Großfamilie nicht gut gehen: Mehr als 35 Erwachsene und Kinder leben in dem Wohnmobil, zusammengepfercht auf grob 15 Quadratmetern. Und alle sind sie arbeitslos. Ein Albtraum. Schlimmer als in jeder Scripted-Reality-Show oder chinesischen Arbeitersiedlung dürfte es da zugehen.

Ich muss es wissen: Ich habe 24 simulierte Stunden vor dem Domizil der Beckmanns verbracht und sie beobachtet, wie einer nach dem anderen den Wohnwagen in Richtung Innenstadt verließ - alle auf der Suche nach Lohn und Brot. Gernot, Adelbert, Jolanta, Sieghard, Karl-Josef, German, Herta, Heinz-Peter, Hans-Dieter, Knut, Emilie, Ferenc, Kianna, Anna-Maria, Mirko, Bartholomäus, Hans-Karl, Siegmar, Heidemarie, Lisbeth, Kreszenz, Resi, Berend, Wolf-Rüdiger, Thaddäus, Björn, Fatma und Christina Beckmann. Sie alle trotteten im Laufe des Tages aus dem Wohnwagen, doch keiner kehrte wieder. Das Gleiche gilt für die Kinder der Familie, die morgens um sechs in den Schulbus stiegen (wenn auch nicht alle an der Haltestelle vor der Haustür): Anka, Else, Rosi, Gudrun, Julia, Jane und Felicitas fuhren zum Unterricht und wurden nie wieder gesehen. Karl-Georg Beckmann ging zu Fuß zur Schule. Auch er verschwand spurlos. Ich mache mir Sorgen. Eine Mega-Großfamilie vom Erdboden verschluckt und die Polizei unternimmt nichts. Das kann ich nicht mit ansehen. Während weitere Beckmanns aus dem Wohnwagen einer ungewissen Zukunft entgegen wandern, wende ich mich kopfschüttelnd ab.

Erst pfui, dann hui, dann wieder pfui

SimCity hatte und hat viele Probleme. Der Release wurde durch extreme Server-Engpässe zu einem PR-Desaster und spülte reichlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker von Onlinezwang und rigiden DRM-Maßnahmen. Ich selbst verbrachte viele frustrierte Stunden vor dem Schirm, bevor ich meine erste Stadt bauen durfte - und wurde auch in der Folge noch lange Zeit durch Verbindungs-Abbrüche geplagt. Jetzt, eine Woche nach Release, haben sich die Server-Probleme zwar einigermaßen gelegt, doch das letzte Kapitel zu der Affäre ist noch lange nicht geschrieben. Gerade erst hat ein anonymer Tippgeber aus Entwicklerkreisen den Kollegen bei Rock, Paper, Shotgun gesteckt, dass die Serververbindung (entgegen der offiziellen Statements von EA und Maxis) gar nicht zum Spielen, sondern nur für die Social-Features gebraucht werde, und ein Offline-Modus technisch machbar sei.

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Eine von 35 Beckmanns, die binnen 24 Stunden aus dem roten Wohnwagen kam und nie wiederkehrte.

Etwas Ähnliches dachte ich mir bereits, denn im Selbstversuch lief SimCity munter weiter, obwohl ich mein Netzwerkkabel gezogen hatte. Erst wenn man Origin manuell in den "Offline-Modus" schaltet, fliegt man aus dem Spiel. Das rückt EAs und Maxis' vorgebrachte Gründe für den Onlinezwang in ein anderes Licht, sollten sich die Aussagen bestätigen.

Doch Server hin, DRM-Desaster her, SimCity könnte sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, wie einst Freiherr von Münchhausen, wenn es denn nur spielerisch überzeugen würde. Und genau hier hapert es gewaltig - vor allem auf lange Sicht verliert das Spiel seinen Reiz. Anfangs ist man von der charmanten Grafik bezaubert und staunt ob der liebevollen Details bei höchster Zoomstufe, freut sich über die schnellen Erfolge dank des einsteigerfreundlichen Schwierigkeitsgrads und der zahlreichen Vereinfachungen, zum Beispiel bei der Wasser- und Stromversorgung. Ich finde es außerdem auch nach Stunden noch faszinierend, durch die Stadt zu fliegen und die Gebäude und Bewohner aus allen Blickwinkeln in Augenschein zu nehmen - der Grafikstil wirkt zwar etwas künstlich, doch das tut dem optisch positiven Eindruck keinen Abbruch. Vielmehr weckt es Assoziationen zu den detailverliebten Modellen des Miniatur Wunderland Hamburg.

Doch sobald man sich an der Grafik sattgesehen hat, verkehrt sich der positive Eindruck ins Gegenteil - zu gravierend sind die Mängel, die zutage treten. Ironischerweise werden die Unzulänglichkeiten der Glassbox-Engine umso offensichtlicher, je länger man die Sims aus der Nähe beobachtet. Dabei ist Maxis auf deren individuelle Simulation besonders stolz. Leider halten die Entwickler weit weniger, als sie versprechen. Die wundersame Vermehrung der Familie Beckmann ist nur ein besonders skurriles Beispiel.

Ja, wo laufen sie denn? Wo laufen sie denn hin?

Die Wegfindung ist derzeit eines der gravierendsten Probleme von SimCity. Es gibt auf Youtube diverse Videos, in denen die mangelhafte KI demonstriert wird. Ich habe selbst ein bisschen mit der Straßenführung herumgespielt, und kann bestätigen: Fahrzeuge, Sims, Abwässer und alle anderen simulierten Einheiten suchen sich entlang der Straßen immer den vermeintlich kürzesten Weg. Vor die Wahl gestellt, zwängen sich Hunderte Autos lieber über einen Feldweg, anstatt die sechsspurige Autobahn daneben zu benutzen, nur weil diese ein paar Meter länger ist. So erklären sich die Schwierigkeiten bei der Verkehrsplanung und die unzähligen Staus, über die viele Spieler klagen.

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Wetten, dass alle Autos über den Feldweg fahren, weil die Autobahn ein paar Meter länger ist?

Besonders nervig: Feuerwehr, Polizei und Krankenwägen werden trotz Blaulicht und Sirene nicht durchgelassen, halten an roten Ampeln, fahren meist im Pulk zum nächstgelegenen Einsatzort und ignorieren dabei die Brände, Verbrechen und Verletzten unterwegs. Schulbusse kreisen zwei Stunden im Kreis herum, weil sie noch einen einzigen freien Platz haben, und liefern sich Wettrennen mit anderen Bussen, die ihre freien Plätze füllen müssen. Bis so ein Vehikel voll ist, kann es in Einzelfällen sogar Mittag werden - im wahren Leben hätten erboste Eltern die Fahrer vermutlich längst gelyncht. Der öffentliche Nahverkehr hilft auch nicht zuverlässig bei der Bewältigung von Staus - da ihr keinen Einfluss auf die Routen oder Zeiten habt, seid ihr ganz der eigenwilligen KI ausgeliefert.

Richtig gestaunt habe ich allerdings, als ich statt Fahrzeugen einzelnen Sims während des Tages folgte - darauf gebracht hatten mich Hinweise in den offiziellen Foren von EA. Meine Beobachtung: Ein Sim, der morgens das Haus verlässt, ist stets arbeitslos (siehe die Beckmanns). Er läuft oder fährt dann im Rudel mit anderen Sims zum nächsten freien Arbeitsplatz und verschwindet dort. Am Abend strömen wiederum Dutzende Sims aus dem Gebäude und suchen sich - festhalten - einfach die nächste freie Wohnung zum Übernachten. Das dürfte der Grund sein, weshalb alle Angehörigen der Beckmanns scheinbar vom Erdboden verschwanden. Tja, zumindest muss ich keine Suchanzeigen aufgeben. Die Beckmanns wurden ein Opfer des allumfassenden "Reise-nach-Jerusalem-Prinzips". Eine schöne "Simulation" einzelner Individuen ist das - durch diese Mechanik wirkt das Verhalten der Bevölkerung weniger realistisch als beim statistischen Ansatz früherer SimCity-Teile, in denen die Zahlenwerte hinter den Kulissen über die dargestellten Animationen und Grafiken entschied. Das Feature, einzelnen Sims zu folgen, kann man jedenfalls in die Tonne kloppen.

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Dreizehn Polizeiautos stehen im Stau und ein Verbrecher läuft frei herum, dank miserabler Wegfindungs-KI.

Darüber hinaus gibt es noch einige andere Macken, die mich an SimCity aktuell stören. Die automatischen Platzierungshilfen der Straßen und diversen Spezialgebäude sind bisweilen arg frickelig, sodass ich schon oft Straßen planieren und neu setzen musste. Die Berater drücken sich unpräzise aus oder melden sich zu spät. Es gibt Ungereimtheiten bei den Statistiken zum Verhältnis zwischen arbeitender Bevölkerung und gesamter Einwohnerzahl (Tausende Bürger fallen aktuell unter den Tisch, sobald man die Zahlen aufrechnet). Die Einwohner beklagen sich über Probleme, die eigentlich längst gelöst sein sollten - die Demos vor dem Rathaus reißen nicht ab.

SimCity, es mangelt Dir an Größe!

Fans der Reihe könnten sich auf solche Unzulänglichkeiten sicher im Laufe der Zeit einstellen - irgendwann steigt man hinter die Spielmechanik und entwickelt entsprechende Gegen-Strategien, selbst wenn diese den gesunden Menschenverstand gegen den Strich bürsten. Als zweischneidiges Schwert entpuppt sich spätestens dann aber Maxis' Abkehr von der klassischen Mega-Metropole, hin zum Städte-Netzwerk mit Winz-Käffern.

Acht Regionen gibt es zur Auswahl, mit jeweils drei bis 16 Stadt-Bauplätzen inklusive mehrerer Großprojekte. Maximal sieben Städte sind dabei immer direkt vernetzt durch Straßen, Schienen oder den Seeweg. Die Gebiete sind klein, verglichen mit den Arealen der Vorgänger. Die gesamte Fläche binnen anderthalb Stunden zuzubauen ist keine Kunst - sofern die Finanzen mitspielen. Danach schaut ihr eurer Stadt beim Wachsen zu, trimmt sie wie einen Bonsai hier und dort, planiert, optimiert und fein justiert, so weit es die Engine zulässt. Doch welcher SimCity-Fan alter Schule will schon auf Dauer einen Bonsai stutzen, wenn er Mammutbäume gewohnt ist? Die offizielle Begründung, dass die Simulation größerer Gebiete zu viel Leistung beanspruchen würde, ist nicht gerade befriedigend. Vor allem verbietet sich wegen der eng gefassten Stadtgrenzen eine allzu kreative Straßenführung, sprich: Kurven sind weniger effizient als eine Gitterstruktur und jeder Quadratmeter kostbar, also zieht man die Straßen stur mit dem Lineal.

Vor allem verbietet sich wegen der eng gefassten Stadtgrenzen eine allzu kreative Straßenführung, sprich: Kurven sind weniger effizient als eine Gitterstruktur und jeder Quadratmeter kostbar.

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Statistik-Preisfrage: Was machen die 39.663 Bürger, die nicht arbeiten?

Will man als Bürgermeister groß rauskommen, muss man entweder mit anderen Spielern zusammenarbeiten oder selbst die Nachbarstädte kontrollieren. Bei Letzterem fand ich es allerdings schade, dass die Städte, sobald man sie verlässt, in Stasis versetzt werden - die Uhr hält an und nichts entwickelt sich weiter. So muss man ständig zwischen den Speicherständen hin- und herwechseln, was auf Dauer selbst den geduldigsten Bürgermeister in die Pension treibt. Auch wenn SimCity durch das Management mehrerer Städte an Komplexität gewinnt, dürfte es für Veteranen immer noch zu wenig sein. Mir jedenfalls fehlte die Stadtplanung aus einem Guss, der man sich auf einer einzigen, großen Karte hingeben konnte. Der neue Ansatz ist mir schlicht zu zerstückelt, um auf Dauer als Einzelkämpfer Spaß zu machen. Außerdem zweifle ich sowieso daran, dass Maxis' große Vision des neuen SimCity im Pseudo-Multitasking gelegen haben dürfte. Eher geht es um das koordinierte Gruppenspiel. Und hier hat der Titel durchaus seine Reize, sofern gelegentliche Server-Lags einem keinen Strich durch die Rechnung machen und alles reibungslos funktioniert.

Sich abzusprechen, gemeinsam die Ausrichtung einer Region zu planen, Spezialisierungen wie High-Tech-Fabriken, Bergwerke oder Sehenswürdigkeiten untereinander aufzuteilen, mit diversen Gütern zu handeln und Großprojekte zu stemmen, ist definitiv ein Highlight des neuen SimCity. Dass man beim gemeinsamen Bürgermeistern seinen Kollegen aktiv durch Kasino-Mafiosi, Fabriken-Qualm oder andere Einflüsse schaden kann, stellt selbst stabile Freundschaften auf harte Belastungsproben. Wer will schon die Stadt neben Las Vegas regieren, in der sich die Kriminellen nach ihren Glücksspiel-Eskapaden austoben? Gerade das verleiht dem Ganzen aber auch einiges an Würze - es geht halt nicht immer harmonisch zu im Alltag eines Bürgermeisters.

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Die Riesenechse mit Feueratem erinnert eher an Spore als an Godzilla.

Stichwort Harmoniebedürfnis: Ein Punkt, den ich im Nachhinein etwas vermisse, ist die mutwillige Zerstörung meiner Städte ohne Reue. Da die Speicherstände auf dem Server abgelegt werden, kann ich meine Werke nicht beliebig wiederherstellen und der Klick auf den Button für Riesenechsen oder Tornados fällt mir daher nicht ganz so leicht. Ja, es gibt den Sandbox-Modus mit freigeschalteten Gebäuden und einigen Cheats, aber trotzdem habe ich nicht jedes Mal Lust, eine Stadt aus dem Boden zu stampfen, um meiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Das ist allerdings ein Klacks, im Vergleich zu den restlichen Kritikpunkten.

Fassen wir also zusammen: Präsentation in Ordnung, Mehrspieler-Konzept Geschmackssache, technische Umsetzung mangelhaft, Kartengröße zu klein und dazu gesellen sich noch gelegentliche Probleme mit den Servern und die DRM-Kontroverse - insgesamt hinterlässt SimCity keinen guten Eindruck. Maxis hätte nicht der Versuchung erliegen sollen, die Marke auf Teufel komm raus zu "Facebookisieren". Besser wäre gewesen, zusätzlich zu der Gruppenspiel-Funktion noch einen klassischen Einzelspieler-Modus anzubieten, um die Bürgermeister-Veteranen der alten Schule zufriedenzustellen. Doch das fällt eher in die Kategorie 'Geschmacksfrage'. Was hingegen gar nicht geht, sind die diversen Mängel und Bugs bei der Spielmechanik. Da muss Maxis die Ärmel gewaltig hochkrempeln - mit ein, zwei Patches werden derart grundlegende Probleme, wie die Wegfindung der KI, vermutlich nicht zu beheben sein. Vielleicht schaffen es die Entwickler in den nächsten Monaten, die Kohlen doch noch aus dem Feuer zu fischen. Als Fan drücke ich ihnen die Daumen. Doch auf dem derzeitigen Stand ist SimCity eine echte Enttäuschung.

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Unsere Wertungsphilosophie SimCity - Test Frank Erik Walter Murks passiert, wenn Bürger täglich umziehen müssen und sieben Bonsais einen Mammutbaum ersetzen. 2013-03-14T10:00:00+01:00 4 10

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