Terraria - Test (Xbox 360)

Wenn ihr es sucht, werdet ihr es vielleicht findet. Wenn ihr es baut, werden sie sicher kommen.

Machen wir es kurz: Es ist Minecraft in 2D.

Das klingt jetzt erst mal wie eine Einschränkung, schließlich ist 2 weniger als 3 und Minecraft läuft nun mal in 3D und ganz fair ist der Vergleich auch nicht. Für Minecraft. Dieses punktet mit der Unendlichkeit seiner Welt, seinen eigenen Geheimnissen, die aus Mysterien entstehen, die ihren Ursprung in der Vorstellungskraft des Spielers und offenbar auch oft genug des Beobachters haben. Minecraft ist bis heute zu einem gewissen Grad ein nicht ganz entschlüsseltes Enigma. Es übersteigt die Summe seiner Teile so weit, dass man ob des Staunens wie vor Pyramiden steht. Diesen Effekt hat Terraria nicht.

Was sucht ihr? Ich meine: wirklich?

Es ist aber ein Abstieg in die Abgründe des Forscher-Daseins. Es stellt euch irgendwann vor die Frage, was ihr eigentlich sucht. Sicher, das Spiel verspricht euch etwas, aber das klingt jetzt nicht sonderlich spannend. Terraria, wie auch Minecraft, sind Spiele, in denen man irgendwann eine eiserne Beständigkeit entwickelt. Einen Ehrgeiz, den man an sich vielleicht nicht kannte, einer eigentümlichen Bestimmung folgend auf der Jagd nach … was eigentlich? Warum nicht den Sinn des Lebens? Es spielt keine Rolle, weil ihr nie wirklich etwas finden werdet. Ein Ende der Bemühungen, aber wenn der Weg irgendwo das Ziel ist, dann in diesen Spielen und wie Fitzcarraldo werdet ihr euer Schiff über einen Berg ziehen. Er nur einmal. Ihr immer wieder.

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Es wird mit der Zeit scheinbar leichter, die Ausrüstung besser. Euer Schutz in der Nacht ausgefeilt, die Monster können euch nicht mehr erreichen, das Selbstbewusstsein steigt, aber genauso steigt auch die Hybris, dieser Sisyphusarbeit einen Lohn abzutrotzen, ein echtes Vorankommen, ein Gefühl ein Ziel zu erreichen. Bis ihr versteht, dass ihr im Erdreich unter Terraria nach nichts sucht, was ein Spieleentwickler euch geben könnte. Ihr sucht nach euch selbst, es ist eine innere Einkehr in die eigene Bestimmtheit, die Entschlossenheit und den schieren Willen, das nicht Erreichbare zu erreichen. Weil es einfach nichts zu erreichen gibt. Nur alles.

Ich versuche die Faszination, die ich für Terraria oder Minecraft empfinde, in einfache Worte zu fassen, aber es lässt sich nicht in normalen Spielbegriffen fassen, das Bedürfnis, diese Spiele zu spielen, entsteht aus etwas weit Grundlegenderem. Es ist eine Mischung aus dem Wunsch die Nacht zu überleben und zu sehen, was hinter dem nächsten Hügel liegt. Diese zwei Triebe sind stark ausgeprägt bei vielen Menschen.

Crafte, als gäbe es kein Morgen. Was es auch nicht gibt, wenn ihr nicht craftet.

Der Erste sorgt dafür, dass ihr aus den Möglichkeiten, die ihr habt, eine Höhle zimmert. Holz, Stein, es ist ein wenig einfacher und übersichtlicher in Terraria als in Minecraft, und wenn die Nacht am dunkelsten ist, dann hockt ihr glücklich und zufrieden in der kleine Höhle, die ihr euch auch mit dem Xbox-Pad recht zielsicher durch eine semiautomatische Platzierung der einzelnen Baustoffe gezimmert habt. Diese Werke können eine erstaunliche Komplexität erreichen, aber Terraria ist noch weniger statisch, als es Minecraft ist. Zumindest für mich.

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Wenn Du es baust, werden sie kommen.

Während ich dort auch zufrieden bin, für ein paar Stunden an meiner Super-Festung zu schrauben, will ich in Terraria noch weiter. Und so baue ich eine simple, kurze Brücke über einen See. Dahinter wuseln jedoch eine paar fiese Insekten in einer Grube vor sich hin. Ein bisschen hüpfen können die auch noch, also besser weiter nach oben gebaut. Wenn man schon mal auf dem Weg ist, warum nicht eine Treppe in den Himmel bauen? Zuerst, weil es geht, dann, weil man weiß, dass es dort Dungeons gibt. Die immer neu generierten und sich im Laufe des Spiels immer neu generierenden Welten enden nicht. Sie setzen euch immer vor tiefe unterirdische Komplexe, die in ihren morianischen Ausmaßen jeden Gelegenheitsspieler schlicht erschlagen müssen, oder führen euch in die Himmel auf fliegende Inseln.

Ihr wollt weiter. Ihr wollt sehen, was hinter dem nächsten Hügel ist. Dazu braucht ihr besseres Werkzeug und so kommt das mit dem Pad gut handhabbare Crafting mit der Zeit ganz natürlich. Es fühlt sich auch natürlich an, dass diese Welt belebt ist. NPCs tauchen auf, sobald ihr bestimmte Ereignisse auslöst oder Bosse besiegt und sie bewohnen teilweise eure Kreationen, was diesen plötzlich einen erfrischenden zusätzlichen Sinn jenseits der Befriedigung ihrer schieren Existenz gibt. Ihr besiegt das Auge des Cthulhu und dann stellt ihr plötzlich fest, dass die Karten doch endlich sind. Klein heißt groß, Mittel ist riesig und groß ist echt groß.

In Wirklichkeit war es gar nicht die Unendlichkeit. Die wirkliche Unendlichkeit sieht fade und uninteressant aus.

Aber es endet dann doch. Hinter dem nächsten Hügel kommt nichts mehr. Eine neue Karte muss her. Hier ist der Punkt, an dem diese Faszination klar den Sieg nach Punkten an Minecraft reicht. Terraria ist dann eben doch endlich. Das hättet ihr auch gewusst, hättet ihr denn die Karte aufgerufen, die euch zwar einen Blick auf die Mächtigkeit eures Schaffens gibt, aber eben auch auf die Endlichkeit der Welt. Das ist aber nicht schlimm. Die eigenwilligen NPCs, die sich an einem Blutmond wie die letzten Pissnelken aufführen, und man keine Ahnung hat, wie es dazu kam oder warum einen gerade jetzt dieses Elend treffen musste, machen es wett. Die zahllosen kleinen Begegnungen und Ereignisse dieser unerklärlichen Art geben der Welt viel Tiefe, die zu Ergründen sich lohnt. Einfach nur, um zu verstehen, wie die eigene Schöpfung so tickt. Von der Breite geht es dann für ein Weilchen in die Tiefe, ihr braucht euch wirklich keine Sorgen um den Gegenwert für euer Geld zu machen, wenn ihr für die Reize Terrarias empfänglich seid. Irgendwann habt ihr alles gesehen, erreicht, geschaffen und ihr seid durch. Aber das wird sehr lange dauern. 60, 70 Stunden? Möglich, so weit bin ich noch nicht, aber mein Moment des Ascension nähert sich, ausgehend davon, was ich über das Spiel weiß.

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Nie allein, wenn ihr diesen Media-Markt-Verkäufer glücklich machtet und euch für den 65-Zöller entschieden habt.

Sollte euch das alles ein wenig seltsam vorkommen und ihr euch alleine nicht trauen, dann setzt euch doch zu viert vor euren TV und spielt im Splitscreen, aber da bitte nicht unter 55 Zoll, wenn in der klein-klein Grafik alle auch noch Spaß haben sollen. Online läuft das auch zu acht und sogar gegeneinander, sollte euch die Grausamkeit der Welt noch nicht reichen. Ich kann mich nicht entschließen einer der beiden Versionen den Ritterschlag zu geben. Das Bauen funktioniert auf dem PC minimal besser, aber auf der Xbox keineswegs schlecht, das Hüpfen und Kämpfen setzt einem am Pad in selige und vor allem extrem präzise steuerbare 16-Bit-Tage zurück. Es spielt am Ende nicht wirklich die Rolle, welche Version ihr wählt, solltet ihr diese Wahl haben.

Die Karte, die simplen aber effektiven Koop- und Vs.-Modi machen die Xbox-Version sicher nicht zu einer schlechteren, aber auch nicht zu einem unbedingt besseren Spiel. Die Karte macht die Größe abschätzbarer und es kann eure Sicht auf die unerhörte aber eben doch endlich Größe verändern. Das kann gut oder schlecht oder egal sein. Das hängt nur von euch ab. Das ist der entscheidende Unterschied zu den meisten AAA-Titeln, die euch ihre Geschichte erzählen wollen. Terraria wartet darauf, dass ihr eure Geschichte erzählt. Ein großes, "normales" Action-Adventure könnt ihr euch als ein volles, schmackhaft gefülltes Glas vorstellen, dass ihr bis zur Neige leert. Terraria gehört zu den Spielen, die euch das leere Glas hinstellen und einen Haufen Zutaten, auf dass ihr das Beste daraus macht. Manche werden sich abwenden und zur Bar gehen, um etwas Fertiges und sicher nicht Schlechtes zu bestellen. Und manche kreieren den Drink ihres Lebens.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Terraria - Test (Xbox 360) Martin Woger Wenn ihr es sucht, werdet ihr es vielleicht findet. Wenn ihr es baut, werden sie sicher kommen. 2013-03-28T09:00:00+01:00 9 10

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