Grid 2 - Test

Zwischen Möchtegern-Youtube und TrueFeel-Lenkung: Wie gut muss man heutzutage für "gut" sein?

Was Codemasters kann, ist Fahrgefühl. Das steht außer Frage. Grid 2 sucht nicht den Realismus, aber es schielt in seine Richtung. Dieser Punkt eint es mit dem zuletzt großartigen Forza Horizon. Das Fahrverhalten der amerikanischen, japanischen und europäischen Sport- bis Supersportwagen konkurriert nicht mit Gran Turismo oder gar iRacing. Es fühlt sich von der Physik her, den Lastwechseln beim Lenken, der Beschleunigung nah genug an, übertreibt aber gerne immer ein wenig, um den Schauwert zu steigern. Daran gibt es nichts auszusetzen. Nun, fast nichts. Praktisch alle Wagen erinnern an das ebenso feinfühlige Shift 2. Sie hauen gerne mal ab, obwohl ihr nur das Lenkrad angetippt habt und es braucht schon ein wenig Gewöhnung, um damit Spaß zu haben.

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Kein Ferrari, kein Porsche, aber diesen Audi muss man einfach mögen.

Aber, das geht, problemlos. Einfach etwas vorsichtiger am Stick, am Lenkrad fällt es nicht mal ganz so sehr auf. Gut so, denn die Fahrhilfen haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, stattdessen nannte man das kaum anpassbare Ergebnis kurzerhand 'TrueFeel' und befand es für gut. Womit Codemasters ja auch nicht falsch liegt. Es gibt fünf Schwierigkeitsgrade für die KI und die Wahl, ob der Schaden Auswirkungen haben soll oder nicht. Bremsassistenten oder ähnliche Dinge aus der modernen Welt der Autowerbung finden sich nur fest verbaut, denn dass bei einigen meiner Manöver das ESP und ein paar andere Systeme alles gaben, steht für mich außer Frage. Aber wie schon gesagt, die Show ist in Grid 2 ebenso wichtig wie der Realismus. Sie kämpfen immer ein wenig miteinander, aber einigen sich stets rechtzeitig, um euch einfach eine gute Zeit auf der Piste zu bescheren. Und wenn mal alles versagt, ist immer noch nicht aller Tage Abend. Wie schon im Vorgänger habt ihr die Option, eine über den Schwierigkeitsgrad definierte Anzahl von Rückspulern zu nutzen. So müsst ihr nicht ein ganzes Rennen wegen einer verholzten Kurve neu starten.

Alles nur Show? Nein, aber es gehört dazu.

Driften gehört dabei wieder als fester Bestandteil dazu. Logisch, warum sonst sollte man japanische Autos mit einbringen? Einige Driftrennen zeigen eindrucksvoll, wie gut die Engine diese halbseitliche Fahrrichtung beherrscht. Manchmal scheint es fast einfacher, durch drei Serpentinen auf den Millimeter genau zu schleudern, als diese Strecke einfach konservativ zu fahren. Trotz Codemasters' aufwendiger 1000Hz-Physik-Engine nicht ganz realistisch, aber das soll es auch nicht sein, solange die die Show stimmt. Was sie tut.

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Es hilft dabei sicher, dass Codemasters beim Look in die gleiche Richtung ging. Wie in echt, nur besser. Oder zumindest mit Farbfilter, Lichtspielchen und Politur. Ich bin schon ein paar Mal durch Paris gefahren, so sieht die Stadt nicht mal an einem perfekten Sommertag aus. Das Licht funktioniert in unserer Welt einfach anders. In der von Grid 2 ist es nur da, um euch ein konstantes Werbevideo-Feeling zu geben, eben den perfekten Tag auf einer Piste.

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Das Licht weiß, wie es gesehen werden möchte, und inszeniert sich entsprechend. Warum tut es das im richtigen Leben so selten?

Die fehlende Cockpit-Sicht auf diese Schau ist dabei an sich nicht mal das große Problem. Es wäre schön, die Option zu haben, aber wenn die anderen Perspektiven gut sind, dann kann ich es verschmerzen. Dummerweise sind sie das nicht. Die Stoßstangensicht sitzt so tief, dass sie für Verfolgungsjagden mit sehr geringen Abständen unbrauchbar ist. Ihr seht nichts außer dem Heck des Vorausfahrenden, selbst an der Seite vorbeizuschielen ist unmöglich und es geht nur bis zur nächsten Kurve gut. Die Nächste ist die Motorhauben-Sicht, die das untere Drittel des Screens frisst. Sieht nicht gut aus, fühlt sich nicht gut an. Es ist ein wenig so, als würdet ihr in einem normalen Auto immer die Sonnenblende nach unten geklappt haben, nur andersherum. Die Außensichten sind ok, aber seit Daytona USA muss ich irgendwann verlernt haben, damit vernünftig zu fahren. Ich habe also effektiv keine Sicht, die mir wirklich gefällt, es fehlt die eine Zwischenstufe über der Stoßstange, die einfach ein wenig höher sitzt. Nach ein paar Stunden hatte ich mit dem Blickwinkel eines Dackels auf die Welt angefreundet. Dann ging es auch gut. Aber perfekt fühlte es sich nie an.

Bitte nicht hip sein!

Trotzdem, auf der Piste habe ich die wenigsten Probleme mit Grid 2 und hier würde ich mit eben ausgeführter Ausnahme nicht einmal große Abstriche gegen ein Forza: Horizon machen wollen. Es fühlt sich anders an, ein wenig direkter und feinfühliger, aber nicht schlechter. Ich mag beides. Doch was ich bei Grid 2 überhaupt nicht leiden kann, ist der Karriere-Modus.

Er ist nicht schlecht aufgebaut. Ihr startet als Fahrer für einen neu gegründeten Rennzirkus, der die USA, Japan und Europa abdecken soll. Street-Racing, Driften und High-Performance-Racing in einem Paket. Von der dreckigen Garage steigt ihr mit der Zeit in den Olymp des großen Rennstalls mit all dem Luxus, der dazugehört. Den Teamkollegen gibt es nicht mehr, aber ihr holt euch Sponsoren ran, verwaltet ein wenig die Ressourcen und es ist ungefähr, was man erwartet. Mit ein paar Ausnahmen.

Ihr startet als Fahrer für einen neu gegründeten Rennzirkus, der die USA, Japan und Europa abdecken soll.

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Nehmt die Haube weg und wir werden Freunde.

Erst einmal hätte ich einen kleinen Rat an alle Entwickler, die sich mit diesem Genre beschäftigen: Bitte lasst mich eure Stimmungs-Videos abbrechen! Sie interessieren mich nicht. Kein Stück. Ich will fahren. Nicht mir eine schlechte Story angucken, die nicht mal wirklich eine ist. Die hier fremdschämhaft inszenierte Legende des Youtube/Facebook/Twitter-Erfolges ist zum einen sterbenslangweilig, aufgesetzt und gekünstelt, zum anderen ist es absolut uncool, solange es nicht in der realen Welt passiert. "Hey ich hab eine Million Zuschauer auf Youtube!" "Oh, cool, wie heißt Dein Channel?" "Äh, nein, das ist in diesem Rennspiel, da hat mein Fahrer ..." "Whatever."

Gut, ist das aus dem Weg, wird es besser. Insoweit, als dass ich mit der für viel zu lange Zeit für mich untauglichen Auswahl an Fahrzeugen leben musste. Das Spiel schaltet euch die Autos frei, wie es das für richtig hält, sprich je nachdem, welche Rennen anstehen. Zu Beginn sind dies nun mal Muscle-Cars des unteren Segments und preiswerte japanische Renner. Zwei Gruppen, die nicht zu meinen Favoriten gehören, aber das ist mein Problem. Das allgemeine Problem ist da eher die Obskurität der Währung. Eigentlich gibt es keine so richtig, uneigentlich ist es eben die Zahl der Fans, die nach jedem Rennen je nach Erfolg mehr oder weniger hochtickert - nicht abbrechbar natürlich. Mit ihnen wird alles freigeschaltet, aber es bleibt immer etwas vage, wo die Grenzen sind. Auch ist es zumindest für mich befriedigender die Autos zu kaufen, die ich möchte, statt von Zeit zu Zeit eines freizuschalten und auf das Event zu warten, dass mir endlich meine Wunschwagen anbietet. Auch im Spiel gilt, dass sich nichts so gut anfühlt, wie der erste selbst gekaufte Koenigsegg (Ferrari, Porsche und Lamborghini fehlen). Nicht, dass ich darüber viel wüsste.

Der Aufbau der Karriere mag nicht der perfekt Griff sein, aber schaut ihr euch die freien Optionen an, dann zeigt sich, dass die Substanz darin nur gut versteckt wurde. Sie ist sonst nämlich ohne Zweifel da. Schade, dass ihr hier zwar vom Start weg alle Strecken anwählen dürft und alle Spielmodi frei habt, man von den Autos aber nicht das gleiche sagen kann. Hier seid ihr auf die paar Freigeschalteten plus jeweils eines aus den höheren Gruppen beschränkt. So zwingt euch Grid 2 dann doch in die Karriere, obwohl dieser Modus eigentlich alles hat, was das Spiel gut macht. Der einzige wirklich neue Modus neben klassischen Rennen, Eliminations-Runden oder Duellen sind die LiveRoutes.

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Stirb, Story. Oder verschwinde wenigstens, wenn ich alle Tasten drücke.

In den Stadtkursen wird hier der Weg immer neu ausgewürfelt und jede Runde ist ein wenig anders. Es illustriert zum einen gut, wie viele Wege Codemasters den verschiedenen Städten spendierte, und bis ihr alles gesehen und gefahren habt, vergeht viel Zeit. Diese ist jedoch in den ebenso verfügbaren regulären Kursen besser investiert. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ihr es mögt, dass harte 120-Grad-Kurven ohne jede Vorwarnung auftauchen, weil das Spiel beschließt, dass es diesmal andersherum geht. Keine Pfeile, keine Mini-Map, keine Warnung. Dass das nicht ganz fair ist, sah man wohl selbst ein, denn nur in diesem Modus zeigt sich die KI nicht von der unvergebenden Seite.

Im Rest des Spiels sind die Fahrer des Computers gnadenlos. Fast ein wenig zu sehr, denn oft genug nahm mein Auto von heftigen Schubsern mehr Schaden als von allem, was ich ihm sonst antat. Aber wenigstens ist dies eines der wenigen Spiele, wo ihr es ohne Nachteile in gleicher Münze zurückzahlen könnt. Schubst ihr zurück, werdet ihr nicht mit übermäßigen Ausbremsereien oder Ähnlichem bestraft. Es zahlt sich trotzdem selten aus, aber es ist immer gut, die Option zu haben.

Starker Multiplayer ohne Story, aber mit Split-Screen. Guter Tausch.

Der Multiplayer ist sicher eine ganz starke Seite von Grid 2, zumal das Freischalten von Designs und Extras weit besser nachvollziehbar ist als im ganzen Solo-Modus. Wie gut das System der Suche nach geeigneten Spielern funktioniert, lies sich noch nicht abschließend feststellen. Eigentlich solltet ihr, ausgehend davon, ob ihr viel rempelt oder nicht, mit passenden Leuten auf die Piste kommen. Aber ich als Blech-Chaot fand mich meist mit Fahrern, die sich davon sicher sehr gestört fühlten. Das könnte aber auch an der noch geringen Zahl der Fahrer liegen, die jetzt in den Tagen nach dem Release sicher noch anziehen wird.

Der Multiplayer ist sicher eine ganz starke Seite von Grid 2, zumal das Freischalten von Designs und Extras weit besser nachvollziehbar ist als im ganzen Solo-Modus.

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Die Außenansicht steuert sich präzise, aber trotzdem: Eine Sicht fehlt. Die Richtige.

Viel Wert auf Abwechslung legte Codemasters mit jeder Menge regelmäßig wechselnder Herausforderungen, deren Leaderboards auch bewusst nicht für die Ewigkeit gedacht sind. So habt ihr auch als der nun mal nicht beste Fahrer der Welt eine Chance, oben auf einem Treppchen zu stehen. Frei definierbare Rennen, Cups und vieles mehr ergeben ein weit strukturierteres und vor allem fokussierteres Vergnügen als alles im Solo-Modus. Zum Abschluss noch ein kleines Goodie, das alle von euch mit einem Couch-Kollegen zu schätzen wissen: Es gibt einen Split-Screen und er läuft schick und flüssig.

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Grid 2 macht sehr viel richtig, selbst wenn mich bisher bei keinem Rennspiel der Karriere-Schau-Ballast und sein bremsender, umständlicher Aufbau so störten wie hier. Auf der Piste wird die Mitte zwischen Realismus, Action und Spaß genau getroffen. Das Fahrgefühl lädt zu halsbrecherischen Manövern ein, die Duelle mit der KI bewegen sich praktisch immer am selbst gewählten Limit der gut gestuften Schwierigkeitsgrade. Die nicht ganz neue Idee der sich verändernden LiveRoutes - Porsche Challenge - lässt sich zugunsten all der guten Strecken und Modi ignorieren. Spätestens in dem gut strukturierten, abwechslungsreichen Multiplayer spielt sie keine so große Rolle mehr.

Warum also kann es nicht mehr wirklich begeistern? Die Inszenierung der Farben und des Lichts auf den Pisten ist gelungen, aber ein Forza: Horizon kann es besser. Dessen Freiheiten jenseits der hier ja nicht schlechteren Rundkurse zeigen jedoch, dass das sperrige Korsett, in das Grid 2 seine Stärken zwängt, eleganter handhabbar ist. Trotz all seiner Youtube-Anbiederung im sinnlosen Story-Rahmen wirkt Grid 2 ein wenig aus der Zeit gefallen. Vor allem weil es sich seit seinem in diesem Aspekt weit passender platzierten Vorgänger nicht wirklich weiterentwickelte. Damals war die Generation noch jung, jetzt muss sich Grid 2 fragen, wo sein Platz zwischen Spielen wie Shift 2, Forza, Most Wanted, Hot Pursuit, Gran Turismo, iRacing und mehr liegt. Es ist ein hochwertig bestelltes Feld für jede Art von Spieler. Die Nischen sind klein geworden. Die durchgehend hohe Qualität von Grid 2, die sich durch das Spiel als roter Faden zieht, wird mittlerweile erwartet. Die Währung 'Youtube-Fans' zu nennen macht es nicht außergewöhnlich. Und dieses Außergewöhnliche ist das, was ihm am meisten fehlt.

7 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Grid 2 - Test Martin Woger Zwischen Möchtegern-Youtube und TrueFeel-Lenkung: Wie gut muss man heutzutage für "gut" sein? 2013-05-29T09:00:00+02:00 7 10

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