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Ereban: Shadow Legacy im Test – Stealth-Action im Dunkeln war gestern, denn hier ist man selbst der Schatten

Viel Licht, aber auch Schatten.

Unterhaltsames Schleichen mit einer einfallsreichen Mechanik, deren Potential allerdings nie ausgereizt wird.

Stealth-Action entwickelt sich kaum weiter. Zwar gibt es immer wieder mal interessante Ideen, doch am Ende wartet man oft trotzdem meist so lange im Schatten, bis die Wachen daran vorbei geschlichen sind, um ihnen dann von hinten einen Knüppel über den Schädel zu ziehen oder unbemerkt weiter zu gehen. „Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen“, haben sich die Entwickler von Ereban: Shadow Legacy vielleicht gedacht, „und der Heldin einfach selbst einen Schatten verleihen?“

Huch, Verzeihung: „Zum Schatten werden lassen“, meinte ich natürlich. Ayana ist nämlich die vermeintlich Letzte ihrer Art, Ereban genannt. Und als solche kann sie sich nicht nur im Dunkeln verstecken, sondern verschmilzt mit allem, auf das ein Schatten fällt, als wäre sie ein Teil davon. Sie verschwindet dann quasi im Boden oder in einer Wand und kann selbst aus nächster Nähe von niemandem gesehen werden.

Die Wachen, das sind in Ereban: Shadow Legacy zwei Meter hohe Roboter der Helios Corporation. Das ist ein Konzern, der den Planeten vor einer katastrophalen Energiekrise gerettet hat und ihn nun mit eiserner Hand regiert. Was der Gruppe von Rebellen, denen sich Ayana anschließt, natürlich weniger gefällt. Sie macht das eher unfreiwillig und tut das besonders anfangs leider auch über unnötig schnippische Bemerkungen kund – umso erstaunlicher eigentlich, dass sie und andere Figuren unterm Strich dennoch sympathisch rüberkommen.

Erzählerisch bleibt das Abenteuer zwar recht oberflächlich, da Charaktere und Geschichte nur dem Zweck, Ayana auf die Reise zu schicken und ihre Umgebung zu beschreiben. Motive und Ambitionen der Beteiligten sind aber klar erkennbar (oder eben nicht, falls sie ambivalent gehalten werden) und es liegt auch an der guten Sprecherin, dass Ayana trotz ihrer ungemütlichen Art als Heldin mit Herz funktioniert.

Auf jeden Fall sind ihre Ziele aber nicht dieselben wie die der Rebellen, denn die Schattendame ist vor allem dem Geheimnis um ihre Herkunft auf der Spur, weshalb sie knapp zehn Stunden lang durch eine Reihe an Levels schleicht, bei denen es sich meist um geradlinige Abschnitte handelt, in denen aber oft verschiedene Wege ans Ziel beziehungsweise an etlichen Wachen vorbei führen. Wobei sie meist auch noch ein, zwei Nebenmissionen finden und erfüllen kann, sodass sich aufmerksames Erkunden lohnt.

Ereban: Shadow Legacy - Test

Ganz generell sollte man ohnehin genau hinschauen, denn im Sinne guter Stealth-Action kann Ayana nicht mir nichts, dir nichts an den Robotern vorbei rauschen, sondern sollte sich vorher überlegen, welche Schatten sie nutzen sollte, ob sie Gegner vielleicht mit einem Hologramm ablenkt, einen Umweg über die Dächer nimmt oder sich einzeln an sie heranschleicht, um ihnen von hinten den Strom abzustellen. Kämpfen kann sie nicht, nur blenden und ablenken, aber das klassische Ausknocken funktioniert auch hier.

Abgesehen davon sind in zahlreichen Ecken Notizen versteckt, in denen man ein wenig über die Welt und ihren Zustand erfährt, sowie Materialien, mit denen man Ayanas Fähigkeiten und Gadgets verbessert. Damit schleicht sie dann leiser als zu Beginn und schaltet nicht nur weitere Werkzeuge frei, sondern verbessert die vorhandenen auch. So kann das Hologramm die angelockten Wachen später auch einige Sekunden lang blenden.

Nun gibt es nicht besonders viele Gadgets, weshalb das Freischalten und Verbessern ein eher müßiger Prozess ist. Ich habe es sogar erlebt, dass ich in einer der ersten Nebenmissionen mit einer Ressource belohnt wurde, die ich mehrere Levels lang gar nicht nutzen konnte. Ausgesprochen motivierend ist die Charakterentwicklung daher nicht.

Ähnliches gilt auch für ihre hervorstechende Besonderheit: das Verschmelzen mit den Schatten. Denn grundsätzlich ist das natürlich klasse und verleiht der Bewegung eine ganz neue Ebene. Immerhin muss man durchaus umdenken, wenn Ayana in aller Ruhe einen Raum voller Roboter durchqueren kann, solange sie quasi unsichtbar ist. Sie sollte dabei nur nicht in ein Suchlicht geraten, denn jedes Licht hebt die Verschmelzung sofort auf.

Im Gegenzug habt ihr vermutlich schon herausgelesen, was eine große Stärke dieses Schattendaseins ist: Dunkle Ecken befinden sich nicht nur auf waagerechter Erde und so kann Ayana auch an Wänden mit den Schatten verschmelzen. Nur an Decken funktioniert es nicht – sicherlich deshalb, weil die Entwickler eine Möglichkeit brauchten, den Bewegungsradius im Sinne eines herausfordernden Leveldesigns zumindest halbwegs zu kontrollieren.

Dass man an Wänden in einen Schatten eintauchen kann, ist jedenfalls klasse. So versteckt man die Heldin nämlich nicht nur, sondern überwindet auch größere Abgründe. Es muss sich ja nur ein Schatten an der Wand daneben befinden. Oder es muss der Schatten zum Beispiel von einem Windrad so an dieser Mauer entlang laufen, dass sie ihn mit gutem Timing als Weg nutzen kann.

An Gittern kann Ayana hingegen nicht entlang und das ist gut so. Denn weil sie durch Gitter einfach hindurch gelangt, falls die sich im Schatten befinden, gelangt sie über solche Wege in verschlossene Räume. Ihr coolster Move? Wenn sie sich an einer Wand nach oben bewegt, um durch eins dieser waagerechten Gitter zu kriechen, die manchmal im Boden liegen, und so eine höhere Ebene erreicht. Man hat eben Möglichkeiten, die es sonst nicht gibt. Und wenn man darüber Wege an Wachen vorbei findet, fühlt sich das richtig gut an.

Leider schöpft das Indie-Studio Baby Robot Games die Möglichkeiten seines starken Konzepts allerdings gar nicht aus. Was unter anderem daran liegt, dass Ereban für mein Empfinden viel stärker wäre, wenn es sich als Plattformer auf das vertrackte Wegfinden stützen würde. Dem hätten auch ein paar mehr Puzzles gut getan – und die Möglichkeit, viel häufiger Gegenstände in der Umgebung zu manipulieren.

Ein gewaltiger Ansporn könnte es zum Beispiel sein, Objekte in Bewegung zu versetzen oder so zu verschieben, dass ihre Schatten neue Wege schaffen. Und wie cool wäre es, wenn Ayana wenigstens hin und wieder auch mal ein Licht deaktivieren oder versetzen könnte. Doch all das gibt es in Ereban praktisch nicht. Dass man gelegentlich ein Terminal zerstört, um ein zuvor beleuchtetes Gitter „durchgehbar“ zu machen, ist schon das höchste der Gefühle und im Grunde nur ein gewöhnlicher Türöffner, damit man beim nächsten Mal nicht denselben Umweg noch mal laufen muss.

Auch die eigentliche Stealth-Action ist letztlich überschaubar, da das Umlaufen der Wachen sowie das gelegentliche Ablenken oder Ausschalten derselben stets gleich verläuft und man aufgrund der wenigen Gadgets selten ein dynamisches Katz-und-Mausspiel erlebt, wie das in vergleichbaren Abenteuern der Fall ist.

Immerhin kann Ayana beim Entdecktwerden aber die Flucht ergreifen, Wachen blenden und einen Schild auslösen, der einen Gegner kurz aufhält. Blöd nur, dass das Umschalten zwischen den Werkzeugen und Fähigkeiten gerade in hektischen Situationen relativ umständlich ist, da man zum Auslösen derselben die jeweils gewünschte immer erst per Menü auswählen muss. Das alternative Hantieren per Digikreuz ist viel zu ungenau, wenn es schnell gehen muss.

Nun funktioniert das alles im kleinen Rahmen dennoch ordentlich, weil man die Roboter nicht nur durch das Hologramm anlocken kann, sondern auch, indem Ayana in die Hände klatscht. Daraufhin könnte man sie im Schatten zu umgehen. Grundsätzlich ist somit einiges drin, das gute klassische Stealth-Action mitbringen sollte. Außerdem sind in einigen der Levels Mitarbeiter des Helios-Konzerns anwesend. Die schlagen zwar Alarm, sobald sie den Eindringling entdecken, sind grundsätzlich aber unschuldig Beteiligte.

Die Ayana daher nicht ausschalten, denn es gibt sogar einen Moralwert sowie verschiedene Enden. Ach, und ähnlich wie im letzten Splinter Cell (viel zu lang ist’s her!) wird nach jedem Level zudem gewertet, ob man als Pazifist, kompletter Heimlichtuer oder fieser Robo-Schrecken unterwegs war. Die einzelnen Abschnitte darf man später sogar wiederholen, um nicht erledigte Aufgaben noch abzuschließen, übersehene Geheimnisse zu finden oder die Bestnote für einen perfekten Run aufs Konto einzutragen.

Ereban: Shadow Legacy im Test – Fazit

Das Abenteuer mit dem besonderen Schatten macht im Kleinen also wirklich Spaß. Sie ist spielmechanisch zwar so überschaubar, dass ich als großer Fan komplexer Stealth-Action durchaus enttäuscht bin – was aber auch daran liegt, dass Ereban: Shadow Legacy nicht einmal das Potential seines Alleinstellungsmerkmals ausreizt. So cool es nämlich ist, im Schatten zu verschwinden und darüber auch ungewöhnliche Wege zu finden, so wenig ist das bei dem einfachen Schleichen wirklich notwendig. Schon gar nicht muss man damit auch mal knifflige Plattform-Passagen absolvieren, obwohl das an einigen Stellen Teil der Herausforderung ist.

Besonders das Manipulieren des Lichts hätte gerade diesem Spiel gutgetan, doch das ist praktisch gar kein Teil davon. Dass ich Ereban trotzdem gerne gespielt habe, liegt daher hauptsächlich an dem sympathischen Szenario und einem geradlinigen, aber angenehm offenen Leveldesign mit vielen kleinen Verstecken sowie gelegentlichen Nebenmissionen. Unterm Strich erlebt man damit unterhaltsame zehn Stunden – oder etwas weniger, falls man einfach nur den jeweils nächsten Ausgang sucht.

Ereban: Shadow Legacy
PROCONTRA
  • Ungewöhnliches Verstecken in Schatten…
  • Gelungenes Schleichen, das oft cleveres Vorgehen belohnt
  • Sympathische Charaktere in stimmungsvoller Geschichte…
  • … dessen Möglichkeiten leider nur angerissen werden
  • Umständliches Hantieren mit verschiedenen Fähigkeiten
  • … obwohl viele Dialoge recht platt sind und vor allem Erklärcharakter haben
  • Sehr überschaubare und wenig motivierende Charakterentwicklung

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