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Need for Speed: Carbon

Emanuelle, go home!

„Hi, ich bin Emmanuelle Vaugier. Ich möchte, dass Du mit deiner Crew wirklich nur in der Spielwelt schnell fährst. In der echten Welt: Fahr langsam, beachte die Straßenverkehrsordnung und schnall Dich immer an!“

Huch, die Schönheit kenne ich doch - das ist doch die junge Lady, die Fabian schon auf der Xbox 360 nächtelang am Hals hatte. Wieder mal ein Indiz dafür, dass Frauen dermaßen anhänglich sein können, dass man fast aufdringlich sagen möchte. Nachdem die junge Dame beim Kollegen wohl nicht landen konnte, bin ich jetzt ihr auserkorenes Opfer und werde auf der PS3 verfolgt. Ob sie bei mir Chancen hat? Ich glaube kaum, denn ich bin seit der ersten Sekunde genervt. Wir kennen uns kaum, und schon erzählt mir die Lady, ich solle nicht zu schnell fahren und mich auch bitte anschnallen. Hallo?! Einen schlechteren Start in eine gemeinsame Zukunft kann es wohl kaum geben. Aber wie schon in meiner Jugend, als ich noch einen giftgrünen tiefer gelegten Polo unter dem Hintern hatte, konzentriere ich mich zuerst auf das Wesentliche - es in der Tuningszene zu Ruhm und Ehre zu bringen. Und um die Frauen kümmere ich mich später - eben genau wie früher.

Home sweet Home

Aber immer der Reihe nach. Erstmal muss ich eines Abends im Tiefflug die Stadtgrenze von Newport City überfliegen, um sogleich festzustellen, dass sich als Begrüßungskomitee die örtliche Polizei aufgestellt hat. Sorry, keine Zeit, denke ich mir und rase fröhlich vorbei, aber anscheinend haben die Ordnungshüter etwas gegen meine Heiterkeit und stoppen mich nach einer wilden Verfolgungsjagd, bei der ich meinen Flitzer krachend unter einem 18 Tonner parke - Herzlichen Glückwunsch zum Totalschaden und Willkommen zu Hause.

Die Polizei macht mir die Hölle heiß, dann taucht auch noch Emmanuelle auf und mit ihr dieser cooler Möchtegern-Schönling a lá Vin Diesel. Alles sehr verwirrend, also Leute links liegen lassen und auf Rennen konzentrieren. Gott sei Dank stellt mir Emmanuelle einen neuen Flitzer zur Verfügung und macht damit die erste Niederlage halbwegs wieder wett.

Kumpels, die es nicht drauf haben

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Anstatt beim fröhlichen Mau-Mau-Abend Newport friedlich unter sich aufzuteilen oder sich ganz stumpf ein paar vor die Zwölf zu hauen, wird der Kampf um die Vorherrschaft in der Stadt mit getunten Rennsemmeln ausgetragen. Das kommt mir persönlich natürlich sehr recht, schließlich habe ich gerade einen neuen Wagen bekommen und stürze mich sofort ins nächtliche Renngeschehen. Und was haben wir schon in der Schule gelernt? Energie gleich Masse mal Geschwindigkeit? Ja, das auch, aber noch mehr: Nur gemeinsam ist man stark, deshalb gesellen sich auch schnell so genannte Wingmen an Eure Seite. Man kann sich als Anführer eben nicht um alles selbst kümmern und so blocken die Teammitglieder die gegnerischen Fahrer, ziehen Euch in ihrem Windschatten mit oder suchen nützliche Abkürzungen auf den Strecken.

Hoffnung keimt auf. Sollte sich in der Tat ein Funken Innovation im jährlichen Einheitsbrei der Need for Speed-Reihe verstecken? In der Theorie muss die Frage mit ja beantwortet werden, aber auf der Strecke versinken die Innovationen in der Bedeutungslosigkeit. Erstens ist der Schwierigkeitsgrad so moderat gehalten, dass selbst Leute ohne jegliche virtuelle Fahrerfahrung permanent als Sieger ins Ziel kommen und das Blocken somit völlig überflüssig ist. Zweitens kann ich das Windschatten fahren nicht nutzen, wenn mein Team permanent mit 5 Sekunden Abstand hinter mir herschleicht. Dafür sind die Scouts zum Ausspähen von Abkürzungen mitunter ganz nützlich, das muss man zugeben.

Deine Stadt? Meine Stadt!

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Also ab auf die Straße - denn schließlich sollt Ihr mit Eurer Crew die vier Stadtteile Silvertown, Downtown, Fortuna und Kempton erobern, und so die Vorherrschaft in Newport übernehmen. Warum wird zwar nicht erklärt, aber darüber sehen wir lässig hinweg. In verschiedenen Renn-Events wie Sprint-, Rundkurs-, Checkpoint- und Radarfallenrennen, ist stets der Bleifuß angesagt, um als Erster durchs Ziel zu schießen. Wieder im Programm sind die bekannten Drift-Rennen, über die sich Fabian schon beschwert hat - obwohl ich persönlich weniger Schwierigkeiten hatte. Das Problem dieser Events ist die Tatsache, dass Electronic Arts die insgesamt schon sehr arcadelastige Steuerung komplett aushebelt, damit Ihr den Boliden geschickt von einer Kurve in die nächste schleudern könnt. Dank der veränderten Spielmechanik sind die Drift-Rennen so leider Geschmackssache und fügen sich nicht nahtlos in das restliche Spielkonzept ein.

Das Autosculpt-Feature - da sind wir uns allerdings wieder einig - ist wie eine Auspuffblende. Sieht zwar cool aus, bringt aber fast nix. Diese kleinen optische Veränderungen am Frontspoiler oder der Motorhaube als innovative Krönung der Tuningmöglichkeiten zu feiern, geht eindeutig zu weit. Aber irgendwie muss man sich ja vom Vorgänger abheben, denn individuelles Customizing mit schicken Vinyls und jeder Menge technischem Schnick-Schnack hatte auch schon der Vorgänger.

Proleten verblasen

Nachdem ihr die ersten Siege eingefahren habt, werden die feindlichen Crews richtig sauer, besonders die proletenhaften Anführer. So einfach lassen sie sich ihr Territorium nicht streitig machen - die feindlichen Teams greifen immer wieder an, und Ihr müsst das eroberte Viertel erneut verteidigen, bevor das ultimative Rennen gegen den Crew-Boss ansteht. Denn der Kampf um die Stadt wird nicht in den Straßen entschieden, sondern in den Canyons, die sich um Newport schlängeln. Dort kommt es zum ultimativen Duell und es wird zum ersten Mal richtig spannend und vor allem auch etwas schwieriger. Zuerst scheucht Ihr den Konkurrenten die Serpentinen hinunter und kassiert für möglichst dichtes Auffahren jede Menge Bonuspunkte. Dann ist Wechsel angesagt und Ihr mimt die Beute: Das Punktekonto läuft erbarmungslos rückwärts und nur derjenige, der vor dem Ende des Punkte-Countdown ins Ziel kommt, verbläst den feindlichen Anführer und übernimmt den Stadtteil - bis Newport am Ende Euch gehört!

Kaufargumente?

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Newport ist Newport – ob nun auf der PS2, der PS3 oder der Xbox 360. Inhaltliche Unterschiede sucht Ihr mit der Lupe, während die optischen Unterschiede zur Xbox 360 Version schnell ins Auge fallen. Aber zuerst die positiven Meldungen. Noch immer kann das lichtüberflutete Newport mit seinen tausenden Lichteffekten an jeder Straßenecke punkten, und die Spiegelungen auf den Boliden sehen klasse aus. Sobald sich Eurer getuntes Baby jedoch auf den Straßen vorwärts bewegt, geht die Performance in die Knie und ruckelt trotz stärkerer Hardwarepower deutlicher als die Xbox 360-Fassung. Nicht, dass es den Spielspaß deutlich beeinträchtigen würde, aber wenn ich mir eine Next-Generation Konsole kaufe und dann eine lieblos dahin geschluderte Portierung vorgesetzt bekomme, fühle ich mich verschaukelt.

Wer also schon eine Xbox 360 sein Eigen nennt und dort Newport bereits erobert hat, sollte seinen Blick hier abwenden. Frischgebackene PS3-Besitzer, die noch nie in Newport waren, fahren mit Need for Speed: Carbon trotz Mängeln ganz gut.

So, liebe Emmanuelle und was wird jetzt aus uns beiden? Vermutlich nichts, so nett du auf den ersten Blick auch sein magst. Je länger wir uns kennen, desto enttäuschter bin ich, denn du erzählst mir bei jedem Treffen das Gleiche. Es ist wirklich nichts Persönliches, nur entwickelt sich unsere Beziehung einfach nicht weiter. Du bist einfach nichts Besonderes, nur eine gewöhnliche, hübsche Frau, wie viele andere auch. Dieses Schicksal teilst du wohl mit Need for Speed: Carbon. Die Rennspielserie ist einfach nur noch gewöhnlich, nicht schlecht, keineswegs, aber die Innovationen der Vergangenheit und die Vorreiterrolle hat die Serie schon lange verloren. Sowohl für Frau als auch Spiel gilt im nächsten Teil - etwas mehr Charme und das Abheben von der Masse könnten Wunder bewirken.

7 / 10

Der Kampf auf den Straßen von Newport City entbrennt pünktlich zum PS3-Start am 23. März.

Need for Speed: Carbon Tobias Lampe Emanuelle, go home! 2007-03-05T12:42:00+01:00 7 10
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