Hitman: Absolution - Vorschau

Agent 47 sieht seinen Opfern diesmal ins Auge

Sechs Jahre sind zwischen dem Hitman-Debüt von 2000 und der bislang vierten und letzten Episode Hitman: Blood Money vergangen. Weitere sechs Jahre später nähert sich Teil 5 der Fertigstellung. Doch wann genau, will IO Interactives Game Director Tore Blystad, den wir in einem schmucken Hotel im Londoner Stadtteil Soho treffen, nicht verraten. "In den kommenden Monaten wird uns das finale Balancing beschäftigen, und das wird richtig hart", sagt er ein wenig erschöpft. Sein Zustand ist sicher nicht nur auf die Anstrengungen der letzten Monate zurückzuführen, sondern auch auf diesen Tag, an dem er der Fachpresse halb Europas zum Gespräch zur Verfügung steht. Es gibt einfach zu viele Fragen zu klären beziehungsweise abzuwehren - den dänischen Entwicklern und ihrem Publisher Square Enix liegt viel an der Informations- und Deutungshoheit über Hitman: Absolution.

So kommt es, dass neben der 17-minütigen Bibliotheksmission, mit der man während der letztjährigen E3 recht erfolgreich auf das neue Hitman aufmerksam machte, gerade mal zwei hübsche Render-Trailer existieren, die Agent 47 in Aktion zeigen. Leider dürfen wir auch bei der Präsentation in London keine Hand an PC, Xbox 360 oder PS3 legen, sondern müssen uns mit dem begnügen, was die IO-Leute vorspielen. Und das ist auch diesmal komplett choreographiert - keinen ungeplanten Schritt macht der Profikiller auf der Leinwand vor uns. In der gezeigten Mission kämpft sich Agent 47 durch das Rosewood-Waisenhaus in Chicago, auf der Suche nach dem Mädchen Victoria. Sie zu retten ist der letzte Wunsch von Diana Burnwood, die nicht nur sein Kontakt bei der Profikiller-Agentur 'International Contract Agency' und seine engste Bezugsperson ist, sondern auch sein härtester Auftrag. Schließlich muss Agent 47 Diana zu Beginn von Hitman: Absolution eliminieren.

Die Gangster, die vom frisch gekürten Oberschurken Blake Dexter in das Waisenhaus befohlen werden, tun alles dafür, dass erst gar keine Skrupel beim Spieler aufkommen. Sie metzeln gnadenlos Dutzende Nonnen nieder und foltern Wachmänner, um den Aufenthaltsort von Victoria in Erfahrung zu bringen. Nachdem wir und Agent 47 mitverfolgen, wie eine weitere Schwester tödlich in den Rücken getroffen zu Boden sinkt, geht die Action los. Oder besser das Schleichen, denn zunächst wollen die Entwickler das gute alte Hitman zeigen, in dem Agent 47 bedächtig agiert und lautlos killt. Er lässt also die beiden maskierten Bösewichte abziehen, schleicht von Deckung zu Deckung, guckt, hört, beobachtet. Dummerweise ist der weitere Weg durch zu viele Wachen blockiert - 47 nimmt einen Spielzeugroboter, wirft ihn in den angrenzenden Raum und lenkt seine Gegner lange genug ab, um ungesehen ein paar Meter weiter zu kommen.

"In den Vorgängern hatten wir jede Menge Infos in den Karten. Wir wollten die essenziellen Informationen direkt in die Spielewelt rücken. Die Inspiration kam aus dem Spiel selbst."

Tore Blystad, IO Interactive

Hitman: Absolution - Trailer

Aber ohne Opfer funktioniert auch die Stealth-Spielweise nicht: Agent 47 geht einer Wache von hinten an die Gurgel, bis diese bewusstlos ist, und hievt sie in einen Schrank. Weil sich ein weiterer Gauner nähert, schlüpft auch der Antiheld selbst in das Möbel - durch einen schmalen Türspalt sehen wir nicht viel, deshalb schaltet der Präsentator in den Instinkt-Modus. In Hitman: Absolution profitiert der Spieler erheblich von den geschärften Sinnen von Agent 47: Während sich eine Energieleiste leert, sehen wir im Instinkt-Modus die Silhouetten unserer Gegner durch Wände und Objekte. Zudem ahnen wir ihre Laufwege voraus, die als flammende Spuren dargestellt werden. Das mag ein bisschen nach Rocksteadys Batman klingen, Tore Blystad verneint allerdings einen entscheidenden Einfluss: "In den Vorgängern hatten wir jede Menge Infos in den Karten. Wir wollten die essenziellen Informationen direkt in die Spielewelt rücken. Die Inspiration kam aus dem Spiel selbst."

Die Instinkt-Energie, die sich durch Profikiller-typische Aktionen langsam wieder auffüllt, wird nicht nur fürs Silhouetten-Sehen genutzt. Das Spiel wird noch diverse andere Instinkt-Features bieten, beispielsweise ein verbessertes Verkleiden, das Agent 47 für eine kurze Weile absolut gefahrlos durch Ansammlungen von Gegnern schreiten lässt. Oder den 'Point Shooting'-Modus - eine ultralangsame Zeitlupe, während der die Köpfe von einem halben Dutzend Feinde anvisiert und sogar Granaten platziert werden können. Anschließend darf sich der Spieler zurücklehnen und die Folgen seines Tuns in einer actionreich präsentierten Filmsequenz genießen. Aber noch ist Agent 47 ja am schleichen, auf der Suche nach Victoria kommt er an zahlreichen Ganoven vorbei, von denen er nur die penetrant im Weg stehenden ausschaltet und ihre Körper versteckt. Dabei nutzt er stets die hübsch und detailreich gestaltete Kulisse: Mal jagt er in der Waisenhausapotheke einem Gegner eine Spritze in den Hals, mal versteckt er eine Leiche im Bällebad eines Spielzimmers. Zehn Minuten lang dauert die gebückte Wanderung etwa. Wir genießen die auf Hochglanz polierte Optik der hauseigenen Glacier 2-Engine und die stimmungsvolle beziehungsweise die Stimmung verstärkende Akustik. Kinoreif schwillt die Hintergrundmusik an und ab, wie's die aktuelle Situation eben verlangt.

Agent 47 wie er leibt und Leben auslöscht also. "Ein Typ wie Agent 47 hatte die Action schon immer in den Genen. Wir sagten uns: Wenn wir hier schon einen Experten für Waffen haben, dann soll er die auch einsetzen", begründet Tore Blystad eine der wichtigsten Design-Entscheidungen für Hitman: Absolution. Und die lautet: Der Spieler wird nicht nur im typischen Stealth-Stil durch die Story spielen dürfen, sondern er kann auch offensiv an seine Aufträge herangehen.

"Die Action geht nicht auf Kosten von etwas anderem, es handelt sich nur um ein zusätzliches Feature."

Tore Blystad, IO Interactive

Die Entwickler führen uns das neue Action-Hitman vor, indem sie dieselbe Mission ein zweites Mal starten. Wieder wird die Nonne erschossen, einer der beiden Gangster dafür aber sofort von Agent 47 getötet - allerdings noch hinterrücks und heimlich, weil sein Kumpan wenige Schritte weiter vorne spaziert. Der rettet unbewusst sein Leben, weil er in einen gerade uninteressanten Raum abbiegt. Agent 47 hebt eine Feuerwehraxt auf und stürmt in ein weiteres Zimmer, in dem drei Schurken einen Wachmann grausam verhören. Die Strafe folgt rasch und blutig: Der erste bekommt die Klinge ins Kreuz, dem zweiten wird der Schädel gespalten und Gegner Nummer 3 bekommt die Axt schließlich in die Brust geworfen - er kann aber noch ein paar Mal auf Agent 47 feuern. Der erholt sich zum Glück, wenn er ein Weilchen hinter einer Deckung kauert. Im weiteren Verlauf sterben jede Menge weiterer Gegner, Raum für Raum und Gang für Gang säubert 47 die Umgebung. Mal erschlägt er eine Wache mit einem eisernen Kruzifix, dann ballert er wieder mit Pistole, Schrotflinte oder sogar zwei Uzis um sich. Dabei ist die Action mitreißend inszeniert, durch einen leichten Zoom- und Zeitlupeneffekt werden die Schusswechsel akzentuiert, sie rücken kraftvoll ins Zentrum der Aufmerksamkeit und werden zusätzlich von treibenden Klängen begleitet.

Hitman: Absolution funktioniert in den Fluren des Rosewood-Waisenhauses sowohl als Stealth- als auch als Third-Person-Actionspiel. Und es sieht fein aus, klingt gut, bietet dank Instinkt-Modus neue Ansätze, die die Spielmechanik sinnvoll erweitern. Recht viel mehr lässt sich aus dieser zweiten Präsentation des Titels leider nicht folgern - zu kurz ist der zweite Blick, den IO Interactive der Spielergemeinde in den fünften Teil der Profikiller-Saga gewährt. Die größte Frage, die sich für die Hitman-Fans stellt, ist: Geht das zweigleisige Spielprinzip auf, macht es gleichermaßen Sinn und Spaß, sich durch die Level zu schleichen und zu ballern? Oder wird die Hitman-Serie ihrer entscheidenden und bestimmenden Merkmale beraubt? Tore Blystadt versteht die Befürchtungen, wiegelt jedoch ab: "Die Action geht nicht auf Kosten von etwas anderem, es handelt sich nur um ein zusätzliches Feature. Die Herausforderungen sind unterschiedlich. Wir haben dem Spiel einfach eine weitere Dimension hinzugefügt." Im Bestfall also mehr Hitman fürs Geld - das ist doch kein schlechtes Versprechen.

Hitman: Absolution erscheint in diesem Jahr für PC, Xbox 360 und PlayStation 3

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