Super Mario 3D World - Test

Wie Next-Gen wirklich sein sollte.

Schon vier Uhr? Ok, noch den einen Level. Danach bin ich durch und kann endlich schlafen gehen. Was? Noch eine Welt freigeschaltet? Verdammt, muss ich wohl weiterspielen.

Super Mario 3D World hat mir den Schlaf geraubt, weil es einfach nicht aufhören wollte. Nachdem ihr denkt, endlich das Ende erreicht zu haben, erscheint plötzlich eine weitere Welt mit neuen Leveln. Jedes Mal habe ich fest damit gerechnet, den finalen Abschnitt zu sehen, nur um anschließend neue Inhalte vor die Füße geworfen zu bekommen. Super Mario 3D World ist die nette Großmutter unter den Videospielen. Obwohl ihr schon längst satt seid, knallt sie euch eine Portion nach der anderen auf den Tisch. Und weil es einfach so gut ist, könnt ihr nicht widerstehen. Was beim Essen in qualvollen Bauchschmerzen endet, führt im Fall von 3D World zu Schlafmangel.

Einen Level noch, dann höre ich auf!

Dabei hat sich das Spiel genau wie die Mahlzeiten eurer Oma nicht viel verändert. Als direkter Nachfolger zu Super Mario 3D Land hüpft ihr durch über 100 bunte Level, um am Ende die Spitze der berühmten Fahnenstange zu erreichen. Die Größe der Areale orientiert sich stark an denen des 3DS-Spiels und sie bieten eine vergleichbare Länge. Meist braucht ihr keine fünf Minuten, um das Ziel zu erreichen. Doch gerade deswegen zwang sich das Team in einen explosiven Kreationsrausch, der anderen Spielen für eine ganze Trilogie plus DLC reicht.

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Nur Nintendo baut großartige Ideen in seine Spiele, ohne sie mehrmals zu wiederholen.

Keine gute Idee wird verschwendet oder zurückgehalten. Acht Welten hätten locker gereicht und ich habe höchstens mit einer Bonus-Welt gerechnet. Aber gleich vier, die das Spiel um gut 50 Prozent erweitern? So etwas bin ich in der heutigen Zeit nicht mehr gewohnt. Sicherlich muss doch die Qualität darunter leiden, wenn man euch derart mit Inhalten bombardiert? Doch jeder Level ist für sich genommen ein kleines Wunder spielerischer Perfektion. Genau wie Galaxy 2 nimmt es die Formel des Vorgängers, baut ein paar Extras ein und konfrontiert euch in fast jedem Gebiet mit unverbrauchten Ideen.

Besonders gegen Ende nimmt der Wahnsinn zu. Ihr balanciert auf einem rechteckigen Kasten, der über einen Lavasee stolpert, saust in einem Schlittschuh über einen zugefrorenen See und lauft auf den Straßen eines Mario-Kart-Levels. Anschließend seht ihr kein Szenario davon wieder. Warum auch? Schließlich warten genügend Ideen auf ihre Verarbeitung. Wie wäre es beispielsweise mit einem Lampen-Block, den ihr euch aufsetzt, um damit Geister zu vertreiben? Klingt gut? Dann gefällt euch ebenfalls der Kanonen-Block, der sogar verborgene Areale aufsprengt. Diese besonderen Gegenstände setzt das Spiel spärlich ein, wodurch sie nie ihre Besonderheit verlieren.

"Jeder Level ist für sich genommen ein kleines Wunder spielerischer Perfektion."

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Selbst die Kugelwillis haben hier Katzenohren.

Die einzige Neuerung, die ihr häufig findet, ist der Katzenanzug. Prominent auf dem Cover vertreten, dominiert er das gesamte Abenteuer. Mit gutem Grund, ist es doch das beste Item im Spiel, das überall Nutzen findet. Vom putzigen Aussehen der Figuren einmal abgesehen, ermöglicht euch ein praktischer Krallenangriff direkten Gegnerkontakt. Zudem erweitert das Klettern an glatten Oberflächen die Art, wie ihr euch bewegt, und über das Leveldesign nachdenkt. An einer Stelle müsst ihr beispielsweise an der Seite einer Steinmauer einen kurzen Hindernisparcours bewältigen. Die Überquerung erfordert knifflige Sprünge und endet schnell in einem Bildschirmtod. Tragt ihr dagegen den Katzenanzug, klettert ihr an der Mauer hoch und lauft unbeschwert auf ihr zur anderen Seite. Solche Möglichkeiten baute man absichtlich ins Spiel, was die versteckten Items an diesen Orten beweisen.

Multiple Marios

Aber nicht nur der Katzenanzug überrascht. Vollkommen umgehauen hat mich die Kirsche. Sammelt ihr sie ein, verdoppelt sich eure Figur und ihr müsst ab sofort zwei Charaktere gleichzeitig steuern. Manche Level halten sogar mehrere Kirschen bereit. Ihr denkt, zwei Marios steuern sich schwer? Versucht es einmal mit fünf Klempnern, die im Chor “Wahoo“ beim Springen rufen und eure motorischen Fähigkeiten schnell überfordern. Natürlich dürfen alte Klassiker wie die Feuerblume oder das Tanuki-Kostüm nicht fehlen. Sogar der Maxi-Pilz versteckt sich in manchen Gebieten. Stampft ihr dann zu viert über den Bildschirm, zerschmettert ihr alles und jeden unter euren gigantischen Füßen.

"Prominent auf dem Cover vertreten, dominiert der Katzenanzug das gesamte Abenteuer."

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Unterschätzt nicht den Schwierigkeitsgrad des Spiels. Die letzten Welten sind wahre Geschenke für Mario-Masochisten.

Leider treten im Multiplayer einige Probleme auf, die ihr alleine nicht habt. Fühlen sich die Restriktionen eures Bewegungsradius in einem 2D-Mario nicht schlimm an, schreit ihr in 3D World mehrmals eure Couch-Kollegen an. Besonders in Leveln, die ein breites Areal zum Erkunden bieten, teleportieren sich eure Figuren ungewollt zum Anführer, nur weil er nicht nachsehen wollte, ob sich hinter dem Hügel links ein Stern befindet. In engen Situationen tretet ihr euch dagegen noch mehr auf die Füße oder besser gesagt Köpfe, als es schon in New Super Mario Bros. U der Fall war. Die letzten vier Welten könnt ihr im Koop komplett knicken. Das Leveldesign bewegt sich dort eher in Richtung Einzelspieler. Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto kleiner wird euer Bewegungsspielraum. Nicht gerade geeignet für vier hüpfende Freunde, die danach erst einmal keine mehr sind.

Von daher empfehle ich, spätestens nach der ersten Hälfte komplett auf den Singleplayer umzusteigen. So hatte ich zumindest wesentlich mehr Spaß. Vor allem konnte ich mich danach besser auf die versteckten Gegenstände konzentrieren. Drei grüne Sterne sowie ein Stempel warten in fast jedem Level. Manche davon sind so abartig gut versteckt, dass ich den letzten Stempel erst nach über drei Wochen fand und damit endlich die letzte Welt öffnete. Die Stempel benutzt ihr übrigens außerhalb des Spiels. Verwendet sie auf Wunsch in jeder geschriebenen Nachricht im Miiverse. Mit ein paar könnt ihr sogar angeben. Denn die Portrait-Stempel der fünf Charaktere schaltet ihr erst frei, nachdem ihr jeden Level mit der jeweiligen Figur beendet habt. Normalerweise bereiten mir Collectibles keine Freude. Doch Super Mario 3D World verpackt sie gekonnt im restlichen Leveldesign oder hinter besonderen Aufgaben. Irgendwo einen grünen Stern vergessen? Muss ich wohl noch einmal zurück und danach suchen. Eine Sucht, die ich nicht bereue!

Die Welt ist ein Spielplatz

Der gleiche Wahnsinn packt mich auf der Oberwelt. Auf den ersten Blick scheint es den strikten Pfaden aus New Super Mario Bros. zu folgen. Goldene Wege, die alle Gebiete miteinander verbinden. Allerdings dürft ihr euch dieses Mal frei auf den Karten bewegen, geheime Röhren aktivieren oder verborgene Boni aufstöbern. Jeder Zentimeter fühlt sich dabei wie ein wichtiger Bestandteil des großen Ganzen an, ohne den der Rest nicht so gut funktionieren würde. Ein Talent, das neben Nintendo nur sehr wenige Entwickler besitzen.

"Jeder Zentimeter fühlt sich dabei wie ein wichtiger Bestandteil des großen Ganzen an, ohne den der Rest nicht so gut funktionieren würde."

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Die Abschnitte mit Captain Toad fühlen sich mehr wie kurze Plattform-Rätsel an.

Selbst bei der Musik erwarten euch die üblichen Ohrwürmer. Überschritt das Hauptthema aus Super Mario 3D Land schon fast die Qualität alter Töne, stelle ich den neuen Soundtrack sogar über den von Mario Galaxy. Starke Worte, aber die Songs unterstreichen das wohlige Gefühl beim Spielen perfekt. Höre ich eine der neuen Melodien, setzt sich sofort ein breites Lächeln auf mein Gesicht. Optisch verdient das Spiel ebenfalls nur Lob in den höchsten Tönen. Das schönste Mario aller Zeiten! Mehr brauche ich eigentlich nicht sagen. Die Wii U mag ihrer Konkurrenz mittlerweile eine ganze Generation hinterherhängen, doch ich habe bis auf Rayman Legends und The Wonderful 101 noch kein Spiel gesehen, das Farben so prominent in den Vordergrund stellt. Ein Segen für die Augen.

Die härtesten Erfolge überhaupt: Von schlicht unmöglich bis 'Das geht niemals!' Zuviel Freizeit? Ambitionen ohne Ende? Dann habe wir hier das Richtige für euch. Die härtesten Erfolge überhaupt: Von schlicht unmöglich bis 'Das geht niemals!'

Einziges Manko neben dem unpassenden Multiplayer ist der letzte Schritt, der fehlt, um das Spiel in den nächsten Mario-Meilenstein zu verwandeln, wie es damals Mario 64 oder Galaxy waren. 3D World erreicht nicht das gleiche Gefühl, wie es diese Spiele beim ersten Einlegen in die Konsole erzeugten. Es orientiert sich sehr an alten Konventionen, reizt diese aber so stark aus, dass es euch beim Spielen wieder egal ist.

Super Mario 3D World ist nicht nur ein fantastisches Spiel, es ist Pflicht für jeden Wii-U-Besitzer! Es gibt keinen Grund, warum ihr dieses Spiel nicht besitzen solltet, wenn die Konsole neben eurem Fernseher steht. Vielleicht glaubt ihr, schon alles gesehen zu haben, was euch ein Mario-Titel geben kann. Vielleicht seht ihr im Katzenanzug nur eine dümmliche Erweiterung, basierend auf einem Internet-Trend. Vielleicht haben euch die 2D-Ableger zu sehr enttäuscht. Lasst die Sorgen einfach fallen und besorgt euch dieses Spiel. Sofort! Und falls ihr noch keine Wii U besitzt, habt ihr nun einen guten Kaufgrund.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Super Mario 3D World - Test Björn Balg Wie Next-Gen wirklich sein sollte. 2013-11-29T09:00:00+01:00 9 10

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