Desktop Dungeons - Test

Ein Indie-RPG mit taktischem Tiefgang, für dessen 8-Bit-Schick ich Anno '95 getötet hätte.

Auch wenn die Herren keine Ahnung davon haben: Es gibt in Südafrika drei Indie-Entwickler, die unseren Lesern Jahsoldier und Heavy_Rain ein dickes 'Dankeschön' schulden.

Ich muss zugeben: Ohne Jahsoldiers Hinweis neulich im Kommentarbereich hätte ich QCF Designs 'Desktop Dungeons' verpennt - was eine Affenschande gewesen wäre. Jahsoldier wiederum war durch ein Posting von Heavy_Rain auf dieses Kleinod aufmerksam geworden. "Seitdem lässt es mich nicht los", so der Kommentar. Besten Dank - geht mir genauso. Da liegt ein Testbericht natürlich auf der Hand.

Desktop Dungeons wird als RPG oder Dungeoncrawler vermarktet, oft fällt auch das Stichwort "Rogue-like" (gibt's nen langen Artikel in der Wikipedia dazu). Ich würde noch Rundenstrategie, Brettspiel und Puzzle in den Ring werfen. Alles ein bisschen mit drin. Entwickelt wurde das Spiel von Danny Day, Rodain Joubert und Marc Luck, die für die Alpha-Fassung von Desktop Dungeons seit 2010 einige Preise eingeheimst haben.

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So sehen Sieger aus! Nach dem Dungeon-Besuch bekommt ihr nochmal eine Zusammenfassung des Abenteuers mit sämtlichen Auszeichnungen und getöteten Monstern.

Grafisch ist der Titel ein 8-Bit-Nostalgie-Nirvana. Nicht ganz so alte Schule wie 'FTL', aber stilistisch auf derselben Wellenlänge. Die Optik unterstreicht zudem den Humor der Entwickler. Die zerknautschten Heroen schauen aus, als habe der Buch-Illustrator von Terry Pratchett ein paar Bier zuviel gekippt. Außerdem: Statische Fantasy-Pixelhaufen über ein quadratisches Raster zu schieben? 2013? Wie selbstironisch kann man werden? Ich liebe es! Erinnert mich ein bisschen an die 3,5 Zoll Diskette mit 'Indiana Jones and his Desktop Adventures', die 1996 Dauergast in meinem Laufwerk war. Nur spielerisch tausendmal weiter. Hach, Nostalgie ...

Das Ziel von Desktop Dungeons ist so simpel wie die Optik retro: Steuert euren Helden durch einen Zufallsdungeon, schnetzelt alle Monster inklusive Boss und findet reichlich Schätze, um euer Königreich aufzubauen. Bei jedem Anlauf wird ein neuer Held in den jeweiligen Kerker geschickt. Volk und Klasse legt ihr zuvor im Übersichtsfenster eures Königreiches fest. Ausrüstung, Zauber und Tränke findet euer Recke unterwegs, ein paar Gegenstände für passive Boni dürft ihr ihm zusätzlich in den Rucksack legen. Interessant: Jede Klasse darf jeden gefundenen Zauber einsetzen - wobei die Sprüche bei Magiern weniger Platz im Inventar verbrauchen.

Das gemütlichste Hack and Slay aller Zeiten

Ihr startet in einem kleinen Bereich des Kerkers, das übrige Kampfgebiet ist unter einer schwarzen Fläche verborgen. Meist steht schon ein Monster mit Stufe 1 parat - keine Sorge, die Feinde greifen nicht von sich aus an. Ihr bewegt euren Helden auf das Feld neben oder diagonal zum Monster, dann wird per Klick attackiert. Alternativ könnt ihr einen Zauber oder ein "Siegel" benutzen, welche ihr aus dem Menü rechts oder mittels Shortcut auswählt (Maustaste gedrückt halten). Da wird alles geboten von Feuerball und Telekinese-Schlag über Instant-Versteinerung, Teleport-Tausch, Mauer-Vernichtung und Initiativ-Angriff bis hin zu magischem Muskelschmalz für härtere Schläge.

Tötet euer Treffer das Monster nicht, schlägt es automatisch zurück. Kämpfe sind also im Grunde ein "Ausramboen", soll heißen: Wir treten uns so lange abwechselnd, bis einer am Boden liegt. Der Haken ist, dass euch der Kampf gegen gleichstarke Gegner oft euer ganzes Leben kostet und ihr selten genug Tränke im Gürtel tragt. Aber kein Problem: Ein Schritt auf unerforschtes Terrain, und ihr erhaltet ein paar Lebens- und Manapunkte zurück. Ihr heilt euch also durch die Erkundung der verdeckten Bereiche des Dungeons.

Der Trick ist nun, alle Gegner in einer sinnvollen Reihenfolge zu meucheln und dabei nur so viele schwarze Felder wie nötig zu enthüllen, um seine Heilung nach den Scharmützeln nicht zu vergeuden. Unterwegs sammelt ihr neue Zauber, Tränke, Ausrüstung, Gold und Boni auf Leben, Mana oder Schlagkraft ein. Magische Siegel und Gegenstände, die ihr nicht benötigt, könnt ihr in Conversion-Points umwandeln, was je nach Volk unterschiedliche Boni gewährt (mehr Schaden, Mana- oder Lebenspunkte und zusätzliche Tränke). Habt ihr genügend Feinde unter die Erde gebracht, steigt eure Stufe und ihr könnt gegen härtere Gegner bestehen - bis zum Boss mit Level 10.

So einfach Desktop Dungeons anfangs daherkommt, im weiteren Spielverlauf muss man ordentlich tüfteln, um Völker, Klassen, Zauber und Gegenstände optimal einzusetzen. Die unterschiedlichen Gegnertypen mit ihren Spezialfähigkeiten verlangen taktische Finesse. Wer nicht plant, manövriert sich schnell in eine Sackgasse, indem er sinnlos vorprescht und alle schwarzen Felder aufdeckt, all seine Tränke schluckt oder die Resistenzen der Monster unterschätzt. Segnet ihr das Zeitliche, wird der Dungeon neu ausgewürfelt und ihr beginnt mit frischem Kämpfer von vorn.

So einfach Desktop Dungeons anfangs daherkommt, im weiteren Spielverlauf muss man ordentlich tüfteln, um Völker, Klassen, Zauber und Gegenstände optimal einzusetzen.

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Die Bosse bestechen durch epische Ansprachen, die man allesamt laut mitlesen möchte. Außerdem beachten sie stets die Höflichkeitsfloskel am Schluss.

Manchmal findet ihr Leitern in die unteren Bereiche eines Dungeons. Dort warten kleine Rätsel auf euch, durch die ihr neue Inhalte freischaltet. So kommt ihr in den Genuss neuer Völker, es werden Shop-Automaten in den Verliesen aufgestellt oder eine Hexe gewährt euch mächtige Tränke.

Später werden Altäre von unterschiedlichen Gottheiten in den Dungeons verteilt, die einerseits nette Zauber in petto haben, aber andererseits gnadenlos strafen, wenn man sich nicht ihrer Gesinnung entsprechend benimmt, bestimmte Zauber einsetzt, Tränke schluckt oder Pflanzenwesen zerstückelt. Wer schlau ist, rennt also nicht dem erstbesten Gott hinterher, sondern denkt zuerst über Kosten und Nutzen nach (wie philosophisch ...).

Mit 8-Bit und Insiderwitzen die Freizeit gekillt

Der Lauf durch einen Dungeon dauert meist um die 15 Minuten, sofern man nicht über eine knifflige Partie stolpert. Da die Verliese zufällig aufgebaut werden, ergibt das genug Stoff für unzählige Mittagspausen und Feierabend-Entspannungs-Sessions. Ich freu mich schon drauf, wenn Desktop Dungeons für mobile Geräte erscheint (iOS und Android in Vorbereitung), dann kann die nächste Zugfahrt kommen. Wer strukturiertere Aufgaben bevorzugt, sei an die Explorer-Gilde im Übersichtsfenster seines Königreichs verwiesen. Dort gibt es handgefertigte Puzzles, in denen ihr den perfekten Pfad für die gestellte Aufgabe ausknobeln müsst. Zur Belohnung winken Bonusgegenstände und Gold.

Letzteres wird dringend gebraucht, denn jede Münze, die ihr mittels Quests und Puzzle-Missionen verdient, solltet ihr in den Ausbau eures Königreiches stecken, um die Gebäude aufzuwerten. Damit schaltet ihr neue Klassen frei und verbessert den Schmied, der euch dann bessere Start-Ausrüstung für den nächsten Dungeon zimmert. Die Hauptstadt eures Reiches und die Gebäude sind sozusagen das bleibende Zeugnis der zahllosen Helden, die in den Dungeons ihr Leben lassen mussten - eine nette Verschiebung des Rollenspiel-Schemas: Wir päppeln nicht den einzelnen Helden, sondern das ganze Königreich!

Jede Münze, die ihr mittels Quests und Puzzle-Missionen verdient, solltet ihr in den Ausbau eures Königreiches stecken

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Ein wohlgepflegtes Königreich braucht Platz für Menschen, Elfen, Zwerge, Halblinge, Gnome, Bänker, Tierpräparatoren, Katzen-Hexen und dämonische Automatenbetreiber.

Nicht unter den Tisch fallen soll der brillante Humor des Spiels. Der kommt nicht nur in den Grafiken zum Ausdruck. Die Macher haben überall kleine Anspielungen platziert, die Geeks ein Freudenstrahlen ins Gesicht zaubern. Ein gefrorener 'Ice Climber' im Schneedungeon, ein Dieb, der zufällig 'Garrett' heißt, oder ein Berserker namens 'Fusroda of Avon'. Nicht zu vergessen jene Monster, die dem 'Super Meat Boy' wie aus dem Gesicht geschnitten sind - was eine nette Verbeugung der Entwickler in Richtung Edmund McMillen darstellt, dessen Manifest den Desktop-Dungeons-Schöpfer Rodain Joubert damals zu dem Spiel inspirierte. Wer des Englischen mächtig ist, sollte außerdem keinesfalls die verteilten Hinweisschilder, Textfenster oder Sprechblasen der Bosse überspringen - was die Obermotze hier an Drohungen raushauen, wäre nicht einmal Wrestler Hulk Hogan zu seinen Glanzzeiten eingefallen.

Unlängst wurde die Betaphase abgeschlossen. Der Titel ist jetzt auf Steam für bescheidene 14 Euro erhältlich. Eine Special Edition geht für 23 Euro über die virtuelle Theke, die Klasse 'Goatperson' kostet als DLC 5 Euro. Im Browser kann man den das Ganze ebenfalls spielen. Das Unity-Plugin macht's möglich. Der Clou: Ihr könnt euren Steam-Account mit einem Desktop-Dungeons-Account verlinken und dann euer Königreich via Cloud im Browser pflegen. Eine Version für iOS und Android ist, wie gesagt, fest eingeplant. Eine Demo gibt es zwar nicht, dafür kann man aber die frühe Alpha-Fassung von der offiziellen Seite laden - die allerdings lange nicht so toll ausschaut.

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"Nur noch ein Dungeon", das war der Grund, weshalb ich mit diesem Test in arge Zeitnot geriet. Ich hab seit 'FTL - Faster Than Light' nicht mehr so viele Pausen und Abende mit 8-Bit-Klötzchen verbraten. Zwischendurch mal eben 15 Minuten durch ein Verlies wetzen oder gemütlich sein Königreich ausbauen - ist beides drin. Der Humor und die schrullige Retro-Optik sind genau mein Ding, die taktische Tiefe des Titels hat mich begeistert. Trotzdem ist das Spiel zugänglich wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Die Wiederspielbarkeit ist dank Zufallsdungeons und knackiger Puzzle-Einlagen immens. Darum ist Desktop Dungeons einer jener Indie-Titel, die ich für die "einsame Insel" empfehlen kann.

9 / 10

Unsere Wertungsphilosophie Desktop Dungeons - Test Frank Erik Walter Ein Indie-RPG mit taktischem Tiefgang, für dessen 8-Bit-Schick ich Anno '95 getötet hätte. 2013-12-12T09:00:00+01:00 9 10

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