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Diablo 3: Reaper of Souls - Test (mit Wertung)

Die totale Enttäuschung.

Entschuldigt den kleinen Scherz in der Unterüberschrift. April April! Der positive Eindruck aus dem Vorabtest und meinen diversen Berichten aus der geschlossenen Beta war mehr als gerechtfertigt. Aber alles schön der Reihe nach.

Es gibt da diesen Running-Gag zu Reaper of Souls im Netz, den auch Blizzards Spieldesigner Travis Day gerne am Rande von Interviews zum Besten gibt: Die neue Kreuzritter-Klasse sei im Prinzip nichts anderes als der Versuch, Marvels 'The Avengers' in einem einzigen Helden zu vereinen. Ob ernst gemeint oder nicht, der Vergleich passt perfekt! Der Kreuzritter ist der ultimative Avenger.

Er schleudert elektrische Hämmer mindestens so elegant wie der blonde Donnergott Thor. Captain America? Den Schildwurf beherrscht der heilige Recke besser als das Original. Für die Fertigkeit 'Eisenhaut' würde Tony 'Ironman' Stark sicher ein paar Milliönchen springen lassen. Und spätestens wenn der Kreuzritter seine Fähigkeit 'Akarats Champion' reinhaut, wird sogar der Hulk grün(er) vor Neid. Dann sprengt der Neuzugang aus Reaper of Souls nämlich jede Rüstung, als ob man ihm eine Überdosis radioaktiver Steroide in den Heiltrank gemixt hätte. Nur beim Vergleich mit Hawkeye hat der Dämonenjäger noch die Nase vorn. Aber man muss ja auch den anderen Klassen ein paar Brotkrumen gönnen.

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Blitze, fliegende Hämmer - wo hab ich das schon einmal gesehen?

Nein, Spieler des Kreuzritters haben keinen Grund zur Klage. Die Klasse ist ein überragender Allrounder mit allem, was man bei den anderen Helden zu schätzen gelernt hat. Um sich herum entfesselt er einen wahren Höllensturm im Nahkampf, bindet durch 'Provokation' die Feinde an sich, wird mit jedem getroffenen Monster geheilt, blockt meisterlich mit dem Schild oder teilt reichlich Dornenschaden aus. Ein Tank, wie man ihn an seiner Seite sehen will.

Alternativ ist er auch aus der Distanz gefährlich, unterstützt sein Team mit Auren (Geboten), heilt schneller als jeder Notarzt und ist ein Meister in der Kunst, einfach durch Gegner hindurchzugehen - wer ständig von Monstermassen eingekesselt wird, ist dafür mehr als dankbar. Nebenbei kann er die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die überaus spaßigen goldenen Machtkugeln erscheinen (Ruhm der Nephalem). Und dann kann er noch wie Erzengel Imperius aus dem Himmel aufs Schlachtfeld krachen oder mit seinem Hengst Feinde niederreiten. Damit will Blizzard euch sagen: Kauft die Erweiterung, spielt Kreuzritter und fühlt euch super!

Andere Helden? Ach ja richtig!

Die anderen Klassen wurden im Zuge des Patches 2.0 (also ohne Reaper of Souls) ebenfalls aufgebrezelt. Viele aktive und passive Fertigkeiten haben die Entwickler modifiziert, um die Klassenbuilds besser herauszuarbeiten. Nach dem Kauf der Erweiterung könnt ihr nun zusätzlich jene Fähigkeiten nutzen, die Blizzard ansonsten wie eine Möhre vor eurer Nase baumeln lässt. Schaut her: Auf Stufe 61 darf euer Zauberer ein schwarzes Loch beschwören, der Barbar lässt Erdrutsche regnen, Dämonenjäger ballern ihre 'Rache' aus allen Rohren in den feindlichen Pulk, Hexendoktoren schicken ihre Widersacher im Piranhabecken schwimmen und Mönche erleben eine schlagkräftige 'Offenbarung', dank der sie ungehindert von Feind zu Feind teleportieren ('Rasender Angriff' wurde auf zwei bis drei Anwendungen in Folge gekürzt). All das kann euch gehören - zum Preis einer Erweiterung! Nicht sehr subtil, aber wirksam.

Die neuen Fertigkeiten lassen sich wunderbar kombinieren, wenn man in einem bunten Team unterwegs ist. Flächenschaden plus Betäuben passt halt immer. Ein schwarzes Loch zieht Elitegruppen zusammen, die Piranhas halten sie an Ort und Stelle und ein Erdrutsch plättet alles, was danach noch Papp sagen kann. Derweil kümmern sich Mönch und Dämonenjäger um versprengte Monstergrüppchen - ein wunderbares Orchester zur Entvölkerung ganzer Dungeons. Der Kreuzritter passt derweil auf die Kollegen auf und wirft sich den Feinden entgegen. Theoretisch. In der Praxis trifft man auch eine Woche nach Release regelmäßig auf reine Kreuzritter-Teams, wenn man sich mit zufälligen Spielern zusammenwürfeln lässt. Kann ich den Leuten nicht verdenken. Der Reiz des Neuen ist in diesem Fall unheimlich stark.

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Die 'Pylone' genannten Schreine innerhalb der Nephalemportale machen euch unverwundbar, superschnell oder lassen mächtige Blitze in eure Gegner fahren.

Zudem lassen sich neue Charaktere seit Patch 2.0 unverschämt schnell hochzüchten. Noch flotter geht es, wenn in der Vorratstruhe ein paar Sahnestücke lagern und man mit der Erweiterung den Abenteuermodus freigeschaltet hat. Mit ein bisschen Sitzfleisch levelt ihr dann jede Klasse von eins bis 70 innerhalb weniger Stunden. Wer es locker angehen lässt, braucht ein verlängertes Wochenende.

Das machte mich zunächst stutzig. Wird Diablo 3 mit Patch und Reaper of Souls zur Sternschnuppe? Kurzes Feuerwerk und pfft und vorbei? Wenn man es nur auf die Handlung abgesehen hat, kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Manche werden sich zwar fragen, wer Reaper of Souls bitteschön bloß wegen der Handlung kauft, aber dieser kleine Makel lässt sich nicht wegdiskutieren. Akt fünf ist arm an Abwechslung und Umfang. Westmark ist hübsch anzusehen, und der Neben-Dungeon 'Pesttunnel' ist eine nette Überraschung. Aber Westmarks Friedhof, die Blutmarschen, Schlachtfelder der Ewigkeit oder die Festung des Wahnsinns bieten eher mehr vom Bewährten als frische Impulse. Die neuen Monstertypen beherrschen nette Tricks, legen Fallen oder graben sich ein, um mit einer Steinrüstung wieder hervorzubrechen (Täuscher), folgen aber ansonsten dem alten Kamikazeprinzip ihrer Kollegen.

Von Storygedöns und Suchtprinzipien

Die Nebenmissionen in Westmark sind nett geschrieben, aber arg kurz. Ähnliches gilt für die Bonus-Quests der Begleiter und NPCs. Ein Stapel Appetithäppchen, mehr nicht. Die Haupthandlung selbst war für meinen Geschmack ok, hätte aber auch länger sein dürfen. Der Kampf gegen Malthael enttäuschte mich ein wenig, kam nicht an den Schlagabtausch mit Diablo im Hauptspiel heran. Schade, nachdem der grimme Schnitter mit so viel Herzblut den ganzen Akt hindurch als ultimativer Widersacher aufgebaut wurde. Ein schickes Rendervideo zur Belohnung hätte es zudem sein dürfen, Blizzard. Bei denen kann euch sonst kein Konkurrent das Wasser reichen.

Dafür ist der Abenteuermodus über jeden Zweifel erhaben und macht aus dem befürchteten Sprint einen suchterzeugenden Marathon. Sämtliche Helden auf Stufe 70, alles schon gesehen und trotzdem klappert man Kopfgelder und die zufällig zusammengewürfelten Nephalemrifts ab, bis der Zeigefinger pocht und die Maus um Gnade winselt. Die nächste Kiste, der nächste Feind, sie könnten jenen begehrten legendären Gegenstand fallen lassen, nach dem man sich verzehrt. Oder man sucht nach Rezepten für den Schmied oder Juwelier. Oder nach den Zutaten für diese Rezepte. Irgendwas sucht man immer. Und farmt, farmt, farmt. Die Blutsplitter, die ihr dabei erbeutet, sind ein nettes Zuckerl obendrauf. Das damit verbundene Beuteglücksspiel hat wahnsinnig niedrige Erfolgsraten auf legendäres Zeug, aber wen juckt das - man findet schließlich genug Schätze unterwegs. Oder nein, eigentlich ist es nie genug. Denn man will immer mehr, mehr mehr. Hauptsache orange oder grün.

Mit Patch und Loot 2.0 hat Blizzard die Skinnerbox aufgestoßen, doch mit Reaper of Souls sperrt man euch darin ein und wirft den Schlüssel weg. Die Paragonlevel rattern in dreistellige Bereiche, die Schatztruhe füllt sich mit immer neuen orangefarbenen Wunderdingen, gemeisterte Herausforderungen und Erfolgsmeldungen prasseln hernieder und der Uhrenzeiger rotiert wie ein Propellermotor. So hätte Diablo III von Anfang an sein sollen.

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Die Kopfgelder im Abenteuermodus bestehen meist aus wüsten Monstermetzeleien und Bosskämpfen, manchmal ist aber ein kleiner Plot inklusive.

Reaper of Souls zu kaufen lohnt sich in so ziemlich jeder Hinsicht - außer, es geht euch wirklich ausschließlich um die Story. Dann wäre es tatsächlich sinnvoller, mit der Anschaffung zu warten, bis der Preis für die Erweiterung gesunken ist. Patch 2.0 hat in Sachen Beute und Balancing genug ausgebügelt, um das Hauptspiel auch alleine wieder attraktiv zu machen. Installiert man aber Reaper of Souls, werden alle Regler auf 11 gestellt. Die frischen Fertigkeiten sind gelungen, die neuen Beutestücke sowieso, der Abenteuermodus ist ein Gedicht, die Mystikerin tatsächlich eine Bereicherung und über allem thront der Kreuzritter, der meine Erwartungen völlig übertroffen hat. Sobald Blizzard jetzt noch eine Ladder drauflegt und das PvP in den Griff bekommt, ist der Drops für die Konkurrenz auf Jahre gelutscht. Dann vertreibt so schnell keiner mehr Diablo aus dem Thronsaal.

9 / 10

Diablo 3: Reaper of Souls - Test (mit Wertung) Frank Erik Walter Die totale Enttäuschung. 2014-04-01T09:00:00+02:00 9 10
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