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Tom Clancy's Ghost Recon Wildlands - Test

"GRANATE!" "WO?!?" "ICH GEH REIN!" "WARUM?" "FOR HODOR!" "FÜR WEN?"

Ich muss Tom Clancy's Ghost Recon Wildlands loben, jetzt sofort. Denn ich bin eigentlich kein Fan von Militärsimulationen, ziehe einen Sci-Fi-Shooter wie Halo jederzeit spielbaren US-Kriegstagebüchern wie Call of Duty vor, bewege mich lieber auf fremden Planeten als auf der schnöden, grün-braunen Erde. Und doch hat mich Ghost Recon Wildlands so schnell in seinen Bann gezogen wie es Halo zuletzt gar nicht mehr konnte. Warum? Sicher liegt das an meinen Mitspielern, bei denen ich große Freude hatte, zu sehen, wie sie unsere Squad jede Mission aufs Neue ins Verderben führten. Einen Hubschrauber stehlen sollen wir? Also klauen wir uns einen Pick-Up und rammen das Ding einfach. Langsam anschleichen sollen wir uns? Ich werfe erst mal eine Granate. Auf der anderen Seite ist Ghost Recon Wildlands aber auch ein grundsolide gemachtes Spiel, das mir alle paar Minuten mal so tolle Erfolgserlebnis bietet, dass ich hungrig nach immer mehr werde und nicht mehr vom Controller lassen kann.

Nehmen wir den Simultanschuss: Während ihr mit eurer Waffe über Kimme und Korn zielt, könnt ihr einzelne Gegner markieren. Im Multiplayer-Modus erfahren eure Kollegen dann, auf welchen Feind sie schießen sollen, Computerkameraden bringen sich automatisch in eine passende Schussposition. Sobald ihr dann den Abzug drückt, legen die Kollegen auch los und im Idealfall fallen dann drei, vier oder mehr Feinde gleichzeitig um und keiner von ihnen hat auch nur die Chance, einen Alarm auszulösen. Es sind solche A-Team-Momente, die Ghost Recon Wildlands zu einem tollen Spielerlebnis machen. Man sitzt vor dem Bildschirm und dann liebt man es einfach, wenn ein Plan funktioniert.

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Bei einem Spiel wie Ghost Recon Wildlands dürfen Scharfschützengewehre nicht fehlen.

Aber der Reihe nach: Ghost Recon Wildlands ist so eine Art Hybrid aus allem, was Ubisoft-Spiele gerne machen. Offene Spielwelt, unzählige Story- und optionale Missionen, Erkundung. Wenn ihr alleine spielt, stellt euch der Computer drei KI-Kameraden, im Multiplayer-Modus übernehmen das entsprechend menschliche Spieler. Euer Einsatzort: Bolivien. Ein riesiges, virtuelles, frei begehbares Bolivien. Das Ziel: Ein Kokain-Kartell ausschalten, das das Land weitgehend unter seine Kontrolle gebracht hat und von der offiziellen Regierung geduldet wird.

Es kommt nicht ganz von ungefähr, dass die Regierung Boliviens bei der französischen Botschaft hochoffiziell gegen das Spiel protestiert hat. Eine Truppe hochgerüsteter Legionäre, die sich in einen südamerikanischen Drogenkrieg einmischt und zu viert alles hinbekommt, was die Sicherheitskräfte des ganzen Landes zuvor nicht geschafft haben - klischeebeladener geht es kaum. Aber ehrlich, was ist in einem solchen Open-World-Feuerwerk wie Ghost Recon Wildlands schon die Geschichte? Klar, hin und wieder müsst ihr bestimmte Ziele um die Ecke bringen, die irgendwie entscheidende Rollen im Drogenkartell einnehmen. Und wenn ihr wollt, könnt ihr auch die Hintergrund-Informationen lesen und anhören, die ihr in Form typischer Sammelgegenstände wie USB-Sticks und Tonaufzeichnungen unterwegs findet. Aber das ist nicht der Reiz des Spiels. Der liegt im Kampf selbst. Und im Einsatz eurer zahlreichen Fähigkeiten.

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Die Missionen sind meist simpel gehalten: Jemanden ausschalten, etwas stehlen, jemanden aufhalten oder Nachschub markieren.

Spiele so schlecht, dass ihr es nicht glauben werdet: Die schlimmen 2000er Genug Trash auch in der Gegenwart Spiele so schlecht, dass ihr es nicht glauben werdet: Die schlimmen 2000er

Das Gute dabei ist: Beim Erreichen eurer Ziele gibt es selten den einen Königsweg. Meist habt ihr viele verschiedene Möglichkeiten und eine führt bei korrekter Ausführung genauso zum Ziel wie die andere. Ein wiederkehrendes Element sind beispielsweise die Überfälle auf Lkw-Konvois eurer Gegner. Da mag es so mancher Spieler bevorzugen, mit den Feinden gar nicht erst groß in Kontakt zu kommen und die Straße zu verminen. Ich für meinen Teil fand es viel spannender, einen Hubschrauber zu stehlen und den Konvoi dann aus der Luft zu beschießen. Tod von oben, keine Macht den Drogen! Beim Überfall auf feindliche Stützpunkt setze ich dagegen eher auf die vorsichtige Erkundung mittels Drohne, wenn das offene Gefecht aber erst einmal losgebrochen ist, habe ich auch kein Problem damit, den Mörserangriff mehr oder weniger befreundeter Rebellengruppen anzufordern. Der Feind meines Feindes ist mein Freund!

Wie ihr Wildlands spielt ist also weitgehend eure Sache. Auf normalem Schwierigkeitsgrad führen auch offene Gefechte nicht unbedingt gleich zum Tod, vorsichtig sein solltet ihr natürlich trotzdem. Wer mag, kann sich die Anforderungen aber bis zum Anschlag hochschrauben und stirbt dann beim ersten Kontakt mit dem feindlichen Blei. Meins war diese optionale und durchaus vorhandene Simulationslastigkeit nicht - ich habe es stattdessen durchaus genossen, auch mal eine Splittergranate zu werfen oder wie ein Irrer mit der AK 47 auf eine Gruppe Gegner zuzulaufen. Es spielt sich nämlich gut genug, um das herzugeben. Es mag sich selbst noch so ernst nehmen, Ghost Recon Wildlands bleibt am Ende ein Open-World-Videospiel und enthält als solches all die kuriosen und lustigen Momente, die solche Spiele nun mal ausmacht. Springt aus einem Flugzeug und schießt auf dem Weg nach unten mit der Handfeuerwaffe ein paar Drogenbosse ab, brettert mit dem Humvee durch Dörfer und hört dabei Samba, versteckt euch in Schweineställen, im hohen Gras oder in Wellblechhütten, tut einfach, worauf ihr Lust habt. Ghost Recon Wildlands wird es erlauben und wenn ihr nebenbei noch ein Missionsziel erreicht, ist es auch glücklich.

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Die Drohne. So seht ihr eure Gegner schon mal von oben.

Und während ihr dabei seid, euch auszutoben, entwickelt ihr fast nebenbei auch eure Figur weiter. Ihr sammelt Ressourcen: Öl, Medizin, Nahrung, damit verbessert ihr eure Fertigkeiten. Die Drohne wird dann einen besseren Akku haben und weiter fliegen. Oder ihr bekommt Blendgranaten, eines der besten Spielzeuge in den Wildlands. Da ist der Überraschungsfaktor besonders groß, wenn ihr nachts angreift und so euer Nachtsichtgerät nutzen könnt, während der Feind geblendet im Dunklen steht. Oder eure Freunde, falls ihr ihnen nichts von dem Plan gesagt habt. Kommt vor.

Als seltsam gewöhnungsbedürftig empfand ich beim Spielen das Deckungssystem. Aus anderen Shootern gelernte Mechanismus, dass sich die Spielfigur auf Knopfdruck an hüfthohe Deckungsmauern „klebt", gibt es nicht. Stattdessen geht ihr einfach in Deckung und nähert euch dann einer Mauer. Entweder versteht das Spiel dann, was ihr da vorhabt oder es reagiert nicht. Und während ihr noch nervös auf dem Analogstick herumprobiert, geratet ihr unter gegnerischen Beschuss und stellt leicht genervt fest, dass die Ausweichrolle aus The Division ebenfalls nicht mehr existiert. Das ist schade - andererseits habe ich beim jeweils nächsten Spielversuch ohnehin eine neue Taktik ausprobiert, weshalb mir auch bei vielen virtuellen Ableben nie langweilig wurde. Trotzdem: Fair ist anders. Was die Technik angeht: Es ist sicher nicht das Schönste der aktuellen Open-World-Spiele, das Design ist eher erdig und militaristisch - kein Wunder - und auch vor Glitches hier und da ist man nicht gefeit. Das sei gesagt, aber auch, dass das Gesamtbild trotzdem alles andere als hässlich wirkt. Die Weite der Landschaft kommt gut zur Geltung, Standard-Orte wirken nicht zu generisch und immer wieder wird an besonderen Orten dann doch viel fürs Auge geboten. Was auf technischer Seite tadellos funktionierte war die Verbindung der vier Koop-Spieler. Man fand sich schnell und bleib auch ohne Probleme dauerhaft zusammen.

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Könnte ich den ganzen Tag machen: Angriffe via Hubschrauber.

Von Dingen wie dem seltsamen Deckungsverhalten und ein paar kleineren Bugs und Glitches mal abgesehen: Ghost Recon Wildlands macht einen Riesenspaß. Das Spiel simuliert keinen Militäreinsatz in Bolivien, es erzählt nichts über die komplizierten südamerikanischen Drogenkriege, es versagt als Deckungsshooter. Aber es brilliert eben gleichzeitig auf ganzer Linie als Open-World-Multiplayer-Abenteuer, es generiert gerade in einer Vierergruppe aus sich heraus einmalige Situationen, an die ihr euch später gern erinnert. Holt euch das Spiel, sucht euch drei Freunde und zeigt dem virtuellen Bolivien, wo die Blendgranate hängt. Diese Momente sind es für die ihr spielt. Nicht die belanglose Story, nicht das Missionsziel, sondern diese Augenblicke, in denen der ganze Plan mal wieder in sich zusammenkracht, weil einer etwas unsagbar Dämliches tat und die Zeit für Improvisation gekommen ist. Und dann blüht Wildlands geradezu auf.

Entwickler/Publisher: Ubisoft/Ubisoft - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 60 bis 70 Euro - Erscheint am: 7. März 2017 - Getestete Version: PS4 - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Tom Clancy's Ghost Recon Wildlands - Test Markus Grundmann "GRANATE!" "WO?!?" "ICH GEH REIN!" "WARUM?" "FOR HODOR!" "FÜR WEN?" 2017-03-07T09:41:00+01:00 4 5
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