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Forza Motorsport 3

Für diese Generation

Verdammte Paranoia. Es ist so selten geworden, dass die eigenen überzogenen Erwartungen erfüllt werden, dass man es gar nicht glauben mag, wenn es dann passiert. Also verbrachte ich ein paar sehr skeptische Extrastunden mit Forza 3, um doch noch den großen Knackpunkt zu finden. Irgendwo muss doch der Hänger sein, der die Spielerfahrung ruiniert, der diese augenscheinlich perfekte Rennspielwiese für alle mit Motorenröhren im Tinnitus und Benzin im Blut abwertet.

Und ja, ein paar klitzekleine, lächerlich minderwertige Macken ließen sich finden. Ein wichtiger Punkt in einem Rennspiel ist eben auch das kompromisslose Mittendrin-Gefühl. Ihr im Cockpit auf der Piste. Und die Cockpitperspektive, so gut sie sich auch lenken lässt, so nett die Interieurs den Vorbildern nachgeahmt wurden, in Forza 3 bleibt sie doch ein wenig kalt und unemotional. Wo GRID oder NfS: Shift auf rabiate Gefühle setzen, die Sicht verschwimmen lassen und euch ordentlich durchrütteln, gibt sich Forza 3 ebenso präzise und unspektakulär wie sein großer Direktkonkurrent GT5: Prologue. Die Geschwindigkeit wird wie in allen anderen Perspektiven auch angemessen vermittelt, es fährt sich hervorragend, die Blickwinkel stimmen, es macht Spaß. Nur das letzte Quäntchen, um das Gefühl für das wirklich Sitzen in einem Wagen zu geben, stellt sich nicht so richtig ein. Manchmal muss es vielleicht ein bisschen übertrieben sein, um die vollendete Wirkung zu erzielen.

Das gilt wohl auch für das Schadensmodell. Sicher, wir wissen inzwischen, dass die Hersteller keine brennenden Wracks mit verwüsteten Fahrerkabinen sehen wollen, aber ein wenig mehr als die paar Kratzer hätten es schon sein dürfen. Und nehmt das mit den „realistischen“ Schadensauswirkungen bloß nicht zu ernst. Erst der zweite 200-Sachen-Frontalcrash sorgte dafür, dass mein Bugatti sich nicht gar mehr rührte. Und ausgesehen hat er immer noch ganz gut, trotz Überschlag. Wenn ein echter Bugatti das könnte, würde ich sagen, dass er sein Geld mehr als wert wäre.

Auf der Piste beim Fahren selbst sind Forza 3 solche Kompromisse völlig fremd. Warum auch nicht, wofür sonst hat man 360-Hz-Physikberechnung bei festgemeißelten 60 Hz. Das klingt jetzt erst mal nach einem im Rahmen des Tagesgeschäfts bedeutungslosen Mütze-Glatze-meine-Hertz-Zahl-ist-höher-als-Deine-Spielchens. Aber weit gefehlt. In jeder Kurve, die ihr wirklich am Limit fahrt, kurz bevor dieses schöne Gefühl des Zugs der Fliehkraft dann in das unschöne, mäßig kontrollierte Herausdriften umschlägt, merkt ihr präzise, wie die Stoßdämpfer jedes Wagens liegen. Wie der Grip des Reifens beißt. Die Masse geradezu verwerflich exakt den Wagen in Kurvenrichtung zerrt. Ein vergleichbares Gefühl der Kräfte, die den Wagen in diesen Sekunden bewegen, bietet kaum ein anderes Spiel. Vielleicht sogar gar keins.

Forza Motorsport 3 - Trailer

Es sind aber auch kleine Momente, auf die man ein wenig achten muss, um sie zu bemerken, vor allem, weil sie einem so natürlich erscheinen. Eine der Pisten scheint aus einzelnen Betonplatten zusammengelegt zu sein und beim Überfahren jeder Fuge merkt ihr exakt beide Achsen mit ihren Dämpfern so arbeiten, wie es dem Wagen angemessen ist. Endlos viele dieser Feinheiten zeugen von dem absoluten Fanatismus Turn 10s, mit dem sie ihr perfektes Physikmodell umsetzen. Nun, die Mühe lohnte sich, denn nichts anderes auf irgendeiner Konsole fährt sich so bis in die winzigste Unwichtigkeit genau und präzise. Wer es nicht glaubt, kann die ganze Telemetrie auf Druck des D-Pads aufrufen und in Echtzeit studieren. Und dabei wahrscheinlich schnell einen Crash produzieren.

Wer nicht mit ständiger Live-Metrik fährt, hat also mehr vom Leben und auch der Umgebung. Diese machte einen deutlichen Sprung zum Vorgänger, lässt jetzt aber auch nicht die Konkurrenz allein im Regen stehen. Mit kräftigen Farben leuchten die 22 Kurse – darunter Montserrat, Les Mans, Silverstone oder Suzuka – in ihren über 100 Ausgestaltungen im besten Licht. Leider nur bei Sonnenschein, denn auf Wetterwechsel sowie Regen und Schnee wurde verzichtet. Mit den Details hat man ebenfalls nicht übertrieben und auch die Fahrzeuge strotzen zwar vor Polygonen, aber das erwartet man heute auch. Forza 3 lässt sich am einfachsten mit "schön, aber nicht umwerfend" beschreiben. Es dürfte ein Tausch von Grafikspielereien gegen Fahrphysik gewesen sein. Angesichts der im Ergebnis immer noch sehr schicken Präsentation war es ein guter Tausch.

Eine Stelle, an der es sich dagegen wieder ein ganz klein wenig und auf höchstem Niveau kritteln lässt, findet sich vor, hinter und auch mal neben dem eigenen Wagen. Die Computerfahrer und ihre künstliche Intelligenz. Um es erst einmal ganz deutlich zu sagen: Forza 3 wartet mit einer der aktuell brauchbarsten KIs auf und zwar insoweit, dass sie sich in einem gewissen Rahmen glaubwürdig verhält.

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