Midnight Club: Los Angeles

Once more with feeling

Mein erster Gedanke nach wenigen Minuten am Steuer eines ausrangierten 1985er VW Scirocco in Midnight Club: Los Angeles: „Warum gab es dieses geniale Fahrgefühl nicht in GTA IV?“

Ok, ganz fair ist dieser Vergleich nicht, schließlich ist GTA kein Action-Racer. Ein solcher steht und fällt im Gegensatz dazu mit seiner Steuerung. Gerät diese zu fummelig, traut Ihr Euch nichts. Wenn jedes kleine Stickwackeln bei 160 Meilen pro Stunde das Auto Spindelkreise drehend in die Planken schickt, wird man übervorsichtig. Panisch hofft Ihr, dass auf dem geraden Weg nichts steht und Ihr bloß nicht bremsen oder lenken müsst. Auf der anderen Seite muss es sich trotz aller Vereinfachung immer noch wie ein Auto anfühlen. Zumindest ein klein wenig. Die Illusion sollte glaubwürdig verkauft werden, ohne ein Erklärung an die Wirklichkeit abgeben zu müssen.

Diese Gradwanderung bekommt Rockstar mit Midnight Club: Los Angeles perfekt hin. Und damit ist ein echtes „Perfekt“ gemeint, kein lumpiges „Perfekt. Aaaaaber....“. Ihr setzt Euch hinter das Lenkrad, wählt die Cockpit-Perspektive und schon passiert großes Action-Kino. Elegant schrammt Ihr mit 90 Meilen um die Kurve, steuert knapp an einem Bus vorbei direkt in den Gegenverkehr des Highways und schießt nur wenige Sekunden später zwischen zwei Autos hindurch. Direkt vor Euch seht Ihr die Scheinwerfer eines Buick. Schnell reißt Ihr den Stick nach rechts und jagt eben nicht wild durch die Pampa. Stattdessen wird aus der Bewegung ein eleganter Spurwechsel.

Midnight Club: LA - Trailer

Diese Kompromisse zugunsten der Action gegen den Realismus ziehen sich durch alle Gefahrensituationen, die einen potentiellen Race-Stopper bieten könnten. Ihr müsst einen Verkehrsteilnehmer schon wirklich genau und direkt mit unglaublicher Wucht rammen, um ernsthafte Schäden davonzutragen oder komplett vom Weg wegzudriften. Bäume, Laternenpfähle und ähnliches stoppen Euch nicht, sondern verlangsamen Euch nur minimal, während Ihr praktisch an ihnen abgleitet. Völlig unrealistisch, aber designtechnisch die richtige Entscheidung. Auf diese Weise könnt Ihr Euch ganz auf das konzentrieren, was das Herz des Spiels ausmacht: Das Rennen.

Das Geschwindigkeitsgefühl, besonders in der grandiosen und ohne Abstriche spielbaren Cockpit-Perspektive, das durch die vergebende Fahrphysik und gelungene Steuerung begünstigt wird, reißt Euch mit, während Ihr durch den Highway-Nachmittagsverkehr direkt an einem anderen Renner hängt. Er zieht rechts am Laster vorbei, Ihr weicht links kurz in die Gegenspur aus, beide Autos fädeln sich halsbrecherisch schnell durch die Blechkolonne. Tempo und Dynamik, komplimentiert durch die Handhabung, bieten Euch große Augenblicke. Und lassen Euch ein wenig die Technik des Gummibands bei den Rennen vergessen.

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So schön glänzen wird der Lack nicht lange. Gut, das Reparaturen nichts kosten.

Ja, es gibt das berühmte unsichtbare Gummiband, das dafür sorgt, dass der Computer Euch nie ganz davonfährt, ihn aber auch nie ganz weit zurückfallen lässt. Beinahe egal, was passiert. Außer Ihr tandelt wirklich eine Minute an einer Straßenecke herum. Oder rast genau vor der Ziellinie in den Mülllaster. Ansonsten aber wirft Euch ein massiver Rempler in der Mitte des Rennens nie endgültig raus. Innerhalb kurzer Zeit könnt Ihr das meist dicht beieinander bleibende Feld wieder einholen.

Es gibt Momente, in denen Ihr das Gummi verfluchen werdet, die meiste Zeit aber stellt es Euren Rettungsanker in einer der bevölkertsten und befahrendsten virtuellen Rennstädte überhaupt dar. Als Novum präsentiert Midnight Club: Los Angeles endlich den Atmosphäre schaffenden, fließenden Wechsel zwischen Tag und Nacht, so dass Ihr nicht nur in der Dunkelheit herumrauscht. Die Metropole L.A. ruht nie und die extreme Verkehrsdichte bleibt Euch bei Tag und Nacht in der pulsierenden Stadt erhalten. Natürlich findet Ihr auf den Highways keinen Rushhour-Dauerstaus. Aber der dichte Verkehr fühlt sich trotzdem realistisch an. Die Fahrer scheinen irgendwohin zu wollen, halten sich an die Regeln, so sieht es mehr oder weniger auf einer befahrenen Autobahn aus und es erhöht den Thrill sowie das cineastische Feeling bei gewagten Manövern deutlich.

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