The Beatles: Rock Band

More than a Day Tripper

Wenn es um die Frage geht, ob Spiele eine Kunstform sind, bringen begeisterte Befürworter meist Titel wie Ico oder farbintensive Indie-Games ins Gespräch. Nie würde jemand auch nur einen Gedanken an die Musik-Sparte verschwenden. Bis jetzt zumindest. Denn bereits das Intro zu The Beatles: Rock Band ist das wohl wunderschönste, was meine Konsole in den letzten Jahren auf den Fernseher gezaubert hat.

Ihr beobachtet die stilvoll gezeichnete Band in einer kurzen Zusammenfassung wichtiger Auftritte, begleitet von ihrer eigenen Musik. Nach dem Konzert im Shea Stadium steigen die Jungs eine Rolltreppe nach oben. Die Tribünen im Hintergrund verblassen, der Refrain von „Here Comes The Sun“ wird eingeleitet und die matt gelben Anzüge der Beatles verwandeln sich in ihre typisch bunten Uniformen. Am leeren Ende der Treppe segeln die vier mit Regenschirmen gen Boden, während sich im Hintergrund das Farbspektakel des Jahrhunderts offenbart und zu einer Parade von Fabelwesen entwickelt. Wer hier nicht verzaubert vor dem Bildschirm sitzt, muss innerlich tot sein.

Und dies ist nur der Auftakt für ein wahrlich wunderbares Spiel, das der besten Band aller Zeiten voll und ganz gerecht wird, obwohl es im Grunde genommen nur ein etwas überarbeitetes Rock Band 2 darstellt. Noch immer spielt ihr auf den gleichen Plastikinstrumenten zu vorgegebenen Noten und versucht euer Können in den insgesamt 45 Liedern unter Beweis zu stellen. Der große Unterschied ist der Aufbau. Anstatt auf eine World Tour mit den Beatles zu gehen, verfolgt ihr in acht Kapiteln den historischen Verlauf der Band. Der Story-Modus startet also 1963 im Cavern Club, zeigt den berühmten Auftritt in der Ed Sullivan Show ein Jahr später und endet nach einer dreijährigen Studiophase schließlich auf dem Dach der Apple-Studios in 1969.

Die Prämisse ist simpel: Erledigt die vorgegebene Anzahl an Songs und ihr erreicht das nächste Stadium in der Beatles-Historie. Für gute Leistungen erhaltet ihr Videos, Fotos und Trivialwissen, das ihr nicht auf Wikipedia finden könnt. Die Stücke sind nicht wie sonst nach dem Schwierigkeitsgrad sortiert, sondern orientieren sich nach der jeweiligen Zeit. Im Cavern Club spielt ihr unter anderem „Twist and Shout“ sowie „ I Saw Her Standing“, die beide zu diesem Zeitpunkt auf dem ersten Album erschienen sind. In den Abbey Road Studios werdet ihr wiederum mit Liedern aus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band konfrontiert, die dort aufgenommen wurden.

The Beatles: Rock Band – Intro-Trailer

Diese Liebe zum Detail setzt sich konstant in allen Bereichen des Titels fort. Haben sich die beiden Guitar-Hero-Ableger nur auf das aktuelle Aussehen von Aerosmith beziehungsweise Metallica konzentriert, ging Harmonix einen Schritt weiter. Akribisch musste das Design-Team alte Fotos und Bildmaterial studieren, um die Fab Four mitsamt ihren Instrumenten für jede Phase originalgetreu zu gestalten. Zwar präsentiert sich die Band im typischen Rock-Band-Look, trotzdem sind alle Mitglieder in ihrem Aussehen sowie den Bewegungen authentisch verarbeitet. Dafür haben neben den beiden noch lebenden Beatles - Paul McCartney und Ringo Starr – auch Yoko Ono sowie George Harrisons Sohn Dhani Harrison gesorgt.

Die Schauplätze wurden allesamt perfekt im Spiel umgesetzt, was besonders die Bühne der Ed Sullivan Show zeigt. Da dieser Auftritt nur in Schwarz-Weiß gefilmt wurde, musste Harmonix erst ein seltenes Farbfoto aus den Archiven von Apple Corps auftreiben, damit sie den Gelbton des Hintergrundes richtig darstellen konnten.

Die visuellen Höhepunkte sind aber die Traumszenen, die während den Songs in den Abbey Road Studios gezeigt werden. Zu Beginn seht ihr die Beatles, wie sie ganz normal ihre Titel einspielen. Plötzlich verändert sich das eher langweilige Studio in einen knallbunten Hintergrund, der aus einem LSD-Trip stammen könnte. Natürlich immer passend zum jeweiligen Lied. So performt die Band zu „Octopus’s Garden“ auf einem Unterwasserriff.

Mein persönliches Highlight ist das Video zu „Sgt. Pepper / With a Little Help From My Friends“. Im ersten Teil seht ihr die Beatles in einem Pavillon spielen, umringt von einer üppigen Zahl an Fans, die fröhlich im Takt klatschen oder kreischend in die Luft springen. Während dem Umbruch zum zweiten Akt fährt die Kamera zurück und gibt den Blick auf einen riesigen Ballon frei, der den Pavillon mit sich in den Himmel zieht. Indes beginnt Ringo (der normalerweise den Mund geschlossen hält) zu singen und blickt als einziger in die virtuelle Kamera, als würde er den Spieler direkt ansprechen. In diesem Moment entwickelte sich eine starke Gänsehaut auf meinen Armen. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Musik-Spiel mich so ergreifen könnte. Ich bin mir sicher, dass es anderen Beatles-Fans ähnlich ergehen wird.

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