Wenn du auf einen Link klickst und etwas kaufst, können wir eine kleine Provision erhalten. Zu unseren Richtlinien.

Abenteuer Leben statt Abenteurerleben: Warum Life-Sims wie Story of Seasons in schwierigen Zeiten Lebensretter sind

Promotion: Wachsen und gedeihen.

Wenn ihr das hier lest, stehen die Chancen gut, dass auch ihr Videospiele für die allgemein beste Form des Eskapismus haltet. Wir erleben Abenteuer in unwahrscheinlichen Welten, werden weltbeste Rennfahrer, dominierende Spitzensportler oder smarte Helden überlebensgroßer Geschichten, die wir oft genug selbst mitschreiben dürfen. Videospiele verleihen uns in sicherer Umgebung Flügel, machen uns zu Entdeckern, Erschaffern und Vernichtern und lassen uns Dinge tun, für die vor gar nicht mal so vielen Jahren noch die Fantasie herhalten musste - wenn sie denn reichte.

Kurzum: Spiele sind ein Urlaub vom Leben, der so gut wie niemals unerschwinglich ist und den man jederzeit antreten, unterbrechen und wieder aufnehmen darf. Sofern eure Vorstellung von Urlaub wie ein immens unterhaltsamer Spielfilm mit euch in der Hauptrolle aussieht, natürlich. Nicht erst seit gestern bricht sich aber eine andere, nicht selten zu Unrecht belächelte Form von Spiel in diesem Medium Bahn: Life-Sims wie Story of Seasons: Friends of Mineral Town, haben mittlerweile ihrerseits lange Tradition (auf die ich an dieser Stelle noch einmal gerne hinweise) und sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was viele unter einem typischen Videospiel verstehen. Und doch sind gerade sie in so komplizierten Zeiten wie diesen unfassbar wichtig.

Das liegt daran, dass Games wie Story of Seasons mit ihrem vergleichsweise bescheidenen, aber umso sonnigeren Gemüt das perfekte Gegenmittel für die aktuelle Unruhe in der Welt sind. Davon ist das Spiel auch selbst überzeugt: Es ist nicht daran interessiert, dem Spieler Karoblock und Kugelschreiber für seine eigene Mythenbildung zu sein, schlägt ihn nicht zum Ritter, erklärt ihn nicht zum Entscheider über Leben und Tod. Es inszeniert sein Leben und Wirken die Jahreszeiten hindurch als produktives Mitglied einer friedfertigen und nicht weiter aufregenden Gemeinde, fernab des Großstadttrubels.

"Abenteuer Leben" statt "Abenteurerleben", mit allem was dazugehört: Aufstehen, arbeiten, Freunde sehen, vielleicht irgendwann heiraten, wenn es gut läuft, und abends nicht zu spät schlafen gehen. Immer wieder schlafen gehen, als Highlight eines langen, geschäftigen Tages.

Story of Seasons zeigt nicht weniger als das idealisierte und um externe Schwierigkeiten bereinigte Bild eines Lebens und Wirkens, das mit wenig zufrieden ist und dadurch umso glücklicher verläuft. Es ist ein schönes Loblied auf die Einfachheit des ländlichen Daseins und die Leute, deren Alltag es ist. Überhaupt ist es ein kleines Kunststück, wie viel Freude die Entwickler von Marvelous aus dem Alltäglichen ziehen - in Zeiten, in denen sich viele Menschen einfach eine Rückkehr zur Normalität wünschen, ist dieser fast schon nostalgische Blick auf das Farmer-Leben Balsam für die Seele.

Schon das ursprüngliche Friends of Mineral Town, das anno 2003 noch unter dem Harvest-Moon-Banner auf dem Game Boy Advance erschien und das Story of Seasons jetzt opulent und zeitgemäß neu auflegt, gelang es gut, die Spieler in einer noch sehr schieß- und springfreudigen Zeit für sich einzunehmen. Es legte damals wie heute einen schönen Spagat zwischen einfachem Bauernhofleben und beherzter sozialer Komponente hin, der viel Freude im Wachsen und Gedeihen von Tieren, Obst und Gemüse fand.

Hier kann man aufgehen in einem Selbstversorgertum, das im Grunde keinen Misserfolg kennt und in dem man seine Siege in Eiern, Kohl und Rüben misst, bevor man bei schönem Wetter zum Strand runtergeht, um eine Frisbee zu werfen. Irgendwann, wenn dann die rosa gefleckte Kuh im Stall steht, die Erdbeermilch gibt, weiß man, dass man es geschafft hat, in dieser Welt.

Mineralstadt ist ein so positiver Ort, dass die Freunde dort sich auch nicht darum scheren, wenn euer namenloser Avatar sich einfach an beliebiger Stelle, müde "Zzzzz" durch die Gegend schnaubend, eine dämmernde Ruhepause von der Feld-, Wald- und Bergbau-Arbeit gönnt. Das Leben hier mag von niedlicher Schufterei dominiert sein, jedwede Sorgen scheinen aber trotzdem weiter entfernt als in den meisten anderen Spielen, denn viel wichtiger ist schließlich das, was am nächsten der schnell vorbeiziehenden Tage passiert, bevor die nächste Jahreszeit anbricht. Die Message ist klar: Entspannt euch - aber, und auch das ist wichtig, "carpe diem!"

Story of Seasons: Friends of Mineraltown macht politische Unruhen, Pandemien und Zukunftsängste mit einer gewinnenden Ursprünglichkeit im Handumdrehen vergessen. Dabei macht es nicht einmal einen schlechteren Job als knallige Action-Adventures auf fremden Planeten, im Gegenteil. Es gewährt einen entspannten, vermeintlich zwanglosen Blick auf eine Welt, deren Bewohner Tagesabläufe, Wünsche und Bestrebungen haben, die den unseren nicht unähnlich sind, und baut so direkt eine Bindung zu uns auf. Gleichzeitig klammert es die Wehen der Realität gezielt aus, weshalb Story of Seasons eine Sicherheit spendende Erdung vermittelt, die einfach guttut. Es ist auf die guten Dinge konzentriertes Leben - auf Sachen, die atmen, wachsen, ergrünen und Leben spenden, zuverlässig und zyklisch Bestand behalten. Gewissermaßen das Gegenteil von dem, was man sieht, wenn man die Zeitung aufmacht. Was könnte es 2020 kostbareres geben?


Story of Seasons: Friends of Mineral Town erscheint am 10. Juli auf Switch und am 14. Juli auf PC.

Über den Autor

Eurogamer-Team

Contributor

Kommentare