Mutig. Oder ist es einfach nur konsequent? So oder so, man muss es Cranberry Production lassen, sie machen bei dem Finale ihrer Black-Mirror-Reihe keine Kompromisse. Entweder ihr kennt zumindest Teil 2 oder ihr werdet am Anfang von Black Mirror 3 mächtig verwirrt sein. Eigentlich ein wenig das ganze Spiel hindurch. Wer vor etwa zwei Jahren dachte, dass dies ein doch arger Cliffhanger war, der eher so selten fortgesetzt wird, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Es geht genau da weiter, wo Teil 2 aufhörte.

Oder zumindest mit nur wenigen Stunden Verzögerung. Das Schloss steht in Flammen, drei Menschen sind tot und alles sieht danach aus, als hätte Adrian Gordon – ehemals Darren Michaels – sie wirklich auf dem Gewissen. Nach einem kurzen Besuch im Knast und einer Begegnung mit der lokalen Vorstellung von Recht und Ordnung steht man dann auf freien Kautionsfüßen und muss nicht nur die Justiz von Adrians Unschuld überzeugen, auch das Geheimnis der dunklen Mächte um das Schicksal seiner Familie will endlich aufgelöst werden. Mehr oder weniger. Eigentlich mehr. Diesmal darf man mit einem relativ abschließenden Ende rechnen.

Und einer guten Geschichte noch dazu. Wenn Black Mirror 3 etwas kann, dann ist es Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen. Nicht nur mit den traumhaft hübschen, handgemalten Hintergründen, sondern auch durch das Netzwerk der Verstrickungen zwischen den Figuren und mittels eines überraschend lebendigen Eindruckes der insgesamt begrenzten, aber trotzdem nicht zu kleinen Umgebung um das Dörfchen Willow Creek.

1

Es liegt stets ein Hauch von Bedrohung in der Luft, der sich oft genug konkret materialisiert und daran erinnert, dass es hier um mehr geht als eine normale Morduntersuchung. Es ist ein kleines Kunststück, so einen Eindruck über eine Spielzeit von 12 bis 25 Stunden – je nachdem, wie routiniert ihr im Rätseln seid – aufrechtzuerhalten und eines, das Black Mirror 3 über den allergrößten Teil der Strecke gelingt. War das Finale diesmal befriedigend? Ja, fand ich schon. Verrate ich euch mehr? Natürlich nicht.

Die starke Variation meiner Einschätzung über die Spielzeit rührt von der sehr großen Zahl von Rätseln aller Arten und Schwierigkeitsgrade her. Ich selber als Adventure-Semi-Unbegabter brauchte schon eine ganze Weile, aber auch der Profi wird sich hier gut gefordert sehen. Ein paar nervigere, kleine Mini-Games wurden zwar nicht vergessen, das Gros bedient sich jedoch aus einem ordentlichen Repertoire an Kombinationsrätseln, die erfrischenderweise zum allergrößten Teil sehr logisch und nachvollziehbar realistische Probleme lösen.

Manchmal kratzt man sich schon am Kopf, etwa wenn Adrian partout nicht über 30 cm hohen Stacheldraht auf dem Boden steigen möchte – so wie es jeder von uns täte, wenn es wirklich nötig ist -, sondern auf jeden Fall erst eine Drahtschere haben möchte. Aber selbst hier ist das Rätsel gut nachvollziehbar und es macht Sinn.

2

Kaum eine der Aufgaben scheint komplett konstruiert im freien Rätselraum zu schweben. Mit Nachdenken, der Hotspot-Anzeige, einem Blick in das meist anständig gefüllte Inventar und am besten noch einem Notizblock nebenbei lässt sich hier alles gut lösen. Genau so sollte ein Adventure sein. Schwer, fordernd, aber in sich logisch und reizvoll.

Und eben nicht so, wie einige Abschnitte aus den letzten beiden Kapiteln. Die Dramatik spitzt sich schon beinahe in dem Maße zu, in dem auch der Grad der Vertracktheit zunimmt und ehrlich gesagt musste ich zum Schluss sogar einmal um Hilfe schreien, sonst wäre das Durchspielen wahrscheinlich gescheitert. Nun, es liegt ja auch ein Reiz darin, dass vier Hirne gerade mal so reichen, um das Rätsel des Labyrinths zu lösen. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass hier mehr als nur ein Spieler abstirbt und ich bin etwas hin- und hergerissen. Preise ich es jetzt als Juwel für Experten oder tadele ich es dafür, dass es normale Spieler oder gar Einsteiger am langen Arm verhungern lässt? Ich nehme mal vorsichtig Ersteres, da die Logik erhalten blieb und der Mensch ja mit seinen Aufgaben wächst. Oder so. Ihr seid gewarnt. Das kürzlich getestete The Next Big Thing war auf jeden Fall im Vergleich ein Spaziergang in der Sonne mit einem Lolly in der Hand.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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