Dreamfall Chapters: Book One - Test

Durch und durch ein Spiel für die Fans und Kickstarter-Unterstützer.

Große Unentschlossenheit. Der Auftakt zum Dreamfall-Kickstarter kann allein nicht überzeugen. Aber er gibt Hoffnung für das, was noch kommt.

Dass ich das noch erleben darf... Diesen Satz habe ich in den letzten Monaten so häufig von mir gegeben, dass er allmählich unglaubwürdig klingt. Mittlerweile würde es mich vermutlich kaum noch wundern, wenn ich sogar die Rückkehr von Elvis noch erleben dürfte. Totgeglaubte leben dieser Tage länger. Vielleicht ist ja die Zombie-Apokalypse nahe...

The Dead will walk the Earth

Wenige Monate nach der erfolgreichen Wiederbelebung von Tex Murphy setzt Kickstarter auch bei Zoë Castillo den Defibrillator an und holt sie zurück aus dem untoten Koma. Und das mehr als nur im übertragenen Sinne: Seit der erfolgreichen Weltenrettung in Dreamfall liegt die Heldin nämlich im künstlichen Tiefschlaf und findet den Rückweg aus der Zwischen- in ihre Welt nicht.

Wie sie dorthin gelangte? Nun, wahrscheinlich erinnern sich selbst viele Spieler des Vorgängers nicht mehr genau daran, immerhin ist dieser schon acht Jahre her. Überhaupt setzt Dreamfall Chapters sehr viel Wissen über die Vorgeschichte voraus, was vor allem bei Neueinsteigern für Ratlosigkeit sorgen dürfte. Das hat offenbar auch Entwickler Red Thread erkannt und per Riesen-Patch ein Video nachgeliefert, das ausführlich erklärt, was bisher geschah.

Nichtsdestotrotz ist die Zielgruppe des Spieles ziemlich scharf umrandet abgesteckt: Auch wenn Dreamfall Chapters sich Mühe gibt, den ein oder anderen momentanen Trend zu nachhaltigen Entscheidungen und Open World aufzugreifen, ist diese Episoden-Fortsetzung vor allem für seine Fans und Kickstarter-Backer gedacht.

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Zoës Körper liegt im Koma, während ihr Geist in der Traumwelt festsitzt.

Der Vorvorgänger The Longest Journey erschien zu einer Zeit, in der wir noch mit D-Mark bezahlten, und wurde unlängst von den Lesern des Adventure-Treff zum besten Adventure des letzten Jahrzehnts gewählt - möglicherweise auch deswegen, weil es zu einer Zeit erschien, in der sich klassische Point-n-Click-Adventures wenig Beliebtheit erfreuten.

Der Nachfolger Dreamfall schlug daher andere Wege ein: 3D-Grafik, Konsolenportierung, Fokus auf die Geschichte und weniger auf die Rätsel, mehr casual, weniger Benutze Schuppe mit Ast, um den Drachen zu beschwören. Entsprechend umstritten war Dreamfall in der kritischen Diskussion: Die einen lobten die Erzählweise, die glaubwürdige Welt mit ihren ausgestalteten Charakteren und zu Herzen gehenden Szenen, die anderen vermissten zwischen Dialogen und Heldentaten das eigentliche Spiel.

Dreamfall Chapters erwacht nun aus dem Koma in einer gänzlich anderen Realität: Klassische Adventures überschwemmen den Markt wie Haifische das sprichwörtliche Becken, und das Genre der Spiel-Film-Hybriden wurde zwischenzeitlich von Quantic Dream und Telltale auf ein völlig neues Level und ins Herzen des Mainstream gehievt. Wurde Dreamfall dabei an den Rand gedrängt?

Der Schläfer ist erwacht

Um es gleich zu sagen: Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Dafür ist das erste nun erschienene Kapitel von insgesamt fünfen noch zu sehr Prolog beziehungsweise Tutorial. Im ersten von drei Abschnitten sitzen wir als komatöse Zoë in einer Art Traumzwischenwelt fest und müssen ebenfalls gefangenen Traum-Junkies beim Weg zurück in die Realität helfen, um schließlich selbst hinaus zu finden.

Ein Schläfer, der vergessen hat, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, hat beispielsweise Angst vor dem Dunkeln. Also erhellen wir seinen Weg zum Ausgang und lotsen ihn so wieder zurück. Ein Kind in seinem Bettchen fürchtet sich vor einem Monster im Schrank - also verjagen wir dieses, um den Albtraum zu beenden. Alles nicht schwierig, vereinzelt einen Hauch lächerlich, aber für ein Tutorial noch recht stimmungsvoll und einfallsreich.

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In der Traumwelt hilft Zoë verlorenen Träumern, in die Wirklichkeit zurück zu finden.

Ganz im Gegensatz zum zweiten Abschnitt: Hier fliehen wir als verurteilter Krieger Kian Alvane aus einem Gefängnisturm in der Fantasy-Parallelwelt Arcadia. Türen öffnen, Schlösser knacken - die Rätsel haben einen Bart, als hätten sie selber die letzten acht Jahre im Koma gelegen.

Doch danach beginnt Dreamfall Chapters erst so richtig. Zoë erwacht aus ihrem Tiefschlaf und findet sich in der futuristischen Metropole Propast wieder, einer neondurchfluteten Stadt, irgendwo zwischen Blade Runner und Grand Theft Auto. Der erstaunliche Aufwand, den die Entwickler trotz ihres überschaubaren Budgets hier betrieben haben, rückt das Spiel tatsächlich beinahe schon in Gegenden, in denen sonst nur Rockstars hausen.

Im Hafenviertel bieten asiatische Händler im warmen Schimmer von roten Laternen ihre Waren feil, auf dem Marktplatz belausche ich Passanten bei ihren hitzigen politischen Diskussionen, und wenn ich will, verweile ich einfach ein paar Minuten beim Straßenmusikanten und sinniere verträumt beim Klagesang seiner melancholisch gestimmten Gitarre. Dass ich dabei alle paar Sekunden den gleichen Klon-Statisten über den Weg laufe und häufig mal Texturen verschwinden und wieder auftauchen, fällt dabei kaum ins Gewicht. Die produktionstechnische Kluft zwischen einem GTA und Dreamfall Chapters überspielen die Entwickler gekonnt mit einem stilistischen Budenzauber voller Lens-Flares und Neonlicht.

"Die Welt von Dreamfall ist eine, die erforscht werden will und durchwandert werden soll."

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Die offene Spielwelt von Dreamfall Chapters ist erstaunlich detailliert designt.

Die Welt von Dreamfall ist eine, die erforscht werden will und durchwandert werden soll. Und was macht man daher? Natürlich: wandern. Andauernd. Von hier. Nach dort. Immer an einen anderen Ort. Zur Imbissbude, um dem Freund ein Mittagessen zu kaufen. Zum Freund, um ihm das Mittagessen zu bringen. Zur Arbeit. Mit dem Roboterhund Gassi. Mit Leuten reden. Die einen weiterschicken, um mit noch mehr Leuten zu reden. Wieder zurück, um darüber zu reden, dass man mit jemandem geredet hat.

In seltenen Fällen redet man dabei herzlich Albernes, wie etwa mit dem unnützen Roboter Scheißbot, der tatsächlich so heißt. Manchmal redet man unheilvoll verschwurbelt Mystisches, das sich ein bisschen wichtiger macht, als es ist. Gelegentlich redet man über Politik, was dem Adventure eine im Genre seltene Tiefe verleiht und verhängnisvolle Entwicklungen für die kommenden Episoden vorwegnimmt. Und dann wiederum redet man über Alltägliches: über das Abendessen zum Beispiel oder die Unterschiede zwischen synthetischer und Bio-Bratwurst. Wie schon den Vorgängern gelingt es Dreamfall Chapters auf diese Weise meisterlich, seine Charaktere in der Wirklichkeit zu erden und die epischen Verwicklungen zu einer persönlichen Geschichte zu machen und nicht bloß zu einer Reise zum Schicksalsberg.

Winter ade, entscheiden tut weh

Umso trauriger finde ich es daher, dass es Red Thread zwar gelingt, eine solch beachtliche Open World zu zimmern, sie aber nur mit Wegweisern für einen Hürdenlauf füllt, sich sichtlich Mühe gibt, sie mit glaubhaften Charakteren zu bevölkern, die aber nicht mehr als Streckenpfosten sein dürfen. So dürfte sich an Dreamfall Chapters dieselbe Diskussion entzünden wie seinerzeit bei seinem Vorgänger - nur dass solche Diskussionen im Laufe der letzten acht Jahre eigentlich abgehakt schienen und die zugehörigen Spiele in The Walking Dead und The Wolf Among Us aufgegangen sind.

"Wie bei The Walking Dead teilt das Spiel zum Abschluss anhand eines Prozentwertes mit, wie sich andere Spieler in den entsprechenden Situationen verhalten haben."

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Einfach mal abschalten. Wer will, lauscht minutenlang den Klagelauten des Straßenmusikanten.

Apropos: Von den genannten ließ sich Dreamfall Chapters dazu inspirieren, den Spieler von Zeit zu Zeit vor Entscheidungen zu stellen, die den Spielverlauf nachhaltig beeinflussen. Mal nur leicht, etwa wenn Zoë eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Freund in einem Streit eskalieren lässt - oder sich dazu entschließt, ihn zu ignorieren und sich stattdessen mit ihm einen geruhsamen Abend zu machen. Mal grundlegender, wenn die Berufswahl in einer völlig alternativen Nebenhandlung mit neuen Schauplätzen, Charakteren und Rätseln mündet. Wie weit diese Entscheidungen jedoch reichen, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Wie bei The Walking Dead teilt das Spiel zum Abschluss anhand eines Prozentwertes mit, wie sich andere Spieler in den entsprechenden Situationen verhalten haben. Dass dabei jedoch in den meisten Fällen eine überwältigende Einigkeit von über 90 Prozent herrscht, legt leider den Schluss nahe, dass hier nur bedingt schwierige Entscheidungen zu treffen sind, sondern lediglich die Wahl zwischen einer naheliegenden und einer ziemlich abwegigen Alternative besteht.

Acht Jahre lagen Zoë und Dreamfall im Koma. In der Zwischenzeit hat sich viel getan, doch verändert haben sich beide nur wenig. Auch wenn Entwickler Red Thread mittlerweile per Riesen-Patch ein Video nachgeliefert hat, mit dem er die Welt von Stark und Arcadia auch Neueinsteigern begreiflich machen will, ist Dreamfall Chapters durch und durch ein Spiel für die Fans und Kickstarter-Unterstützer.

Allein deshalb, weil schon abzusehen ist, dass sich an Dreamfall Chapters die gleiche Diskussion wie an seinem Vorgänger entzünden wird: Die einen jubeln über die schön ausgestaltete Spielwelt mit glaubwürdigen Charakteren, die anderen ärgern sich über stupide Aufgaben und langweilige Rätsel.

Nicht nur deshalb kann ich Dreamfall Chapters zum jetzigen Zeitpunkt nur eingeschränkt empfehlen, sondern vor allem weil es mit der ersten Episode lediglich das Potential absteckt, das nur mit einem Vielleicht von den kommenden Episoden eingelöst wird. Bis jetzt bekommt ihr lediglich ein erweitertes Tutorial zu sehen, das gerade mal die Pfote der Katze im Sack erahnen lässt. Also wartet besser ab, bis der Tresor offen ist - auch, um euch nicht unnötig von Cliffhanger zu Cliffhanger zu quälen.

Daher auch noch keine Wertung. Die wird nachgereicht, wenn das Spiel vollständig ist.

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Über den Autor:

Matthias Grimm

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Freier Redakteur

„Die Zivilisation liegt hinter uns, Zach.“ - „Gelobt sei die Sonne!“ - „Sie will nur über Weißwurst reden.“ - „Wie passend, du kämpfst wie eine Kuh.“

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