King's Quest Kapitel 1: Der seinen Ritter stand - Test

Die Feuertaufe: Reales Spiel vs. sehr viele, sehr diffuse Erwartungen  

King's Quest, ich und meine verklärten Erinnerungen. Ein ganz schwieriges Thema, das aber auch damit zu tun hat, dass King's Quest zu seiner Zeit, die ich ja nun miterlebte, absolutes Triple-A-Gaming war. Wenn also ein Spiel des Weges kommt, das diesen altehrwürdigen und erst im Rahmen verfehlter CD-ROM-3D-Frühentwicklungen in den Schmutz gezogenen Namen trägt, dann schwingt da viel mit. King's Quest 1, das erste, echte Grafik-Adventure. KQ3, das vielleicht brutal härteste Adventure, das ich je vor der Erfindung des Internets und der vollständigen Entwicklung meiner Englischkenntnisse löste. KQ4, das erste Adventure, vielleicht sogar Spiel, mit Soundkarten-Support. KQ5, das erste Sierre-Adventure in VGA-Glorie. Das waren keine kleinen Download-Titel, das waren Spiele, die teilweise technisch größere Sprünge machten als alles, was wir in den letzten Jahren erlebten, vergleichbar wohl nur mit dem HD der letzten Konsolen-Generation. Und verdammt gute Spiele waren es auch noch.

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Die 'guck mal, das kenne ich von damals'-Momente halten sich in engen Grenzen. Gut so.

Wenn da jetzt also nach zig Jahren plötzlich und ausgerechnet von Activision - okay, eigentlich von The Odd Gentlemen -, nicht gerade ein namhafter Adventure-Publisher, ein neues King's Quest kommt, so einfach so... Es sich in direkter Linie zu den früheren Legenden sieht, den Namen Graham sofort einbringt und nun auf einmal neue Geschichten erzählen möchte. Es mag mir verziehen sein, wenn das Spiel zunächst keinen leichten Stand hatte. Bäh, viel zu leicht, lineares Durchklicken. Nett gezeichnete Figuren, aber was sollen die oft billig texturierten Hintergründe? Jede Minute des Spiels wurde auf die Goldwaage gelegt und automatisch für zu leicht befunden. Nicht, weil die alten Games heute die besseren Spiele wären, sondern weil sie zu ihrem Erscheinen immer einen neuen Meilenstein bedeuteten, und das ist King's Quest Kapitel 1: Der seinen Ritter stand ganz sicher nicht.

Aber, erst einmal konnte ich trotz allen Genörgels schon die erste Stunde den Spaß nicht leugnen, den ich mit den Figuren und der hinreißenden Erzählweise hatte. Der alte Graham erzählt seinen Enkelkindern, wie es damals war, als er jung und noch nicht einmal ein Ritter war. Nicht nur, dass Christopher Lloyd und der Rest tadellose Darbietungen als Sprecher hinlegen, es ist einfach niedlich gemacht und bietet vor allem einen eleganten Ausweg aus dem Tod, den ihr auch in diesem King's Quest zahlreich sterben werdet. Es heißt dann einfach „Nun, das wäre passiert, wenn ich das getan hätte. Aber zum Glück habe ich etwas anderes gemacht". So viel besser, als wenn man einfach alle Todesfallen umschifft hätte, dafür sind sie im Geiste alter Sierras oft genug zu unterhaltsam und es gibt sogar Achievements für besonders dämliche Ideen.

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Da mögen die Felsen immer mal wieder etwas hässlich sein, die brillanten Animationen machen es locker wett.

Nach einer mäßigen Action-Szene - von denen das Spiel leider ein paar auf Lager hat - wurde dann plötzlich alles irgendwie doch gut und der mentale Abgleich mit den Geistern der Vergangenheit ad acta gelegt. Es war schlicht keine Zeit mehr dafür, es galt, Puzzles in einer offenen Spielwelt zu lösen. Als junger Anwärter für den Rittersjob kommt ihr zum ersten Mal nach Daventry und nicht nur fallen euch jede Menge in sauberster Adventure-Logik gestapelte Aufgaben zu. Ihr habt auch eine Menge Areal zu erkunden, Items zu sammeln, Leute, mit denen ihr kurze Dialoge teilt, mit anderen Worten: Ihr steckt mitten in einem Abenteuer, das sich gar nicht mal so sehr von den alten King's Quests unterscheidet.

Ihr habt eine saubere, in der Märchenwelt kohärente Rätsellogik, nicht zu viele Items und jedes Mal eine durchaus valide Idee plus dezente, clevere Hinweis, wo was hingehört. Das heißt nicht, dass man nie feststecken würde. Das Gewerkschaftstreffen der Brückentrolle zu sprengen kostet mich schon ein paar Anläufe, bis der Rätselteil des Hirns auf Touren kam. Es gibt eben viele Orte, die man aufsuchen kann und die selten was mit der Lösung des mental gerade in Arbeit befindlichen Rätsels zu tun haben. Das ist nicht schlecht, ganz im Gegenteil, erfordert aber auch etwas mehr geistigen Fokus, als man es im Augenblick bei Spielen dieser Art gewohnt ist.

6
Neue Figuren statt Holzhammer-Referenzen, subtile Anspielungen statt Brachial-Zitier-Humor.

Das Besondere dabei ist, dass ihr kaum mitbekommt, wie frei ihr mitunter nicht nur in der Reihenfolge seid, in der ihr manche Rätsel angeht, sondern auch wie ihr das tut. Jede alternative Lösung hat dazu noch ein paar kleine inhaltliche Auswirkungen. Das ist so subtil, dass ich es erst bemerkte, als ich mit einem Item partout nichts anzufangen wusste, obwohl ich das Spiel gelöst hatte, und so suchte ich im Internet nach Hinweisen. Fasziniert begann ich daraufhin eine Komplettlösung zu studieren, nicht, weil ich meine eigene Cleverness beim Lesen gelöster Rätsel bewundern wollte, sondern weil hier ein teilweise komplett anderer Weg beschrieben ist. Ein Spiel, das das so dermaßen subtil und doch sinnvoll einbaut, macht da etwas sehr viel richtiger als die üblichen und schmerzhaft offensichtlichen Gut-Böse-Konsequenzen-Schemata, denen wir derzeit sonst so folgen. Ich komme nicht umhin, davon mehr als nur ein wenig beeindruckt zu sein.

Humor, mitunter auch sehr verschrobener, gehörte bei der Reihe schon immer dazu und hier hat das auf den ersten Blick fast schon peinlich betitelte „Der seinen Ritter stand" einiges zu bieten, unter anderem einen Running-Gag mit schlechten Wortspielen. Nichts nimmt sich zu ernst, ohne dabei jedoch zum Holzhammer zu greifen, wie das gerade deutsche Adventures so gern und oft tun. Selbst Anspielungen auf Monty Python oder die Braut des Prinzen sind im Hintergrund eingewoben, immer da, wenn ihr sie sehen möchtet, und je nachdem, was ihr mit ihnen anfangen könnt. An anderer Stelle ist es fast schon Bluth-artiger Animationshumor, der erstaunlich gut funktioniert. Um ehrlich zu sein, in Sachen Humor ist dieses Spiel deutlich weiter und besser, als es die alten King's Quests jemals waren.

4
Eines der ganz frühen Rätsel: Wie kommt der Drache zum Steak, aber ohne, dass ihr noch drauf steht?

Bei allem, was das Spiel richtig macht, es gibt auch ein paar Verfehlungen, und sie sind teilweise der Hommage an die Originale geschuldet. Da wäre zunächst einmal das endlose Herumrennen. Es gibt keine Schnellreise, nicht mal das Anklicken oder Wählen des Randes, um schnell das nächste Gebiet zu erreichen. Angesichts der großen Spielwelt und der Freiheit, die sie euch gibt, bedeutet das eben auch, dass ihr viele dieser Weg umsonst zurücklegen werdet, und das kostet viel Zeit. War damals auch so, muss heute sicher nicht mehr sein. Das Fehlen einer Karte ist auch kein Highlight, wiederum etwas, das das Spiel mit seinen direkt indirekten Vorgängern teilt, was aber nicht den Spielspaß steigern würde, wäre sie da. Technisch deutete ich bereits an, dass die Figuren zwar schick sind, aber die Texturen und die Landschaft sicher nicht den Standards zeitgemäßer Grafik gerecht werden. Genau hier versagt das Spiel leider im Vergleich zu früheren Teilen, die technisch mehr als einmal Pioniere waren. Der seinen Ritter stand spioniert höchstens das Screen-Tearing, das bei einer so simplen Grafik dann doch eher selten in solcher Präsenz zu haben ist. Dazu noch ein paar auf der Konsole nervige Ladezeiten von bis zu zehn oder fünfzehn Sekunden, die noch dazu unregelmäßig auftreten, und ihr habt ein Spiel, das im Gegensatz zu King's Quest 4 und 5 niemand spielen wird, um seinen Freunden zu zeigen, wie cool Grafik aussehen kann.

7
Wo bin ich, wo wollte ich noch mal hin und wie komme ich da hin? Eine Karte mehr und ein paar Ladezeiten weniger und ein schneller Schritt des Helden wären meine kurze Wunschliste für Kapitel 2.

Schwamm drüber, ich werde mich sicher nicht (zu lange) von verschrobener Nostalgie und partiell mäßiger Technik davon abhalten lassen, ein gutes Spiel zu genießen. King's Quest Episode 1: Der seinen Ritter stand beschert euch ein halbes Dutzend der besten Adventure-Stunden, die ihr in diesem Jahr bekommen dürftet, und es unterscheidet sich so epochal von solchen Episoden-Nicht-Spielen wie den Telltales, dass ich es allein dafür schon lieben muss. Vor allem auch, weil es keinen platten Cliffhanger braucht - aber auch nicht ganz auf ihn verzichtet -, sondern einfach eine nette, kleine Geschichte abgeschlossen erzählt. Ihr habt sehr solides Rätseldesign in einer sehr freien Umgebung mit subtilen Entscheidungen und Rätselvarianten, die vielleicht sogar ein zweites Durchspielen rechtfertigen können. Und auch wenn ich das ganz sicher nicht erwartet habe, wenn jetzt eigentlich das übliche elitär-senile „Ich war doch damals dabei, was soll das jetzt hier alles, früher war das alles besser!" kommen sollte: Das hier ist ein echtes King's Quest, mit Herz und Seele und 2015. Weiter so, The Odd Gentlemen, ihr seid auf dem richtigen Weg.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Ich denke zumindest, dass das irgendwie realistisch ist und habe nicht vor, es rauszufinden.

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