Persona 4: Dancing All Night - Test

Wenn die Milch so gut ist, kann Atlus gerne weitermelken.  

Spin-offs sind eine schwierige Angelegenheit. Sie bieten grundsätzlich die Möglichkeit, ein bestehendes Universum samt etablierter Charaktere als Basis zu nehmen und spielerisch abseits der Vorlage damit frei zu experimentieren. Leider gelingt der Genre-Wechsel nicht immer oder es werkelt im Gegensatz zur Hauptserie ein weniger erfahrenes Team an dem Projekt.

Die Versuche von Atlus in diesem Bereich scheinen daher fast so etwas wie ein Wunder zu sein. Immerhin war bereits Persona eines von vielen Spin-Offs der übergreifenden Shin-Megami-Tensei-Reihe und spaltete sich mit dem vierten Teil durch seine fröhliche Aufmachung überraschend stark von seinen direkten Vorgängern ab. Nach dem Erfolg des PS2-Klassikers folgten eine erstaunlich gute Anime-Umsetzung, ein fantastisches Remake für die PlayStation Vita, ein erweiterter Anime und sogar zwei grandiose Prügler. Man kann Atlus beim Umgang mit Persona 4 leicht das Melken ihrer erfolgreichsten Marke vorwerfen, jedoch erübrigen sich jegliche Anschuldigungen bei Betrachtung der Qualitäten dieser Produkte.

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Der Titel funktioniert auch auf PlayStation TV, nur rate ich davon ab, weil die Noten auf großen Bildschirmen nur schwer lesbar sind.

Als das Studio dann plötzlich ein Musikspiel ankündigte, waren die meisten Fans gar nicht so überrascht. Persona 4 hat abseits seiner guten Musik zwar überhaupt nichts mit diesem Genre zu tun, aber nach zwei Fighting Games gab es keine allzu großen Sorgen innerhalb der Community. Trotzdem warfen ein paar erneut mit Beleidigungen im Internet um sich und bezichtigten Atlus der Geldgeilheit.

Nun, mittlerweile ist Persona 4: Dancing All Night für die PlayStation Vita erschienen und ich könnte glücklicher darüber kaum sein. Denn das Teil gehört zu den besten Musikspielen der vergangenen Jahre und ich habe selbst nach dem Freischalten der Platin-Trophäe nicht aufhören wollen. Am Story-Modus liegt das jedoch nicht. Dieser erfindet total schwachsinnige Gründe, warum eure Truppe die Schattenmonster plötzlich mit Tanzeinlagen besiegt und schafft es dabei, eine in fünf Sätzen komplett erzählbare Handlung auf zehn Stunden Text auszubreiten. Zum Glück könnt ihr den ganzen Mist überspringen und direkt zu den Songs übergehen. Normalerweise würde ich deswegen von diesem Modus abraten, nur schaltet ihr dadurch ein paar wichtige Features frei und werdet gut in die Spielmechaniken eingeführt. Der wahre Fokus liegt aber in der freien Musikauswahl des grandiosen Soundtracks. Dieser besteht übrigens zum Großteil aus Remixen zumindest in Japan populärer Künstler.

Im Free-Dance-Modus darf man zu Beginn zwischen einer Handvoll Songs und drei Schwierigkeitsgraden wählen. Weitere Lieder schaltet ihr nach jedem erfolgreich absolvierten Track frei und ganz harte Tänzer dürfen sich später sogar am brutalen All-Night-Schwierigkeitsgrad versuchen. Die Besonderheit im Free Dance ist die persönliche Anpassung der Spielerfahrung. So könnt ihr den Figuren im Shop gekaufte Outfits oder Accessoires anlegen und verschiedene Partner für besondere Tanzmomente in den Songs auswählen. Richtig begeistert bin ich allerdings vom verstellbaren Gameplay. Verschiedene Modifikatoren gestalten die Rhythmusaufgaben leichter oder schwerer, was jeweils großen Einfluss auf euren monetären Gewinn hat. Wer gut genug ist und beispielsweise auf das Anzeigen von Noten verzichtet, kann das Zehnfache des normalen Geldbetrags verdienen, um so viel schneller an neue Klamotten zu gelangen. Ein cleverer Anreiz sich zu verbessern.

Nun, wie funktioniert das Ganze jetzt genau? Die Spielweise erinnert stark an japanische Maimai-Arcade-Automaten, die hier garantiert keiner kennt. Oder an EyeToy Groove, an das sich wahrscheinlich niemand mehr erinnert. Zum Glück ist das Prinzip aber leicht verständlich. Wie in fast jedem Musikspiel müsst ihr passend zum Rhythmus des Songs auf dem Bildschirm erscheinende Noten im richtigen Moment per Tastendruck aktivieren. In Dancing All Night prasseln jedoch keine farblichen Markierungen von oben nach unten auf euch herab. Stattdessen erscheinen die durch goldene Sterne symbolisierten Noten in der Bildschirmmitte und steuern von dort aus eine von sechs festen Positionen am linken und rechten Rand an. Diese Positionen repräsentieren jeweils drei Pfeil- sowie drei Aktionstasten. Neben normalen Einzelnoten gibt es auch grüne Linien, die ihr länger gedrückt halten müsst, und pinke Balken, die auf zwei Markierungen gleichzeitig landen.

Ansonsten tauchen zwischendurch nur blaue Kreise auf. Diese aktiviert ihr durch ein leichtes Bewegen der Analogsticks, wobei die Ausführung vollkommen optional ist. Natürlich erhaltet ihr für erfolgreiche Aktionen zusätzliche Punkte, allerdings verliert ihr nicht euren Multiplikator oder Lebensenergie, solltet ihr die Kreise ignorieren. Ich liebe sie als zusätzliches Element, da man so einen Weg fand, den Spieler während des Songs aktiv den Schwierigkeitsgrad beeinflussen zu lassen. Ist es euch zu hart, beachtet ihr die Kreise einfach nicht. Sucht ihr dagegen eine leicht gestiegene Herausforderung, reihen sie sich perfekt zwischen den übrigen Noten ein.

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Wer die Disco Fever Edition kauft, erhält neben kleineren Goodies auch den vollständigen Soundtrack auf zwei CDs dazu. Lohnt sich!

Der einzige Kritikpunkt entsteht für manche Spieler durch die fehlende Übersicht. Immerhin vollführt der Charakter im Hintergrund beeindruckend choreografierte Tanzmanöver und dauert blinkt oder leuchtet irgendwas. Jedoch hatte ich null Probleme damit und nachdem ich mich innerhalb weniger Songs an den visuellen Aufbau gewöhnt hatte, konnte ich selbst härtere Lieder einwandfrei spielen. Ich kann es durchaus verstehen, falls jemand damit nicht klar kommt, aber die Noten selbst wandern stets in logischen Abfolgen zwischen den Seiten und oft kann man den nächsten Trefferort sogar erahnen. Nur solltet ihr auf jeden Fall davon absehen, den Titel auf einem PlayStation-TV-Gerät zu spielen. Dann können sich eure Augen bei dem großen Bildschirm nicht länger gleichzeitig auf beide Seiten konzentrieren und ihr überseht dauernd vereinzelte Noten.

Bis auf diese kleine Schwäche, die jeder für sich selbst evaluieren muss, kann ich nur den total überflüssigen Story-Modus kritisieren. Noch nie war eine Handlung dermaßen bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und trotzdem sinnfrei. Überspringt einfach alle Dialoge, schaltet schnell die durch den Modus versperrten Inhalte frei und verbringt die restliche Zeit mit der freien Auswahl und Zusatzmodifikationen.

Persona 4: Dancing All Night ist ein weiterer Beweis dafür, dass Atlus sein Franchise selbst in die absurdesten Genres drängen kann und trotzdem ein wunderbares Spiel zaubert. Falls ihr Fan der Serie seid, aber absolut keine Musikspiele mögt, gönnt euren Ohren zumindest den großartigen Soundtrack, denn für die Geschichte braucht ihr es nicht kaufen. Befindet ihr euch dagegen am anderen Ende des Spektrums - Rhythmus-Freak mit Persona-Phobie - könnt ihr allein wegen des soliden Spielprinzips zugreifen. Und falls ihr beide Aspekte mögt, sollte der Titel so schnell es geht in eurer Vita landen.

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Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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