F1 2016 - Test

Zurück auf dem Podium.

Nach einem zwar passablen, alles in allem aber doch eher unbeeindruckenden Current-Gen-Debüt mit F1 2015 hatte Codemasters etwas Zeit, um sich noch mehr auf die neuen Konsolen einzuschießen und F1 2016 an den richtigen Stellen zu verbessern. Im Anschluss an das von hoch geschätzte DiRT Rally gelingt dem Entwicklerstudio nun auch beim neuesten Teil der F1-Reihe ein deutlicher Sprung nach vorn und zurück aufs Podium. Der Ausrutscher vom letzten Jahr ist darüber fast vergessen.

Zugegeben, seit dem Erhalt der F1-Lizenz hatten die Formel-1-Spiele von Codemasters immer ein wenig mit Problemen zu kämpfen und waren zwar gut spielbar, versprühten jedoch immer irgendwo das Gefühl, dass sie ihr Potenzial nicht gänzlich ausschöpfen. Aber nun scheint man den richtigen Weg gefunden zu haben - und das nicht nur, weil einige für F1 2015 gestrichene Features erfreulicherweise jetzt mit dabei sind, etwa ein kompletter, erweiterter Karrieremodus oder das Safety Car.

Ähnlich wie bei DiRT Rally scheint es einen Wechsel der Philosophie bei Codemasters gegeben zu haben. Schien man sich in den vergangenen Jahren noch dagegen zu sträuben, kleinere Dinge wie die Einführungsrunde oder manuelle Starts einzuführen, sind sie diesmal mit dabei. Wenn ich kleinlich wäre, könnte ich jetzt noch das Fehlen der Auslaufrunde nach erfolgreich absolviertem Rennen kritisieren, aber vielleicht kommt die ja dann mit F1 2017 hinzu.

Immer wieder knifflig: Der Start eines Rennens.

Beim manuellen Start müsst ihr jedenfalls wirklich gut aufpassen. Drückt die Kupplung und haltet die Drehzahl hoch, um im richtigen Moment loszulassen, wenn die roten Lichter der Ampel ausgehen. Zuckt euer Finger zu früh und ihr startet vorzeitig, erhaltet ihr eine Strafe. Reagiert ihr zu langsam, startet die Konkurrenz besser als ihr und ihr verliert womöglich Plätze. Es ist schon zum Start des Rennens ein kleiner Nervenkitzel. Gleichermaßen könnt ihr bei der Boxeneinfahrt die manuelle Kontrolle behalten, wenn ihr denn wollt. Damit ist es euch möglich, vielleicht noch ein paar Sekundenbruchteile rauszuholen, solange ihr rechtzeitig vor der weißen Linie abbremst und die Boxengeschwindigkeit erreicht, denn ansonsten droht auch hier eine Strafe - und natürlich solltet ihr beim Rausfahren darauf achten, nicht dort die weiße Linie zu überqueren.

Überhaupt strotzt das Spiel vor Details, ob das nun die Schilder sind, die bei der Überquerung der Start-und-Ziellinie an der Mauer nach draußen gehalten werden, die Siegerehrungen - zum Glück ohne anschließende Interviews mit Kai Ebel -, euer eigener Fahrername über der Box im Karrieremodus oder die nun mögliche Gestaltung eures eigenen Avatars. Wenn auch in begrenztem Umfang, einen Charaktereditor wie in Rollenspielen solltet ihr nicht erwarten. Jedenfalls hat F1 2016 bei der Präsentation einen ordentlichen Schritt nach vorne gemacht und wirkt dadurch weniger steril, sondern lebendiger. Ihr bekommt ein bisschen was vom Fahrerleben und den Feierlichkeiten mit, seid näher dran und nicht ständig nur im Rennen, den Menüs, dann wieder um Rennen und so weiter.

  • Entwickler/Publisher:
    Codemasters
  • Erscheint für:
    PC, Xbox One, PlayStation 4
  • Preis:
    ca. 45 bis 60 Euro
  • Erscheint am:
    Erhältlich
  • Getestete Version:
    Xbox One
  • Sprache:
    Deutsch, Englisch und weitere Sprachen
  • Mikrotransaktionen:
    Nein

Das gilt vor allem für den Karrieremodus des Spiels. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass ihm die letztjährige Auszeit gut getan hat, wenn man bedenkt, wie stark er zurückkehrt. Ihr habt zu Beginn die freie Wahl, welchem Team ihr euch anschließen möchtet, ob ganz unten (Manor) oder ganz oben (Mercedes). Beachtet jedoch, dass die Spitzenteams weit höhere Ansprüche an eurer fahrerisches Können haben und dementsprechend gute Leistungen von euch erwarten.

Im Regen ist eine gute Kontrolle eures Rennwagens gefragt.

Zwischen den Rennen haltet ihr euch im Fahrerlager auf, was zuletzt in F1 2010 der Fall war, dabei seht ihr immer mal wieder bekannte Gesichter wie Ferraris Maurizio Arrivabene oder Mercedes' Toto Wolf, wobei man sagen muss, dass Codemasters' Engine bei der Darstellung von Strecken und Fahrzeugen eher glänzt als bei den oft leblos wirkenden Charakteren. Ihr sitzt dort am Schreibtisch und habt vor euch einen Laptop, der euch einerseits den aktuellen Stand der Weltmeisterschaft zeigt, euch aber ebenso hinsichtlich eurer Rivalitäten mit anderen Fahrern auf dem Laufenden hält oder Vertragsdetails anzeigt. Ihr könnt obendrein mitten in der Saison Jobangebote von anderen Teams erhalten und annehmen, wenn ihr euch entsprechend gut behauptet. Ihr wechselt dann sofort den Rennstall und steigt beim neuen Arbeitgeber als erster oder zweiter Fahrer ein. Sorry Kimi, you're out!

Codemasters ist es in der Karriere sogar gelungen, den Trainingssessions mehr Bedeutung zu verschaffen. Die finden nicht nur zu den korrekten Tageszeiten statt, ihr könnt verschiedene Trainingsprogramme absolvieren - eine Art Mini-Spiel, wenn ihr so wollt. Euer Ziel besteht dann etwa darin, eine Qualifikationsrunde zu simulieren, um die bestmögliche Zeit rauszuholen. In einem anderen Programm müsst ihr virtuelle Tore auf der Ideallinie durchqueren, um das Punkteziel zu erreichen. Oder aber ihr zeigt eure sanfte Seite und veranschaulicht eurem Team, wie gut ihr über drei Runden hinweg die Reifen schonen könnt.

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Neue Strecken der laufenden Saison dürfen nicht fehlen, etwa der Stadtkurs in Baku.

Gut, das ist auf Dauer zwar nicht viel Abwechslung, aber immerhin werdet ihr dafür auch belohnt. Je erfolgreicher ihr abschneidet, desto mehr Ressourcenpunkte verdient ihr. Diese könnt ihr wiederum im Forschungs- und Entwicklungsbereich in fünf verschiedene Kategorien investieren. Damit verbessert ihr Stück für Stück die Motorleistung, die Treibstoffeffizienz, das Chassisgewicht, den Abtrieb sowie den Luftwiderstand. Investiert jedoch, wenn möglich, vor einem Teamwechsel noch vorhandene Ressourcenpunkte, denn diese werden dabei zurückgesetzt.

Auf der Strecke läuft alles wie gewohnt. Die Wagen steuern sich wunderbar wie eh und je, ob nun mit Gamepad oder Lenkrad (hier seht ihr, welche unterstützt werden). Wie realistisch das Ganze sein soll, bestimmt ihr anhand verschiedener Einstellungen für Fahrhilfen oder Realimus selbst. Ein paar Anpassungen wurden hier und da vorgenommen, zum Beispiel sind die Regenrennen nun etwas herausfordernder als bisher, zudem werdet ihr glücklicherweise bei nasser Strecke nicht dazu gezwungen, hinter dem Safety Car zu starten. Das sorgt gleich vom Start weg für Spannung und wenn das dynamische Wetter wechselt, ist es ebenso spannend, wer denn nun bei abtrocknender Strecke wann auf die besseren Reifen wechselt.

Zugleich habe ich den Eindruck, dass das Spiel hinsichtlich der Strafen vergebender ist als in den letzten Jahren, wo ich mich regelmäßig über meiner Meinung nach ungerechtfertige Bestrafungen aufgeregt habe und mich mitunter das Gefühl beschlich, für jede Kleinigkeit eins auf den Deckel zu kriegen. Das ist in F1 2016 glücklicherweise anders. Auch die KI verhält sich meistens geschickt und clever, macht aber hier und da schon mal Fehler - soll man das nun kritisieren oder als eine Form von Realismus ansehen, schließlich unterlaufen den echten Fahrern hin und wieder ebenfalls Patzer? Ich erinnere mich noch gut, als ich zum Beispiel Kimi Räikkönen in der vorletzten Kurve auf Silverstone im Regen überholen wollte, er plötzlich nach links zog und ich in sein Heck krachte. Aber zum Glück gibt es ja nach wie vor die Rückspulfunktion, sofern ihr diese denn nutzen möchtet. Mitunter haben die Fahrer aber scheinbar etwas Probleme damit, sich bei Kollisionen zurechtzufinden. Da kommt es schon mal vor, dass sich mehr als das halbe Fahrerfeld hinter einer Unfallstelle staut. Gut, in Monaco ist das nicht zwingend überraschend, auf anderen Strecken sollte aber eigentlich genügend Platz sein, um solche Engpässe zu umfahren.

Wenn es gut läuft, landet ihr am Ende ganz oben.

Abseits der Karriere könnt ihr ganz gewöhnlich eine Saison durchspielen, einzelne Rennen absolvieren, im Zeitfahren auf die Jagd nach Bestzeiten gehen und im Multiplayer-Modus erstmals mit einem kompletten menschlichen Fahrerfeld antreten. Selbst hier sind einzelne Rennen und komplette Meisterschaften möglich. Technisch läuft F1 2016 in der getesteten Xbox-One-Version überwiegend problemlos, nur das leichte Tearing an bestimmten Stellen ist manchmal ein bisschen nervig und etwas, das die Entwickler irgendwann mal hinkriegen sollten. Auffällig waren nur auf dem Ungarn-Kurs außerdem noch deutlich sichtbare Popups beim Überqueren der Strecke. Speziell auf dieser Strecke scheint es also derzeit ein Problem zu geben, in der Form ließ sich das auf den anderen Kursen nicht beobachten. Hier muss Codemasters mit einem Patch noch Hand anlegen. Ansonsten gibt es aber kaum etwas zu meckern.

Um es kurz zu machen: F1 2016 ist ein in allen Belangen besseres Rennspiel als F1 2015, vor allem aber hinsichtlich der Präsentation. Hier scheint man sich mehr als zuvor Gedanken darüber gemacht zu haben, wie man die Formel 1 den Spielern selbst abseits der Rennen etwas spannender präsentiert, wie man sie mehr ins Spiel einbindet. Das Resultat ist ein motivierender Karrieremodus. Auch auf der Strecke zeigt sich das Spiel von seiner besten Seite. Neuerungen und Rückkehrer wie die Einführungsrunde, das Safety Car, das virtuelle Safety Car, manuelle Starts sowie Boxenein- und ausfahrten erfreuen das Fanherz, während die Fahrzeuge gewohnt bequem, präzise und - je nach gewählter Einstellung - leicht über die Kurse zu lenken sind. F1 2016 ist eines der besten Formel-1-Spiele der letzten Jahre, vielleicht sogar das bislang beste aus dem Hause Codemasters.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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