WipeOut Omega Collection - Test

Nur nicht vorwärts, nicht weit rückwärts, aber alles in 4K.

WipeOut ist einfach eine Hausmarke, der Sony nach wie vor zu wenig Liebe schenkt. Selbst mit dieser Collection. Noch mal die eh schon so halbwegs in HD laufenden Teile aufzupumpen ist nett, aber wie wäre es mit einem neuen Spiel gewesen? Oder, wenn schon neu aufgelegt wird, dann bitte doch richtig, mit Remakes der ersten beiden WipeOuts, vor allem dem seinerzeit alles überragenden 2097. Eine gute, wenn auch etwas aufwändigere Chance, diese Spiele endlich so zu zeigen, wie sie auf den Hochglanzkonzeptbildern erträumt waren.

Aber ein bisschen WipeOut ist besser als kein WipeOut und so nehme ich gerne die Omega Collection. Diese besteht auf WipeOut 2048, das 2012 auf der Vita erschien, und WipeOut HD plus Fury-Erweiterung. Letzteres liegt jetzt fast zehn Jahre zurück, 2008. Auf der PS3 tröstete es minimal darüber hinweg, dass das nächste echte und ambitionierte Spiel der Serie immer noch nicht in Sicht war. Das lässt sich wohl auch direkt über die Omega Collection sagen. Ein Trostpflaster. So gut dieses Paket auch ist, es ist am Ende nur ein Trostpflaster.

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So gut sah 2048 noch nie aus und das ist die Version, in der sich das Spiel wirklich wohlfühlt. Am besten in 4K.

WipeOut war mehr als nur ein Rennspiel, als es 1995 erschien. Es markierte einen der großen Umbrüche in der Spielgeschichte, indem es technisch die neue Hardware auszureizen begann, aber das war nicht der wichtige Aspekt. Psygnosis gelang es, im Design den Spiels durchweg einen nahfuturistischen Vibe einzufangen, der zum Zeitgeist passte. Die erfundenen Logos, der ein klein wenig, aber nicht zu sehr futuristisch wirkende Vibe der Musik, die durchweg von damals - und teilweise heute noch - großen Akts eingespielt und gemixt wurde, ließ das Spiel aus dem üblichen Schema eines Videospiels ausbrechen. Es wirkte überlebensgroß und es war eines der ersten Male, in denen es sich zumindest so anfühlte, dass ein Videospiel sogar in Deutschland die engen Grenzen der damals öffentlichen Gaming-Wahrnehmung aufbrach und es schaffte, sich als eine Art Ereignis zu inszenieren. WipeOut war nicht nur Triple-A, es war schiere Ambition, Talent und nicht zuletzt einer der Gründe, warum die PlayStation in der Lage war, ihr eigenes Image weg vom "Kinderspielzeug" hin zu einer hippen, sogar in diesem frühen Moment fast erwachsenen Richtung zu lenken. WipeOut war mal relevant.

Und es war ein verdammt gutes Spiel. In den letzten Jahren gab es mit Fast RMX und Redout ein paar solide Games, die auf dem Konzept aufsetzen, aber bei jedem von ihnen muss man sagen, so gut sie auch technisch sein mögen, jedes wurde mit einem "Ja, das ist schon fast so gut wie WipeOut" bedacht. Nah dran, aber noch nicht der Thronräuber. Ein Teil davon ist der große Schatten der übergeordneten Relevanz, die WipeOut einmal hatte. Keines dieser Spiele hat auch nur einen Hauch davon. Aber auch spielerisch ist es faszinierend, wie gut und auf den Punkt schon das erste WipeOut das Gefühl eines Hochgeschwindigkeitsgleiters auf einer schmalen Rennstrecke einfangen konnte. Das Kurvenmoment, das euch gleichzeitig ein gutes Gefühl der Stabilität wie auch ein taktisches Element für das ideale Manövrieren an die Hand gibt, ist praktisch perfekt. Das mag in den ersten Stunden anders wirken. WipeOut ist ein Spiel mit einer relativ hohen und nicht zu kurzen Lernkurve. Bis ihr den perfekten Drift in engen Kehren unter Einsatz der Schultertasten gemeistert habt, liegen viele, viele Rennen vor euch. Aber so ist das eben bei einem guten Spiel mit einer gewissen Tiefe und hier gibt es für Könner einiges auszuloten, bis selbst bei höchstem Tempo alle Manöver intuitiv ins Pad wandern.

All das gilt auch in der Grundlage für die Omega Collection, sowohl für WipeOut 2048 wie auch HD und Fury. Alle drei Spiele sind brav im Menü getrennt und es wird schnell deutlich, dass 2048 sich trotz seiner Portable-Historie nach weit mehr Ambitionen anfühlt als die damalige Fingerübung HD. Ihr habt diverse Ligen, Punktesysteme, Racer-Varianten und der Look der Strecken wirkt weit detaillierter. Das "Prequel"-Setting - 2048 liegt in der Zeitlinie noch kurz vor dem ersten Teil - fährt die sehr futuristischen Aspekte der Streckenarchitektur aus den früheren Teilen wie HD, Fusion oder Pulse zurück, die fast 150 Jahre später spielen. Es gibt genug Leute, die diese Aspekte vermissen und die etwas geerdeteren Elemente nicht wirklich schätzen. Ich bin keiner davon und denke nach wie vor, dass einer der stärksten Aspekte von WipeOut war, eine glaubwürdige - wenn auch wenig wahrscheinliche - Vision einer relativ nahen Zukunft zu spinnen. Die für die Serie einzigartigen Passagen, in denen ihr auch mal über Stein und Gras rauscht, geben einen guten Eindruck der Entstehungsgeschichte dieser Art "Sport" und gehören zu den Highlights der Reihe. Sollte es Zweifel geben, ob der ehemalige Vita-Titel in den Details mithalten kann, sind diese völlig unberechtigt. Das Spiel scheint geradezu seine Flügel auf dem großen Screen zu strecken und genießt es förmlich, in 60Hz in 1080p - 4K und auch flüssig auf der Pro - endlich zu sein, was es sein kann.

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Wenn man es nicht in Bewegung sieht, wirkt die Umgebung manchmal etwas zu detailarm. Aber keine Sorge, ab Tempo 600 spielt das keine Rolle mehr.

Dagegen wirken HD und Fury fast schon ein wenig lieblos. Die engeren, schnelleren Kurse waren damals als 1080p60-Showcase auf der PS3 gedacht und es scheint so, als hätte man hier und da lieber auf ein paar Objekte verzichtet, statt dieses hehre Ziel zu gefährden. Nicht, dass es wirklich hässlich wäre, aber gegen 2048 wirkt es trotz seines viel futuristischeren Settings in jeder Hinsicht wie das ältere Spiel - was es ja auch ist. Fast schon fehl am Platz wirkt bis heute aus meiner Sicht der Zone-Modus, der mehr aus Tron gefallen wirkt, aber als Spiel gut funktioniert. Fury nimmt sich schließlich selbst beim Namen. Detonator und Eliminator gehören zu den actionlastigsten Modi, die die Serie je sah. Hier im Paket mit den traditionelleren Teilen 2048 und HD runden sie das Paket auf jeden Fall gut ab.

Es ist erstaunlich, wie sehr sich die drei Spiele auf der Gameplay-Seite wie aus einem Guss anfühlen. Sicher, die Menüstruktur ist ein wenig anders, aber sobald ihr auf der Piste seid, entsteht ein absolut konsistentes Gefühl, wie sich eure Gleiter verhalten. Über all ihre Varianten hinweg gibt es keinen Bruch, wenn ihr zwischen den drei Spielen wechselt, und ihr müsst euch nur daran gewöhnen, dass es manche Waffen in manchen Teilen nicht gibt. Ansonsten könnte es fast ein Spiel sein. Auch die KI wurde hier auf einen Nenner gebracht und sie hat sich all ihren Biss bewahrt. Es beginnt eher friedlich und gibt euch genug Zeit, ein paar Punkte zu sammeln, aber auf den höheren Ebenen ist es dann ein gnadenloser Pulk, der um jeden Platz mit allem kämpft, was die Waffenpunkte hergeben. Streckenkenntnis im Schlaf wird zur Pflicht, wenn ihr in Sekundenbruchteilen reagieren müsst. Und einmal im Rausch drin, ist es auch genau das. WipeOut hat in diesem Punkt nichts verlernt. Habt ihr all das gemeistert, geht es in den Online-Mode, um euch mit denen zu messen, die das auch getan haben. Was es leider nicht gibt und ich weiß auch nicht, ob es den Grad der Übelkeit nicht auf ein "nur ein kleines Pfefferminz-Plättchen noch"-Niveau heben würde, ist VR-Unterstützung. Vielleicht eines Tages.

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Ob gegen KI oder andere Spieler, das extreme Tempo verpflichten euch die Strecken im Schlaf zu beherrschen und fast übermenschliche Reflexe zu entwickeln.

Wenn ich die WipeOut Omega Collection eine Enttäuschung nenne, ist es eine auf dem allerhöchsten Niveau und nur insoweit, dass es eben kein Neues WipeOut ist. Keines, das die alten hochgesteckten und am Ende weit überbotenen Ziele der ersten Teile anstrebt, und auch keine Kollektion, die zumindest weite Teile der Reihe abdeckt und wiederbelebt. Als Spiel jedoch ist dieser Dreierpack nicht nur gut gealtert - selbst wenn es die jüngsten WipeOuts sind, HD liegt fast eine Dekade zurück. Es spielt sich immer noch diesen einen, kleinen Tick eleganter und bissiger, als es die Nachahmer schaffen, aus deren Reihen sich immer noch der eine echte Herausforderer loseisen muss, um als wahrer Erbe antreten zu dürfen. Vor allem 2048 fühlt sich an, als hätte es nur darauf gewartet, den kleinen Vita-Screen hinter sich zu lassen und zu zeigen, was in ihm steckt. Das ist eine Menge - vor allem auf der Pro in 4K - und so ist die Omega Collection eine gute Erinnerung daran, warum WipeOut mal wichtig war. Daran, dass es immer herausragende Spiele waren und dass es eines Tages endlich ein neues, großes Wipeout geben muss. Ob es jemals wieder so relevant sein kann wie 1995, wage ich mehr als nur leise zu bezweifeln. Aber es darf gern einen Versuch riskieren.

Entwickler/Publisher: Sony - Erscheint für: PS4 - Preis: ca. 40 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: deutsch, englisch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Martin Woger

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