Langsam, gemächlich und mit großer Detailverliebtheit - so erzählt Ken Follet's Pillars of the Earth seine Geschichte. Das fühlt sich zunächst ziemlich ungewöhnlich an, es sei denn vermutlich, man spielt sonst nur den Landwirtschaftssimulator. Denn Die Säulen der Erde, so der deutsche Titel und der Name des Bestseller-Romans, der dem Spiel als Grundlage dient, sind eben eigentlich gerade nicht der Stoff, aus dem Computerspiele sind. Noch nicht einmal Adventures. Denn in einem historischen Setting wie diesem, das sich selbst ernstnimmt und das der Buchvorlage auch noch einigermaßen entsprechen will, werden Probleme eben nicht dadurch gelöst, dass man einen Staubsauger mit einem Kaugummi und einem Hamster kombiniert.

Ken Follet's Pillars of the Earth ist wohl das Daedalic-Adventure, das sich am ehesten anfühlt, als sei es eigentlich von Telltale gemacht. Das Ergebnis ist ein wunderschönes Spiel mit handgezeichneten Grafiken, bei dem ihr zwar viele wichtige Entscheidungen trefft - das letztlich aber eher ein spielbarer, bebilderter Roman ist als ein wirkliches Point-and-Click-Adventure. Ein sehr unterhaltsamer allerdings.

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Die erste Episode von Pillars of the Earth spielt sich größtenteils in einem Kloster ab. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Pillars of the Earth ist in drei verschiedene größere Episoden (im Spiel Bücher genannt) aufgeteilt, die nach und nach erschienen sind. Inzwischen sind sie aber alle erhältlich und die Geschichte hat ihr Ende gefunden. Das ist zwar ähnlich dem des Buches, zumindest auf Details der Geschichte könnt ihr aber hier und da Einfluss nehmen.

Der Kern der Handlung von The Pillars of the Earth ist im England des 12. Jahrhunderts angesiedelt. Baumeister Tom Builder hegt den großen Traum, einmal in seinem Leben eine Kathedrale zu errichten. Den verfolgt er mit einer solchen Sturheit, dass er auch die Interessen seiner Familie schon mal hintenanstellt - also beispielsweise lukrative Jobs an anderer Stelle ausschlägt, um weiterhin seiner Leidenschaft nachzueifern. Neben Tom steuert ihr auch weitere Personen, darunter Toms Ziehsohn Jack, den Ordensbruder Philip und Sympathieträgerin Aliena. Die wurde zusammen mit ihrem Bruder aus der Stadt vertrieben und muss sich nun irgendwie durchschlagen.

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Quick-Time-Events wie dieses kommen im Spielverlauf leider immer wieder vor, haben aber nur selten größere Auswirkungen auf die Geschichte. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Ken Follet hat sein Buch The Pillars of the Earth genannt, weil die Menschen zu jener Zeit Angst hatten, dass die Säulen der Erde zusammenbrechen könnten. Der englische König Heinrich I. war gestorben und eine Menge unehelicher Nachkommen sowie anderer Familienangehörige stritten sich in einem zwanzig Jahre dauernden Bürgerkrieg um die Nachfolge. Die Konsequenz solcher Kriege sind Hungersnöte sowie der Verfall von Ethik und Moral in der Gesellschaft - im Spiel bildlich sehr schön dargestellt als eine Kathedrale, die bereits im Begriff ist, in sich selbst zusammenzufallen und als ein angrenzendes Kloster, dessen Mönche sich gegenseitig Vorwürfe machen, wenn einer von ihnen in einem Akt der Nächstenliebe ein Stück Käse verschenkt. (Ihr selbst könnt das machen - oder auch nicht.)

Gerade zu Beginn des Spiels ist die religiöse Thematik ziemlich dominant und auch im Verlauf des Spiels werden immer wieder Grundfragen des Christentums aufgegriffen - beispielsweise wie Gott wirkt. Entweder durch direktes Eingreifen via Wunder - oder doch durch die Menschen, denen er einen freien Willen gegeben hat? Nun bin ich selbst kein religiöser Mensch und habe mich dieser Thematik daher eher mit externem Blickwinkel gewidmet. Interessant sind die Fragen dennoch auch auf rein hypothetischer Ebene allemal.

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Auf der Landkarte könnt ihr immer wieder wählen, welchen Weg ihr gehen wollt - und erlebt je nachdem teils unterschiedliche Geschichten. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Und jetzt nehmt dieses Szenario und stellt es euch als Point-and-Click-Adventure vor. Eure jeweilige Spielfigur steuert ihr also per Mausklick durch diese besonders zu Beginn sehr düstere Mittelalterwelt, per Rechtsklick könnt ihr einzelne Hotspots anklicken und erfahrt dann die Gedanken der jeweiligen Figur. Ein Druck auf die Leertaste sorgt dafür, dass ihr die Hotspots direkt angezeigt bekommt.

Die Steuerung funktioniert grundsätzlich auch auf den Konsolen gut, hier bewegt ihr die Figuren direkt mit dem Analogstick. Klassische Puzzles gibt es keine, wohl aber müsst ihr hier und da ein paar Hinweise miteinander kombinieren. Erhaltet ihr also von einer Figur eine Schlüsselinformation, erscheint diese bildlich als Icon in eurem Interface und ihr könnt sie an anderer Stelle präsentieren, um so das Spiel voranzutreiben. Spielerisch ist auch das aber eher rudimentär - der Reiz liegt viel mehr daran, zu sehen, wie sich die Figuren entwickeln und wie die Geschichte weitergeht.

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Ich hätte es selbst nicht geglaubt, aber Pillars of the Earth bietet eine Geschichte zum mitfiebern. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Die Zeit, die sich das Spiel am Anfang nimmt, um seine Geschichte vor euch auszubreiten, ist nicht vergebens. Mehr und mehr passen die Puzzlestücke der Handlung plötzlich zusammen, allzu oft habe ich mich einfach zurückgelehnt und den Dialogen zugehört. Auch, weil die wirklich gut eingesprochen sind, vergleichbar mit einem schönen, langen Hörbuch. Hin und wieder öffnet sich die Welt ein wenig - dann könnt ihr in Städten beispielsweise auf einer Übersichtskarte herumlaufen und die eine oder andere Nebenquest erledigen. Auch wenn ihr von Stadt zu Stadt reist, erlebt ihr immer wieder kleine Abenteuer am Rande. Auf die Handlung wirkt sich das zwar teilweise nur marginal aus, aber diese kleinen Geschichten tragen eben doch zur Atmosphäre des Spiels bei.

Ein Beispiel: Die Walkerinnen von nebenan stampfen mit ihren bloßen Füßen in einer Mischung aus Wasser und Urin auf Stoffen herum, um sie für die Weiterverarbeitung vorzubereiten. Natürlich greift dieses Verfahren die Haut enorm an und ihr seid es, die für die armen Frauen eine Salbe herstellen könnt. Im Spiel wird euch das später sogar vorgeworfen, schließlich seid ihr nicht euer Arbeit als Steinmetz nachgegangen und habt euch stattdessen mit diesen Frauen beschäftigt. Letztere sind aber so verdutzt und dankbar, dass sie euch damit auch etwas über die Welt von Pillars of the Earth erzählen: Dass hier nämlich sonst kaum jemand dem anderen freiwillig etwas Gutes tut. Und, ach ja, natürlich gibt's für diese Nebenaufgaben auch Achievements.

Etwas befremdlich wirkt es da, dass die Entwickler immer wieder kleine Quick-Time-Events eingestreut haben. Die fallen nicht wirklich ins Gewicht, weil ihr die meisten von ihnen einfach so lange wiederholen könnt bis ihr sie geschafft habt. Aber sie haben mich doch immer wieder aus der eigentlich fesselnden Geschichte gerissen. Hatte ich gerade noch einem entscheidenden Dialog gelauscht, musste ich plötzlich darauf achten, im richtigen Moment zu klicken. Darauf hätte man, zumindest optional, auch locker verzichten können.

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Albtraumszenen wie diese gibt es nicht oft - das macht sie aber nur wirkungsvoller. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Angetan bin ich dagegen von der visuellen Aufbereitung des Materials. Pillars of the Earth arbeitet mit einer stilisierten Comic-Grafik, allerdings mit realistischen Proportionen. Die Figuren und Hintergründe sind handgezeichnet, alles hat einen sehr erwachsenen Look, der in keiner Sekunde lächerlich wirkt. Die fiktive Priorei Kingsbridge kommt euch schon bald vor wie euer Zuhause und es im Wandel der Zeit zu erleben und zu sehen, wie sich alles verändert, wirkt beeindruckend. Spätestens in der letzten Episode fühlte ich mich jüngeren Spielfiguren gegenüber fast ein wenig schrullig. Ich wusste, wie das alles noch im ersten Kapitel ausgesehen hat und irgendwie hatte ich das Bedürfnis, das auch die NPCs wissen zu lassen. Ging natürlich nur eingeschränkt, aber der Effekt war beeindruckend.

Vermutlich funktioniert er auch deshalb so gut, weil die Geschichte von Pillars of the Earth eine von Intrigen und Verrat ist. Die Figuren sind alles andere als eindimensional, sie zeigen im Verlauf des Spiels immer wieder Seiten von sich, die ich nicht wirklich verstanden habe, trafen Entscheidungen, für die ich sie ohrfeigen wollte - oder bei denen ich mich ärgerte, sie nicht selbst treffen zu können. Denn, natürlich, letzten Endes folgt das Spiel dem Pfad des Buches. Bis zu den letzten Szenen habe ich rund 15 Stunden gebraucht, etwa gleich viel für jedes Kapitel. Das ist immerhin weniger als ich für die 1.150 Seiten gebraucht hätte, die die gebundene Ausgabe des Buches mitbringt. Ich habe beim Spielen zwar teilweise wirklich Lust bekommen, es zu lesen, aber ich weiß, dass ich es niemals zu Ende bringen würde und bin deshalb umso dankbarer, die Geschichte nun in dieser Form erlebt zu haben.

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Das Szenario von Pillars of the Earth ist ein düsteres - die hängenden Leichen im Hintergrund werden in den Dialogen noch nicht einmal erwähnt. (Ken Follet's the Pillars of the Earth - Test)

Als ich begann, Ken Follet's Pillars of the Earth zu spielen, war ich ziemlich skeptisch. Aber als ich mich einmal auf die langsame Erzählweise und das Szenario eingelassen hatte, fand ich das Spiel wirklich packend. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht, ich habe die Momente genossen, in denen ich mich frei in der Spielwelt bewegen konnte, um noch mehr von ihr einzusaugen.

Und ich habe es geliebt, längeren Dialogen zuzuhören, mich zurückzulehnen, über die Geschichte nachzudenken - und über die Fragen, die sie immer wieder aufwirft. Die Entscheidungen, die ich im Verlauf des Spiels getroffen habe, fühlten sich bedeutend an, auch wenn ich wusste, dass das Ende des Spiels ziemlich genau das des Buches sein würde.

Wer also nichts gegen Spiele hat, die einen etwas ruhigeren Ton anschlagen und wer sich gern auf vielschichtige Figuren einlässt und sieht, wie sie sich im Verlauf der Zeit entwickeln, sollte mal einen Blick auf Pillars of the Earth werfen. Auch bei voller Unkenntnis des Buches.

Entwickler/Publisher: Daedalic/Daedalic - Erscheint für:PC, PS4, Xbox One - Preis: zwischen 20 und 30 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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