Was ist eine Billig-Marke? Eine, die ein Gerät herausbringt, für das die Konkurrenz teilweise den bis zu doppelten oder sogar dreifachen Preis nimmt? Sicher, das wäre wohl eine Billig-Marke. Was aber, wenn dieses Gerät für 90 Prozent der Kunden ohne Qualitätseinbußen die gleiche Leistung bringt? Das Label "billig" müsste wohl in "preiswert" geändert werden und das ist die Richtung in die aktuell alle chinesischen Hersteller abzielen. Ein Paradebeispiel wäre das Honor View 20 - oder V20 in China -, das aktuelle Flaggschiff der Honor-Reihe, einem Sub-Label des Huawei-Konzerns.

Mit um die 480 Euro liegt man deutlich unter den Geräten von Samsung - S10 - oder gar Apple - X -, von deren High-End-Varianten ganz zu schweigen. Aber diese Grenze des Machbaren im 1000-Euro-Bereich ist auch nicht die Ecke, in die das View 20 möchte, es geht um den etwas verwöhnteren Normalkonsumenten. Der soll seinen Blick auf die ungewöhnlichen Aspekte des View 20 lenken und das wäre beim ersten Anfassen wohl die verspielte, glasüberzogene Rückseite, auf der man ein V sehen kann, wenn man denn will. Das oder einen Pfeil nach unten. Für alle, die ihr Handy gern umgedreht auf den Restauranttisch legen, ist das sicher ein echtes und auch wirklich ganz hübsches Accessoire, für alle Taschen-Nutzer ein irrelevantes Detail.

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Da ist schon wichtiger, dass der große 6,4 Zoll-Screen gar nicht mal so endlos groß in der Hand liegt. Dank des praktisch nicht mehr vorhandenen Rahmens hält sich das Riesendisplay - zum Vergleich, S10 mit 6,1 Zoll und iPhone X mit 5,8 - handlicher, als es der Fall sein sollte. Sicher, niemand würde sagen, dass es in der Hand fast verschwindet, aber auch würde nur wenigen der unschöne Begriff "Phablet" einfallen, auch wenn technisch gesehen alle diese Geräte ein solches sind. Das nur am Rande.

Also, rahmenloses Display mit 6,4 und keinem Notch. Wie beim S10 wanderte der Front-Kamera-Punkt in die Ecke oben, im Falle des View 20 in die linke. Wenn ihr dann noch die Statusleiste auf Schwarz schaltet, ist er ganz aus dem Blick, aber selbst Vollbild-Apps zeigen sich in aller Schönheit, denn das Gehirn kann den weniger als fünf Millimeter großen Fleck ziemlich gut ignorieren. Weniger leicht zu ignorieren ist, dass noch niemand abschließend geklärt hat, wie man ein rahmenloses Gerät greift, ohne das nächste Youtube-Video zu starten, das in der einen oder anderen Ecke lauerte, egal wie vorsichtig man versucht, es anzuheben. Aber das sollte man wohl eher der App ankreiden.

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Das Display selbst ist zwar groß, aber die Auflösung von 2310 mal 1080 ist eher im unteren Bereich angesiedelt und sicher eine der ersten Sparmaßnahmen. Nicht, dass diese Auflösung nicht ausreichen würde, Schrift wie auch Bilddetails wirken scharf und gehen nicht verloren. In Sachen Helligkeit und Kontrast ist das auch eher ein Gerät der letzten Generation, vor allem wenn man es neben das mit ähnlicher Auflösung, aber weit mehr Intensität gesegnete Huawei Mate 20 legt. In der direkten Sonne sollte man Schatten suchen oder die Augen sehr zusammenkneifen, unter normalen Bedingungen jedoch ist das View 20 tadellos lesbar und die Farbechtheit gut genug für alles, was man von einem solchen Gerät erwarten kann. Es ist insgesamt ein schönes, großes Display, das bei der Benutzung Freude macht, tadellos tut, was es soll und von einigen anderen in gewisser Weise wortwörtlich überschattet wird.

Außen habt ihr, heutzutage fast ungewöhnlich, einen klassischen Klinkenanschluss, über den sich sicher ein paar Bluetooth-Kopfhörer-Verweigerer freuen werden. Unten gibt es auch bei Honor mittlerweile USB-C 3.1 und sonst gibt sich das Gerät benutzerfreundlich: Ihr habt nur drei Tasten für Lautstärke und Power an der rechten oberen Seite, wo der Daumen ruht und das ist es auch schon. Der Fingerabdrucksensor ist natürlich vorhanden, aber nicht im Screen integriert, sondern als klar erfühlbarer Punkt auf der Rückseite unter der Kamera untergebracht. Das Konzept hat sich bewährt, die Erkennung von bis zu fünf Fingern funktioniert tadellos.

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Was fehlt, sind ein paar Punkte, die so mancher wirklich vermissen dürfte, selbst wenn es eingebildet sein sollte. Zum einen gibt es keinen SD-Kartenplatz neben der SIM-Karte. Eingebildet deshalb, weil das View 20 mit mindestens 128 GB bestückt ist - die blaue Version hat sogar 256 und kostet nur 50 Euro mehr - und das den allermeisten Nutzern mehr als reichen dürfte. Wer jedoch erweitern will oder muss, hat hier Pech gehabt. Das andere ist der Fakt, dass das View 20 zwar ein wenig Regen und Spritzwasser überlebt hat, aber nicht als wasserfest von Honor abgesegnet ist. Wer sich mit seinem Handy viel am Strand rumtreibt, sollte sich über diesen Punkt Gedanken machen. Gegen massiven Outdoor-Einsatz spricht auch, dass kein Gorilla-Glass genutzt wurde.

Der Speicher wurde schon angesprochen, 128 oder 256 GB sind eine Menge Platz und zusammen mit 6 beziehungsweise 8 GB RAM liegt das View 20 auf einem Level mit den aktuellen Spitzengeräten. Dazu kommt ein Prozessor, der diese oft genug hinter sich lässt, denn so oft kam der Nachfolger des auch schon fixen Kirin 970 nicht zum Einsatz: Im View 20 steckt der heiß erwartet 980 und er enttäuscht nicht. 4300 Punkte im 3D-Mark (Slingshot Extreme Unlimited Physics), 9200 in PCMark für Android und knappe 10k-Punkte im 64Bit-Multicore von Geekbench lassen den etwas älteren Konkurrenten Snapdragon 845 nicht zu weit, aber doch deutlich erkennbar hinter sich und holen im Dreh um die 10 Prozent mehr raus. Das hängt mitunter natürlich auch von der Grafikkarte ab, die Mali-G76 MP10 ist dabei ein harter Konkurrent der Adreno 630 des Snapdragon und muss sich hier und da scheinbar geschlagen geben. Wofür man sich jetzt nicht schämen muss, denn im Endeffekt heißt das immer noch, dass man hier Oberklasse-Leistung bekommt.

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Das schlägt sich auch in der Gaming-Performance nieder. 60fps ohne Aufwand in PUBG, Asphalt und Konsorten laufen alle tadellos und flüssig. Der Kirin 980 überzeugt erwartungsgemäß und auch wenn der Mali nicht ganz mit dem Adreno mithalten kann, das Duo sorgt für die aktuell mit beste Gaming-Performance, die ihr bekommen werdet. Dazu kommt natürlich die unauffällige Lage des "Ecken-Notch", der Frontkamera, die sich ziemlich schnell im Geiste komplett ausblenden lässt. Als Gaming-Phone macht das View 20 eine aufgezeichnete Figur.

Das eigentliche Highlight ist aber die Kamera und nachdem relativ lange Ruhe an der MP-Zahlen-Front war, geht es dieses Jahr in die nächste Runde: Wie einige High-End-Phones hat auch das View 20 ein 48MP-Array auf der Rückseite, das für Details sorgen soll. Und, tun die 48MP das? Es gibt zwei wichtige Modi. Der 48MP-Modus schießt 8k x 6k Bilder, der natürlich sehr feine Details einfängt, aber anfällig für leichtes Bildrauschen sein kann - je nach Motiv. Der 12MP-Modus fügt vier Pixel zu einem großen zusammen, kennt Bildrauschen praktisch nicht, ist gut für Aufnahmen in relativer Dunkelheit geeignet, aber hat logischerweise weniger Details. Beide Modi produzieren sehr gute Bilder und auch wenn das View 20 zum Beispiel nicht den Preisklassen-Primus Pixel 3 abhängen kann oder bei Ambitionen eine echte Kamera überflüssig macht, lässt es sich mit ihm gut unter fast allen Bedingungen knipsen.

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Die Frontkamera steht dem wenig nach, bietet mit 25MP eine beeindruckende Auflösung und wenn man davon absieht, dass man auch hier nachkorrigieren muss, will man natürliches Farben und Licht bekommen, hat man ein überzeugendes Set an Linsen in der Hand. Etwas fehlt jedoch und das ist filmen in 4K60. 4K geht FHD+60 geht, aber nicht maximale Auflösung und die tolle Bildrate zusammen. Andere Geräte in der Klasse haben es, technisch sollte das View 20 dazu leicht in der Lage sein, nur tut es das aktuell eben nicht.

Zu guter Letzt kommen wir zur Software und es macht wohl wenig Sinn den Elefanten im Raum zu ignorieren: Aktuell sieht es mit der Zukunftstauglichkeit des Android auf diesem und jedem anderen Honor/Huawei-Gerät nicht günstig aus. Sofern sich die Lage nicht ändert, wird es noch knapp drei Monate vollen Google-Support für diese Geräte geben und danach wird eine Menge nicht mehr so sein wie jetzt. Außer natürlich, man einigt sich und Google hat nicht wirklich dramatische Gründe, an der Sicherheit aller Huawei-Technik zu zweifeln, aber an diesem Punkt ist alles reine Spekulation, was die Zukunft bringt.

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Die Software, die installiert ist, ist auch nicht ideal, aber hier ist Honor kein Einzeltäter. Honors Magic UI ist nicht ganz so aufdringlich wie Huaweis grausige EMUI, aber genug sinnlose vorinstallierte Software und vermeintliche Benutzererleichterung, die einem regelmäßig eher in die Quere kommen, als dass sie helfen würden, gibt es genug. Vor allem die HiSearch loszuwerden war ein kleiner Akt, wenn auch ohne Root-Zugriff möglich, immerhin. Es gibt in der Richtung schlimmere Vergehen als das View 20, aber wer ein "sauberes" UI bevorzugt, muss erst mal was dafür tun. Dann jedoch habt ihr zumindest aktuell noch Android 9 auf dem Stand der Zeit.

Bleibt noch die Batterie-Laufzeit und diese ist wie auch bei anderen Geräten des Herstellers definitiv keine Schwachstelle. Der 4000mAh-Akku hält einen langen Tag mit etwas Surfen, Spielen und Mails problemlos durch, nach 15 Stunden ging es dann immer in Richtung der letzten Prozente. Selbst bei 3D-Gaming wie PUBG hält er 2,5 bis 3 Stunden durch, was kein schlechter Wert ist, im Gegenteil. Austauschbar ist der Akku natürlich ohne Aufwand nicht, aber das gilt für so ziemlich jedes Gerät aktuell.

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Es wäre schade, wenn sich Geräte wie das View 20 wirklich etwas zuschulden haben kommen lassen und nicht nur aus politischen Gründen einer unsicheren Zukunft entgegensehen. Ihr bekommt mit dem Honor View 20 ein 500-Euro-Gerät, das in vielen wichtigen Punkten - in Sachen Performance, Speicher, Kamera und Design - mit den deutlich teureren High-Endern gut und auf Augenhöhe mithalten kann. Dass der Screen bei der Auflösung nicht mehr auf der Höhe der 4K-Zeit liegt würde ich noch nicht mal als großen Malus sehen, immerhin verbraucht die 1080er-Auflösung weniger Akku. Auch in Sachen Strahlkraft und Kontrast ginge mehr, da haben andere Geräte einen höheren Hinguck-Faktor, den das View 20 auf seine bunte Rückseite verlegt. Betrachtet man das Honor View 20 unabhängig von der globalen Lage, dann ist es ein vor allem für seinen Preis fantastisches Gerät, das sich keine echte Schwäche leistet und viele Stärken hat. Aber dann wiederum kommt man um die globale Lage nicht herum ... Wir leben in interessanten Zeiten, um an ein chinesisches Sprichwort anzulehnen.

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Freier Redakteur