GreedFall - Test: Ein kurzer Rollenspiel-Geheimtipp

Charmebolzen, Wissenschaftler oder Haudegen - Wer darf es sein?

Was braucht es, um ein Fantasy-Rollenspiel ansprechend zu illustrieren? Greedfall hätte da ein paar ansprechende Vorschläge: Eine malerische Welt in warmen Farben, zahlreiche und detaillierte Outfits, wahlweise mit Rüschen, Federn oder Verzierungen. Dazu eine artenreiche Flora und Fauna, gefährliche Waldwesen als Gegner und einen Helden, den man selbst erstellen kann. Alles zusammen ergibt es ein stilisiertes Abbild unseres 17. Jahrhunderts, in dem Magie und Monster keine Seltenheit sind.

Alles geht ganz gewöhnlich los.: Nachdem ich meinem Helden ein paar optische Highlights verpasst habe, geht es an die für Rollenspiele typischen Attribute und Skills. Die Auswahl ist groß - die Anzahl der verfügbaren Punkte leider noch nicht. Also setze ich auf Charme und Gewandtheit, damit mein Fallen legender Held über Schnelligkeit und eine spitze Zunge verfügt. Genauso ist es möglich, die ersten Punkte in die Wissenschaft zu stecken und einen fähigen Zauberer zu skillen. Zunächst lege ich mich aber auf die Rolle des Charmeurs fest. Im Laufe der rund 30 Stunden für die Hauptstory kann ich jedoch auch alle anderen Zweige des Fertigkeitenbaumes abschreiten, also auch Magie erlernen und Tränke dank Wissenschaft selber brauen.

Jetzt mache ich endlich meine ersten Schritte in Serene. Doch lange halte ich mich hier nicht auf, ich möchte zusammen mit meiner Crew nach Tier Fradee, einem weit entfernten Hafen auf einer wundersamen Insel. Während überall sonst eine scheinbar unheilbare Seuche ausgebrochen ist, scheint New Serene, wie die Stadt später getauft wird, davon völlig unberührt zu bleiben. Ein neues Land mit mystischen Kräften, auf dem die Malichor-Krankheit keine Chance hat! Es fragt sich nur: Wieso? Liegt es an der Lage der Insel? Oder vielleicht an einem Zaubertrank? Möglich ist auch die Vermutung, dass die Einheimischen der Insel und ihre magischen Fähigkeiten etwas damit zu tun haben. Sie leben im Einklang mit Tieren und magischen Kreaturen.

Während ich die einzelnen Kartenabschnitte auf New Serene frei erkunde, bleiben Kämpfe nicht aus. Bären sind in den Wäldern genauso angriffslustig wie die riesigen Monster der Insel. Je nach den am Anfang gewählten Attributen kämpft der Protagonist gemeinsam mit einigen Verbündeten gegen die Feinde. Es fühlt sich ein bisschen an wie die frühen Bioware-Spiele, nur knickt die Framerate von Zeit zu Zeit auf der PlayStation 4 deutlich ein.

Daher kennt man auch die taktische Pause: Während eines Kampfes kann ich immer kurz die Zeit anhalten und in aller Ruhe meine Zauber durchgehen oder die Taktik ändern, ehe das Gefecht weitergeht. Das verleiht den Kämpfen mehr Übersicht, taktische Tiefe und Möglichkeiten. Dank verschiedener Schwierigkeitsgrade kann sich zudem jeder das Spiel so hart gestalten, wie er möchte.

Kämpfe ich gerade mal nicht gegen Kreaturen aus dem Wald, können mir auch menschliche Gegner vor die Flinte laufen. Dass dieses Land einen mysteriösen Schutz vor der Malichor besitzt und somit das Überleben des eigenen Volkes sichern könnte, hat sich rumgesprochen. Verschiedene Fraktionen belagern nun den Hafen von Tier Fradee und sind anderen Völkern nicht gerade positiv gegenüber eingestellt. Mit entsprechend vielen Talentpunkten auf Intuition oder Charme kann ich mich aus kniffligen Situationen auch einfach herausreden, anstatt die Klinge zu ziehen. Mit Diplomatie lassen sich in GreedFall viele Probleme lösen, was durchaus erfrischend ist: Vom Aufstand der einfachen Arbeiter bis hin zum Öffnen verschlossener Tore. Wer sich clever auszudrücken weiß, umgeht hier und da einem blutigen Gefecht.

Liegen die eigenen Stärken eher auf der physischen Ebene oder in der Wissenschaft, eröffnen sich erneut Wege, Konflikte zu lösen. Ähnlich ist es mit der Stealth-Mechanik. Sie ist nicht so stark ausgebildet wie in einem Assassin's Creed, kann mich aber vor Gefechten schützen oder mir einen taktischen Vorteil bringen, da ich mich zuvor klug platzieren kann.

Eine große Rolle spielen auch die Kleidungsstücke. Sie sind nicht nur bloße Eitelkeit - typisch für das Genre verbessern die verschiedenen Roben die eigenen Werte. Manchmal ist es jedoch klüger, ein schwächeres, dafür aber passenderes Gewand anzulegen. Hülle ich mich in die Kleidung der Gegner, kann ich unbemerkt in ihre Gebiete eindringen und werde nicht (oder zumindest weniger) attackiert.

Wie ich mich kleide, tangiert meine Mistreiter recht wenig. Allerdings legen sie großen Wert auf meine Aktionen. Während manche meiner Party-Mitglieder für pure Gerechtigkeit stehen, empfinden andere das Umgehen von direkter Konfrontation als passender. Töte ich einen Zivilisten, so könnte das meinen Liebhaber verärgern. Traut er mir nicht mehr, ist seine Motivation in Kämpfen gedrosselt. Auch in Wortgefechten mit gegnerischen Parteien ist eine misstrauische Person keine große Hilfe. Das geht soweit, dass ich mich mit meinen Kameraden verfeinden kann. Oder aber es wird die große Liebe, wie in einem schnulzigen Film.

GreedFall ist gespickt mit kleineren und größeren Zwischensequenzen, um neue Kapitel und wichtige Aspekte der Story hervorzuheben. Es ist ein Ohrenschmaus, den (manchmal viel zu langen) Gesprächen (mit viel zu kleinen Untertiteln) dabei zu lauschen, da die englische Synchronisation mit Akzent einfach perfekt in das Gesamtbild passt. Das Gleiche kann ich leider nicht von den Animationen und der Mimik sagen. Die Charaktere wirken vor allem im Gesicht steif und zu wenigen Emotionen fähig. Jeder von ihnen scheint einfach eine grimmige Grundstimmung haben. Da muss man drüber hinwegsehen können oder die Brille absetzen - dann geht's! Dazu kommt, dass auch die Soundkulisse oft zu wünschen übriglässt, was stellenweise an der sonst oft stimmungsvollen Atmosphäre nagt.

GreedFall stillt meine Lust nach einem malerisch aussehenden Rollenspiel, das mir nicht (gefühlt) mein halbes Leben raubt. Irgendwie wollen wir doch alle wieder die Rollenspiele von damals, mit zahlreichen Skill-Punkten und unzähligen Outfits - aber bloß nicht zu langgezogen, man hat schließlich noch anderes zutun! Und genau hier setzen Spiders mit GreedFall an, das einen schönen Spagat zwischen Machbarkeit und substanziellem Umfang schlägt. Selbst mit gelegentlichem Verlaufen und absolvierten Nebenquests, bin ich überschaubare 40 Stunden beschäftigt und tauche tief in eine Geschichte voller Piraten, Siedler, Magie und 17.-Jahrhundert-Charme ein, die mein RPG-Herz höherschlagen lässt. GreedFall hat zwar auch Mängel, die ich vor allem fehlendem Budget und fehlendem Personal zuschreibe. Trotzdem von mir eine klare Empfehlung für alle, die Lust auf eine Mischung zwischen Assassin's Creed: Black Flag und The Witcher 3 verspüren.

Entwickler/Publisher: Spiders/Focus - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 50 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PS4

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Über den Autor:

Franziska Behner

Franziska Behner

Freie Redakteurin

Die begeisterungsfähige Düsseldorferin hält sich eigentlich nur von Pixelspielen und Star Wars fern. Findet, dass in jedem Game Hasen(ohren) vorkommen sollten. Mit Kuchen und einem PS4-Controller in den Händen fast immer glücklich.

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