King's Bounty 2: Test - Es gab schon einen Grund, warum man RPG-Taktik vom RPG getrennt hielt

Da steckt gute Rundentaktik in einem mäßigen Rollenspiel fest. Und jetzt?

King's Bounty 2 überzeugt nach wie vor als Fantasy-Taktik-Spiel, aber der neue Rollenspiel-Anteil kann nicht überzeugen.

Der Gedanke, die Welt von King's Bounty zu nehmen und darauf eine 3D-Rollenspiel-Welt zu errichten, liegt irgendwie nahe. Die simple Karte mit ihren Deluxe-Icons für Kämpfe und Loot hält den Spieler auf Abstand, es ist abstrakt und die Verbindung zu der Welt fällt schwer. Warum also nicht bis in die dritte Person hinter dem Hauptcharakter heranzoomen und ihn mal alles aus der Nähe erkunden lassen. Prinzipiell eine gute Idee. Wenn man denn weiß, warum man das eigentlich machen möchte und vor allem auch in der Lage ist, es gut umzusetzen.

Diesen Eindruck hatte ich bei King's Bounty 2 nie so wirklich. Vielmehr verstärkte sich der Anschein, dass das Studio die Idee und das Grundgerüst für eine Art Open-World-RPG hatte, aber eben auch nicht so richtig. Diese noch recht leere und statische Welt nahm man dann, wie sie war, und integrierte sie in das eigentliche Taktik-Spiel. Was auch funktionierte. Mehr schlecht als recht, aber immerhin.

King's Bounty 2 versucht die eigene Neuerfindung

Für alle, die es nicht kennen sollten, King's Bounty war im Grunde der Ursprung von Heroes of Might & Magic und vor etwa 10 Jahren schaffte es ein Revival unter dem alten Namen. Dieses King's Bounty zeigte euch eine Fantasy-Oberwelt, die ihr erkunden konntet, ihr sammeltet Loot und rekrutiertet Kämpfer und Monster aller Art. Wenn es dann zum Kampf kam, stand der Held in der zweiten Reihe und war für Buffs und Zauber zuständig, während die zuvor rekrutierte Armee über das Sechseck-Raster zog und die generische Truppe erledigte. Wie gesagt, es ist im Grunde Heroes of Might & Magic mit einem anderen Namen.

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So nah dran waren wir noch nie.

Um sich jetzt abzusetzen und das abstrakte Spiel zugänglicher und massentauglicher zu machen - so meine Vermutung -, zoomte man heran und nun lauft ihr direkt durch die Welt. Und fast alle Probleme, die ich mit King's Bounty 2 habe, lassen sich auf diese Entscheidung zurückführen. Erst einmal ist es nämlich so, dass eine lebendige, offene RPG-Welt nicht vom Himmel fällt. Es ist mit das Schwierigste, was man tun kann und selbst darin erfahrene Studios scheitern mitunter bei dem Versuch.

Die Fantasy-Welt von King's Bounty 2 ist nicht hässlich. Dass sie wenig detailliert ist und technisch mehr an Risen 3 als an moderne Genre-Vertreter erinnert, na gut. Aber sie wirkt fast durchgehend unfertig, was ihre Bewohner angeht, die Offenheit reduziert sich oft auf recht feste Wege und ein durchgehend stimmiges Design ist nicht erkennbar. Noch dazu wechselt dieses teilweise so ruppig, dass Schleudertrauma-Gefahr besteht. Vom absurden Schloss in den rumpeligen Holzverschlag mit den absurd großen Katakomben hinter einer Schrankwand sind es schon am Anfang nur wenige Meter und das scheint das Spiel als Konzept zu schätzen und nicht als gelegentlichen Unfall.

Weite Wege, langsam gelaufen.

Aber das nur am Rande, schlimmer ist das Tempo, in dem ihr diese Welt erkundet. Eure Figur, ausgewählt aus einer von gerade mal drei vergleichsweise bedeutungslosen Charakterklassen, trottet gemütlich vor sich hin und braucht endlos, um die oft ereignislose Leere zu durchqueren. Schneller geht es mit dem Pferd, das man fast überall rufen kann, aber auch nicht so wirklich. Da es euch nicht in die oft ziemlich leeren Dungeons folgt, seid ihr schnell wieder zurück im Schritttempo. Es klingt nach einer Kleinigkeit, aber ich würde sagen, dass ich die Hälfte von King's Bounty 2 damit zubrachte langsam durch uninteressante Orte zu laufen. Was bei 40+ Spielstunden etwas zu viel ist, um es nicht zu bereuen. Immerhin gibt es ein Schnellreisesystem und das ist auch essenziell wichtig, denn ansonsten könnt ihr noch 20 Stunden Backtracking draufpacken.

Dieses ist nötig, denn ihr müsst nach wie vor eine kleine Armee einkaufen, um einen Kampf bestreiten zu können. In einem normalen RPG habt ihr immer alles dabei, was ihr braucht: Euch, eure Kumpels und eure Waffen. Hier trefft ihr nach und nach immer neue Rassen, bei denen ihr dann von Bogenschützen bis irgendwann Drachen alles anheuern könnt. Das funktioniert im Grunde genau wie zuvor in der Reihe und auch Details wie die Verträglichkeit der Kämpfer untereinander ist nach wie vor wichtig: Gute Elfen können nicht mit bösen Nekromanten, auf so etwas muss man achten. Wo ich aber zuvor relativ schnell über die Karte hin- und herhopste, um meine Armee aufzufrischen, neu zu rekrutieren und verfeinern, muss ich das in King's Bounty 2 nun zu Fuß erledigen.

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Es wird bunt, aber selten wirklich schön.

Mehr als einmal musste ich weite, wirklich weite Wege durch Dungeons zurücklaufen. Nicht nur, weil meine Armee generell zu schwach war, sondern auch weil ich die falschen Truppen für den Kampf dabeihatte. Wiederum, etwas, das sich in den Vorgänger-Spielen schnell klären ließ. Hier kommt dazu, dass die Anzeige, wie schwer ein Kampf mit der Armee, die ihr habt, scheinbar schlicht kaputt ist. In vielen Fällen wurde mir ein sehr schwerer Kampf angekündigt, nur um sich dann als Kindergeburtstag zu entpuppen, während an anderer Stelle schwer noch eine freundliche Untertreibung war. Das lag dann meist nicht daran, dass ich generell einfach noch nicht weit genug war, sondern, dass ich die falschen Einheiten hatte. Da ich diese aber teuer sind und nicht nach Laune gewechselt werden könne, kann ich nur sagen: Speicherstände. Je mehr, desto besser. Später besser sich das, wenn dann die Kasse voller ist und ein wenig Auswahl in den eigenen Armee-Reserven auf den Einsatz wartet. Aber die erste Hälfte hindurch musste ich auch dafür weit mehr herumrennen als mir lieb war.

Müllsammler ist keine RPG-Klasse.

Auch so vergeudet ihr genug Zeit damit, jede Ecke nach Kisten mit ein wenig Gold und Ramsch abzugrasen, den ihr dann bei Händlern abladet. Sicher, hier und da ist auch mal eine nette Rüstung für den Helden dabei, die euch ein paar Boni gibt, aber meist ist es Müll, den das Spiel auch so nennt. Es ist 2021, Müll sammeln ist out, wir sammeln jetzt Crafting-Material. Was technisch gesehen ähnlich nervig ist, aber zumindest einen vage sinnvollen Eindruck hinterlässt. Also noch mehr Laufen und Schnellreise-Hüpfen, nur um auch das noch zu erledigen.

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Was man so Rätsel nennt.

Zeit ein paar nette(re) Dinge zu erwähnen: Die Dialoge der weitestgehend belanglos-generischen Fantasy-Story um Verrat und böse Mächte sind zwar nicht sonderlich gut geschrieben und noch seltener so gesprochen, aber die Quests sind teilweise trotzdem ganz nett. Hier und da gibt es sogar mal eine kleine moralische Entscheidung, die zwar nicht viel Einfluss auf irgendwas hat, aber sie ist wenigstens da. Es ist am Ende ein valides RPG, nur halt kein wirklich modernes, spannendes, schönes oder sonst wie übertrieben gelungenes.

Da ist etwas, das King's Bounty 2 wirklich kann.

Aber King's Bounty kann auch anders, und zwar immer dann, wenn es auf das Schlachtfeld geht. Hier zeigt sich, was die Serie zum einen beherrscht und wo zum anderen ihr Budget jetzt nicht die ganz große Rolle spielt. Ihr habt alles, was man an dieser und der anderen Serie liebte: Jede Menge Einheiten-Arten, die alle ihre Vor- und Nachteile haben, die unterschiedlich gut mit- und gegeneinander kämpfen. Es gibt die Geländehindernisse, die Vor- und Nachteile eines jeden Schlachtfeldes. Die Gegner bringen ihre eigenen Buffs und Sprüche mit, so wie ihr auch euer Arsenal gestaltet. King's Bounty 2 ist einfach ein richtig guter Sechseck-Taktiker.

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Warum kann nicht das ganze Spiel so gut sein wie der Taktik-Teil?

Sogar die KI ist ganz anständig, nach wie vor. Sehen wir mal von dem Balancing-Problem bei der Anzeige der Gegnerstärke ab, ist das hier ein gut austariertes Spiel, das euch herausfordert mit den Einheiten zu experimentieren. Schade, dass das Umstellen der Einheiten so umständlich ist, wenn die Kriegskasse nicht prall gefüllt ist. Eine ungünstige Kombination kann sich sehr schnell rächen und eine eigentlich sonst gute Truppe schnell dezimieren. Da hilft wieder nur eines: Spielstände. Im Grunde speichert ihr vor jedem Kampf. Ist halt so.

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Sollte es jemals ein King's Bounty 3 geben, dann darf es sich gern auf seine Wurzeln besinnen.

Trotzdem, sobald es auf das Feld geht, glänzt King's Bounty. Nicht unbedingt mehr als zuvor, auch wenn alles ein klein wenig größer ausfiel. Die Areale wurden etwas erweitert, es gibt hier und da einen Trick mehr als noch vor fast 10 Jahren im Vorgänger, aber viel hat sich im Grunde nicht getan. Warum auch. Es ist ein fantastisches Grundkonzept, das zuvor zig Mal gekonnt umgesetzt wurde. Hier einmal mehr. Spannende Kämpfe, ein paar echte Herausforderungen und jede Runde macht Spaß. Wenn doch das ganze Spiel so wäre...

King's Bounty 2 - Test Fazit

King's Bounty 2 ist ein eigenwilliger Zwitter. Hier steckt ein ausgezeichneter Fantasy-Rundentaktiker in einem unterdurchschnittlichen Rollenspiel fest. Was mache ich jetzt damit? Quäle ich mich im lahmen Trott durch die Welt, baue mir umständlicher als je zuvor meine Armee auf, nur weil jemand das mal aus der Nähe zeigen wollte? Langweile ich mich durch eine mittelmäßige Story und lustlose Dungeons? Ich werde ja oft genug mit den ausgezeichneten Kämpfen für meine Mühe belohnt. Es ist nicht so, dass ich keinen Spaß hätte. Aber dann wieder gibt es zig gute Taktik- und auch Rollenspiele, denen ich stattdessen meine Zeit widmen könnte. Ich denke, das werde ich machen. King's Bounty 2 hatte eine nette Idee, es ist insgesamt sicher kein schlechtes Spiel. Aber eben auch keines, das die Welt wirklich brauchte. Nicht in dieser Form.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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