Hawkeye Folge 1 bis 3: Ein B-Venger stirbt langsam

Die MCU-Serie, auf die keiner gewartet hat... legt trotzdem einen guten Start hin.

Sagte man Hawkeye, dem ewigen Hinterbänkler des MCU, ins Gesicht, auf seine Serie hätte niemand gewartet, er würde es mit dem angepissten Lächeln nehmen, an dem Jeremy Renner seit mittlerweile zehn Jahren schleifen konnte. Er stand schon immer ein wenig für sich, auch weil er der einzige Familienvater der Runde ist. Vermutlich verstand deshalb niemand das Avenger-tum so sehr als einen Job wie er. Oft genug wusste er selbst nicht so genau, was der auf diesen Abenteuern zu suchen hatte.

Es wirkt sehr passend, dass Hawkeye in den ersten drei Folgen, die mittlerweile auf Disney Plus zur Verfügung stehen, deutlich niedrigeren Einsatz fährt, mehr mit den Nachwehen seines Heldentums und seinem Zwiespalt zwischen Familie und seiner "Arbeit" zu tun hat. Wollte man den gehässig konfrontativen Kurs der ersten Sätze dieser Kritik weiterfahren, könnte man behaupten, in den ersten drei Folgen ginge es nicht einmal wirklich um etwas. Aber das ist eben das Problem, wenn man versucht, einem sekundären und nicht wahnsinnig beliebten Charakter etwas zu tun zu geben, das hauptsächlich mit ihm selbst zu tun hat.

Die Serie nimmt darauf sogar indirekt Bezug, und bekommt es dennoch (oder deshalb) hin, dass Renners Held durchaus dreidimensional wirkt. Er altert und merkt, er wird "zu alt für diesen Scheiß" und hat mit seinen Dämonen zu kämpfen. Dennoch: Obwohl Marvel schon zum zweiten Mal gute Arbeit leistet, dieser Marke das beliebte Buddy-Film-Schema überzustülpen, ist Hawkeye vermutlich keine Serie, mit der man neue Fans gewinnt.

Oder etwa doch? Denn - und auch das ist passend - Barton tritt recht bereitwillig auch in seiner eigenen Show in den Hintergrund, um Hailee Steinfelds Kate Bishop mehr Raum zu geben. Sie könnte für viele potenzielle Neueinsteiger ins MCU (falls es so etwas noch gibt) eine vielversprechende Identifikationsfigur sein. Die Oscar-nominierte Schauspielerin und Renner haben eine exzellente Chemie, die einiges Lethal-Weapon-Flair versprüht. Das hat schon für das nach sich nach hinten raus mit der Cap-Nachfolge etwas überforderte Falcon and the Winter Soldier funktioniert und Hawkeye lebt nicht weniger gut davon. Vielleicht sogar etwas besser.

Als Weihnachtsgeschichte, mit der tickenden Uhr des Familienfestes im Hintergrund, läuft die Show ein gutes Tempo, wenn es fast ausschließlich darum geht, dass Barton nur ein paar Tage Zeit hat, einen alten Fehler auszubügeln. Gleichzeitig will er natürlich nur bei seiner Familie sein, die er schon einmal verloren hatte. Die Show nähert sich dem Thema mit viel Leichtigkeit, aber auch familiärer Wärme, ohne allzu gezwungen zu wirken. Einen Großteil der Widersacher zeichnet sie als Knallchargen, nimmt sich aber auch Zeit, die eine oder andere Figur ein wenig tiefergehend vorzustellen. Ob diese Zeitsprünge es am Ende wert gewesen sein werden, kann ich bisher nicht sagen.

Trotz der hohen Produktionswerte - eine Verfolgungsjagd in Folge drei ist ein besonderer filmischer Höhepunkt - stellt sich hier einmal mehr heraus, dass das MCU eigentlich längst eine gewaltige Seifenopern-Leinwand ist. Und das ist nicht einmal abwertend gemeint, sondern eher eine Aussage zur Struktur und Textur dieser sich im Großen wie im Kleinen fortwährend selbst weiterschreibenden Geschichte. Mein wohl schwerwiegendster Kritikpunkt abseits derer, die sich daraus ergeben, dass es eine Serie um den Avenger ist, der die Leute mit am wenigsten interessiert, liegt in einigen bequemen Zufällen begründet. Die existieren nur, um die Geschichte in Gang zu bringen und wirken ein wenig billig.

Trotzdem bin ich bisher gut unterhalten und schaue gerne weiter, bin aber noch nicht 100-prozentig "sold", wie man neudeutsch wohl sagen würde, ob die Figur eine komplett von ihrem Charakterschicksal getragene Serie rechtfertigt. Wir werden es sehen, die Ansätze sind dafür wären da.

P.S.: Wenn die letzte Folge durchgängig das komplette Captain-America-Musical "Rogers" wäre, hätte sich die Sendung für mich schon gelohnt.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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