Captain Tsubasa: Rise of New Champions Test - und du dachtest, das hier wäre Fußball…

Eine Frage der Prioritäten.

Wer guten Spaßfußball erwartet, muss sich auf hakelige Steuerung und unlogische Phänomene gefasst machen. Als Anime-Umsetzung aber gelungen.

Captain Tsubasa: Rise of New Champions Test - Captain Tsubasa ist Kult und die Fußballsimulation als Genre gerade in einer schwierigen Lage. EA spielt mittlerweile einen sehr guten Fußball, aber Mikrotranaktionen, Lizenzterror und letzten Endes das Quasi-Monopol machen dem Segment genug zu schaffen, dass Konami dieses Jahr keinen vollumfänglichen Konkurrenten auf den Rasen schickt, sondern nur ein Kader- und Lizenz-Update. Es lohnt sich einfach nicht.

Möglich, dass sich das bald wieder ändert, aber schon seit einer Weile beweisen mir persönlich Dinge wie Rocket League und Captain Tsubasa, dass die Schönheit dieses Sports auch anders eingefangen werden kann als nur im Rahmen einer Simulation, die sich jedes Jahr aufs Neue mit "noch mehr Realismus", "bessere KI" und "feinfühligere Steuerung" aufs Neue selbst auf die Schulter klopft.

Wichtigste Regel: Das ist kein Fußball!

Erste Bewegtbilder aus Captain Tsubasa Rise of New Champions machten mächtig Lust, das Drama einer guten Fußballpartie mal durch die Anime-Linse nachzuspielen. Ein Action-Sportspiel mit übertriebenen Specials und ohne großen Simulationsballast vor dem Szenario einer Serie, die fast jeder noch aus seiner Jugend kennt - sowas geht eigentlich immer, dachte ich mir so.

Captain Tsubasa Ähm... Schiri
Ähm... Schiri?! (Captain Tsubasa: Rise of New Champions Test)

Und im Grunde stimmt das auch für Rise of New Champions. Das, was es erreichen will, macht es mit Bravour. Es macht nur nicht ganz das, was ich mir davon erhofft hatte. Mit dem Gefühl, tatsächlich ein Fußballspiel zu zocken, hat das hier nämlich nicht viel zu tun. Dafür wurde das Flair, die Geschichte und der sympathischen Charakter der Serie bestens in ein interaktives Format gepresst. Wenn es nur das ist, was ihr wolltet - bitte sehr! Hier habt ihr eine der hübschesten Anime- bzw. Manga-Umsetzungen überhaupt.

Aber auf dem Feld ... wer abgekämpft aus einer Saison mit Fifa oder PES kommt und nur mal sorglos ein wenig kicken und sich an coolen Supermoves erfreuen will, erlebt sein blaues Wunder. Die Spieler kennen nur eine Lauf-Geschwindigkeit (zwei, wenn man den Sprint mitzählt), Schüsse kann, beziehungsweise muss man gar nicht zielen und Pässe - vor allem die in den Lauf - lassen sich schlecht "erfühlen" und geben häufig nicht gerade nachvollziehbare Resultate ab. Wohl auch, weil das Verhalten der Spieler abseits des Balles nicht immer ganz einleuchtend ist.

Echte Versuche, nüchtern und platziert einen Schuss abzugeben, scheiterten so gut wie immer, ohne dass ich genau sagen könnte, ob ich überhaupt Kontrolle darüber hatte, das Leder nun in die linke oder rechte Torecke zu zwirbeln. In PES und FIFA bekommt man schon beim Drücken der Schusstaste ein Gefühl dafür, ob es ein aussichtsreicher Versuch wird. Dieses Gefühl bekomme ich bei Tsubasa nicht. Feingefühl ist nicht seine Stärke.

Es gab Szenen, da holte ich einen lahmen Abpraller halblinks vor dem Tor, keine drei Meter davon entfernt, den geschlagenen Keeper irgendwo an der unteren Fünferlinie (also halbrechts) und tippte kurz die Schusstaste an, nur um meinen Stürmer Hyuga den Ball direkt in die Arme des geschlagenen Schlussmannes schießen zu sehen. Das war nicht einmal annähernd in Torrichtung! Aber irgendwann fiel der Groschen: ich spielte es einfach falsch. Ich dachte, das hier wäre Fußball. Trottel.

Regel Nummer 2: Der Torwart muss müde werden.

Captain Tsubasa noch hat er ihn
Noch hat er ihn. Der Ball sieht das aber nicht ein.

Nein, Rise of New Champions will, dass ihr vergesst, was ihr in all den Jahren über Fußball gelernt habt und auf die fetzigen Supermoves hinarbeitet, die es auch angemessen zelebriert. Das in zwei Story-Kampagnen gegliederte Spiel - einmal Tsubasas Werdegang, danach den eines selbstkreierten Charakters spielen - stützt sich vor allem darauf, R1 und R2 richtig einzusetzen. Nur wenige andere Tasten habe ich häufiger gedrückt. R1 lässt euch sprinten, so lange eure Spirit-Anzeige reicht. Sprintet ein Verteidiger in euch hinein, verliert ihr den Ball. Was ihr dagegen tut? Passen oder mit R2 einen Dribble Move ausführen, der ebenfalls Spirit kostet. Diesen kann die Abwehr mit einem R2-Tackling aushebeln (ohne dass der Schiri eingreifen würde), der wiederum anfällig für den R1-Sprint eines Angreifers ist.

Da die Radien, die diese Moves abdecken, extrem großzügig sind und die ziemlich niedrige Kamera in den beiden hübscheren Einstellungen recht hektisch und unübersichtlich wirkt, musste ich mich irrsinnig auf diesen Poker der Schultertasten konzentrieren und hatte kaum Ruhe, mal auf das Spielerradar zu schauen, um nach freien Mitspielern zu schauen. Aber wenn man dann einen Lauf hat und seine Gegner austanzt, dann macht Tsubasa auch in seiner störrischen Konzentration auf das Eins-gegen-eins noch durchaus Spaß, zumal die Animatoren es richtig krachen lassen, wenn man dann die Schussleiste voll auflädt (darf man schon während des Dribblings machen).

Captain Tsubasa Sieht einfach zu schick aus
Es sieht auch einfach zu schick aus, wenn die Kamera nah ranfährt.

Und die Verteidigung? Die hat Glück, wenn die Taktik in dem Moment auf Abwehrmauer steht und ein Spieler im Weg ist. Aber auch ein solcher Block wird dann als Quasi-Cutscene zelebriert, anstatt dass sich hier irgendwas aus einer wie auch immer gearteten Spielphysik heraus entwickeln würde. Es ist und bleibt ein Anime zum Mitspielen. Pures Drama, wenig Spielkultur und das ist - wenn man genau darauf aus ist - nicht einmal schlimm. Mir persönlich war letzten Endes vor allem beim Torschuss zu viel Glück dabei. Ihr würdet wirklich nicht glauben, was für Schüsse hier gehalten werden (und welche manchmal reingehen).

Aber Es ist tatsächlich immer wieder cool, wenn man einen der prächtigen Shooting Moves hinbekommt und so den Keeper nach und nach mürbe schießt, bis ihm irgendwann die Kraft fehlt, das Leder aufzuhalten. Irgendwann packt einen sogar ein wenig der Ehrgeiz und man versucht sich einzuprägen, welche Charaktere mit welchen Kombo-Moves draufhaben und macht es sich dann zum Ziel, den maximalen Nutzen daraus zu ziehen. Dieses Verlassen auf Spezial-Manöver, die im Grunde als Film ablaufen, fühlt sich nicht immer verdient an, vor allem nicht, wenn man mal ein Gegentor kassiert. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich bei Torerfolgen und Siegen nicht vorm Fernseher doch ein bisschen mitgejubelt hätte.

Technisch wirkt das Spiel auf der PS4 Pro ein wenig unausgereift, weil man in der weitesten und damit besten (wenngleich immer noch recht nervös wirkenden) Kameraperspektive die Figuren nicht mehr wahnsinnig gut unterscheiden kann und vor allem die normalen Animationen beim Laufen und Passen wenig Gewicht vermitteln. Ein "Ballgefühl" entwickelt man nicht, denn wie gesagt: eine Physik wie bei den Sims existiert schlicht nicht. Spielbar bleibt es jedoch durchweg.

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Captain Tsubasa: Rise of New Champions Test Fazit

Nein, die große Spielkultur, die dem Fußball als Kunstform ein Denkmal setzt, ist das hier nicht. Rise of New Champions ist und bleibt eine auf dem Platz wundervoll dynamisch inszenierte (und abseits davon etwas statisch in Textboxen ablaufende) Liebeserklärung an den Anime, die rein zufällig auch ein Actionspiel sein will. Kommt nicht für den Fußball, ihr würdet es bereuen und wärt bei jedem FIFA oder PES der letzten Dekade besser aufgehoben. Und während ich weiter auf mein "NBA Jam des Fußballs" warte, dürften sich Freunde der Serie und des Mangas ordentlich aufgehoben fühlen. Dafür hat die gut aufgelegte Animationsabteilung bestens gesorgt!

  • Entwickler / Publisher: Bandai Namco
  • Plattformen: PS4, PC, Switch (getestet auf PS4 Pro)
  • Release-Datum: 28. August
  • Sprache: Deutsche Untertitel, japanische Sprachausgabe
  • Preis: ca. 50 Euro, keine Mikrotransaktionen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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