Fable 2

Erzähl mir eine Geschichte

Ich spiele nun seit fast 20 Jahren Rollenspiele. Die Sorte mit Charakterbögen, Regelbüchern und einer Menge Würfeln. Das Schwarze Auge, AD&D oder Mers, wir spielten sie alle. Und wir beschäftigten uns dabei kaum mit den Charakteren oder ihren Hintergründen, auch die Handlung eines Abenteuers war eher nebensächlich. Eine Höhle, ein paar Orks auf dem Weg, irgendein größeres Viech zu Abschluss.

Mit 15 verbrachten wir aber umso mehr Zeit damit, imaginäre Häuser für unsere Helden und ihre Reichtümer zu entwerfen. Wir beschäftigten uns mit den nicht real existenten Haustieren und wenn ich mich recht entsinne, entwarf einer meiner Kumpane sogar für seinen Krieger und dessen Familie einen ganzen Stammbaum. Die Welt war wichtiger als die Geschichten in ihr. Alles das, was Fable II mit Bravour meistert.

Mit Mitte 30 hat man sich aber langsam ein echtes Leben aufgebaut. Haus, Wohnung, Familie, echte Haustiere. Das hat nichts daran geändert, dass wir immer noch Rollenspiele spielen. Die Art, wie wir das tun, hat sich jedoch komplett umgekrempelt. Die Spielwelt an sich ist nicht unwichtig, sie ist aber nur noch ein Transportvehikel für interessante, sich entwickelnde Charaktere und gute Geschichten. Vorgetragen mit Leidenschaft und Enthusiasmus. Es dreht sich um alles, was Fable II nicht gelingen will.

Dabei sind dafür die Grundzutaten eigentlich vorhanden. Es scheint nur so, dass die Entwickler nicht so richtig wussten, was sie damit anfangen sollten.

Ich werde nichts spoilern, was Molyneux nicht schon selbst hinausposaunte, aber es gibt mindesten vier Szenen in Fable II, die in ihrer Essenz das Potential für wahre Größe in sich tragen. Epische Momente, an die Ihr gerne und mit Gänsehaut zurückgedacht hättet. Selbst die Tatsache, dass die Geschichte in ihrer Gesamtheit sich eher auf leicht unterem Durchschnitt bewegt, kann nichts daran ändern, dass diese Augenblicke für die Ewigkeit hätten werden müssen.

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Zigeuner ziehen den Helden auf. Wir nehmen das Nicken Richtung Ultima zur Kenntnis.

Warum das nicht klappte, lässt sich leicht erklären. Es fehlt das Herz. Es ist ein sehr großer Unterschied, ob ein Mitglied der Royal Shakespeare Academy die Zeile „A plague on both your houses!“ hinausschmettert oder diese Aufgabe dem vorstellbar langweiligsten Mensch auf der ganzen Welt zufällt, der sein Lebtag noch nie schauspielerte.

Der erste wird die Leidenschaft mit Stimme, Gestik und Mimik transportieren, andere Begabte auf der Bühne greifen den Moment auf, Dramatik entfaltet sich vor Euch und reißt Euch mit. Was in Fable II dagegen passiert ist Folgendes: Ihr seht das Geschehen in der Ingame-Engine. Euer dauerstummer Charakter zeigt keine Regung. Kein Missfallen, keine Verzweiflung, keine Freude. GAR NICHTS! Stumme Gleichgültigkeit. Dazu noch schön mit der Kamera aus mittlerer Distanz draufhalten, bloß nicht schwenken oder einen spannenden Blickwinkel finden. Diese Inszenierung eignet sich dafür, Verbrechen zu dokumentieren und emotionslos im Gericht vorzutragen, aber sicher nicht um Empathie auszulösen. Analytisch sitzt Ihr vor etwas, was Euch eigentlich gefangen nehmen und mitreißen muss.

Der deutschen Synchronisation gelingt es wieder einmal, dieses Problem noch zu verstärken. Dabei ist es nicht die schlechteste, die Ihr gehört haben werdet, nicht einmal nah dran. Mit wenigen Ausnahmen passen die Tonlagen ganz gut. Nur vergaßen die Sprecher, dass ihr Part die Emotionen der Szene tragen muss. Stattdessen lassen sie sie achtlos fallen und arbeiten sich durch ihre Zeilen, als würden sie ein Telefonbuch lesen. Ihr sitzt in den wichtigsten Schlüsselstellen ruhig und teilnahmslos im Sessel. Unbeteiligt und von weit weg verfolgt Ihr das Geschehen. Es gibt hier etwas Lohnendes zu erzählen. Nur war es für die Erzähler nicht wichtig genug, um es richtig zu machen. Der Rollenspieler, der ich heute bin, weint leise.

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