Medieval 2: Total War

Da möchte man selbst ein Ritter sein

Habt Ihr Euch schon mal ein Kettenhemd übergestülpt? Einen Topfhelm aufgesetzt? Gespürt, wie Euch das schwere Zeug zu Boden zieht? Oder wie schon ein ganz leichter Schlag gegen den Helm in Euren Ohren dröhnt? Kämpfer im Mittelalter müssen ganz schön harte Knochen gewesen sein, um das alles auszuhalten, dem Feind entgegen zu stürmen und dabei noch mit Wucht die Streitaxt oder den Morgenstern zu schwingen. Als Weichei des 21. Jahrhunderts träume ich zwar gern vom Mittelalter, hätte damals auf einem Schlachtfeld aber mit meiner Büromuskulatur sicher keine großen Überlebenschancen gehabt. Drum kommt mir Medieval 2: Total War auf meinem PC jetzt gerade recht: Gigantische Armeen aus Bauern, Lanzenträgern, Bogenschützen, Panzerreitern, abgesessenen Rittern, riesigen Katapulten, Kanonen und, und, und.

Dass Truppen, Landschaften, Burgen und Siedlungen in Medieval 2: Total War grafisch mit zum Besten gehören, was es gegenwärtig auf dem Strategiesektor zu sehen gibt, darüber ist schon viel geschrieben worden. Die lokalisierte Verkaufsversion, die uns seit Mitte vergangener Woche vorliegt, bestätigt den hervorragenden Eindruck aus unserer Vorschau: Ritter in blitzenden Rüstungen formieren sich, bändigen ihre schnaubenden Rösser, die vor dem Angriff nervös mit den Hufen in der Erde scharren. Männer in Leder laden schwere Kugeln in Kalverinen und feuern diese gegen die Mauern der gegnerischen Festung. Bogenschützen schicken beängstigend zischende Pfeilhagel in die feindlichen Reihen. Es raucht und staubt überall auf dem Feld, Horden von heranstürmenden Kriegern trampeln zierliche Grashalme nieder, zeterndes Kriegsgeschrei gellt aus den Lautsprechern der Surround-Anlage. Das Getrappel und Wiehern hunderter sich nähernder Pferde wirkt so echt und furchteinflößend, dass man fast meint, tatsächlich als kleiner wehrloser Infanterist dieser Horde ausgeliefert zu sein. Noch intensiver wird das Gefühl, wenn unmittelbar neben einem das wuchtige Geschoss eines gegnerischen Katapults eine ganze Reihe berittener Krieger zu Boden reißt. Selten konnte man in einem Spiel derart hautnah erleben, wie das blutige Chaos auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld für die Männer damals gewesen sein muss. Man spürt die ungeheure Anspannung vor der Konfrontation, das Herz pocht beim Durchbrechen der feindlichen Mauern und man fiebert bis zur letzten Sekunde, ob man die eingenommene Festung mit den letzten verbleibenden Mannen auch halten kann. Erst mit der Siegesmeldung fällt die Anspannung von einem ab und man kehrt in der Großen Kampagne befriedigt auf die Strategie-Karte zurück, um in aller Ruhe neue politische Winkelzüge zu planen …

Zwitter im Waffenrock

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Ungarische Truppen nutzen im Kampf die Anhöhe zu ihrem Vorteil aus.

Medieval 2: Total War schafft, was sonst kaum jemals gut funktioniert: rundenbasierte und Echtzeitstrategie zu einem harmonischen Ganzen miteinander zu verschmelzen. Auf diese Weise gelingt es, die verschiedensten Ansprüche zufrieden zu stellen. Wer gerne grandiose (Echtzeit-)Schlachtengemälde inszeniert und Tausende von Einheiten unterschiedlicher Waffengattungen in Formation aufmarschieren lässt, findet in Segas Mittelalter-Hommage für Monate ein spannendes Betätigungsfeld. Geht Ihr es lieber geruhsam an und managt die Geschicke Eures Reichs gerne mit Überlegung wie in einer anspruchsvollen Schachpartie, könnt Ihr auf der rundenbasierten Strategie-Weltkarte völlig die Zeit vergessen. Aus kleinen Dörfern lasst Ihr hier große Städte erstehen, die Euch wachsenden Reichtum durch Steuereinnahmen, Landwirtschaft und Handel bescheren. Doch nicht selten steht Ihr vor der schwerwiegenden Entscheidung, ob Ihr eine Handelsmetropole nicht in eine Burg umwandeln wollt, um Euch an diesem geographischen Standort besser gegen feindliche Angriffe abzusichern. Ihr schickt Eure Diplomaten in benachbarte Länder, um kluge Bündnisse gegen gemeinsame Feinde zu schmieden, bestecht Agenten und zieht so Kommunen auf Eure Seite. Die Sprösslinge von Adelsgeschlechtern werden zugunsten der Staatsräson miteinander verkuppelt und Eure Kaufleute versuchen, ihre Konkurrenten durch Übernahme von Handelsrouten auszustechen. Ihr sendet Priester aus, um in Landstrichen anderer Glaubensrichtungen durch Bekehrungen Unruhe zu stiften und lasst von Spionen erst die Lage sondieren, bevor Ihr mit einer Armee ins Feindesland vorrückt. Ihr seht, es gibt viel zu tun für einen mittelalterlichen Staatenlenker.

Wo ist William?

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Treffen der Diplomaten in Mailand. Durch geschickte Allianzen wird Frankreich von allen Seiten in die Zange genommen.

In jeder Hinsicht trumpft Medieval 2: Total War mit Superlativen auf – so bei der Anzahl der Einheiten, die im Echtzeitmodus über den Monitor bewegt werden, und auf der Strategie-Karte mit den tausend Möglichkeiten beim Ausbau von Siedlungen, beim Rekrutieren von Kämpfern, in Wirtschaft und Diplomatie. Spiele wie Cossacks haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die pure Masse an Einheiten auf dem Bildschirm zwar schick aussieht, aber leicht zu einem heillosen, kaum mehr zu steuernden Durcheinander ausartet. Wie hält es Medieval 2 mit der Übersichtlichkeit? Creative Assembly löst dieses Problem in den Echtzeitstrategie-Parts recht geschickt: Ihr zieht entweder wie gewohnt mit der Maus einen Rahmen um die Einheiten auf, klickt die Fahnen der einzelnen Verbände an oder markiert sie über die "Karten" in der Mitte des Interfaces. Formationen ändert Ihr genauso simpel durch Ziehen mit der rechten Maustaste. Wenn Euch das immer noch zuviel Gepfriemel ist, könnt Ihr die Schlachten in der Großen Kampagne auch vom Computer berechnen lassen – dann kriegt Ihr halt nur ein Ergebnis präsentiert und bringt Euch um eine gehörige Portion Nervenkitzel und um ein prächtiges Schauspiel für Auge und Ohr. Ich schau mir auch die x-te Belagerung noch gerne an, ohne dabei die Spielgeschwindigkeit zu erhöhen. Es ist einfach toll zu beobachten, wie man eine feindliche Bastion mit Katapulten oder Mörsern sturmreif schießt, der Rammbock mächtige Tore zu Kleinholz verarbeitet oder der Gegner aus der Deckung gekrochen kommt und seinerseits zum Angriff übergeht!

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Selbst im Chaos beim Eindringen in die gegnerische Festung bleibt man noch Herr des Geschehens.

Noch ein Tipp für den Einstieg: Stürzt Euch nach dem ausführlichen Tutorial nicht gleich auf die Kampagne oder die sieben historischen Schlachten. Mit den "Eigenen Schlachten" bekommt Ihr nämlich so etwas wie einen großen Übungs-Sandkasten, in dem Ihr ganz klein mit überschaubaren Kampfverbänden anfangen und Euch mit den Eigenheiten der 21 verschiedenen Fraktionen vertraut machen könnt. Das Schöne dabei: Ihr wählt selbst aus, welche Waffengattungen in welcher Stärke gegeneinander antreten sollen und lernt Ihre Vor- und Nachteile im Kampf gegen KI-Armeen ganz genau kennen. So bekommt Ihr ein Gefühl für den optimalen Einsatz von Soldaten und Belagerungsmaschinerie, dass Ihr nach und nach immer gewaltigere Armeen ins Feld schicken könnt, ohne den Überblick zu verlieren.

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