American Truck Simulator - Test

Hank Williams im Ohr und Dynamit geladen. Auf nach Reno.

Das sind dann die Sachen, mit denen man einfach nicht so richtig rechnet... Ich spiele seit drei Tagen immer wieder American Truck Simulator. Nicht weil ich es unbedingt muss, alles wirklich Relevante für einen Test lässt sich am ersten Tag bewundern. Nein, ich kehre aus verschiedenen Gründen einfach gern zu diesem sehr eigenwilligen Titel zurück. Okay, nicht so eigenwillig, schließlich gibt es ja auch Sachen wie den Tea Party Simulator 2015 - und nein, es geht um Tee, nicht um Boston oder US-rechts-außen -, den Post-Apocalyptic Hotel Simulator und den Gamer Simulator für alle, die genug Virtual-Virtual-Skeeball gespielt haben. In diesem Feld mutet das Fahren eines Trucks durch Kalifornien und Nevada so konservativ an, wie es der realen Gruppe dieser Motoristas nachgesagt wird. Aber nach den drei Tagen frage ich mich schon, ob ich nicht doch auswandern und mit 'nem Lkw-Schein alles hinter mir lassen sollte.

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Von Wäldern über Wüsten und allem dazwischen: Kalifornien ist ein abwechslungsreiches Land.

Bevor ich jetzt losrenne und mir eine Reality-Show suche, die das alles für die Nachwelt festhält, sollte ich ein paar Dinge bedenken. Der American Truck Simulator nimmt es in manchen Punkten mit dem Simulieren nicht so genau. Vor allem die Strecken sind gewaltig verkürzt. Im realen Leben dauert schon die kurze Fahrt von Los Angeles nach San Francisco mal eben sechs bis sieben Stunden, wenn alles gut läuft, und das sind „nur" 600 Kilometer. Im Spiel habt ihr das nach zehn Minuten durch. Hier gibt es auch keinen Stau, jedenfalls habe ich noch keinen erlebt. Also kommt man in drei Minuten und mit fünf oder sechs Ampeln durch Los Angeles. Wiederum, in der Realität dauerte es von den Hollywood Hills bis Downtown schon fast eine Stunde, und da hat man erst die Hälfte dieses Monsters von Stadt hinter sich gebracht. Also ja, der Simulator lässt euch in zwanzig Minuten das erleben, wofür ihr euch sonst einen Tag lang den Hintern plattsitzen würdet.

Aber das ist völlig okay. Niemand will das Verkehrschaos der Großstädte spielen oder sieben Stunden auf die recht öde Umgebung des Highway 5 gucken, jedenfalls nicht mehr als ein oder zwei Mal im Leben, und dann auch nur, wenn der Detailgrad der Realität entspricht. Was hier natürlich nicht der Fall ist. Die Grafik ist für ein in seinem Umfang doch recht ambitioniertes Low-Budget-Spiel wirklich ansehnlich und was sie sehr gut hinbekommt, ist die verschiedenen Landschaftsarten der beiden südwestlichen Bundesstaaten zu zeigen. Wüsten, Wälder, Hügel, Ozean und ein paar Sehenswürdigkeiten am Rande, dazu ein gutes Gefühl für die großen Highways und kleinere Landstraßen. Die Details von befahrenen Zugstrecken entlang mancher Straßen, Saatflugzeugen, der Schilder, nach denen alleine ihr es schaffen würdet, euer Ziel zu finden, das alles passt sich zu einem Ganzen zusammen. Es ist eine kleine Welt, die ihr von Süden nach Norden in 30 Minuten durchquert habt, aber in sich ist sie absolut schlüssig.

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Die Sicht, die ihr über hunderte Kilometer habt. Die dann zehn Minuten dauern.

Was die Simulation des Trucks angeht, habt ihr die Wahl, es extrem simpel zu halten und ganz lässig mit einem Controller und Automatikschaltung zu spielen, oder ihr geht in die Vollen und handhabt das Ganze mit einem ordentlichen Lenkrad, das sich ein paar Mal kurbeln lässt, um das Feeling beim Rangieren zu haben. Die Schaltung hat dann schon mal ihre 13 Gänge für feinst abgestimmte Manöver. Das eigentliche Fahren ist dabei eigentlich immer einfach. Es gibt praktisch keine engen Kurven in den drastisch zusammengestauchten Städten, richtig interessant wird es erst, wenn ihr die Ladung einparken sollt. Verzichtet ihr auf ein paar Punkte, braucht ihr das nicht selbst zu tun. Entscheidet ihr euch jedoch für das Abliefern punktgenau an der Stelle, wo es hin soll, dann viel Spaß. Die große Kunst ist das Rückwärtsfahren und bis ihr euch daran gewöhnt habt, wie sich ein Hänger verhält, den ihr schiebt, vergeht eine ganze Weile.

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Kleinstadtidylle im nicht so wilden Westen.

Davon abgesehen ist ein Truck nun mal keine F-16 und innerhalb übersichtlichster Zeit wird das Spiel für jeden gut handhabbar. Da bloßes Herumtruckern doch etwas wenig wäre, habt ihr eine ganze Karriere vor euch. Ihr könnt zunächst nur Fahrerjobs annehmen, bei denen ihr einen geliehenen Truck benutzt, um auf ersten Strecken überhaupt zu etwas Geld zu kommen. Habt ihr den Bogen raus, geht es zur Bank, wo ihr einen Kredit holt und den ersten eigenen Truck aussucht. Die Touren, die ihr damit annehmt, sind sehr viel lohnender, aber ihr werdet nicht einfach hingebeamt, um direkt zu starten. Es ist euer Truck, also müsst ihr mit ihm innerhalb der Zeit, in der bestimmte Jobs angeboten werden, beim Auftraggeber sein. Dazu kommt, dass ihr Schlafpausen einhalten müsst - auch wenn diese sehr großzügig ausfallen -, Tanken natürlich, Maut zahlen, und ihr solltet euch wirklich und ganz dringend an alle Verkehrsregeln halten. Die Strafen sind geradezu drakonisch. 1000 Dollar für drei Meilen zu schnell? Rigoros, dieses Kalifornien!

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Das Einparken ist die größte Herausforderung und nur Profis müssen dafür nicht in die Außenansicht wechseln.

Nach und nach sammelt ihr Geld mit den Aufträgen und natürlich Erfahrungspunkte. Mit denen steigt ihr auf, was neue Trucks und Truckteile freischaltet. Ihr bekommt neue Strecken, verdient mehr auf langen Fahrten und dürft immer gefährlichere Güter transportieren. Das an sich hat wenig Auswirkungen auf eine Fahrt selbst, auch mit hochentzündlichem Material explodiert nichts bei einem satten Crash. Aber es bringt sehr viel mehr Geld, mit dem ihr dann eure eigene Werkstatt ausbaut, neue dazukauft und weitere Trucks holt. Heuert ihr dann noch Fahrer an, seid ihr auf dem besten Weg, ein echtes Fuhrunternehmen zu haben, und vom ursprünglichen Charme des einsamen Truckers bleibt zwar nicht viel, aber wenigstens rechnet es sich.

Der Ablauf dieser recht losen Kampagne ist routiniert genug, um euch für eine ganze Weile bei der Stange zu halten und immer noch zwischendurch etwas Neues bieten zu können, sei es ein neuer Laster oder der fortschreitende Ausbau des Unternehmens. Die Schwierigkeiten liegen wiederum mehr im Detail auf der Straße und dort oft genug in der KI des restlichen Verkehrs. Wie schon gesagt, Staus gibt es praktisch nicht und sie sind schlau genug, euch nicht in die Quere zu kommen, wenn ihr auf eine Auffahrt wollt. Überhaupt könnten sie generell etwas dynamischer und weniger berechenbar fahren. US-Fahrer sind meiner Erfahrung nach im Schnitt keine echten Rowdys, schon gar nicht in Kalifornien. Aber der gelegentliche Chaot, der euch schneidet, wäre nett. Andererseits ist alles grundsätzlich eure Schuld. Im besten Falle crasht ein Truck seitlich in euch, obwohl ihr schon wirklich sehr vorsichtig auf den Highway geschlichen seid, dann bleibt ihr auf dem Schaden sitzen. Meist jedoch bekommt ihr noch eine recht satte Strafe aufgebrummt, und selbst wenn ihr wirklich keine Schuld habt: Mit der KI kann man nicht verhandeln.

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Das Straßennetz ist leider nicht so detailliert, was es praktisch unmöglich macht sinnvolle Alternativ-Routen zu finden. Da es aber auch keine Staus gibt, ist das eh nicht so wichtig.

Was Bugs angeht, ist ehrlich gesagt praktisch nichts in Sicht. Auch die Macken der KI sind berechenbar und man lernt, damit zu leben, Abstürze jedoch oder irgendwelche größeren Glitches gab es nie. Noch dazu sind die Hardware-Anforderungen niedrig, sodass die Straßen selbst auf älteren Rechnern offen sind. Ein echtes Highlight ist der Sound. Nicht der des Motors, der ist eher mäßig. Auch die sonstigen Effekte wirken recht billig und die paar Musikstücke würde ich bestenfalls funktional nennen. Aber statt billige Düdelmusik einzukaufen, wurden einfach Internet-Radiostationen eingebunden, und das war eine so simple wie brillante Idee. Ihr habt eine Liste vom Start weg, aber die greift nur auf ein simples Text-File zu, das ihr beliebig ergänzen könnt. Ich habe in diesen drei Tagen jede Menge neue Musik gehört, ein paar echte Klassiker auf Hairmetal FM wiederentdeckt und drei Stunden am Stück beide Arten Musik gehört. Country UND Western. Noch dazu gibt es einen Ordner, in den ihr einfach eigene Musik werfen könnt, aber dann entgeht euch eine Menge. Ich hätte sonst nicht gewusst, dass es bei Netto am Samstag Granini-Säfte für 0,97 Cent gibt. Oder der Grilled-Buttercheese-Chicken-Burger nun mit Tripple-Butter daherkommt. Zwei für nur fünf Dollar. Glücklicherweise nicht in diesem Land.

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Nein, grafischen Wahnsinn dürft ihr nicht erwarten. Der Strip in Vegas sieht langweilig aus, aber nicht so dröge.

American Truck Simulator startete mit einem „Bitte was soll ich mir mal angucken?" und endete als extrem unterhaltsame und noch nicht abgeschlossene Erfahrung der anderen Art. Es hat etwas sehr Beruhigendes, mit konstanter Geschwindigkeit auf dem Highway 5 die Meilen zu fressen, der Sonne beim Auf- und Untergehen zuzusehen und dem Radio zu lauschen. Das Drumherum bietet genug Substanz, um die Fahrten mit einem Belohnungsanreiz zu unterfüttern, und es ist dank der hübschen Umsetzung eines gestauchten US-Südwestens sogar landschaftlich ein wenig reizvoll. Das Spiel erlaubt nicht viel Raum für Blödsinn. Es gibt keine großartigen Crashs, nicht mal ein visuelles Schadensmodell, dafür ist es nicht ausgelegt. Ihr müsst es als Entschleunigung des Spieleralltags und auch zur Entschleunigung des normalen Alltags nehmen, dann funktioniert es perfekt. Oder um es kurz zu sagen: American Truck Simulator ist es die beste Art, betrunken 20 Tonnen Dynamit nach Vegas zu fahren.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

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