Unicomp Buckling Spring Ultra Classic White (Model M) Keyboard - Test

Springender Anschlag, wo warst du nur all die Jahre?

30 Jahre altes Patent produziert nicht nur viel Krach, sondern auch fantastischen Anschlag. Leider ohne Extras und das zum Premiumpreis.

Irgendwie habe ich gerade Retro-Wochen. Keine Ahnung, ob das die Nachbeben eines neuen Final Fantasy sind, das Alter immer mehr durchkommt, Zufall ist oder... Nein, es sind einfach nur Sachen liegen geblieben, die jetzt zwischen und um die Jahre herum in die bewusste Wahrnehmung rücken. Seien es ominöse Linedoubler, Bücher über längst geschlossene Softwareschmieden oder... Verdammt noch mal, ich versuche zu denken, hört dieses Klackern jetzt bald mal auf?!? Wie, das bin ich?... Oh, richtig. Das Ding unter meinen Fingern ist wohl auch retro. Wie haben meine Eltern damals eigentlich das ununterbrochene, ewige Klackern meiner guten, alten - und leider schon lange entsorgten - IBM Model M ertragen? Andererseits, wie haben sie meine Power-Metal-auf-11-Phase überstanden, meine Doom-auf-11-Phase, meine Wing-Commander-auf-11-Phase oder die Dauerbesetzung des Familien-TVs durch japanische Technikprodukte? Muss wohl Liebe gewesen sein.

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Das Plastik sieht interessanterweise auf fast jedem Bild etwas anders aus, selbst auf den selbst abgelichteten Bildern. Es ist im richtigen Leben etwas heller als das, aber schon eher grau-beige als weiß.

Liebe umschreibt auch mein Verhältnis zu einer IBM-Model-M-Tastatur. Das wohlige Klackern der Federtasten, das zeitlose Design früher Industrietechnik und das Gefühl von Ewigkeit unter den Fingern. Eine Model M kaputtzukriegen war unmöglich. Das Hartplastik war dafür gemacht, einen Monitor in Frustmomenten zu zertrümmern. Und wir reden hier von Ende 80er, Anfang 90er. Röhrenmonitore. Die waren stabil. Aber keine Chance, die Model M ging durch sie durch wie ein heißes Messer durch Butter, Röhrenimplosion und alles. Mit dem Ding konnte man in tiefer Nacht spielen, sie abstecken, einen Einbrecher niederschlagen, sie wieder einstecken und weitermachen. Manchmal musste danach die eine oder andere Tastenkappe gesucht werden, aber das war es auch. IBMs Model M ist eine Legende.

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Ziemlich billige Füßchen für eine 140 Euro-Tastatur.

Kein Wunder also, dass im Zuge des Erfolgs von allem, was Retro ist, auch eine moderne Model M sein musste. Die unter meinen Fingern, die diese Zeilen tippt, stammt nicht von IBM - die schon lange keine solchen Keyboards mehr bauen -, sondern von Unicomp. Dahinter steckt selbst eine Menge Historie, denn schon 1996 erwarb Unicomp das Patent der sogenannten Buckling-Spring-Keys. Das Patent dahinter ist weit weniger ausgefeilt als das moderner mechanischer Switches, etwa das der Cherry-Module, und das mit gutem Grund. Buckling Spring ist der Urschleim des modernen Keyboards und wurde 1977 für den Vorgänger Model F und 1983 für das Model M von IBM als Patent registriert. Ihr habt unter der Kappe eine lose liegende Feder, die durch Druck zusammengedrückt und leicht gebogen wird - buckling - und dabei einen simplen Kontakt zwischen den beiden unterliegenden Metallkontakten auslöst. All das ist nicht grundlegend anders als ein heutiges mechanisches Modul, nur sehr viel archaischer und weniger raffiniert.

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Jede Kappe besteht aus zwei Teilen, was den Austausch bei anderen Layouts erleichtert.

Unicomp baut also exklusiv seit 1996 diese Art der Tasten und wenn man etwas seit 20 Jahren macht und davon zumindest eine Webseite bezahlen kann, die aussieht, als wäre sie 2002 entworfen worden, muss man im Leben wohl was richtig machen. Für lange Zeit fertigte Unicomp nur auf telefonische (!) Bestellung, dann gab es zumindest einen Vertrieb über ihre eigene Webseite und nun beginnt man, zart die Fühler in den Massenmarkt auszustrecken, der anscheinend ein klein wenig Gefallen an den urigen Designs gefunden hat. Amazon.com wird bedient, in Deutschland bekommt ihr das hier vor mir liegende Unicomp Buckling Spring Ultra Classic beim Versender Getdigital.de, die auch das Testmuster zur Verfügung stellten. Der Preis von 135 Euro mag heftig klingen, aber das komplett in den USA gefertigte Keyboard kostet auch in seinem Heimatland umgerechnet 95 Euro. Ein wenig Zoll und Transport dazu und man kann Getdigital hier keine Preistreiberei vorwerfen. Und solltet ihr jetzt fragen, warum man bitte für ein im Grunde 30 Jahre alten Keyboard-Design so viel Geld ausgeben sollte, wenn man das Original doch bestimmt für fast nichts und weniger bekommen kann... Geht mal auf eBay, Model Ms kosten je nach Laune und Zustand zwischen 80 und 150 Euro. Für ein wirklich 30 Jahre altes Keyboard.

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Darunter habt ihr dann eine simple Metallfeder.

Bleibt die Frage, warum man überhaupt für ein so altes Design Geld bezahlen sollte. Das ist doch sicher überkommen, die neuen Switches sind doch sicher viel, viel besser. Oder nicht? Wie so vieles im Leben ist das eine sehr subjektive Frage. Das modulare Design der eines Cherry-Switches hat sicher seine Vorteile. Für den Hersteller und für Modder auf jeden Fall. Auch für den normalen Kunden, der immer genau weiß, was er für ein Tastengefühl bekommt, egal was er für ein Keyboard kauft. Er muss nur drauf achten, welche Farbe die Cherrys haben. Und die sind ja auch wirklich gut. Ich bin durchaus ein Fan der blauen und braunen, einige der besten Keyboards hier haben die verbaut. Und angesichts dieser modernen, hochwertigen Konkurrenz zu einem seit 20 Jahren in der Nische existierenden Konzept muss ich sagen, dass ich gerade meinen neuen Liebling gefunden habe.

Das liegt natürlich auch daran, dass ich auf einem Model M "gelernt" habe. Mein erster PC hatte 1987 eine Original Model M, nachdem die mitgelieferte Cherry nach nur Monaten den Geist aufgab. Ganz von allein. Ich habe niemals aus Versehen Cola darüber gekippt und so meine Eltern genötigt, eine neue Tastatur zu kaufen. Diese Model M sollte mich dann bis weit in die Windows-95-Zeit begleiten, was auch einiges über die Haltbarkeit dieser Bauart aussagt. Der Tastenanschlag ist etwas weicher als bei den Cherrys, der Krach, den sie macht, aber deutlich größer als selbst bei den blauen Kirschen. Es ist nicht ohne Grund, dass sich die Model Ms in all ihren Versionen den Spitznamen "Clickys" einfingen. Das Ding hört man. Deutlich. Sagt nicht, dass ich euch nicht gewarnt hätte. Aber wiederum, für mich ist das der Sound, den ich vermisste, vor allem aber der Anschlag, den ich vermisste. Ihr habt einen sauberen Druckweg mit dem auf der Hälfte nach unten deutlichen Geräusch, eine gut gefederte Landung und einen Rückweg ohne Klick - aber nicht lautlos. Eine Mechanik, die mit einer losen Feder arbeitet, macht immer etwas Geräusche.

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Die Feder drückt dann eine Wippe auf einen Kontakt. Viel simpler wird es nicht. Dieses Bild ist Teil der 78er Patentanmeldung.

Es ist das am wenigsten angestrengte Tippen, das ich seit Jahren genossen habe. Eine gute, alte Think-Pad-Tastatur aus der höherpreisigen Ecke hat einen ähnlichen Reiz, aber sonst kommt da nichts ran. Nach zwei oder drei Wochen jetzt wundert es mich nicht, dass es all die Jahre einen kleinen Markt für Buckling Springs gab. Ich bin SCHNELL auf dem Ding. Ich tippe sehr viel schneller und sicherer als auf jeder Cherry der letzten Jahre. Der Federanschlag hat einen so weichen Auslösepunkt, dass man im Fingerflug den Klick mitnimmt. Die Abstände sind ideal, auch zum Spielen. Nah genug für hohes Tempo, weit genug, um nicht aus Versehen irgendwas mitzunehmen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mal eine Runde Doom Classic ganz wie früher mitzunehmen, danach Wing Commander 3 und ein wenig Might & Magic 5, nur um diesen Retro-Kick zu haben. Aber auch bei jedem moderneren Spiel, sei es Civ 6, Dragon Age 3, Cities: Skylines oder Call of Duty, gab es nicht nur keine Probleme, es war ausgesprochen angenehmes, entspanntes Spielen. Wobei ich natürlich noch einmal dazusagen muss: Bei mir kickten sofort die alten Reflexe und meine Ohren blendeten das Geklacker der Tasten komplett aus. Wenn ihr diese Tastatur kaufen solltet, ohne jemals zuvor über Jahre mit einer Buckling Spring welcher Art auch immer gearbeitet zu haben: Behaltet die Quittung. Nur für alle akustischen Fälle.

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Extras? Äh... Zählen drei Leuchten?

Was die Qualität der Verarbeitung angeht, setzt Unicomp bei den Tasten auf Altbewährtes. Ich habe eine 1991er Model M ausfindig gemacht - türkische Technik-An- und Verkäufer im Wedding sind immer ein Hort wundervoller Dinge - und die Tastenmechanik der 2016er Unicomp sieht sehr ähnlich und mindestens genauso hochwertig aus, auch unter den Kappen. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie ähnlich lange halten können. Was das Gehäuse drumherum angeht: Es gab viele Model M über die Jahre, aber die 1991er bestätigt meine Erinnerungen an meine ganz alte. Das Plastik war wahrscheinlich kugelfest und wirklich geeignet, um einen Monitor entzwei zu schlagen, wenn es die Situation erforderte. Mit dem Unicomp würde ich es nicht mal versuchen... Am besten, ich denke nicht drüber nach und lasse sie einfach in Ruhe, sonst geht noch was kaputt. Okay, ich tue Unrecht, das Plastik dürfte deutlich stabiler sein, als es sich anfasst, und ein ordentliches Gewicht hat sie auch. Es ist nur, dass die Haptik des Materials einfach zu einem spricht und nichts Gutes zu sagen hat. Es ist okay, inzwischen stört es mich nicht mehr, aber es wirkt halt lieblos.

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Hier ein Original, in diesem Falle eine IBM aus 1986. Etwas anders geformt, etwas stabileres Plastik, praktisch gleiche Technik - USB gab es damals natürlich nicht. Der Preis damals war übrigens deutlich höher, wenn ich mich richtig erinnere, um die 200 Mark für eine IBM und das noch Anfang der 90er.

Das gilt auch für die beiden Füßchen, die zwar aufgestellt dafür sorgen, dass die Tastatur die richtige Höhe hat und auch bei harten Anschlägen nicht im Geringsten wackelt. Aber sie machen auch den Eindruck, als wäre jemandem bei der Fertigung in letzter Sekunde eingefallen, dass man so etwas ja auch braucht, und als hätte er es dann schnell nach dem Motto "Hauptsache hält" eingekauft. Egal, man sieht sie ja eh nicht und ihre Aufgabe erfüllen sie. Extras? Nun, es gibt eine Windows- und eine "Rechter Mausklick"-Taste. Für ein Model M sind das Extras. N-Key-Rollover gibt es nicht, selbst einen sauberen 6NKR kann ich nicht bestätigen - außer man guckt sehr genau, welche sechs Tasten das sind, dann gibt es Kombinationen. Aber das zählt wirklich nicht. Das mit anderthalb Meter nicht zu üppige USB-Kabel ist übrigens länger als das nur einen Meter lange PS/2-Kabel der 1991er-Variante. Computer waren damals Desktops und standen vor einem, da brauchte man nicht mehr Kabel.

Bestellen könnt ihr die Unicomp Ultra Classic natürlich über den Hersteller selbst - sogar per Telefon-Bestellung als wäre es 1996 - oder mit einem deutschen Layout über Getdigital.de.

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30 Jahre und kein bisschen leise passt hier wohl ganz gut...

Mein erster Gedanke war schon, dass 135 Euro dafür wohl ein Witz sein sollen. Nicht nur das sich billig anfühlende Plastik verströmte keinen Hauch von edler Ware. Überhaupt für eine so veraltete Technik solches Geld hinzulegen, das schien absurd. Bis ich dann feststellen musste, dass die Technik zwar alt sein mag, aber in diesem Falle einfach nicht veraltet ist. Mehr aus der Mode gekommen. Und dass sie mit dem Krach, den die Buckling-Spring-Tasten produzieren, auch einen echten Nachteil hat. Einen wirklichen, echten, sehr realen Nachteil. Wenn jemand mit euch im Raum ist, während ihr darauf herumhämmert, wird euch derjenige nach spätestens einer halben Stunde mit dem Keyboard erschlagen wollen. Kein Wunder, dass meine Eltern nicht muckten, als ich einen eigenen Computer-Raum haben wollte. Extras? Fehlanzeige. Beleuchtung? Weiß nicht mal, ob das theoretisch möglich ist. N-Key-Rollover? Nope und damit ist auch klar, dass dieses Keyboard für viele außen vor ist. Aber ich habe auch vergessen, wie gut und natürlich sich der Anschlag der Buckling-Spring-Technologie anfühlt. Keine Switch-Technik der letzten Jahre kommt da heran. Ich kehre zu den Ursprüngen zurück. Aber da das auch sehr speziell ist, rate ich euch zwar zum Ausprobieren, wo es möglich ist, aber mehr auch nicht. Das ist etwas zu viel Geld für ein paar zu wenige der Dinge, an die man sich bei Keyboards in dieser Kategorie inzwischen gewöhnt hat.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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