The Norwood Suite - Test

Darf's etwas mehr Wahnsinn sein?

Adventure mit rudimentären Rätseln, das vor allem von seinem abgedrehten Szenario lebt. Dadaismus aus der Ego-Perspektive.

Wusstet ihr, dass am vergangenen Freitag in Japan Tag der Kultur war? Nicht? Sehr schade, denn an diesem Tag gedenken die Japaner geschlossen den künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen ihres Landes. Was das mit dem Spiel zu tun hat, das es hier zu besprechen gilt? Rein gar nichts. Aber ebendas wird The Norwood Suite doch sehr gerecht, denn eigentlich hat das Spiel selbst nicht viel mit irgendetwas anderem zu tun. Außer vielleicht mit seinem Vorgänger. Und mit Twin Peaks. The Norwood Suite ist die Fortsetzung eines Spiels namens Off-Peak und auch in diesem hat Entwickler Cosmo D schon deutlich gezeigt, dass er Twin Peaks als eine große Inspirationsquelle betrachtet. Jetzt, da der yogische Flieger David Lynch eine Fortsetzung in die Tat umgesetzt hat, war es vermutlich auch für Cosmo D an der Zeit für ein neues Spiel. Das Ergebnis ist The Norwood Suite.

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Das Hotel in der Außenansicht. Ob das einladend ist, dürft ihr selbst entscheiden.

Wie der Name schon andeutet, spielt The Norwood Suite in einen Hotel, in dem ihr aus unbekannten Gründen übernachten dürft oder sollt. Jeder dort sucht nach irgendwas. Nicht weiter verwundern darf euch, dass einige Figuren schlichtweg exakt genauso aussehen wie andere oder dass sie Dinge erzählen, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Schon vor dem Hotel sitzt ein Pärchen auf der Bank, aber der Herr hat seinen Helm verloren. Also könnt ihr diesen Helm von der Straße aufklauben und ihn herbringen, woraufhin er ihn sich aufsetzt. Und dann sitzt er da auf seiner Bank, mit seinem massiven Motorradhelm auf und seine Freundin redet auf ihn ein... hinabblickend auf eine hell erleuchtete Stadt, die so das glatte Gegenteil dessen zu sein scheint, was dieses Hotel ist. Denn die Norwood Suite sieht rein grafisch aus wie ein Shooter von vor 15 bis 20 Jahren.

Aus irgendeinem Grund stört mich das allerdings überhaupt nicht, im Gegenteil, es unterstreicht noch die bizarre Atmosphäre, die The Norwood Suite ausstrahlt. Es gibt ja noch nicht mal ein richtiges Ziel. Das Spiel ist eine Aneinanderreihung dessen, was man in MMOs Fetch-Quests nennt. Ihr holt irgendwo einen Gegenstand und bringt ihn irgendwem und der gibt euch dafür irgendwas. Und ehrlich gesagt hat mich das manchmal schon ein bisschen aggressiv gemacht - weil der NPC dabei nämlich allerhand Blödsinn redet. In einem Leben, in dem ich speichern und später wieder laden könnte, hätte ich vermutlich in den Monitor geprügelt und geschrien: "Soll das Kunst sein, oder was?!"

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Diese Hotelgäste sind augenscheinlich Musiker. Mit Tonbandgerät. So eins hatte mein Vater früher auch mal.

Je länger ihr jedoch The Norwood Suite spielt, desto mehr wird euch klar, dass dieses kleine Programm etwas ziemlich Besonderes ist. Diese Welt fühlt sich leicht jenseitig an, ein bisschen verrückt im wahrsten Sinne des Wortes. Als wäre sie die unsere... nur ein paar Meter weiter weg. Als hätte jemand gegen das Raum-Zeit-Kontinuum getreten und jetzt ist eben alles ein bisschen komisch, so lang bis es wieder jemand gerade rückt. Was übrigens nicht im geringsten eure Aufgabe im Spiel ist. Die kennt ihr ja nicht. Aber es ist dieser Wahnsinn, der Spaß macht. Im Foyer des Hotels warten Touristen darauf, endlich ihr Zimmer zu beziehen, auf dem Parkplatz stehen Leute, die es sich schon längst in der Lounge gutgehen lassen könnten, die aber gern hier und jetzt ihren Lieblingscocktail hätten und darauf bestehen, wie deutsche Pauschaltouristen, die mit einem Handtuch ihre Liege reserviert haben. Dumm nur, dass der Barkeeper ebenfalls beleidigt ist und deshalb überhaupt keine Lust hat, diesen Cocktail zu machen.

The Norwood Suite fühlt sich hier und da an, als müsstet ihr als Psychologe die absolut irrelevanten Befindlichkeiten irgendwelcher Leute organisieren, denen es eigentlich viel zu gut geht. Das ist an sich schon eine recht starke Botschaft - unterstrichen dadurch, dass euch der Mensch vor dem Eingang schon sagt, dass ihr womöglich als Hotelangestellter wahrgenommen werdet, weil ihr einfach so ausseht. Was Computer- und Videospiele aber großmacht, so auch dieses hier, sind die Gefühle, die sie beim Benutzer auslösen. Und der fühlt sich in diesem Fall eben tatsächlich wie ein Hilfsarbeiter, der überhaupt keine Ahnung hat, warum er tut, was er da tut.

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Hier und da kann The Norwood Suite recht verstörend wirken.

Entwickler Cosmo D hat The Norwood Suite mehr oder weniger im Alleingang ins Leben gerufen und das merkt man dem Spiel an. Es ist ein Paradebeispiel für ein Autorenwerk, etwas, das direkt aus dem Kopf seines Machers kommt. Gleichzeitig zeigt es mit seinen technischen Limitationen klar, welchen Gewinndiese häufig bringen - nämlich in Sachen Kreativität. Grafische Unzulänglichkeiten werden durch einen bizarren Vibe ausgeglichen, alle Figuren reden eine unverständliche Fantasiesprache, die sie gleichermaßen fremdartig wie roboterhaft wirken lässt. Keine der Figuren bewegt sich je vom Fleck, es scheint als seien sie festgewachsen dort wo wie sind - einerseits in der fantastischen Spielwelt, andererseits hätte es mich auch nicht gewundert, wenn ihre Füße tatsächlich die gleiche verschwommene Textur gehabt hätten wie der Boden auf dem sie stehen.

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Ein Screenshot, der so auch aus Myst stammen könnte.

So bizarr und faszinierend diese Spielwelt aber sein mag, so wenig hat sie es doch vermocht, mich langfristig in ihren Bann zu ziehen. Die Geschichte rund um das Hotel auf dem Berg fühlte sich letztendlich belanglos an. Ich habe The Norwood Suite daher eher wie ein kleines Kunstwerk begriffen, das man sich gern ansieht - und nicht wirklich wie ein Spiel, das mir langfristig Spaß macht. Die Spielwelt zu erkunden kann interessant sein, weil euch das einen Blick in den Kopf des Designers erlaubt. Ihr könnt euch in Spekulationen verlieren, was er sich dabei wohl gedacht hat. Nie aber hatte ich das Gefühl, dringend wieder The Norwood Suite spielen zu müssen, weil ich die spielerische Progression eben nicht als befriedigend empfand. Das Spiel ist im besten Sinne des Wortes ein Stillleben, eine bizarre Momentaufnahme einer virtuellen Welt.

Ich habe große Freude an experimentellen Spielen und Autorenwerken wie diesem, die sich jenseits ausgetretener Genre-Pfade bewegen, deswegen hatte ich auch meinen Spaß mit The Norwood Suite. Ich weiß aber wohl, dass sich mancher auch nach anderem sehnt - nach Erfolgserlebnissen und Belohnungen, nach Charakterentwicklung, großen Geschichten, Drama, Action oder zumindest nach spielmechanischem Tiefgang. The Norwood Suite bietet haargenau nichts davon - das will es auch nicht. Es ist grafisch rückständig, leidet aber nicht darunter, es hat austauschbare Figuren, die mir trotzdem im Gedächtnis bleiben werden. Es wirkt insgesamt wie eine selbst aufgenommene Audio-Kassette: Technisch rückständig - aber als kleines Fenster in den Kopf ihres Machers doch irgendwie liebenswert.

Entwickler/Publisher: Cosmo D/Alliance Digital Media - Erscheint für: PC - Preis: 9,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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