Nette Mischung aus Rollen- und Echtzeitstrategiespiel. Stimmungsvolle Fantasy-Welt, nette Handlung, aber technisch noch nicht ausgereift.

Man hat sich ja daran gewöhnt: Egal, ob man die Konsole anschaltet oder Steam öffnet - erst mal werden diverse Patches heruntergeladen, die das ausbügeln sollen, was die Entwickler zum Release nicht geschafft haben. Im Fall von SpellForce 3 lud mein Steam-Client aber auffällig viele Patches herunter. Ich kann mir vorstellen, wie die Köpfe der Entwickler rauchen, muss aber leider selbst nach ein paar Bugfixes sagen: So wirklich rund läuft SpellForce 3 immer noch nicht. Dabei hat die ambitionierte Mischung aus Rollenspiel und Echtzeitstrategie wirklich Hitpotenzial, auch weil der Basisbau und das Aufstellen von Armeen angenehm an große Klassiker der Echtzeitstrategie erinnert. Dazu sind die Rollenspielelemente gerade komplex genug, aber eben nicht so sehr, dass es schon wieder kompliziert würde.

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Wo genau eure Helden stehen, ist nicht immer ganz klar. Glücklicherweise könnt ihr sie per Tastendruck hervorheben.

SpellForce 3 spielt chronologisch noch vor dem ersten Teil der Reihe. Es ist daher zwar nicht verkehrt, die anderen beiden Spiele zu kennen, wirklich notwendig ist dieses Wissen aber nicht. Im Zentrum des Geschehens steht diesmal der wahlweise auch weibliche Held Tahar, der herausfinden muss, woher eine Art magische Seuche kommt. Der sogenannte Blutbrand. Der befällt gleichermaßen die drei Rassen, die ihr im Spiel steuern könnt, also Menschen, Orks und Elfen. Eurer Figur könnt ihr zu Beginn relativ frei gestalten. Aus sechs Talentbäumen wählt ihr drei, je nachdem ob ihr Tahar eher als Magier oder als brutalen Schlächter spielen wollt. Nur an eurer Vergangenheit könnt ihr recht wenig ändern - aus Gründen, die im Prolog erzählt werden, kommen die meisten NPCs nicht gerade ohne Vorbehalte auf euch zu. Im Laufe des Spiels gesellen sich bis zu drei weitere Figuren zu der euren hinzu - die könnt ihr zwar nicht so frei gestalten, aber nach Stufenaufstiegen zumindest die vorgegebenen Fähigkeiten weiter ausbauen.

Aus isometrischer Perspektive zieht ihr mit eurer Truppe nun also durch die Lande, bringt Monster um, sammelt Beute und levelt auf. Unter den Fähigkeiten, die euch zur Verfügung stehen, gibt es so ziemlich alles, was ihr auch aus anderen Rollenspielen kennt - Flächenschaden, Rundumschläge, aber auch der gezielte Armbrustschuss in den Kopf. All das kann dann noch einmal in mehreren Stufen verbessert werden und so lange ihr nicht plant, auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad zu spielen, solltet ihr eure Fähigkeiten auch gut kennen. Das Spiel bietet zur Steuerung zwei verschiedene Schemata, von denen das erste wohl speziell für SpellForce 3 entwickelt wurde, das zweite dagegen eher an klassische Echtzeitstrategie erinnert. Habt ihr euch einmal mit der für verwöhnte Rollenspieler von heute erstaunlich großen Anzahl an Hotkeys vertraut gemacht, geht die Steuerung relativ flink von der Hand. Eine gewisse Eingewöhnungsphase braucht's aber.

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Nimm diesen Feuerball! SpellForce 3 bewegt sich zwar auf ausgetretenen Fantasy-Pfaden, ist aber gut inszeniert.

Bei der Erkundung der Welt mit euren Helden fällt aber auch zum ersten Mal auf, dass in SpellForce 3 viel angedacht und dann nicht zu Ende geführt wurde. Die Rüstungs- und Waffenslots eurer Figuren böten Platz für so einiges, allein: Ihr findet nur selten etwas, das besser ist, als das, was ihr schon habt, stattdessen verstopft allzu viel nutzloses Loot das Inventar. Spannender sind da schon die oben erwähnten Fähigkeiten, die ihr neu lernen könnt - und wenn ihr euch noch nicht ganz so gut mit den Hotkeys vertraut gemacht habt, könnt ihr per Knopfdruck sogar das Geschehen verlangsamen und euch dann mit ein bisschen mehr Ruhe aussuchen, ob ihr jetzt lieber mit einem Feuerball oder ein paar Blitzen auf eure Gegner losgehen wollt.

Das mag sich jetzt alles recht generisch lesen, tatsächlich ist die Präsentation aber ziemlich gelungen. Die Figuren sehen zumindest auf die Distanz gut aus, die Sprecher sind glaubwürdig. Lediglich die Landschaft sieht aus irgendeinem Grund permanent so aus, als wäre sie von einem nebligen Schleier überzogen. Möglich, dass die Entwickler so zur Atmosphäre beitragen wollten, die deutlich dunkler daherkommt als in den Vorgängerspielen. Auf die Dauer hätte ich mir aber zumindest eine Option für ein etwas klareres Bild gewünscht. Gerade in Kämpfen wird das Spielgeschehen ohnehin schon relativ schnell unübersichtlich, eine deutlichere Grafik hätte da gutgetan. Von diesem Manko abgesehen, kommen die Landschaften aber vielfältig daher, vom Dschungel bis zur Wüste wird einiges an Abwechslung geboten, schöne Lichteffekte machen die Spielwelt glaubwürdig.

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Wir alle kommen nackt auf die Welt: die Charaktererstellung.

Nun ist SpellForce 3 aber nicht nur ein Rollenspiel, sondern zeigt sich je nach Mission mal mehr, mal weniger auch als Strategiespiel in Echtzeit. Ähnlich wie in Klassikern des Genres sind eure Helden zwar hier so etwas wie das Rückgrat eurer Armee, wären aber allein nicht in der Lage, etwas gegen eure Gegner auszurichten. Also baut ihr eine Basis auf und verteilt die Arbeitskraft auf eure verschiedenen Handwerksbetriebe. Im Gegensatz zu den Vorgängern müsst ihr die Arbeiter nicht mehr manuell steuern - ihr könnt also einfach eure Holzfällerhütte anwählen und dort angeben, dass sich jetzt bitte zwei oder drei eurer Untertanen mit dem Holzhacken beschäftigen sollen.

Das funktioniert in der Theorie zwar gut - in der Praxis zeigen sich aber Probleme, insbesondere bei der Wegfindung. Eure Rohstofflieferanten verirren sich, Arbeiter laufen schon mal ziellos vor und zurück, bleiben teilweise an Kanten hängen oder stehen ratlos herum. In solchen Momenten wünscht ihr euch dann zu jenen Momenten zurück, in denen das Spiel allein mit seinen Helden auskommt, was schade ist, weil der Echtzeittteil des Spiels an seiner Basis wirkt wie eine stille Reminiszenz an Warcraft 3. Fehler fallen auch auf, wenn ihr versucht, eure Soldaten in eine Formation zu zwängen - immer wieder scheren sie aus, irren einzeln herum und bleiben auch dann ihrerseits an irgendwelchen Bäumen oder Sträuchern hängen. Umso ärgerlicher ist das, weil ihr die Kamera nur relativ langsam um die eigene Achse rotieren lassen könnt. Es ist mir nicht nur einmal passiert, dass meine Armee aufgerieben wurde, weil ich zu viel Zeit darauf verschwendet habe, einen verlorenen Soldaten auszumachen, der gerade Opfer seiner eigenen KI geworden war.

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In malerischen Szenen wie diesen ist die Atmosphäre in SpellForce 3 am stärksten.

Habe ich oben was von Warcraft 3 geschrieben? Vielleicht meinte ich doch eher Warcraft 2, denn die drei Völker unterscheiden sich nicht besonders. Erwartet hier also keine grundlegend andere Spielweise, es sind eher Details wie Rohstoffkosten oder Kampfstärke, die Orks, Menschen und Elfen voneinander abgrenzen. Das fühlt sich nicht nur nicht mehr zeitgemäß an, es zeigt einmal mehr auch das verschenkte Potenzial von SpellForce 3 - denn vor diversen Missionen könnt ihr auswählen, welche Fraktion ihr am liebsten spielen wollt um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wenn das jedoch nahezu keinen Unterschied macht, hätte man sich diese Wahlmöglichkeit gleich schenken können. So zeigt sich erneut: Die Entwickler hatten mit SpellForce 3 wohl mehr vor, als ihnen letztlich in der Zeit bis zur Veröffentlichung gelungen ist.

Schwierige Kameraführung hier, nervige Wegfindungsaussetzer da - das wäre mit ein bisschen Wohlwollen ja noch hinnehmbar gewesen. Leider enthält das Spiel aber auch Bugs, die dazu führen, dass ihr bestimmte Missionen nicht abschließen könnt. Oder, simpler, ihr könnt einfach nicht durch eine bestimmte Tür treten oder zu einem Teil der Karte laufen, zu der ihr eigentlich müsst, weil das Spiel irgendeine Routine noch nicht ausgelöst hat, die euch ebendas im Normalfall gestatten sollte. Manchmal hat es geholfen, die Kamera wie verrückt zu drehen und zu versuchen, den offensichtlichen Schlüsselmechanismus von verschiedenen Plätzen aus auszulösen, allzu oft brachte aber auch das nichts. Und ja, seit Release haben die Entwickler dem Vernehmen nach einige der schlimmsten Plotstopper beseitigt. Dennoch spielt sich SpellForce 3 einfach noch nicht rund.

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Der Basisbau - hier werden Erinnerungen an Warcraft 2 wach.

Was wir mit SpellForce 3 vor uns haben, ist ein äußerst ambitioniertes Werk, das vor guten Ideen nur so strotzt, viele davon aber nicht oder nur unvollständig umsetzen kann. Die Präsentation ist gelungen, steht aber manchmal einfach der Übersichtlichkeit im Wege, der Basisbau weckt nette Erinnerungen an vergangene Echtzeitstrategietage, krankt aber an miesen Wegfindungsroutinen und schließlich wirkt auch das Loot-System im Rollenspielteil unfertig. Ich möchte nicht ausschließen, nein, ich hoffe, dass die Entwickler auch in den nächsten Tagen und Wochen Zeit in Patches und Bugfixes investieren. Vielleicht wird es auch noch Monate dauern. SpellForce 3 hat merklich das Zeug zu einem Hit. Vielleicht muss es einfach noch ein wenig reifen.

Entwickler/Publisher: Grimlore Games, THQ Nordic/THQ Nordic - Erscheint für: PC - Preis: 49,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

SpellForce 3 Markus Grundmann Nette Mischung aus Rollen- und Echtzeitstrategiespiel. Stimmungsvolle Fantasy-Welt, nette Handlung, aber technisch noch nicht ausgereift. 2017-12-15T08:30:00+01:00 3 5

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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