FIFA 20 - Test: Aufregendes Tempo und in FUT immer noch pay-to-win

Zwei Seiten einer Medaille.

Von Zeit zu Zeit kommen mir Spieleentwickler so vor, als möchten sie einfach nicht auf Kritik hören. Finger in die Ohren stecken, Augen schließen und laut "lalalala" singen, bis der Sturm vorübergezogen ist. Ob der bei den Lootboxen, die mittlerweile in einigen Ländern als Glücksspiel gelten, vorüberzieht, ist fraglich. Und nein, auch wenn sie "Überraschungsmechaniken" genannt werden - natürlich ist der Inhalt immer eine Überraschung -, bleibt es doch ein Glücksspiel, da hilft eine andere Bezeichnung wenig.

Anstatt was daran zu ändern, die Kritik aufzunehmen, hält EA weiter daran fest und reizt es so lange aus, wie es möglich ist. Aus rein unternehmerischer Sicht betrachtet ist ihnen das nicht zu verdenken, wenn ihr berücksichtigt, wie viel Geld der Publisher im digitalen Bereich mit solchen Transaktionen verdient. All das ändert nichts daran, dass es Lootboxen gibt. Und das ist Glücksspiel. Und es ist "Pay-to-win".

Denn wer in Ultimate Team viel echtes Geld investiert, erhält dafür viele Karten-Packs und hat theoretisch weit mehr Chancen auf bessere Spieler als ein anderer, der sich alles ohne echtes Geld erspielt. Was mich jedes Jahr aufs Neue erstaunt. Im Mai schrieb ich darüber, warum mich digitale Sammelkartenspiele wie Hearthstone nie reizen werden. Und das Gleiche lässt sich über Ultimate Team sagen.

Schnelligkeit zahlt sich wieder aus. (FIFA 20 - Test)

Was bringt es mir, wenn ich in einem Jahr zum Beispiel 500 Euro investiere, wenn mit FIFA 21 all das keinen Wert mehr hat? Hinzu kommt, dass das vor allem auf Kinder einen Reiz ausübt, wenngleich manche Erwachsene sich ebenso wenig unter Kontrolle haben. Zugegeben, Erwachsene haben das Recht, mit ihrem Geld zu tun, was sie möchten, aber macht es das besser? An den Mechaniken, die EA bei FUT einsetzt, ändert das nichts. Da hilft es nichts, dass das Spiel seit letztem Jahr die Wahrscheinlichkeiten auf Karten einer spezifischen Qualitätsstufe anzeigt. Es verdeutlicht eher, wie gering eure Chancen stehen, und sollte im Grunde Warnung genug sein.

Dabei ist die Idee hinter Ultimate Team grundsätzlich reizvoll. Das eigene Team mit gesammelten Karten zusammenzustellen, mit anderen zu tauschen, das macht Spaß. Ich verstehe den Reiz dahinter. FUT ist nicht ohne Grund so beliebt und bekommt von EA so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Viel verändert hat sich indes nicht. Es fällt vor allem die bessere Navigation ins Auge, die euch das Leben hier und da erleichtert.

Abseits dessen gibt es in FUT jetzt so was wie einen Battle Pass. Erfüllt vorgegebene Ziele und ihr steigt stufenweise auf, schaltet dabei Belohnungen frei. Dazu zählen kosmetische Gegenstände, Coin-Boosts, Leihspieler und Karten-Packs. Auf der höchsten Stufe - Level 30 mit 100.000 EP - gibt es einen guten und untauschbaren Spieler, den ihr behalten könnt, wobei ihr die Wahl zwischen drei Kickern habt. Eine Saison läuft mehr als einen Monat und in dem Zeitraum habt ihr durch verschiedene Aktivitäten Zeit, Erfahrungspunkte zu sammeln. In Zukunft wäre das eine mögliche Alternative zu den Lootboxen, aber ich rechne damit, dass EA hier erst dann auf andere Optionen umsteigt, wenn sie in den größten Märkten gesetzlich dazu gezwungen sind.

In der Defensive und Offensive spielt gutes Timing eine wichtige Rolle. (FIFA 20 - Test)

Bei all der Kritik gilt zugleich: FIFA besteht nicht allein aus Ultimate Team. Es gibt Spieler wie mich, die sich wenig bis gar nicht damit beschäftigen. Ich spiele häufig gerade so lange darin, bis ich alle in einer vernünftigen Zeitspanne erreichbaren Erfolge freigeschaltet habe, und widme mich dann den anderen Bereichen des Spiels, vor allem der Karriere. Hier gibt es keine Mikrotransaktionen, keine Lootboxen, kein Pay-to-win.

Wer Ultimate Team komplett ignoriert, hat viel Spaß mit FIFA, ohne sich je daran zu stören - vergesst das nicht. Daher gilt: Ja, FUT verdient seine berechtigte Kritik, zugleich macht es nicht das komplette Spiel schlecht. Und auf dem Platz spielt FIFA 20 in diesem Jahr seine Stärken aus. Was im neuesten Teil direkt auffällt, ist, dass das Tempo zurück ist. Ging euch FIFA 19 noch auf die Nerven, weil Verteidiger die schnellsten Spieler immer noch einholten, läuft das hier definitiv anders. Schnelle Spieler sind rasant unterwegs und lassen sie einen Verteidiger stehen, kommt der kaum noch hinterher. Gut für die, die schnelle Flügelspieler in ihrem Team haben, die zahlen sich in FIFA 20 richtig aus. Gleichzeitig sind flinke Abwehrspieler auf Links- oder Rechtsaußen eine gute Gegenmaßnahme. Reagiert ihr in einzelnen Situationen schnell, bevor der Gegner sich darauf einstellt, entstehen durch diese Sprints brandgefährliche Situationen.

Die Torschüsse haben die Entwickler ebenso umgekrempelt. Das hier fühlt sich realistischer, weniger willkürlich an als zuletzt in FIFA 19 und geht zugleich mit einer Abschwächung des Abschlusstimings einher, das nicht mehr so stark daherkommt wie im Vorgänger und schwieriger perfekt auszulösen ist. Der Fokus im Spiel liegt aktuell darauf, in den Strafraum einzudringen und den Abschluss zu suchen oder andere Spieler in Szene zu setzen, weniger auf Distanzschüssen. Das ergibt sich unter anderem aus den öfter vorkommenden Flankenläufen und daraus resultierenden Flanken in den Strafraum.

Wer den Sammelkartenmodus FUT nicht spielt, bleibt auch von den Mikrotransaktionen verschont. (FIFA 20 - Test)

Tore fallen auf vielfältige Art und Weise, bisweilen wenn ihr es durch starkes Pressing "erzwingt" oder zum Beispiel nach Abprallern oder abgefälschten Schüssen. Gleichzeitig erreicht nicht jeder Ball sein Ziel automatisch, nur weil ihr in die jeweilige Richtung zielt. Es kam wiederholt vor, dass mein Stürmer einen Tick zu weit gelaufen war, als die Flanke an ihm vorbei segelte, oder dass ein Pass mehr in den Rücken eines Spielers ging, statt zu seinen Füßen, was die Kontergelegenheit zunichte macht. Präzises Zielen ist in jeder Situation gefragt, weit mehr als vor einigen Jahren, da der Ball sich freier bewegt. Kurz: Es fühlt sich mehr nach echtem Fußball an, in dem des Öfteren Unvorhergesehenes passiert.

In der Verteidigung klappt der Wechsel zum nächsten Spieler häufig gut, in Einzelfällen nicht. Ebenso hat EA das Verteidigen gestärkt, wenngleich ihr gut aufpassen und im richtigen Moment zuschlagen müsst. Was auf eurer Seite für die schnellen Außenspieler gilt, trifft auf den Gegner ebenso zu. Einmal nicht aufgepasst und die KI spielt sich an der Seite frei und nutzt den Raum, ist auf und davon. Mit dem richtigen Timing behauptet sich die Abwehr ganz gut, was umgekehrt ebenso für die Angreifer gilt. Skill-Moves alleine spielen in FIFA 20 eine deutlich geringere Rolle, sind kein Allheilmittel. Was ihr stattdessen tut, ist, euch dem Verteidiger langsam zu nähern, ihn anzulocken und dann zu versuchen, ihn mit einer schnellen Bewegung oder einem Skill-Move zu umgehen. Und wenn ihr das im richtigen Augenblick tut, lasst ihr euren Gegenspieler ganz schön alt aussehen.

In der Karriere gibt es ein paar Neuerungen wie Interviews und Pressekonferenzen mit eurem Trainer zur Steigerung der Spieler- und Team-Moral. Eine nette Ergänzung und zugleich nichts Revolutionäres. Im Anstoss-Modus sind zusätzliche Varianten hinzugekommen, die für ein paar amüsante Matches sorgen. Zum Beispiel eine, in der eure Spieler dreimal so schnell laufen wie normal. Hier gilt das Gleiche wie für die Karriereneuerungen: Schön, dass sie da sind, im Endeffekt bleiben es Kleinigkeiten.

Der virtuelle Fußball fühlt sich realistischer an als im Vorgänger. (FIFA 20 - Test)

Die umfassendste Ergänzung ist der neue Modus Volta Football, eine Art Ableger von FIFA Street. Wie in The Journey habt ihr hier eine Geschichte, in der ihr euch einem Team von Straßenfußballern anschließt, die Weltruhm und Likes erlangen möchten. Nichts Spektakuläres in seiner Gesamtheit. Ich weiß nicht so genau, wohin EA mit diesem Modus möchte, die Story reißt es nicht raus und spielerisch ... Sagen wir es so, wenn ich statt Volta Football einfach einen Hallenmodus wie in FIFA 98 bekommen hätte, wäre ich glücklicher damit.

Zugegeben, mit seinen wenigen Spielern pro Seite und dem zum Teil möglichen Spiel über die Banden kommt Volta Football dem Hallenmodus noch am nächsten, wenngleich es nicht das Richtige ist. Ihr guckt ja ebenso wenig ein Match in der Kreisliga und erwartet ein Spiel auf Champions-League-Niveau. Hinzu kommen spielerische Schwächen. Aus mir unbekannten Gründen entscheiden sich meine KI-Spieler ab und an dafür, sich nicht vor dem eigenen Tor aufzustellen. Als ob sie nicht entscheiden könnten, wer diese Aufgabe jetzt übernimmt, stehen sie auf beiden Seiten des Spielfelds. Unterdessen rennt der Gegner an und haut den Ball ins Netz. Gefühlt hatte ich im letzten FIFA Street auch eine feinfühligere Ballkontrolle als hier.

Für Volta erstellt ihr euren eigenen Kicker und steigt mit ihm im Level auf. Ihr verbessert die Fähigkeiten, verteilt Punkte auf Skills. So weit, so wenig ungewöhnlich. Zugleich hat der Modus eine starke Fixierung auf freischaltbare Kleidung. Weil es heutzutage anscheinend immer was Freischaltbares in Spielen braucht, ich weiß es nicht. Das nimmt bisweilen absurde Züge an, wenn ihr epische und legendäre Oberteile, Hosen und was nicht alles freischaltet. Ein Lichtblick: Hier gibt es keine Mikrotransaktionen.

In Volta Football geht es auf kleineren Spielfeldern zur Sache. (FIFA 20 - Test)

Auf technischer Ebene sieht das alles toll aus, die Stimmung in den Stadien kommt wunderbar rüber, großartige Verbesserungen gegenüber dem Vorgänger fallen indes nicht auf. Die Qualität der Spielergesichter schwankt von Verein zu Verein, wobei vor allem die Kicker hervorstechen, die zu den offiziellen Partnern zählen. Auf der Xbox One X sind die Ladezeiten schnell vorüber und die Animationen hat EA weiter verfeinert. Was nicht heißt, dass es nicht von Zeit zu Zeit die typischen Aussetzer gibt. Das lässt sich vermutlich nie lösen und ist kein großer Vorwurf, häufig ist es einfach amüsant anzuschauen. Und solange es nicht am laufenden Band passiert, ist alles gut.

FIFA 20 ist eine Medaille mit zwei Seiten. Auf der einen Seite glänzt eine gut verbesserte Fußballsimulation, die viel Spaß macht und das Tempo zu dem entscheidenderen Faktor macht, der es sein sollte. Die Schnelligkeit von Spielern angemessen zur Geltung zu bringen, ist der richtige Schritt und einfach realistischer als Verteidiger, die jeden noch so schnellen Kicker einholen. Ich spiele hauptsächlich die Karriere, übernehme einen Verein, häufig aus der 2. Bundesliga, und baue diesen zu einem Topteam auf. Es ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Ich freue mich, wenn mein Team funktioniert und um die Tabellenspitze mitspielt. Und ärgere mich und fluche, wenn es an anderen Spieltagen nicht gut läuft. Das Trainerleben ist eine emotionale Angelegenheit.

Auf der Schattenseite stehen die Pay-to-win-Mechaniken und Lootboxen von Ultimate Team, die ich in der heutigen Zeit einfach nicht mehr unter den Tisch kehren kann. Sie stehen stellvertretend für einen Teil der Industrie, der immer mehr und mehr Geld aus seinen Konsumenten herausquetschen möchte. Und das für Dinge, die nach einem Jahr komplett obsolet sind. Grundsätzlich habe ich kein Problem mit Mikrotransaktionen, wenn sie rein kosmetischer Natur sind. Qualitativ bessere Spieler haben indes definitiv Einfluss auf das Gameplay. Und auch wenn ich eher weniger davon beeinflusst bin, weil ich mehr in der Karriere spiele, wirft es seit Jahren ein schlechtes Bild auf FIFA.

Hinzu kommt Volta Football als nette Neuerung, die keine Bäume ausreißt. Es ist ein Mittelding zwischen FIFA und FIFA Street, somit zugleich nichts Halbes und nichts Ganzes und mit einer Geschichte der eher uninteressanteren Art. Was mir auffällt: Wie in The Journey wirkt vieles so, als sollte es möglichst cool sein. Mich lockt dieses pseudo-coole Gehabe nicht hinterm Ofen hervor und spielerisch ist Volta wie so viele experimentelle Zusatzmodi in jahrzehntelang etablierten Serien ein wenig halbgar.

Am Ende läuft es darauf hinaus, dass FIFA 20 auf dem Platz ein wahrhaft toll funktionierendes und an entscheidenden Stellen verbessertes Rasenschach bietet, solange es nicht die kleinen Volta-Spielfelder sind. Wer Wert darauf legt, die aktuellsten Lizenzen zu haben und nicht primär FUT spielt, stattdessen eher die Karriere in Angriff nimmt oder es als Couch-Koop-Spiel unter Freunden braucht, kann hier guten Gewissens zugreifen. Denkt daran, FIFA 20 besteht aus weit mehr als FUT. Ihr habt Karriere, Freundschaftsspiele, Turniere, Online-Matches und - trotz vorhandener Schwächen - das neue Volta Football. Interessiert euch FUT nicht die Bohne und ihr findet zum Beispiel Freude daran, euch monatelang als Trainer in der Karriere zu betätigen, ist der Rest neben FUT als Gesamtpaket sein Geld auf jeden Fall wert. Und wenn ihr FUT spielt: Von Jahr zu Jahr wird es nicht besser, eher schlimmer. So viele Spiel- und Interaktionsmöglichkeiten FUT auch bietet, im Hintergrund stehen immer die Lootboxen und Pay-to-win-Mechaniken. Es konterkariert die Bemühungen eines Sports, der immer Fair Play propagiert. Es ist an der Zeit für Veränderungen in der Industrie. Und das gilt nicht alleine für FIFA.

Entwickler/Publisher: EA Sports/EA - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch - Preis: 50 bis 90 Euro (je nach Edition) - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: Ja (Ultimate Team)

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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